Tony Schwartz – Der einflussreichste Schriftsteller unserer Zeit

Tony-Swartz

Wie oft passiert es, dass jemand, der die Welt verändert, dies versehentlich tut? Wahrscheinlich gar nicht so selten. Wie viele beginnen mit dem Ziel vor Augen, die Welt zu verändern und ziehen es so lange durch, bis sie ihr Ziel erreicht haben? Den Affen möchte ich sehen, der sich, noch bevor er den ersten Schritt geht, ein derart größenwahnsinniges Ziel setzt. Unwahrscheinlich.

Wahrscheinlich haben die meisten, die die Welt verändert haben, nur das gemacht, was sie sowieso machen wollten und erst im Rückblick hat man gesehen – hoppla, das hat die Welt verändert!

Der wohl einflussreichste Schriftsteller unserer Zeiten ist ein tragischer Held, der versehentlich die Welt in andere Bahnen lenkte.

Literatur vermag es manchmal die Welt zu verändern, einige wenige Werke haben das Denken und Handeln von Menschen derart beeinflusst, dass es ganze Gesellschaften prägte.

Religiöse Schriften entwickelten diese Kraft oder sollte man besser andersherum sagen, dass Schriften, die derartige Kraft entwickelten Religionen wurden?

James Joyce „Ulysses“ hatte prägenden Einfluss auf das Denken und Handeln eines Teils der Gesellschaft. Auch wenn nur ein winziger Teil der Menschen dieses Buch gelesen haben mag. Als jemand der sich sein Leben lang mit der Wirkung von Geschichten auf die Wahrnehmung beschäftigt, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sehr dieses Buch prägenden Einfluss auf mein Denken hatte, und das, obwohl ich es wahrscheinlich noch nicht einmal in der Hand gehalten, geschweige denn gelesen habe. Doch unabhängig von meiner Wahrnehmung, James Joyce „Ulysses“ ist ein großes Werk der Literatur, da sind sich die Experten einig.

Adam Douglas „Hitchhiker’s Guide Through The Galaxy“ entwickelte eine derartige Kraft und lies nicht nur Smartphones so aussehen, wie sie heute aussehen, vor Jahr und Tag habe ich einem Freund eine Ausgabe dieses Werks geschenkt, die auf dünnem Bibelpapier gedruckt war. Das war natürlich ein Witz, aber wie jeder Witz kam auch dieser nicht von ungefähr.

In diesem Sinne ist Mickey Maus bedeutende Literatur, denn auch Mickey Maus hatte prägenden Einfluss auf das Denken und Handeln der Gesellschaft. Da sind sich die Experten zwar nicht mehr ganz so einig, aber diese Ansicht ist zumindest in akademischen Kreisen kaum mehr strittig.

Alle folgenden Überlegungen basieren auf dem Gedanken, dass die Bedeutung von Literatur unabhängig von ihrer „literarischen Qualität“ an der die Gesellschaft prägenden Kraft gemessen werden kann. Wenn Sie diesen Gedanken nicht mitgehen können, möchte ich Ihnen freundlich für die bis hierhin erbrachte Aufmerksamkeit danken und mich von Ihnen verabschieden, denn die folgenden Überlegungen werden für Sie keinen Sinn ergeben.

Sie sind noch da? Nungut.

Es geht um den wohl bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Und doch kennen nur wenige seinen Namen. Der Name seines wichtigsten Werks ist Millionen von Menschen geläufig. Viele haben das Buch gelesen und zitieren daraus, wie aus einer Bibel. Das Buch ist ein Werk der Fiktion, das sagt jedenfalls der Autor selbst. Es ist ein Werk, dass das Denken von Millionen von Menschen beeinflusst, die Gesellschaft und die Politik in den USA geprägt hat und was die USA prägt, prägt die Welt. Der Autor hatte den immensen politischen Einfluss seiner Worte weder vorhergesehen, noch hat er ihn intendiert. Der Autor hatte nicht den Hauch einer Ahnung, welche Konsequenzen seine Worte Jahrzehnte später entfalten würden. Er hat es nicht intendiert und hätte es nicht gewollt. Er hatte schlicht und einfach nicht für möglich gehalten, dass der Stein, den er vom Berg warf, eine Lawine würde auslösen können.

Als junger Schriftsteller hat sich der Autor vor über 30 Jahren als Ghostwriter verdingt. Als solcher schrieb er für jemanden, der ihn zwar faszinierte, den er aber verachtete, eine Heldengeschichte. Es war eine Heldengeschichte, wie sie sein Auftraggeber hören wollte. Der hat den Schriftsteller gut bezahlt, um der Held seiner Geschichte zu sein.

