Sand in den Händen

Ich sitze in der Küche in der Morgensonne und trinke Kaffee. Irgendein Arsch fährt mit dem Moped die Straße entlang. Wie mich der Lärm von diesen Mopeds nervt, denke ich. Und dann betrachte ich den Gedanken. Was ist es an diesem Geräusch, was mich nervt? Könnte ich dieses Geräusch auch lieben? Ich krame ein wenig in meiner Erinnerung.

War es Italien oder Griechenland, egal, eine Wohnung oder vielleicht ein Zimmer in einer Pension? In einem Küstenort, nicht weit vom Strand. Dachterrasse oder Balkon, oder nur ein geöffnetes Fenster? Draussen das Geräusch eines Mopeds. Der Geruch von Kaffee, Frühstück, hartgekochte Eier. Ja, ich kann mich erinnern, wie ich das gleiche Motorengeräusch gehört habe und wie ich es gerne gehört habe. Wie ich den Geräuschen gelauscht habe und wie schön der Augenblick war.

Als ich ein Kind war, war alles was war, das was es war. Erst mit der Sprache fing es an, dass ich die Welt beurteilte, dass ich anfing in gut und schlecht zu unterteilen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals geweint zu haben. Sicherlich habe ich geweint, wie jedes Kind, ich habe nur keine Erinnerung daran behalten. Wohl kann ich mich an Augenblicke des Glücks erinnern und diese Augenblicke waren eigentlich gar nichts besonderes.

Wenn ich an Momente des Glücks in meiner Kindheit denke, dann fällt mir der Sand in meinen Händen ein, die winzig kleinen roten Käfer auf dem Asphalt aber nicht die Carrerabahn, die ich zu Weihnachten bekommen habe und die ich dann gegen meine Brüder verteidigen musste, bis sie irgendwann in einer Schachtel vergessen war.

Was unterscheidet also den Sand in den Händen von der Carrerabahn? Der Sand in den Händen ist ein Moment, ein Augenblick, besonders nur weil ich mich daran erinnere.

Die Carrerabahn ist auch eine Erinnerung, aber es ist nicht die Erinnerung an einen Moment, es ist die Erinnerung an eine Geschichte, die ihren Anfang hatte (Weihnachten), Drama (der Kampf mit den Brüdern) und eine Ende (die Schachtel im Keller). Eine Geschichte mit Timeline, eine Verbindung von Momenten zu einer Einheit. Ich erinnere nicht mehr die Momente, ich erinnere die Geschichte, die, wie jede Geschichte, auch immer mit Leid verbunden ist. Eine Geschichte, in der kein Leid vorkommt gibt es nicht, sie funktioniert als Geschichte nicht.

Gibt es auch Momente des Leids? Ich muss nicht lange in meiner Erinnerung suchen um ein Beispiel zu finden. Anfang 30 hatte ich einen Bandscheibenvorfall. Ich hatte noch nie in meinem Leben und auch seither nie mehr solche Schmerzen. Ich lag viele Stunden alleine in meiner Wohnung auf dem Boden und konnte mich nicht bewegen, weil die kleinste Veränderung meiner Position noch mehr Schmerz verursachte. Doch das seltsame ist, wenn ich an diesen Moment zurückdenke ist da keine Wunde. Im Gegenteil, es ist eine Erfahrung, die ich zwar nicht wiederholen aber dennoch nicht missen möchte.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie das sein kann und formuliere es so: Ich war noch nie so in einen Augenblick genagelt, wie ich es damals stundenlang war. Da war kein Gedanke an die Zukunft oder die Vergangenheit, da war nur die Konzentration auf die Position meines Körpers und darauf, durch eine winzige Bewegung eine Position zu finden, die vielleicht etwas weniger unerträglich war. Ich war so mit dem Moment beschäftigt, dass ich keine Ressourcen hatte, mir um die Zukunft Gedanken zu machen, oder der Vergangenheit nachzutrauern. Was war, war der Moment, stundenlang.

