Wie die Geschichte macht, dass der Kaffee schmeckt

Eine Freundin ist Aktivistin. Wir unterhalten uns über Kaffee. Ich bestelle Kaffee immer im Internet, bei einem auf Kaffee spezialisierten Händler. Ich lege viel Wert auf die Qualität des Kaffees. Die Freundin trinkt immer Zapatisten-Kaffee, den bestellt sie auch im Internet, bei einer Kooperative. Der Erlös kommt den Zapatisten in Mexiko direkt zu Gute. “Der Kaffee schmecke auch ganz toll!” sagt die Aktivistin, die von sich sagt, sie sei eine leidenschaftliche Kaffeetrinkerin.

Ich überlege laut, ob denn der Kaffee der Zapatisten auch wirklich von guter Qualität sei. “Klar”, sagt die Aktivistin, “der wird ja auch in den ganzen linken Buchläden verkauft.”

“Naja”, sage ich, “als Indikator, ob ein Kaffee gut ist, würde ich eher nehmen, ob er auch in guten Kaffeeläden verkauft wird. Linke Buchläden sind nicht unbedingt ein Hort des guten Kaffees.”

Die Freundin hebt noch andere Vorzüge des Zapatisten-Kaffees hervor. Der Kaffee werde fair gehandelt, und zwar “nicht nur unter so einem Pseudo-Fair-Trade-Label sondern wirklich fair”.

Einige Tage nach unserem Gespräch bringt die Freundin eine Tüte Zapatisten-Kaffee und ich probiere gespannt. Der Kaffee ist gar nicht gut.

Der Freundin hingegen schmeckt  der Zapatisten-Kaffee besser als andere Kaffees, sie hat es immer wieder gesagt. Ich glaube es ihr, weil ich weiss, dass Geschmack unterschiedlich sein kann. Zahlreiche Faktoren bestimmen den Geschmack.

Die Geschichten, die man sich erzählt, sind auch Faktoren, die den Geschmack bestimmen.

Der Aktivistin schmeckt der Zapatisten-Kaffee vermutlich deshalb so gut, weil ihr die Geschichten vom Zapatisten-Kaffee so gut gefallen.

Das ist normal. Das geht jedem so.

AI – der Gott der Zukunft

Derzeit arbeite ich in einem kleinen Team an einem neuen Korsakow-Film. Es geht um die Zukunft, um AI (Artificial Intelligence), um Computer, um vernetztes Denken.

Codonaut – Wohin programmieren wir uns?

Der folgende Text ist in diesem Zusammenhang entstanden.

Wenn Leute sagen, dass Künstliche Intelligenz eine Black-Box sei, die Entscheidungen trifft bei denen die Menschen nicht mehr in der Lage sind, zu verstehen, wie es zu diesen Entscheidungen kommt, dann kommt mir das allzu bekannt vor.

Gott ist auch nichts anderes als eine Black Box, ein komplizierter Algorithmus, der das Schicksal beeinflussende Entscheidungen trifft. Der gläubige Mensch kann allenfalls spekulieren, nicht aber erklären, warum. Er versucht sich nach den Regeln des Algorithmus – den der gläubige Mensch Gott nennt – zu verhalten. Weil der gläubige Mensch annimmt, dass Gott Buch führt, über die Sünden wie die guten Taten. Der gläubige Mensch denkt, dass Gott die guten Taten belohnt und die schlechten bestraft, dass Gott ein kompliziertes Register führt, komplizierter und allumfassender als Google, Payback oder die Schufa. Sich gut im Sinne der Regeln zu verhalten ist nichts neues. Ich kenne es aus dem katholischen Bayern, in dem ich aufgewachsen bin.

Und so, wie Künstliche Intelligenz mensch-gemacht ist, ist Gott mensch-gemacht. Hat sich der Mensch Gott ausgedacht.

Wie kam es, dass sich der Mensch Gott ausgedachte?

Die Hirne der Menschen sind ausgelegt, in Gruppen von maximal 100 Individuen zusammenzuarbeiten. Danach stößt das Hirn an eine Kapazitätsgrenze der Kollaboration. Mit dem Trick der gemeinsamen Geschichte, des gemeinsamen Gottes, haben es die Menschen geschafft, sich in immer größeren Schwärmen zu organisieren, um gemeinsam an immer größeren Zielen zu arbeiten.