Der Schriftsteller hat Jahre später das Buch sogar widerrufen, als er die Gefahr erkannte, die auf die Menschen und den gesamten Planeten zukam. Aber wie soll man eine Fiktion widerrufen – eine Fiktion, an die immer mehr Leute zu glauben begannen? Eine Fiktion kann man nicht widerrufen. So wie Goethe “Die Leiden des jungen Werther” nicht hätte widerrufen können, als man dem Buch vorwarf, es treibe Leser in den Selbstmord.

Der junge Autor hatte vermutlich die Kraft seiner Worte unterschätzt, hatte gedacht, die Worte, die er benutzte seien stumpfe Messer, dabei waren sie rasiermesserscharf. Der Autor stand am Zenit seines Schaffens. Sein Leben lang würde er nie wieder ein Werk dieser Kraft zu schaffen in der Lage sein. Er hat es, angewidert vom Erfolg auch nie wieder in der selben Richtung versucht.

Er schrieb das Buch für einen 38 jährigen, angeberischen New Yorker Aufsteiger, einen dummerdreisten, skrupelloser Mann, von dem damals ausserhalb New Yorks kaum jemand gehört hatte.

Den Schriftsteller interessierte das Geld, er war ‘writer for hire’ aber eben auch einer, der seine Arbeit ernst nahm.

So blickte der Schriftsteller in die Abgründe seines Helden, so wie es jeder gute Schriftsteller tut. Er betrachtet den Helden von vielen Seiten und all dies  unterfütterten sein Werk.

Das Buch trägt den Titel „The Art Of the Deal“ und seinen Helden kennt nun die ganze Welt. Denn der wurde Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und als solcher kam er in das Schicksal des Planeten prägende Stelle. Es ist eine Geschichte der modernen Medien, das Buch machte den fiktionalen Helden der Geschichte zuerst zum Fernsehstar und zum Idol von Millionen von Menschen bevor sie ihn zum realen Präsidenten wählten.

Der Mensch ist ein Geschichten-Tier oder anders gesagt, die Fähigkeit Geschichten zu erzählen hat aus einem Tier einen Mensch gemacht. Geschichten waren zu allen Zeiten das Instrument die Welt zu verstehen und verstehbar zu machen. Heute leben wir in einer medialen Welt in der nonstop Geschichten produziert werden. Nicht um die Welt zu begreifen, sondern um die Menschen zu unterhalten, die Medien zu bespielen, um Content zu produzieren, um die Drähte am glühen zu halten.

Da kann es schon mal passieren, dass ein überaus talentierter Schriftsteller versehentlich einen Helden erfindet, der niemals hätte Held sein dürfen und der dann die reale Weltbühne betritt.

Tony Schwartz – The Most Influential Writer Of Our Time

Tony-Swartz

How often does it happen that someone who changes the world does so inadvertently? Probably not at all so rarely. How many start with the goal in mind to change the world and keep going until they reach their goal? I’d like to see that monkey that, even before taking its first step, envisioning such a megalomaniacal goal. So that is unlikely.

Probably most of the people who changed the world did only what they wanted to do anyway and only in retrospect one could see – oops, they changed the world!

Probably the most influential writer of our times is a tragic hero who inadvertently steered the world into an other directions. Literature is sometimes able to change the world, but only a few works have influenced people’s thinking and behavior enough that it has shaped entire societies.

Religious writings developed such a force, or is it better to say the other way round that writings that developed such a force became religions?

James Joyce “Ulysses” had a formative influence on the thinking and acting of society. Even if only a tiny part of the people may have read this book. As someone who has spent a lifetime studying the effect of stories on perception, I know from my own experience how much this book has had a formative influence on my thinking, even though I have probably never even held it in my hand, let alone read it. But regardless of my perception, James Joyce “Ulysses” is a great work of literature, experts agree.

Adam Douglas “Hitchhiker’s Guide Through The Galaxy” developed this kind power and not only made smartphones look the way they do today – years ago I gave a friend a copy of this work printed on thin bible paper. It was a joke, of course, but like every joke, it did not come out of nowhere.

In this sense, Mickey Mouse is important literature, because Mickey Mouse also had a formative influence on the thinking and actions of society. Although the experts are no longer quite so unanimous on this point, this view is hardly disputed anymore, at least in academic circles.

All of the following considerations are based on the idea that the significance of literature, regardless of its “literary quality”, can be measured by the force it proves to have to influence society. If you are not able to follow this thought, I would like to thank you kindly for your attention up to now and say goodbye, because the following considerations will not make any more sense.