Es ist also nicht das Geräusch, das nervt. Leid scheint auch nicht am Schmerz allein zu liegen.

Woran liegt es dann?

Ich habe den Verdacht, das Leid ist begründet in der Geschichte. In der Geschichte mit ihrem Anfang und ihrem Ende, die einhergeht mit einer Bewertung von dem, was die Geschichte ist, sei es positiv oder negativ. Geschichte hat immer auch etwas mit Urteil zu tun, mit der Beurteilung was man aus ihr lernt, für später.

Aus einem Augenblick lernt man nichts. Der Sand in den Händen, die unerträglichen Schmerzen.

Hausärzte posieren nackt

Headline auf Spiegel online: “Hausärzte posieren nackt

Ein Artikel über Hausärzte, die sich beklagen, dass ihnen in Corona-Zeiten nicht genügend Schutzausrüstung zu Verfügung steht und die sich deswegen nackt fotografieren lassen.

Ich verstehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Klar, es ist natürlich ein Problem, wenn Hausärzte nicht genügend Schutzkleidung haben. Ich habe auch eine Hausärztin, die ich sehr schätze, mit der ich über all die Jahre, die ich bei ihr in Behandlung bin, eine persönliche Beziehung aufgebaut habe. Irgendwann habe ich von ihr erfahren, dass sie sich neben ihrem eigentlichen Beruf als Künstlerin betätig. Ich glaube, sie hatte immer schon davon geträumt Künstlerin zu sein. Ich erfuhr, wohin sie in Urlaub fährt, aber nicht mit wem. Sie weiß, was ich beruflich mache, mit wem ich verheiratet bin, wohin ich in Urlaub fahre und nach den Urlauben fragen wir uns gegenseitig wie es war. Ich mag meine Hausärztin. Ich stelle sie mir ohne Schutzmaske vor und mich schaudert. Ich will nicht, dass sie keine Schutzmaske trägt, wenn sie Patienten gegenübertritt.

SPIEGEL: Frau Husemann, Sie haben sich nackt fotografieren lassen und das Foto im Netz veröffentlicht. Wie viel Überwindung hat Sie das gekostet?

Ich will mir meine Hausärztin nicht nackt vorstellen. Ich will sie mir in ihrem weissen Kittel vorstellen. Ich mag sie in ihrem weissen Kittel.

Jana Husemann: Ich habe einen ganzen Tag überlegt, ob ich das tun soll. Habe mit Kollegen gesprochen, mit meinem Partner. Das Internet vergisst nichts, das ist mir klar. Aber am Ende dachte ich: Das ist es mir wert.

Warum um Himmels willen zwingt jetzt jemand mein Hirn sich mir meine Hausärztin nackt vorzustellen? Nein – das will ich nicht!

Jana Husemann:
Wir brauchen Aufmerksamkeit. Die Hausärzte wurden in der Pandemie bisher übersehen, obwohl sie einen großen Anteil an der Versorgung der Patienten mit Coronavirus haben.

Ja, schon klar, aber warum nackt?

Jana Husemann, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2013 als Hausärztin im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Sie ist eine von vielen Medizinerinnen, die an der Aktion “Blanke Bedenken” teilnimmt. Die Ärzte fordern unter anderem eine bessere Ausstattung mit Schutzausrüstung.

Ich kann es nicht glauben. Ich klicke auf den Link von Blanke Bedenken.

Oh shit. Da sind noch mehr. Und ich frage mich: Was zum Teufel hat die geritten? O.k. klar, da waren sicherlich mehrere Faktoren am Start. Ich kann mir vorstellen, dass die Angst um die eigene Gesundheit auch mit im Spiel war. Dann stelle ich mir vor, wie ich mich an meinem Arbeitsplatz nackt fotografieren lasse. Hat schon was. Und wenn es nur die Gelegenheit zum Tabubruch ist.