So haben die Menschen den gesamten Planeten unterworfen. Der Mensch hat mit Gott (bzw. den Götter, der verschiedenen Religionen), Regelsysteme entwickelt, an die sich die kritische Masse der Individuen innerhalb einer Gruppe halten, bzw. hielten.

Das Regelsystem der Götter hat ausgedient. Denn es stößt gerade an seine Kapazitätsgrenzen. Die durch technischen Fortschritt hervorgerufene, immer bessere Kommunikation unter den Individuen, lässt das bestehende System brüchig werden. Zweifler gab es schon immer, die erkannten, wie offensichtlich blödsinnig die Black-Box Gott ist. Doch deren Stimme ist verhallt, noch bevor sie eine kritische Menge an Menschen erreichen konnte. Die heutigen Kommunikationswerkzeuge ermöglichen es nun den Zweiflern, genügend Menschen zu erreichen und zu überzeugen, so dass das System des Glaubens an die Wahrheit am Kippen ist. Die kritische Masse ist vermutlich schon erreicht. Wir erleben derzeit einen Krieg der Geschichten, es ist vielleicht das letzte Aufbäumen derer, die an eine Wahrheit glauben. Dieser Kampf wird schon seit einigen Generationen geführt. Gott ist tot und immer mehr Menschen sind sich dessen bewusst.

Der Mensch ist gerade dabei, das System Gott zu durchschauen und das macht es notwendig, ein neues System zu etablieren, ein System, so kompliziert, dass es der Mensch mit seinem Hirn nicht knacken kann. Ein System, das es ermöglicht, in noch größere Gruppen von Menschen zusammenzuarbeiten.

Kapitalismus, Konsumismus, Humanismus sind Kandidaten. Der Glaube an die Künstliche Intelligenz des Supercomputers ist nun auch im Rennen, das Organisationsprinzip für die Zukunft zu werden. Vielleicht ist Künstliche Intelligenz sogar der aussichtsreichste Kandidat.

Film ist tot

Das Korsakow-System oder von der Allergie gegen lineare Geschichten.

Das Konzept des linearen Films ist tief in unserem Denken verankert – eine unnötige Beschränkung in Zeiten der Digitalisierung, findet Florian Thalhofer. Ein Plädoyer für neues Erzählen jenseits fester Reihenfolge.

Ursprünglich veröffentlicht im Magazin “Schnitt – Das Filmmagazin”
#66, 02.2012

Film ist bei jedem Ansehen gleich. Die Tonspur, jede Szene, jedes Bild ist ein für alle Mal aneinandergeklebt. Der Autor des Films legt die Reihenfolge beim Schnitt fest. Sie gilt von da an und theoretisch für alle Ewigkeit.
Das Konzept des linearen Films entspringt den Beschränkungen der Vor-Computer-Zeit. Denn früher war Film auf Rollen gewickelt. Es ging gar nicht anders, als ein Bild ans andere zu kleben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Film wird auf Datenspeichern aufgenommen, auf Computern weiterverarbeitet. Von Rollen, auf denen der Film aufgewickelt ist, keine Spur mehr. Doch noch immer kleben die Autoren der Filme ein Bild ans nächste, so dass die Filme bei jedem ansehen gleich sind. Warum nur?

Nun ja, wir haben uns daran gewöhnt. Und was man 120 Jahre so macht, muss seine Richtigkeit haben. Der lineare Film ist ja auch ein faszinierendes Erzählwerkzeug, mit dem sich wunderbar Zusammenhänge darstellen lassen. Und diese Verknüpfungen lassen sich einem Publikum vorführen, dass dann erkennen möge, dass Dinge, deren Zusammenhänge sich auf den ersten Blick nicht erschließen lassen, am Ende doch miteinander in Verbindung stehen. Dass eins zum Anderen führt. Und so hat uns der Film geschult zu erkennen, wie sehr alles auf der Welt, miteinander verknüpft ist. Wir haben gelernt wie eins zu anderen führt, der Gebrauch von FCKW-haltigen Kühlschränken und Spraydosen zum Ozonloch über den Polkappen und das Verbrennen fossiler Energien zur Erderwärmung. Das sind Meisterleistungen der Erkenntnis und ich behaupte, dass uns die Prägung unserer Hirne mit Film erst in der Lage versetzt hat, derart komplexe Zusammenhänge zu sehen, zu begreifen und weiten Teilen der Gesellschaft verständlich zu machen.

