Modernes Leben

Über den studentischen Emailverteiler der Universität der Künste, Berlin werden immer wieder Ateliers, WGs oder Wohnungen angeboten oder gesucht. Ich lese die Beschreibung einer WG mit angeschlossenem Atelier. Fünf Menschen leben und arbeiten zusammen in einer alten Fabriketage. Ein Zimmer ist frei. 400 Euro inkl. DSL und Nebenkosten. Das Zimmer hat 16 qm, plus Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsatelier. Wohnen und arbeiten für Architekten und Designer. Es ist ein Bild abgehängt. Zu sehen: ein karger Raum mit Tischen auf denen silberne Laptops stehen.

Sweatshop denke ich.

Die Singer-Nähmaschine von gestern ist das Macbook Air von heute.

Fuck the Story

In spring 2013 I went to Austin for the SXSW-conference. On my first day there, I went by random into one of the many talks. A young guy, who was introduced as a brilliant thinker and maybe the next Steve Jobs went on stage. He told a well crafted story, about the problems of the world and how they can be fixed – a great talk.

He had thought carefully about his story, it was a very convincing story. But – and it took me quite a while to realize – what he said, was pretty banal. It felt new and exciting, but it was not.

A great story, almost no content. And I am sure the guy had spent much more time thinking about his story than thinking about what he wanted to say – these are two different things. But so often people take the story for the content and vice versa. The authors as well, as the audience.

A story is a construction, and if we build this construction in a way, that it lets us see things, that we could not see without the construction: it is a good thing! If the construction functions as a tower that lets us look into the distance: Great!

And sometimes stories do exactly that. They let us see things.

But most often the story is a construction, that is in between us and the thing we are interested in. Like a wall. So we look at the wall, not at the thing, that is behind it. The author puts a wall between the audience and the reality behind the wall.

So the audience watches the wall, and they even might enjoy it. Because it might be a pretty pretty wall. But is that really, what we want?

I rewired my brain using Korsakow over the last 13 years, and I have to say: I don’t enjoy it any more to watch the wall. I enjoy complexity (at least to a certain point), I enjoy that an informed author shows me around, but does not tell me what to think.

Korsakow is a tool that allows authors to create open narratives. Flexible films. The author does not pre-think the paths. The author of a Korsakow-film is like a guide that shows you his favorite places, but he does not tell you what to think.

But I often get the criticism: people say: “This is boring”. These people say, that the audience wants to get a story told and that the audience does not want to do the work of the author. And I agree to a certain point. It is not about the audience doing the work of the author. There still needs to be a strong author that works – hard – do create meaningful viewpoints; a strong author that voices his opinion, a strong author that simplifies reality to a point that it can be understood without spending too much time.

But I have to say: I get terribly frustrated if authors oversimplify. And it seems to me, that this is what authors usually do for the sake of the story. The story needs it simpler, than the audience. And I can see this everywhere: In documentary films, in journalism, in politics. People get more and more frustrated with that. Just like me, who rewired his brain with Korsakow. Other people are currently re-wireing their brains with the internet.

It is the beauty of computer-based storytelling, that you have more freedom. More freedom as an author, more freedom as the viewer. Open and flexible stories can be done in a way it can not be done in a film. And it can be done better, on a computer than in any other medium.

I totally dislike, when the author pre-thinks the story. When the author seduces the audience to think, what he or she wants them to think. By using cheap tricks. The cheap tricks of storytelling, perfected in linear film.

Most of the time, I am audience as well. And when I sense, how I get seduced by an author, and I notice that, when I recognize the tools of drama, when the story is _too_ good: I get an allergic reaction and:

I do not believe the story – I just don’t buy it.

When I make a korsakow-film ( the last one is geld.gr – Money and the Greek, a Korsakow-film about the financial crisis in Greece ) I don’t want to convince anyone of anything. I want to discuss ideas. In this case the ideas that I found on my travels in Greece and talking with people.

The goal of a good Korsakow-film is not to come up with answers. Good Korsakow-films generate questions. And I think we don’t have to focus any more on the answers answers. There is a paradime shift. For a few years now, we live in the time of answers. Every smartphone is the gate to the answers. This is a new thing. I remember very well how difficult it was to get the them.

Now that we have the answers it is time to find the right questions.

Stories give answers.

Good nonlinear narratives create relevant questions.

This is, what I am looking for.

Das Geschenk oder der Versuch, die Vergangenheit zu ändern

Bayern, 24. Dezember 2012

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, mussten wir in der Schule im Werkunterricht eine Laubsägearbeit anfertigen. Wir sollten ein Schlüsselbrett basteln. Nach einer Vorlage mussten wir die Form eines Schlüssels aussägen, an vorgegebenen Stellen wurden Löcher gebohrt, in die wir dann vorbereitete Holzstifte einklebten, an denen man später die Schlüssel aufhängen konnte. Anschließend sollten wir das Ding bemalen.