You are still here? Onwards, then.

This is about the most influential writer of the present. And yet only a few know his name. The name of his most important work is familiar to millions of people. Many have read the book and quote from it as if from a bible. The book is a work of fiction, at least that is what the author himself says. It is a work that has influenced the thinking of millions of people, has shaped society and politics in the USA and the world. The author had neither foreseen nor intended the immense political influence of his words. The author had not had the slightest idea of the consequences his words would have decades later. He did not intend it and would not have wanted it. He simply did not imagine that the stone he threw from the mountain could cause an avalanche.

As a young writer the author hired himself out as a ghostwriter more than 30 years ago. As such, he wrote a tale of a hero for someone who fascinated him, but whom he despised. It was a tale of a hero as his client wanted to hear it. The client paid the writer well to be the hero of his story.

Years later, the writer even revoked his book, when he realized the danger that was coming to the people and the whole planet. But how can you revoke fiction – a fiction that more and more people began to believe in? A fiction cannot be revoked. Just as Goethe could not have revoked “The Sorrows of Young Werther” when the book was accused of driving readers to suicide.

The young author had probably underestimated the power of his words, had thought that the words he used were blunt knives, yet they were razor-sharp. The author was at the zenith of his work. His whole life long he would never again be able to create a work of this magnitude. Disgusted by the success, he never tried in the same direction again.

He wrote the book for a 38-year-old, pretentious New York up-and-comer, a foolhardy, unscrupulous man about whom hardly anyone outside of New York had ever heard of at the time.

The writer was interested in money, he was a ‘writer for hire’, but also one who took his work seriously.

Thus the writer looked into the abyss of his hero, as every good writer does. He looked at the hero from many angles, and all these views underpinned his work.

The book is entitled “The Art Of the Deal” and now the whole world knows its hero. For he became president of the United States of America and as such he came to be a key figure in the fate of the planet. It is a history of modern media, the book made the fictional hero of the story first a TV star and the idol of millions of people before they elected him a real president.

Humans are story animals, or in other words, the ability to tell stories has turned an animal into a human. Stories have always been the instrument to make the world comprehensible. But today we live in a media world in which stories are produced non-stop, no longer to understand the world, but to entertain people, and to keep the media industry running.

So it can happen that an extremely talented writer by accident invents a hero who should never have been a hero and who then enters the real world stage.

Why Trump might have been the best thing that could happen to humanity

We are in the middle of a fundamental change of thinking. When this change began is hard to say, strong signals can already be found in the 60s or 70s of the last century. Thoughts and ideas that shape a society grow slowly, so slowly that they cannot be heard out of the noise of the time; only when you look at large periods of time can they be recognized.

It is like looking at a river. If you look at the movement of – let’s say – seven billion water molecules at one point in a river, it might be a lot, but it is still impossible to tell in which direction the river flows. It is quite possible that you are looking at a whirl that is moving against the actual direction of the river. This is not only possible, but to a certain degree probable. Only if you extend the time span of the observation and measure the position of the molecules again at a sufficiently large later time, you have a chance at all to recognize in which direction the river flows.

Societies are slow flowing rivers. So slow that one has to look at decades to be able to make a reasonably reliable statement about the direction in which they move.

The swing that occurred in the election of Obama began long before Obama. A giant pendulum had changed direction. And then Obama came along, was awarded the Nobel Peace Prize, and almost nothing changed. The wars that the USA waged were continued, the health care reform was more of a small reform, and the class differences continued to grow. I can still remember a conversation with friends who had placed great hope in the election of Obama and were bitterly disappointed that even after years ‘everything had remained the same’. The conversation took place towards the end of Obama’s second term before the election campaign for his successor (Hillary Clinton vs. Donald Trump) had begun in the United States. It was the time before Trump and the height of frustration with Obama. (The trigger for the conversation was a text that I had written at that time.)

Then came Trump. The stupidest political accident to be assumed.Trump rode a wave of populism that was felt not only in the USA, but also in Great Britain, Brazil, Poland and even in Germany. The populism came at a time when there were no really major current crises. No major crises? By ‘major crisis’ I mean a crisis that cannot be solved by money.

Most problems revolve around money or can supposedly be solved with money. The financial crisis (from 2008) was one such problem, and to a certain extent the migration crisis as well. Looking at problems primarily from one point of view (usually that of money) is almost always unsustainable, but if they succeed in convincing the audience, the hour of the populists strikes.

There are problems that cannot be solved with money. Climate change is one such problem, and more recently: Corona. Climate change or corona are complex problems. All the money in the world alone cannot solve these problems.