Ich schaue mir die Bilder an, darauf sind mehr oder minder nackte Menschen zu sehen, die mit Klopapierrollen oder anderem dämlichen Assesoir mehr oder weniger albern vor einer Kamera possieren. Oh je, die Bildern erinnern mich viel zu sehr an die in meiner Jugend allzu verdrängte Sexualität. Erbärmlich irgendwie.

Wieder denke ich an meine Hausärztin, an die Flasche Desinfektionsmittel, die sie immer auf dem Tisch stehen hat und dass sie schon vor ein paar Jahren aufgehört hat, mir die Hand zu geben. Hat sie Angst in der jetzigen Situation oder ist sie genauso vorsichtig und professionell wie immer? Ich weiß nicht, ob sie das Problem mit der Schutzausrüstung auch betrifft. Ich habe sie zuletzt vor dem Ausbruch der Coronakrise gesehen.

Wenn meine Hausärztin zu mir sagen würde: “Ich habe Angst, wegen der fehlenden Schutzkleidung”, ich würde ihr anbieten, mich selbst auf die Suche nach Masken und so zu machen. Wenn Sie mir dann sagen würde, das sei total nett, aber es würde schon genügen eine Petition zu unterschreiben. Ich würde unterschreiben. Sofort.

Jana Husemann sagt: “Wir brauchen Aufmerksamkeit”.

Nackte menschliche Haut zieht Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit lässt sich umlenken, das hat Edward Bernays entdeckt, ein Neffe von Freud. Edward Bernays gilt als der Erfinder der PR, er hat 1929 in New York auf der Easter Sunday Parade junge Frauen rauchend vor Pressekameras vorbeilaufen lassen. Die Bilder wurden als Symbol von Emanzipierung gesehen, doch die jungen Frauen waren eigentlich nur von der Zigarettenindustrie benutzt worden, um sich den Markt der bis dato nicht rauchenden Frauen zu erschließen.

Mit Nacktheit lässt sich alles mögliche verkaufen, seien es Waschmaschinen, Autoreifen oder irgendein anderer Quatsch.

Irgendwann wurde es Mode, sich auch für moralische Gründe auszuziehen, für Tierschutz oder gegen politische Unterdrückung.

Klar, ich verstehe wie Werbung funktioniert, ich weiß von Aufmerksamkeitsökonomie und so.

Doch weil ich weiß, wie es läuft, versuche ich, wenn irgend möglich, Produkte und Erkenntnisse zu vermeiden, die mit Emotionen verkauft werden. Nicht, weil ich es für unangebracht halte, nackte Haut zu zeigen, sondern weil ich gelernt habe, dass mir jemand irgendwas andrehen will, wenn man erst mit Sex oder Status meine Aufmerksamkeit kapern muss, um sie auf etwas umzulenken, auf das ich nicht von alleine meine Aufmerksamkeit gerichtet hätte.

Ich habe gelernt, dass ich in der Regel verarscht werde, wenn mit etwas anderem Aufmerksamkeit erregt wird, als mit dem um was es geht.

Klar, verstehe ich, dass es ein Problem ist, wenn Ärzte zu wenig Schutzmasken haben. Ich kann es mir vorstellen.

Doch wie groß ist das Problem auf einer Skala von 1 bis 10?

Keine Ahnung. Hilft es mir, es besser einzuschätzen, nachdem ich den Artikel auf Spiegel-Online gelesen habe?

Das einzige, was ich nach der Lektüre sicher weiß ist, dass eine Hausärztin in Hamburg sich mit einigen Kollegen vor der Kamera ausgezogen hat, weil offenbar zu Befürchteten war, dass ihr Problem ansonsten nicht genügend Aufmerksamkeit bekäme.

Ich nehme mir vor, morgen meine Hausärztin anzurufen und sie zu fragen. Ich werde ihr sagen, dass ich einen Artikel auf Spiegel-Online gelesen habe und ich frage sie, ob das mit der Schutzkleidung wirklich so ein Problem ist.