Während ich dies schreibe, liege ich, mit hochgeklappter Rückenlehne, in einem Krankenhausbett, auf einer Überwachungsstation für Schlaganfallpatienten. Ein winziges Blutgerinsel hat die Durchblutung in einem kleinen Bereich meines Stammhirns unterbunden, Gehirnzellen sind abgestorben, nun hängt mein linkes Augenlied etwas herab, ich kann auf der rechten Körperhälfte keine Temperatur mehr wahrnehmen und für ein paar Stunden war auch meine sprachliche Ausdrucksfähigkeit beeinträchtigt. Das Blutgerinsel im meinem Kopf kann man mit einer modernen bildgebenden Maschine sichtbar machen. Tun kann man wenig, ich liege seit ein paar Tagen an Geräte angeschlossen, weil man herausfinden möchte, was genau zu diesem Schlaganfall geführt hat. Denn eigentlich bin ich dafür zu jung. Man ist auf der Suche nach einer überzeugenden Geschichte, die meine Situation jetzt, in der Vergangenheit erklärt, so dass man mit der Erkenntnis meine Zukunft positiv beeinflussen kann.

Für meine Familie ist die Sache klar: ein früherer Freund und Geschäftspartner hat mich betrogen, seit mehr als einem Jahr geht es vor und zurück und die Auseinandersetzung erreichte in den letzten Tagen einen neuen Höhepunkt. Für meine Familie trägt er die Schuld und sie sinnt auf Rache. Die Ärzte untersuchen mein Herz, meine Adern, mein Blut und meine Gene. Stress, sagt der Arzt, darüber lässt sich wissenschaftlich kein Zusammenhang zum Schlaganfall herstellen.

Es ist egal. Wenn ich in einigen Tagen dieses Krankenhaus verlasse, dann soll mir eine möglichst lineare Geschichte mitgegeben werden. Eine Geschichte, die mich beruhigt, die mir Sicherheit gibt, für die Zukunft. Ob sie nun wahr ist oder nicht. Mit einer klaren Geschichte, sagen die Ärzte, lebt es sich beruhigter. Mir würde eine Geschichte gefallen, die sagt, dass ich in der Vergangenheit zu wenig Schokoladenkirschtorte gegessen habe. Aber meine Freundin findet das nicht lustig und vermutlich werden mir die Ärzte diese Geschichte nicht schenken.

Doch ich will gar keine lineare Geschichte. Ich will nicht den einen Grund hören, der meine jetzige Situation verursacht haben soll. Außer vielleicht, er ist wirklich 100%ig wahr. Doch das ist unwahrscheinlich. Die Ärzte haben schon angekündigt, dass es den einen Grund wohl kaum geben wird. Der menschliche Körper ist komplex, zahllose Faktoren beeinflussen sein Wohlergehen. Würde man den einen Grund finden, es wäre praktisch. Ein zu hoher Cholesterinspiegel kann bekämpft werden, indem man die Ernährung umstellt und Tabletten nimmt. Ich wäre eine Sorge – die nach einem neuerlichen Schlaganfall – los, und wäre für den Rest meines Lebens an die Einnahme von Tabletten gefesselt (oder je nachdem, Schokoladenkirschtorte). Wenn ich mit der Unsicherheit, den Grund für meinen Schlaganfall nicht zu kennen, leben könnte, oder besser noch, es gar nicht als Unsicherheit empfände, wäre ich mit Sicherheit freier. Kein Zwang Tabletten zu nehmen, von denen ich auch nicht wirklich sicher sein kann, dass sie das Problem lösen. Dem Erkennen einer Ursache wohnt die Panik inne. Denn wer den wahren Grund kennt, kann einen Fehler machen. Und dieser Fehler kann in meinem Fall sogar tödlich sein! Das heißt, ich werde mein Leben lang in Angst leben müssen, einen tödlichen Fehler zu begehen. Keine sehr entspannten Aussichten.

