Fliegen

2009_frauImZug

Berlin – Frankfurt, 21. April 2009

Mir gegenüber im Zug sitzt eine Frau, einfach gekleidet, vielleicht 50 Jahre alt. Sie trägt einen großen Stein an einem Lederband um den Hals. Sie sieht weich aus, friedlich… ich stelle mir vor, wie sie einem kleinen Haus wohnt, unaufgeregt, am Abend Fern sieht. Vor mir auf dem Tisch meine Kamera, mein i-Pod-Touch, mein eitles, kleines Notizbuch. Ich verliebe mich ein wenig in den zufriedenen Blick dieser Frau, vor ihr nur ein zerknittertes Zugticket aus dem Automaten. Für einen kurzen Moment treffen sich unsere Blicke. Nur eines ihrer Augen bewegt sich, das andere ist starr. Sie schaut aus dem Fenster nach oben, so als würde sie die Wipfel der vorbeifliegenden Bäume betrachten. Doch sie blickt noch nach oben, als der Zug den Wald schon längst wieder verlassen hat. Der Himmel ist gleichmässig grau.

Gerichtsmedizinische Obduktion

Leipzig, 19. Januar 2006

Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen.

Die Leiche eines jungen Mannes, 27 Jahre, meine Statur, wird geoeffnet. Ein schaebiger Raum mit schmutzigen Fenstern und gesprungenen Kacheln. Angerostete Metallschraenke. Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich den Mut hatte, meinen Blick auf die nackte Leiche zu richten.

Eine bulliger, ziemlich unansehnlicher Mann mit kleinen Augen und fliehender Stirn ist fuer alles handwerkliche zustaendig. Hat Bauch und Brust aufgeschnitten und mit einer schweren Schere die Rippen durchtrennt. Hat mit einem Schoepfloeffel das Blut aus dem Brustraum in Messbecher geschoepft. 2 1/2 Liter lang.

Der Koerper ist kein Mensch. Die Haut nur Huelle, die man wie ein Kleidungsstueck abstreifen kann. Der Inhalt banal und bekannt. Alle Organe habe ich schon beim Metzger in der Auslage gesehen. Ich dachte, der Mensch ist kompliziert, undurchschaubar. Und doch nur eine kleine Zahl verschiedener Organe. Jeder Automat gleich. Keine Mystik. Ein unangenehmer Geruch. Die Organe werden mit vorgeschriebenen Schnitten zerteilt um daraus zu lesen. Um auf Krankheitsbilder zu stossen. Auf Anomalien.

Das Gehirn ist von allen Organen das schoenste. Das Grau und Weiss, zarte Strukturen. Ein Menschenleben, Erinnerungen und Gefuehle, Triebe, Schuld liegt auf einem abgenutzten Edelstahltisch. Ein Medizinstudent schneidet das Organ in Scheiben.

Man ist ein anderer Mensch, wenn man so etwas gesehen hat, wird Lucie spaeter sagen, und, dass jeder Mensch so etwas mal gesehen haben sollte.

Ich fuehle mich schuldig. Als haetten mich meine Elten erwischt, wie ich Pornobilder ansehe. So als wuerde ich etwas sehen, was ich nicht sehen duerfte. Und doch ist es gut. Es ist ein von der Erkenntnis probieren.

Weiße Würste

ww-girls

Berlin, 14. Dezember 2005

Samstags gab es frueher immer Weisswuerste. Zum Mitagessen. Ich habe die Weisswuerste gehasst. Freitag Nacht war ich immer mit meinen Freunden unterwegs. Am Samstag um zwoelf Uhr rief mich meine Mutter zum Essen. Der Kopf schmerzte, mir war kotzuebel. Weisswuerste isst man mit suessem Senf. Dazu eine Breze mit Butter. Der Bayer in der Werbung trinkt ein Glas Weizen-Bier dazu. Ich trank Milch.

Seit 13 Jahren lebe ich in Berlin. 450 km weit weg von Schwandorf, von da, wo ich her bin.

Jetzt kann man auch in Berlin Weisswuerste kaufen. Es sind die selben Weisswuerste, die ich frueher nicht mochte. Die Schwandorfer Metzgerei Wolf hat expandiert. Sie hat einen Laden aufgemacht, im funkelnagelneuen Shopping-Center am Potsdamer Platz. Und nicht nur Weisswurste gibt es da. Man kann auch eine Leberkaesesemmel essen. Da wird so einem wie mir immer ganz weich ums Herz….

Fuer eine wolfsche Leberkaesesemmel haben wir in den Pausen immer illegal die Schule verlassen. Denn auf der gegenueberliegenden Strassenseite war die Metzgerei. Jeden Tag eine Heldentat.

Der Profi besteht beim suessen Senf uebrigens auf Händlmayer-Senf. Der kommt aus Regensburg, und den gibt es sogar in New York, im exklusiven Feinkostgeschaeft Dean & Deluca in Soho. Im den Potsdamer-Platz-Arkaden ist er billiger.

Artlöcher

Amsterdam, 28. November 2005
Ein indisches Restaurant in Amsterdam. Das Essen ist teuer, die Portionen klein. Ein Handwerker verlegt über unseren Köpfen ein Telefonkabel. Mir gegenüber sitzen drei Künstler. Es wird das unisperierteste Tischgespräch meines Lebens. Jeder der drei nur in der Lage in kryptischen Saetzen über die eigene Arbeit zu sprechen. Schlaue Worte, die keinen Sinn ergeben. Jeder hört niemandem zu.

Vorstadt international

Dublin, 27. September 2005

Man moechte eine leere Cola-Dose hineinschmeissen, in diese abgezirkelte Ordnung. Die leere Dose als Spur von Leben inmitten der antiseptischen Rasenrechtecke begrenzt von Betonmauern und Zaeunen. Eine irische Vorstadt sieht aus wie eine Vorstadt in Australien, Singapur oder Oesterreich: amerikanisch. Wer hat diesee wahnsinnigen Einfaelle gehabt, alles gleichzumachen und alles in Quadrate zu pressen? Und warum um Himmels willen konnte diese Vision Wirklichkeit werden? Ein Virus, der sich ausbreitet und die ganze Welt mit Vorstaedten ueberzieht.