Und dann malt mir mein Hirn aus, wie meine Hausärztin am Telefon zu mir sagt: “Sie meinen den Artikel mit den nackten Ärzten? Ja, auf den habe ich auch geklickt.”

Ich glaube, ich möchte dieses Gespräch nicht führen.

 

Wenn Sie die Petition trotz der albernen Aktion unterschreiben wollen: www.blankebedenken.org

Brot und Journalismus – Food for thought

Neulich bin ich auf meinen Corona-Streifzügen auf Facebook in eine Diskussion gestolpert, auf der sich vornehmlich Journalisten unterhielten. 

Christine Ulrich
Journalisten sind systemrelevant, aber müssen in der Corona-Krise zuhauf in Kurzarbeit. Irgendwas hab ich nicht kapiert.

Robert Braunmüller
Das ist bei Ihrem beruflichen Hintergrund mehr eine rhetorische Frage, oder?

Christine Ulrich
Das vorgebrachte Wirtschaftsargument löst für mich nicht das Paradoxon dieser Tatsache. Ich meine, genau jetzt müsste man doch in Qualitätsjournalismus reinbuttern! Aber nein…

Wolfgang Grebenhof
Genau so ist es. Jetzt werden die Weichen für die Zukunft der Zeitungen gestellt. Nie standen die Zeiten besser, um dauerhafte Leser-Blatt-Bindung aufzubauen. Wer jetzt, in der Krise, am redaktionellen Inhalt spart, schaufelt sein eigenes Grab.

Florian Thalhofer
Bitte die Frage nicht missverstehen, aber ist es wirklich so, dass Journalismus automatisch besser wird, wenn mehr Journalisten arbeiten?

Christine Ulrich
@Florian Thalhofer Sicher nicht automatisch. Davon war auch nie die Rede. Aber ohne eine gewisse Quantität an Leuten gibts definitiv keine Qualität. Sicher muss sich auch (immer schon) einiges verändern, entschlacken im Journalismus. Aber diese Brachialkur halte ich für kontraproduktiv.

Wolfgang Grebenhof
@Florian Thalhofer Derzeit gibt es Themen in Hülle und Fülle, die aber rechercheaufwändiger sind als eine reine Veranstaltungs-Berichterstattung, die ja derzeit flach fällt. Ergo braucht man mehr Leute, um spannende Inhalte zu liefern. Ich halte es nicht für zielführend, redaktionelle Umfänge zu reduzieren. Die Leute haben mehr Zeit, und sie haben mehr Bedürfnis nach verlässlichen Informationen. Dem müssen wir versuchen, gerecht zu werden. Mit weniger Leuten geht das in der aktuellen Situation ganz sicher nicht. Zumal Verlage, die Redakteuren Kurzarbeit anordnen, ja oft auch zusätzlich noch an den Honoraren für Freie sparen.

Wolfgang Grebenhof
@Christine Ulrich Entschlacken im Journalismus? Ernsthaft? Wo willst Du denn nach den Sparorgien der Verleger in den letzten Jahren noch entschlacken?

Christine Ulrich
@Wolfgang Grebenhof Sorry, das war missverständlich – ich meinte um Himmels Willen nicht noch mehr Leute abbauen, sondern eher hier und da manche verkrusteten Denk- und Organisationsstrukturen aufbrechen, damit sich Zeitung weiterentwickeln kann.

Michael Seeholzer
@Florian Thalhofer Der Journalismus wird nicht automatisch besser, wenn mehr Journalisten arbeiten, aber er wird auch nicht dadurch besser, dass immer weniger Journalisten immer mehr arbeiten

Florian Thalhofer
@Michael Seeholzer Es hat ja auch niemand gesagt, dass der Journalismus besser wird, wenn es weniger Journalisten gibt.

Florian Thalhofer
@Wolfgang Grebenhof Brot wird auch nicht besser oder schlechter, wenn es mehr oder weniger Bäcker gibt. Brot wird hingegen besser, wenn es bessere Rezepte gibt. Jetzt ist eine Zeit in der experimentiert werden kann. Millionen Menschen backen jetzt Brot. Vielleicht entstehen dabei bessere Rezepte?