Das Gegenteil zu tun, also alle Schlüsse und Ratschläge der Ärzte zu negieren und sich in Zukunft so zu verhalten, als wäre nichts passiert, wäre selbstverständlich auch nicht klug. Das kann es also nicht sein. Wie wäre es also, all die Informationen, die Ratschläge und Gründe in einen Sack zu tun und seinen Inhalt immer wieder aufs neu zu betrachten? Wie in einer Kristallkugel, die einem angepasst an die sich über die Jahre ändernden Gegebenheit, immer wieder kluge Vorschläge macht, ohne einen mit dem tödlichen Fehler zu bedrohen?

Ich erzähle Geschichten seit vielen Jahren anders. Nichtlinear und variabel, so dass sie bei jedem Ansehen anders sind. Ich als Autor lege sowohl die Inhalte, als auch die Regeln fest, auf Grundlage derer sich mögliche Reihenfolgen ergeben. Doch ich vermeide dabei stets, die möglichen Abläufe der Geschichten vorherzusehen. Eben nicht zu spekulieren, was die knackigsten, die am meisten Sinn machenden Verbindungen sind. Denn sonst sehe ich die Verbindungen in die Dinge hinein und die Klugheit des Werks ist begrenzt auf meine Klugheit als Autor. Ich möchte selbst überrascht werden. Ich möchte erhellende Muster entstehen lassen, die sich in immer neuen sinnvollen Variationen zusammensetzen. Ich möchte erkennen, nicht erklären.

Meine Faszination für das Geschichtenerzählen und für den Computer begann in der selben Zeit. 1997 habe ich die “kleine welt” geschrieben (www.kleinewelt.com), eine interaktive, nichtlineare Geschichte, über das Aufwachsen in der Provinz. Es war der Versuch, eine Geschichte so zu erzählen, wie es auf dem Computer Sinn machen. Ein Computer ist keine Filmrolle, kein Tonband, keine Schallplatte. Der Computer organisiert die Daten nicht, wie auf einer Perlenkette aufgereiht. Man kann mit einem Computer sehr einfach mannigfaltige Verbindungen herstellen und man kann Programme schreiben, die sinnvolle Verbindungen von weniger sinnvollen unterscheiden. Diese Art Informationen, Elemente, Erinnerungen, Gedanken zu organisieren ist viel wärmer, viel verständnisvoller, viel menschlicher. Es kommt der Art, wie unser Hirn Informationen arrangiert, nahe. Im Jahr 2000 habe ich die erste Version des Korsakow-Systems geschrieben, einer Software, mit der sich auf sehr einfache Art und Weise nichtlineare und interaktive Filme programmieren lassen. Das Prinzip ist dabei immer gleich. Eine Korsakow-Erzählung besteht aus Inhaltselementen, den “Smallest Narrative Units” (SNUs), die Verbindungsstellen “Points Of Contact” (POCs) besitzen, an die wiederum andere SNUs andocken können. Der Autor definiert den Inhalt der SNUs und bestimmt die POCs, der Rest ist Mathematik. (Die Begriffe “SNU” und “POC” stammen von dem Filmemacher Heinz Emigholz, der 2002 an der Universität der Künste einen Vortrag über die Mechanik des Korsakow-Systems hielt.)

Seit 2009 wird die Software von mir zusammen mit Prof Matt Soar und dem Programmierer David Reisch an der Concordia University in Montreal weiterentwickelt. Ich benutze seit 12 Jahren fast ausschließlich das Korsakow-System für meine Arbeiten und habe sein Prinzip neben Filmen auch auf Installationen in Raum, auf Diskussionsveranstaltungen und auf Vorträge übertragen.

Film ist tot. Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute noch ein Film eine Generation prägen könnte. Dass ein Film noch mehr vermag, als eine vergängliche Mode zu beeinflussen. Dass Film noch etwas verändern kann. Fernsehen mag heutzutage Generationen prägen, und mehr und mehr das Internet. Doch Film? Film ist Entertainment geworden, der Zuschauer versteht die immer gleichen Strickmuster: “Das ist ja nur Film”, sagt meine Mutter, “Das ist ja nur Fernsehen”, habe ich sie seltsamerweise noch nie sagen hören und: “Das ist ja nur Internet” habe ich überhaupt noch nie jemanden sagen hören.

