Wie Vieh

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NYC, Montag 20. Juni 2005

Es ist laut und es stinkt. Ab und zu laufen Ratten aufgeregt zwischen den Gleisen hin und her. Die U-Bahn in NY ist die schlimmste, die ich jemals gesehen habe. Unmengen von Menschen quetschen sich durch schmierige und verwinkelte Gaenge, ueber enge Treppen. Staendig fallen Zuege aus, Gummibaender sperren ganze Bahnsteige ab, aus den Lautspraechern droehnen unverstaendliche Durchsagen. Manchmal gibt es, wenn der Zug nicht faehrt, einen Shuttle-Bus-Service. Manchmal nicht.

Ein Schock sind die massiven Stahl-Dreh-Tueren, durch die man an einigen Stationen hindurchmuss. Es gibt sie in zwei Variationen. In schwarzem Stahl, oder die etwas modernere Edelstahl-Variante. Modell “Kerker” und Modell “Schlachthaus”.

Mädchenwohnung

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Brooklyn, Montag 13. Juni 2005

Die Waende im Schlafzimmer sind lila. Ueberall haengen Fotos von ihr. Von ihr und manchmal von ihr und von ihm. Ihn kenne ich. Er heisst Daniel. Die beiden sind seit zwei Jahren verheiratet. Im Regal steht ein Buch “Elegant Wedding”. Vor kuzem hat er sie verlassen. Sie hat gelogen und gestohlen, es ging nicht mehr. Jetzt macht sie eine Drogentherapie. Am Ende des Monats wird er die Wohnung aufloesen. Daniel ist froh, dass ich fuer ein paar Tage die Miete uebernehme. New York ist teuer. Daniel hat sich eine neue Wohnung gesucht. Er will nicht, dass sie ihn finden kann, wenn sie aus der Therapie entlassen wird.

Ich bin seit drei Tagen hier. Schoene Wohnung. Aber wenn ich im Treppenhaus Schritte hoere, schrecke ich auf. So viele Bilder von ihr, aber es mag kein Bild von ihr entstehen. Sie heisst Natalie. Es liegen Briefe herum. Und so wahnsinnig viel voellig belangloses Zeug. Hochglanz-Magazine, in denen die Welt der Schoenen und Reichen beschrieben wird. Ich blaettere sie durch und fuehle mich unwohl. Doeschen mit Schlankheitspillen stehen auch ueberall herum. Natalie hat 12 Jahre hier gewohnt und ist immer dicker geworden. Eine schoene Wohnung. Viele Fenster, sehr hell. Holzfussboden. Nachts um drei Uhr veranstalten Kids aus dem Haus nebenan ein Rennen mit frisierten Mopeds. Um 7 Uhr 30 weckt mich ein wummernder Bass. Dancefloor-Musik aus einer Nachbar-Wohnung. Ich habe einen sehr tiefen Schlaf. So schnell weckt mich nichts auf. Hier ist nicht ein Ort an dem die Menschen viel Ruecksicht aufeinander nehmen.

Terrorismus

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Queens, 12. Juni 2005

Merkwuerdige Zeiten sind das. Merkwuerdige Gedanken hat man, wenn man ein Flugzeug am Himmel sieht. Dabei leben wir in einer friedvollen Welt. Vor kurzem stand es auf Spiegel-Online. Im letzten Jahr sind bei Terroranschlaegen weltweit 2600 Menschen ums Leben gekommen. Einschliesslich Irak. Das ist sozusagen niemand. Von BBC-World habe ich folgende Zahl: Pro Jahr sterben bei Verkehrsunfaellen ungefaehr 15 Millionen Menschen. Rein rechnerisch wird man also 5769 mal vom Auto ueberfahren, bevor man einem Terroranschlag zum Opfer faellt. Meine amerikanischen Freunde auf Kens Grillparty in Queens sind nun beruhigt.

DIN

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Williamsburg, 11. Juni 2005

James hat sich einen Deckenventilator gekauft. Der Ventilator soll da hin, wo vorher die Lampe war. Ich stehe mit Rat und die Taschenlampe haltend zur Seite. Alte Pappe und Elektokabel-Isolation broeselt von der Decke. Ich habe in Berlin auch schon Altbauwohnungen renoviert. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nackter Draht kriecht aus dem Dunkel der Zwischendecke. Ich kann es mir nicht verkneifen: “Also der Deuschen Industrie Norm entspricht das ja wohl eher nicht”, sage ich zu James, und bereue es sofort. Ich bin so ein Spiesser…

Wilde Tiere

Bela Rechka, Bulgarien, 22. Mai 2005

Ich habe einen Wolf gesehen. Und ich hatte keine Angst. Nicht weil ich mutig bin, sondern ahnungslos. Mit zwei Bulgaren lief ich die naechtliche Dorfstrasse entlang, auf dem Weg zu unserer Unterkunft. Zuerst dachten wir, es ist eine Ziege, die nachts durchs Dorf laeuft. Oder ein grosser Hund. Aber in Bela Rechka gibt es keine Hunde, die so gross sind. Der Wolf steht fuenf Meter weit entfernt am Strassenrand. Mit einer geschmeidigen Bewegung verschwindet er im Gebuesch. Ein Stueck weiter springt er wieder auf die Strasse. Er beobachtet uns. Wahrscheinlich ueberlegt er sich, ob wir essbar sind. Wir sind essbar! Im Schein der Taschenlampe glitzern seine Augen. Meine bulgarischen Freunde sind kreidebleich. Sie haben auch noch nie einen Wolf gesehen.