Populist systems act suboptimally when faced with such problems – they come to stupid decisions. It is as if, fixated on money, they do not find the right levers to act meaningfully.

Non-populist systems are more effective here. A boring Angela Merkel is better suited to tackle complex problems than an exciting and excited Donald Trump.

Trump, Bolsonaro, Orbán, Johnson, Macron, Trudeau, Merkel. The less populist the better the performance in a real crisis. In the case of Corona this can be seen in the numbers.

The fundamental change that has been going on for decades is the shift towards multi-perspective. Approaching problems from multiple perspectives is more sustainable and, for a certain type of problem (the real or complex problems), the only promising way. The counterpart to the multi-perspective approach is the mono-perspective approach (“you just have to do it right” – whatever ‘right’ might be).

Societies are becoming more multi-perspective, and thus more tolerant, more complex and cleverer, because they are learning to consider many and more perspectives. This is the direction in which the river flows. And it can hardly be overlooked, if you take a sufficiently large time frame into account (50 years +).

Never all water molecules of a river flow at the same time in the same direction. Whirls and counter-movements are normal, especially when the river flows relatively fast.

Trump will have been such a whirl. Trump stands for old, traditional thinking. It is the thinking of the monoperspektive, of which one must do the ‘right thing’. If the audience thinks that way, they need someone to express in simple words what is ‘right’ and what is ‘wrong’. Trump has fulfilled this function. That’s why he was so attractive to many and still is for many. Someone who knows what’s right and wrong doesn’t need experts or consultants to broaden the view. Trump is an animal of old thinking, a dinosaur that rebels up once more but is already doomed.

In the United States, not only the Democratic Party but all more or less multi-perspective forces have renewed themselves from scratch in the last four years. New coalitions with conservatives ( -> Lincoln Project ) are emerging, but not with the “you have to do it right” faction on the left.

Monopersective thinking is found everywhere in the political spectrum, but increasingly on the margins – on the right as well as on the left.

Trump was good for the innovation of thinking towards multi-perspective thinking, it was not his intention but it was his function. The new thinking, it would have come anyway. After Trump, it is now coming all the faster.

This is what I see.

Warum Trump das Beste gewesen sein könnte, was der Menschheit passieren konnte

Wir befinden und mitten in einem grundlegenden Wandel des Denkens. Wann dieser Wandel begann ist schwer zu sagen, starke Signale finden sich bereits in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gedanken und Ideen, die eine Gesellschaft prägen, wachsen langsam, so langsam, dass sie sich nicht aus dem Lärm der Zeit heraus vernehmen lassen; erst wenn man große Zeiträume betrachtet, lassen sie sich erkennen.

Es ist wie wenn man auf einen Fluss blickt. Wenn man an einer Stelle im Fluss die Bewegung von – sagen wir mal – sieben Milliaren Wassermoleküle betrachtet, dann ist das zwar eine Menge, es lässt sich aber dennoch nicht sagen, in welche Richtung der Fluss fließt. Es ist gut möglich, dass man auf einen Strudel schaut, der sich entgegen der eigentlichen Richtung des Flusses bewegt. Das ist nicht nur gut möglich es ist zu einem gewissen Grad sogar wahrscheinlich. Erst wenn man die Zeitspanne der Betrachtung erweitert und die Lage der Moleküle zu einem ausreichend großen späteren Zeitpunkt erneut misst, hat man überhaupt eine Chance zu erkennen, in welche Richtung der Fluss fließt.

Gesellschaften sind träge fließende Flüsse. So träge, dass man Dekaden betrachten muss, um eine einigermassen verlässliche Aussage treffen zu können, in welche Richtung sie sich bewegen.

Der Umschwung, der sich in der Wahl von Obama zeitigte, begann schon lange vor Obama. Ein riesiges Pendel hatte seine Richtung geändert. Und dann kam Obama, bekam den Friedensnobelpreis und es änderte erstmal sich so gut wie nichts. Die Kriege, die die USA führten, wurden weitergeführt, die Gesundheitsreform war eher ein Reförmchen, die Klassenunterschiede verstärkten sich weiter. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit Freunden erinnern, die große Hoffnung in die Wahl von Obama gelegt hatten und bitter enttäusch waren, dass auch nach Jahren ‚alles beim alten‘ geblieben war. Das Gespräch fand gegen Ende von Obamas zweiter Amtszeit statt noch bevor der Wahlkampf um seine Nachfolge (Hillary Clinton vs. Donald Trump) in den USA richtig begonnen hatte. Es war die Zeit vor Trump und der Höhepunkt der Frustration mit Obama. (Auslöser für das Gespräch war ein Text, den ich damals geschrieben hatte.)