Mittlerweile kann ich sie kaum mehr ertragen, diese linearen Geschichten, die gute Story, die von jedem und überall ständig erzählt werden muss. Seien es Politiker, Waschmittelhersteller, Journalisten oder der Bäcker um die Ecke. Alle entwickeln sie “convincing stories”, und wenn ich diese Geschichten nur rieche, weiß ich schon, ich werde verarscht. Wer selbst Geschichten baut, weiß, wie sehr man die Realität in die Form zwingen muss, damit sie funktioniert – damit die Form funktioniert, in der sich Realität transportieren lässt, die dann allerdings verbogen ist.

Diese Allergie auf die lineare Geschichte, dieses Misstrauen der Erzählung gegenüber stelle ich seit ein paar Jahren nicht nur bei mir, sondern bei immer mehr Menschen fest. Vor kurzem bin ich durch Griechenland gereist und habe mit Menschen dort über die Wirtschaftskrise gesprochen. Junge wie alte, immer wieder haben die Leute gesagt, wie sehr sie den Geschichten Misstrauen, die da erzählt werden. Und dass man ins Internet schauen soll um sich dort selbst ein Bild zu machen. Und zuerst habe ich geschmunzelt und habe gedacht: “Ach ja, das Internet, das ist ja so verlässlich.” Und doch, mir geht es ja nicht anders: ich traue meinem Hirn und meiner Wahrnehmung und die vielen widersprüchlichen Meinungen verwirren mich nicht, sie geben mir Klarheit. Viele und immer mehr Menschen empfinden das so, Menschen auf allen Ebenen der Gesellschaft. Es ist ein Revolution im Gange. Ein Paradigmenwechsel hin zu einer widersprüchlicheren, vielschichtigeren Gesellschaft, einer Gesellschaft die in der Lage sein wird, nicht nur komplexe Zusammenhänge zu erkennen, sondern auch in der Lage ist, komplexe Beziehungsgeflechte zu sehen, zu begreifen und weiten Teilen der Gesellschaft verständlich zu machen.

Vor ein paar Jahren war ich zum Mittagessen mit dem Filmemacher Hartmut Bitomsky verabredet. Er war damals Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Wir unterhielten uns über neue Erzählformen im Internet und ich wollte frech sein: “Sicherlich, Film wird es immer geben, aber in 10, 15 Jahren wird es sein, wie wenn man in die Oper geht: Man zieht sich schick an, geht ins Kino und geht danach teuer Essen. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis, gesellschaftliche relevant ist es nicht mehr.”
Die Antwort Bitomskys hat mich verblüfft. Er sagte: “Ich weiß, aber meine Studenten wissen es noch nicht.”

Dieser Text wurde ursprünglich veröffentlicht im Magazin “Schnitt – Das Filmmagazin”
#66, 02.2012

Eine gruselige Geschichte

Der Ted Talk von Simon Sinek ist eine gruselige Geschichte. Der 8 Jahre alte Ted-Talk “How great leaders inspire action” von Simon Sinek spricht mir einerseits aus dem Herzen, doch gleichzeitig wird mir fast körperlich schlecht.

Simon Sinek beschreibt, was einen erfolgreichen Innovator ausmacht. Welche Fragen er sich in welcher Reihenfolge stellt und warum diese Reihenfolge wichtig ist und Erfolg nach sich zieht.

Ich denke an Donald Trump. Die Figur Trump stellt sich genau so dar: als erfolgreicher Innovator, der völlig von dem überzeugt ist, was er sieht. Und genau diese Qualität macht ihn für viele Menschen so überzeugend. Doch Donald Trump ist leider kein erfolgreicher Innovator, seine Ideen sind langfristig höchstwahrscheinlich sehr, sehr schlecht (nach allem, was die überwiegende Meinung von Experten ist). Doch das faszinierende: Trump scheint sich selbst fest zu glauben, mit jeder Faser seines Selbst. Seine Überzeugtheit macht ihn so überzeugend.