Johannes Welte
Es gibt halt schon viel zu wenige Bäcker. Sie sind gezwungen, Fremdware aufzutauen und schnell in den Ofen zu schieben, weil sie keine Zeit haben, selbst Zutaten auszuwählen, Teig zu kneten und individuelle Teiglinge zu formen. Um mal im Bild zu bleiben.

Wolfgang Grebenhof
Was dabei herauskommt, wenn zu viele Laienbäcker im Informationsteig herumrühren, sieht man an der Flut an Bullshit, die tagtäglich aus Facebook und Co. schwappt. Es gibt schon gute Gründe dafür, Journalismus Profis zu überlassen. Beim Brotbacken verhält es sich ähnlich.

Florian Thalhofer
@Johannes Welte Ihre These wäre also: Weil es zu wenig Bäcker gibt, ist die Qualität schlecht. Ich lebe in Berlin Kreuzberg. Hier gibt und gab es so lange ich mich erinnern kann viele schlechte Aufback-Bäcker. Es gibt aber auch einige sehr, sehr gute Bäcker. In den letzten Jahren wurden es nach meiner Beobachtung immer mehr. Denken Sie, dass der Grund ist, dass es insgesamt mehr Bäcker gibt?

Johannes Welte
@Florian Thalhofer gibt es in Kreuzberg noch Zeitungen? Frage für einen Freund

Florian Thalhofer
@Wolfgang Grebenhof In den neuen Medien entsteht ja nicht nur schlechtes. Einiges (vielleicht auch weniges) ist sogar sehr gut. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass neben dem vielen Schlechten immer mehr beeindruckend Gutes entsteht? Wenn man das Schlechte herausfiltert und hat man meines Erachtens Zugang zu viel besseren Informationen als früher.

Florian Thalhofer
@Johannes Welte Ich weiss nicht, ob es in Kreuzberg noch Zeitungen gibt. Seit etwa zwei Jahren gibt es ein Nachbarschaftsportal, seit ich dort angemeldet bin bekomme ich mehr mit, was in der Gegend so passiert und vor allem, was die Leute ausserhalb meines Dunstkreises denken, als je zuvor. Ich will gar nicht sagen, dass es besser oder schlechter ist. Es ist anders. Es hat eine andere Qualität.

Johannes Welte
@Florian Thalhofer Nachbarschaftsportale sind ok, ersetzen aber keinen Journalismus. Man kann ja beim Hinterhof-Flohmarkt ja mal einen selbst gebackenen Kuchen probieren, eine Bäckerei ersetzt das aber nicht

Florian Thalhofer
@Johannes Welte Ich stimme ihnen selbstverständlich zu, Nachbarschaftsportale ersetzt nicht Journalismus als solchen. Nachbarschaftsportale ersetzen lediglich Lokalblättchen, die zuvor werbefinanziert die Briefkästen verstopft haben. Ich habe Sie vermutlich falsch verstanden, ich dachte, Sie fragten nach Kreuzberger Zeitungen (statt Zeitungen in Kreuzberg). Den rethorischen Dreh habe ich übersehen. Ja, natürlich, in Kreuzberg gibt es noch Zeitungen. Aber ich vermute, Sie haben nicht gefragt weil sie die (banale) Antwort interessiert. Ihre Frage war als Kommentar gemeint, oder?

Johannes Welte
@Florian Thalhofer Logo 😉 wobei Kreuzberg mit 150000 Einwohnern ja groß genug für eine eigene Zeitung wäre.