Dann kam Trump. Der dümmste anzunehmende politische Unfall. Trump ritt auf einer Welle des Populismus der nicht nur in den USA, auch in Großbritannien, Brasilien, Polen selbst in Deutschland zu spüren war. Der Populismus kam in einer Zeit, in der es keine wirklich großen aktuellen Krisen gab. Keine großen Krisen? Mit ‚großer Krise‘ meine ich eine Krise, die sich mit Geld nicht lösen lässt.

Die meisten Probleme drehen sich ums Geld oder lassen sich vermeintlich mit Geld lösen. Die Finanzkrise (ab 2008) war ein solches Problem, zu einem gewissen Grad auch die Migrationskrise. Probleme vorrangig aus einem Blickwinkel (meist der des Geldes) zu betrachten ist fast immer nicht nachhaltig, doch wenn es ihnen gelingt das Publikum zu überzeugen, schlägt die Stunde der Populisten.

Es gibt Probleme, die sich mit Geld nicht lösen lassen. Der Klimawandel ist ein solches Problem, und aktueller: Corona. Klimawandel oder Corona sind komplexe Probleme. Alles Geld der Welt alleine vermag diese Probleme nicht zu lösen.

Populistische Systeme agieren, wenn sie mit derartigen Problemen konfrontiert sind, suboptimal – sie treffen dumme Entscheidungen. Es ist als ob sie, aufs Geld fixiert, die richtigen Hebel nicht finden, um sinnvoll zu agieren.

Nichtpopulistische Systeme sind hier effektiver. Eine langweilige Angela Merkel ist besser geeignet komplexe Probleme anzugehen als ein aufregender und aufgeregter Donald Trump.

Trump, Bolsonaro, Orbán, Johnson, Macron, Trudeau, Merkel. Je weniger populistisch desto besser die Performance in einer wahren Krise. Im Falle von Corona lässt sich das in Zahlen ablesen.

Der grundlegende Wandel, der seit Jahrzehnten von statten geht, ist der Wandel hin zur Multiperspektive. Probleme multiperspektivisch anzugehen ist nachhaltiger und bei einer bestimmten Art von Problemen (den wahren oder komplexen Problemen) die einzig erfolgversprechende Art. Das Pendant zum multiperspektivischen ist der monoperspektivische Ansatz („man muss es nur richtig machen“ – was auch immer ‚richtig‘ sein mag).

Die Gesellschaften werden multiperspektivischer, und damit toleranter, vielschichtiger und klüger, weil sie viele und immer mehr Blickwinkel in Betracht zu ziehen lernen. Das ist die Richtung in die der Fluß fließt. Und es lässt sich kaum übersehen, wenn man einen genügend großen zeitlichen Rahmen zieht, den man betrachtet (50 Jahre +).

Es fließen nie alle Wassermoleküle eines Flusses gleichzeitig in die selbe Richtung. Strudel und Gegenbewegungen sind normal, insbesondere dann, wenn der Fluss relativ schnell fließt.

Trump wird ein solcher Strudel gewesen sein. Trump steht für altes, überkommenes Denken. Es ist das Denken der Monoperspektive, des man muss es „richtig“ machen. Wenn das Publikum so denkt, braucht es jemanden, der in einfachen Worten sagt, was ‚richtig‘ und was ‚falsch‘ ist. Trump hat diese Funktion erfüllt. Das ist der Grund warum er für viele so attraktiv war und für viele immer noch ist. Jemand, der weiß, was richtig und falsch ist, braucht keine Experten, keine Berater, die den Blick erweitern. Trump ist ein Tier des alten Denkens, ein Dinosaurier, das sich noch einmal aufbäumt doch bereits dem Untergang geweiht ist.

In den USA haben sich nicht nur die Demokratische Partei sondern alle mehr oder weniger multiperspektivischen Kräfte in den letzten vier Jahren von Grund auf erneuert. Es entstehen neue Koalitionen auch mit Konservativen ( -> Lincoln Project ), mit der „man muss es richtig machen“ Fraktion am linken Rand hingegen nicht.

Monoperspektivisches Denken findet sich überall im politischen Spektrum, verstärkt allerdings an den Rändern – auf der rechten Seite ebenso wie auf der linken.

Trump hat der Erneuerung des Denkens hin zum Multiperspektivischen gut getan, es war nicht seine Absicht aber es war seine Funktion. Das neue Denken, es wäre ohnehin gekommen. Nach Trump kommt es nun umso schneller.

Das ist, was ich sehe.