Es ist fast so, als hätte Trump und auch die Trump-Wähler den Ted-Talk von Simon Sinek gesehen. Denn sie verhalten sich genau nach seinen Regeln. Das ist natürlich unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist, dass Simon Sinek 2010 ein Muster erkannt hat, das damals im Entstehen war.

Ich habe das Muster damals auch gespürt ( wenngleich nicht so gut beschrieben, mein Versuch hier: Die Welt ist eine Wolke ).

Der Ted Talk von Simon Sinek ist eine schöne Geschichte. Wenn man sie als Inspiration nimmt und sich damit in die Lage versetzt, aus einem anderen, vorher unbekannten Blickwinkel die Dinge sehen zu können – dann bringt einen die Geschichte im Denken weiter. Denn dann ergänzt der neue den alten Blickwinkel und man kann nun nicht mehr nur aus einer, sondern aus zwei Perspektiven sehen. Das ist der erste Weg.

Der zweite Weg ist, wenn man denkt, die neue Geschichte sei wahr. Dann glaubt man sie einfach und bleibt im Grunde das, was man auch vorher schon war: ein Gläubiger. Man ändert nur seinen Glauben. Man glaubt nicht mehr an die eine Geschichte, sondern an die andere. Man ändert den Blickwinkel und anstatt die Sachen so zu sehen, wie man sie vorher gesehen hat, schaut man sie nun aus der neuen Perspektive an. Man hat die Perspektiven geändert (immerhin!) – aber man hat keine Perspektive hinzugewonnen.

Beim ersten Weg hat man also eine Perspektive mehr während sich beim zweiten Weg die Anzahl der Perspektiven nicht ändert. Man mag  überzeugter sein, nun die Wahrheit zu kennen. Weil man auf dem zweiten Weg eine alte Wahrheit mit einer anderen, einer vermeindlich besseren, ersetzt hat.

Auf dem ersten Weg muss man hingegen lernen, dass es eine Wahrheit nicht gibt und das ist nicht einfach. In der Folge sieht man einerseits unschärfer doch andererseits klarer. Unschärfer, weil man nicht mehr nur Schwarz und Weiß, sondern auch in Grautönen sehen kann. Das Bild, das man sehen kann ist nicht mehr so kontrastreich, doch es ist näher an der Realität.

Vermutlich sind die meisten Trump Wähler den zweiten Weg gegangen: Das würde erklären, warum sie offenbar überzeugter wurden, als sie es waren und scheinbar gleichzeitig das geblieben sind, was sie immer schon waren: Gläubige, die die Welt nur aus einer Perspektive wahrnehmen können.

Mir wird fast schlecht, wenn ich den Ted Talk von Simon Sinek nach all den Jahren erneut sehe, denn es kommt mir der Verdacht, dass die selben Gedanken, die mein Denken vielschichtiger werden liessen, auch dazu führen konnten, dass Menschen noch engstirniger wurden.

Es ist nicht eine Geschichte, die verändert. Es ist die Lehre, die man daraus zieht.

Das Neue Denken

Aufgewachsen mit Computerspielen, dem Internet und der Allgegenwärtigkeit von Wissen und Kultur, wächst eine neue Generation heran, die einer neuen Art des Denkens fähig ist. Es ist die Fähigkeit, die Welt gleichzeitig aus vielen Perspektiven betrachten zu können.

Die Jungen verfügen zwar noch nicht über so viel Erfahrung, wie die Alten, doch Erfahrung kommt mit der Zeit. Irgendwann werden die Jungen die Alten an Erfahrung eingeholt haben.

Dann werden die Jungen neue Muster sehen können, zusätzlich zu den alten. Die Alten werden diese Muster womöglich noch nicht einmal wahrnehmen können. Denn das Alte Denken macht dafür blind. Das Neue Denken integriert das Alte Denken und die, die des Neuen Denkens fähig sind, können sehen, was die Alten sehen und noch viel mehr.

Dann werden die Jungen mit dem Neuem Denken die Erfahrungen und das Wissen auf bisher unvorstellbar kluge Art kombinieren.

Anstatt zu versuchen die Alten mühselig vom neuen Denken zu überzeugen, sollten wir unsere Energie besser darauf verwenden, zusammen mit den Jungen die Welt von morgen aufzubauen.