Michael Seeholzer
@Florian Thalhofer Das Beispiel ist gut gewählt. Viele Aufbackbäcker machen das, was viele Aufbackmedien tun. Sie nennen das „kuratieren“. Also einen beliebigen Sachverhalt als den eigenen auszugeben indem ihm eine neue Verpackung übergebraten wird. Früher nannte man sowas Verletzung des Urheberrechtes. Das macht das Ganze zwar billig, aber um den Preis, dass überall der gleiche, billige, geschmacklose, und von mir aus auch noch ungenießbare Fraß drin ist. Kuratierter Billigjournalismus ist wie Billigbreze. Billig aber irgendwann einmal Bauchweh.

STORIES ARE VIRUSES OR A BEAUTIFUL EXAMPLE OF HOW EXTREME STORY-TELLING can UNFAVOURABLY IMPACT REALITY

Hundreds of protesters gathered outside the residence of Minnesota’s governor on Friday to protest lockdown.

The New York Times April 18, 2020

That’s the kind of story the news likes to tell. It’s a great story because it’s unusual and disturbing at the same time.

Unusual because we should all have understood by now what this virus is all about and why and how we should help to contain its spread. Disturbing, because there are people who see it differently, express it militantly and thus again become a danger to everyone.

Somewhere in the USA, where not only the brightest lights live, hundreds (and on the pictures it looks more like hundred than hundreds) of the most stupid apes have gathered, waving blue-white-red flags and doing hullabaloo. They protest that the lockdown will be lifted. They demand their normal life back.

This is stupid for two obvious reasons.
1. as long as a larger part of society is afraid of a contagious disease, which can best be protected from by renouncing normal life, there will be no normal life.
2. it is a stupid idea to form a group with 100 others at times when a contagious virus is circulating.

In the sense of the opponents of the lockdown, an information campaign would make more sense, which explains to the people that their worries are completely unfounded because… And exactly this “because” is what is lacking. Because there are no good arguments. (The “argument” of the lockdown plunges many people into a shitty situation is not an argument, it is an observation).

Putting yourself in a group of 100 people at the moment is also pretty stupid, because it increases the risk of getting infected with the virus (even if you don’t believe in it). But this demonstration is unlikely to result in its participants becoming infected. The larger the group of people, the more likely they are to be infected, but for this relatively small group, the probability is not too high.

So most likely these idiots will not be infected, but they will probably use this as a way to “prove” how exaggerated the fear is. (Strictly speaking, they are just proving how bad their understanding of probability is, but that is nothing unusual, because humans in general are terribly bad at grasping probabilities intuitively (see Kahneman, “Thinking, Fast and Slow”).

The danger is high, however, that they will give others stupid ideas.

The perfidious thing about the story of the events, like the demonstration of the stupid monkeys in Minnesota, is that telling the story leads to many more people getting similarly stupid ideas. If 1000 times 100 people meet and wave flags, then we will almost certainly have a Super Spreader Event. That will actually have an impact.

So the only really scary element in the story of the demonstration of the stupid monkeys is the fact that we tell it to each other – and spread it by telling it.

In fact, the story is like the Corona virus itself. Anyone who tells the story transmits the virus. Most people don’t get sick.If someone gets sick, one symptom of the illness is that they go out into the street, form groups with others, wave flags and shout “Freedom!

By the way, this is the same with all stories. (The symptoms of the respective illness are very different and in most cases completely harmless).

Stories are viruses.

 

GESCHICHTEN SIND VIREN oder EIN SCHÖNES BEISPIEL, WIE DAS EXTREME GESCHICHTEN-ERZÄHLEN DIE REALITÄT UNGÜNSTIG BEEINFLUSSEN KANN

Hundreds of protesters gathered outside the residence of Minnesota’s governor on Friday to protest lockdown.

nytimes.com am 18.4.2020

Das ist so eine Geschichte, wie sie gerne in den Nachrichten erzählt wird. Es ist eine geile Geschichte weil sie ungewöhnlich und gleichzeitig verstörend ist.

Ungewöhnlich, weil wir doch mittlerweile eigentlich alle verstanden haben sollten, was es mit diesem Virus auf sich hat und warum und wie wir aus eigenem Interesse mithelfen sollten, seine Verbreitung einzudämmen. Verstörend, weil es da Leute gibt, die es anders sehen, es militant zum Ausdruck bringen und damit wiederum eine Gefahr für alle werden.