Ich hatte keinen Spass an der Sache. Die Form des Schlüssels hat mir nicht gefallen, weil der Schlüssel nicht so aussah, wie die Schlüssel, die ich kannte und ich hatte keine Freude daran, ein Schlüsselbrett herzustellen, das genau so aussah, wie das der anderen Kinder.

Beim anmalen ging irgendetwas schief, ich erinnere mich, wie ich mit meinem Schlüsselbrett am Tisch der Lehrerin stand. Sie nahm mir das Brett aus der Hand, übermalte, was ich schon gemalt hatte, mit brauner Farbe und pinselte mit schnellen Bewegungen grüne und orangene Halbkreise darauf. Dann gab sie mir das Schlüssebrett zurück und ich lieferte es zu Hause ab.

Dort wurde es neben der Wohnungstür aufgehängt und die Geschichte war 30 Jahre lang vergessen.

Meine Frau, die die Kunst versteht, auf Kleinigkeiten zu achten, brachte sie wieder an die Oberfläche. Wir waren für ein paar Tage zu Besuch bei meinen Eltern und als wir zwischendurch das Haus verließen, starrte ich jedesmal für ein paar Sekunden ins Leere, wenn ich meinen Schlüssel von eben jenem Brett nahm. Sie fragte sie mich, was los sei. Und so kam die Erinnerung an eine der größten Niedelgagen meines künstlerischen Lebens wieder aus den Tiefen der Sprachlosigkeit an die Oberfläche.

Ich habe die Geschichte meiner Familie an Weihnachten erzählt und ein Jahr später ein neues Schlüsselbrett mitgebracht. Zu meiner Überraschung kam es zu hitzigen Diskussionen, als ich am Weihnachtsabend das alte Schlüsselbrett abmontierte. Mein Vater erklärte, dass er es mochte und zumindest in der Garage für sein Werkzeug benutzen wolle. Ich wollte es verbrennen. Mein Bruder nannte mich hysterisch und sagte, dass ich ein seltsames Verhältnis zu Eigentum hätte, schliesslich hatte ich das Brett ja irgendwann mal meine Eltern geschenkt. Schließlich gab ich meinem Vater das Schlüsselbrett mit den Worten:
“Es ist Deines, Du kannst damit machen, was Du willst, aber Du musst wissen, dass es mich sehr verletzt, wenn Du es weiter benutzt.”

Er antwortete umgehen: “Prima, dann hänge ich es in der Garage auf.”

Geschichten

Ich bin Geschichten gegenüber mißtrauisch. Sie gaukeln uns das Leben vor, aber sie folgen ihren eigenen Regeln.

Regeln, die mit dem Leben nichts zu tun haben.

Lächerlich

Mein Musiklehrer auf dem Gymnasium dachte, dass an uns Bauernbengeln ohnehin Hopfen und Malz verloren sei. Und so unternahm er gar nicht erst den Versuch, uns Musik nahezubringen. Musik, das war für ihn klassische Musik und er machte seinen Unterricht in unserer Klasse nur für eine Person. Claudius Christl spielte Klavier und galt als musikalisches Wunderkind. Zumindest in meiner kleinen Welt. Das machte Claudius für mich völlig inakzeptabel, und ich bedauere meine damalige Dummheit noch immer, denn mit den anderen Bauernbengeln verstand ich mich auch nicht.

Woran Bob Marley gestorben sei, hatte ein Mitschüler meinen Musiklehrer gefragt. “Bob Marley? An Drogen”. Bob Marley war an Krebs gestorben und so war von da an alles, was mein Musiklehrer über Musik sagte, falsch. So ging die klassische Musik an mir vorbei. Und auch das bedauere ich.

Mein Musiklehrer war ein lustiger alter Mann. Und es war ihm völlig egal, was wir (und vielleicht auch unsere Eltern) über ihm dachten. Er war um seinen Ruf nicht besorgt. Das hat mir imponiert. Um uns zu unterhalten, hat er bei jeder Gelegenheit Kniebeugen gemacht. Wenn jemand eine Frage richtig beantwortete: 10 Kniebeugen. Bei der zweiten richtigen Antwort 20 Kniebeugen. Dann 30. Und die Kinder lachten. “Ihr lacht”, sagte mein Musiklehrer “und ich mache Kniebeugen. Und das ist gesund.”

“Wenn das Publikum lacht, dann war der Künstler erfolgreich” hat er einmal gesagt. Dieser eine Satz hat meinen Musiklehrer zu einem großartigen Lehrer gemacht.