Irgendwo in den USA, wo nicht nur die hellsten Leuchten leben, haben sich 100te (und auf den Bildern sieht es eher aus wie hundert, als mehrere hundert) der allerdämlichsten Affen versammelt, schwingen blau-weiss-rote Fahnen und machen Rambazamba. Sie protestieren, dass der Lockdown aufgehoben wird. Sie fordern ihr normales Leben zurück.

Das ist gleich aus zwei offensichtlichen Gründen dämlich.
1. Solange ein größerer Teil der Gesellschaft Angst vor einer ansteckenden Krankheit hat, vor der man sich am besten schützt, wenn man auf sein normales Leben verzichtet, wird es kein normales Leben geben.
2. Es ist eine blöde Idee, sich in Zeiten, in denen ein ansteckender Virus umgeht mit 100 anderen Affen dicht gedrängt in einer Gruppe zusammen zu stellen.

Im Sinne der Gegner des Lockdowns, wäre also eine Informationskampagne sinnvoll, die den Leute erklärt, dass deren Sorgen völlig unbegründet sind weil… Und genau an diesem “weil” hapert es. Denn es gibt keine guten Argumente. (Das “Argument” der Lockdown stürze viele Leute in eine beschissene Situation ist kein Argument, es ist eine Feststellung).

Sich derzeit in eine Gruppe von 100 Menschen zu stellen ist ausserdem ziemlich blöd, weil es die Gefahr erhöht, sich mit dem Virus anzustecken (selbst wenn man nicht daran glaubt). Diese Demonstration wird aber wahrscheinlich nicht dazu führen, dass sich ihre Teilnehmer anstecken werden. Die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken steigt zwar, je grösser eine Menschengruppe ist, aber bei dieser doch relativ kleinen Gruppe liegt die Wahrscheinlichkeit nicht allzu hoch.

Also höchstwahrscheinlich werden sich diese Deppen nicht anstecken, wahrscheinlich werden sie das dann aber anführen, um zu “beweisen”, wie übertrieben die Angst sei. (Streng genommen beweisen sie damit lediglich, wie schlecht ihr Verständnis von Wahrscheinlichkeit ist, das ist aber nichts ungewöhnliches, denn der Mensch ist allgemein wahnsinnig schlecht darin, Wahrscheinlichkeiten intuitiv zu erfassen (vgl. Kahneman, “Thinking, Fast and Slow”).

Die Gefahr ist allerdings hoch, dass sie damit wieder andere auf dumme Ideen bringen.

Das perfide and der Geschichte von den Vorkommnisse, wie der Demonstration der dämlichen Affen in Minnesota ist, dass das Erzählen der Geschichte dazu führt, dass noch viel mehr Leute auf ähnlich dämliche Ideen kommen. Wenn sich dann 1000 mal 100 Leute treffen und Fähnchen schwingen, dann haben wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Super Spreader Event dabei. Das hat dann tatsächlich Auswirkungen.

Insofern ist das einzige wirklich gruselige Element an der Geschichte von der Demonstration der dämlichen Affen, die Tatsache, dass wir sie uns erzählen – und mit dem Erzählen verbreiten.

Tatsächlich verhält es sich mit der Geschichten so wie beim Coronavirus selbst. Jeder, der die Geschichte erzählt überträgt den Virus. Die meisten werden nicht krank. Wenn jemand erkrankt ist ein Symptom der Erkrankung, dass diese Person dann auf die Strasse geht, sich in Gruppen mit anderen zusammenstellt, Fahnen schwenkt und “Freiheit!” ruft.

Das verhält sich übrigens bei allen Geschichten so. (Die Symptome der jeweiligen Erkrankung sind dabei höchst unterschiedlich und in den allermeisten Fällen völlig harmlos).

Geschichten sind Viren.