Über das Lachen

Berlin, 18. April 2013

Die Leute lachen. Wenn sie etwas zuerst nicht verstehen. Und dann doch. Aber anders, als sie es zuerst verstanden haben. Wenn die vermutete Realität nicht passt und dann von der neuen Realität überlagert wird. Wenn die neue Realität “einklickt”. Das ist der Moment.

Leute lachen, wenn andere Leute da sind. Zumindest lachen sie dann leichter. Vielleicht statt zu sagen: “Oh, ich bin jetzt wieder in der Realität angekommen – ich war einen Moment abgelenkt.” Lachen als Entschuldigung.

Manchmal ist es ein Wettrennen. Wer als erster lacht, ist als erster angekommen. Und damit die anderen davon mitbekommen, macht der Sieger mit dem Lachen auf sich aufmerksam. Und die anderen lachen dann auch. Oder auch nicht. Wenn nicht, dann hat sich der vorschnelle Lacher blamiert. Oder gezeigt, dass er verrückt ist. Verrückt gegenüber der Realität. Dann ist der vorschnelle Lacher kein Sieger, sondern ein Spinner.

Was Realität ist, bestimmen die anderen.

Kunstfilm vs. Dokumentarfilm

EMAIL-KONVERSATION MIT MICHAEL HOHL:

**Was ist der Unterschied von Kunst-Film zu Dokumentarfilm? Im Dokumentarfilm wird der Anspruch erhoben ‘eine’ objektive Realitaet zu zeigen. Im Kunstfilm wird ganz bewusst der Anspruch erhoben die subjektive Realitaet des Kuenstlers zu zeigen.
Wir beide wissen aber das da kein grosser Unterschied ist, ausser das eben jeweils ein Anspruch erhoben wird. Der Dokumentarfilm hat Fakten. Der Kunstfilm hat …. (was?).**

Ich kenne den Begriff ‘Kunstfilm’ als solchen nicht. Aber ich glaube, wir wissen was gemeint ist.

Du hast Recht, Film ist Film, da ist nicht viel Unterschied. Es ist die Haltung die den Unterschied macht. Zu sagen “ich sehe” vs. zu behaupten “es ist”.

Ich glaube sogar, dass man, für die (moderne) Kunst als solche sprechen kann, wenn man sagt: Sie bekennt sich zur Subjektivität und kann damit radikalere und im besten Fall ‘klarere’ Blickwinken erschliessen. Im schlechten Fall (& vermutlich meistens) sind die Erkenntnisse belanglos und banal. Das ist der Preis.

Beim Dokumentarfilm schneidet man alles raus, was nur nach ‘belanglos’ riecht. In der Hoffnung, dass das Relevante übrig bleibt. Doch was ist ‘relevant’ oder ‘belanglos’? – Das wird erst die Zeit zeigen. Der Preis ist, dass man in der Beurteilung von dem was ‘belanglos’ und was ‘wichtig’ ist, völlig in dem Denken der Zeit (der Entstehung des Films) gefangen ist. Daher driften die Dokumentarfilme (Filme) mit der Zeit aus der Zeit, gelungenen Kunst(filmen) passiert das viel weniger.

**Vielleicht ist ja Korskow auch wieder nur eine subjektive methode des Dokumentarfilms und wir koennen garnicht ‘raus’ aus dem subjektiven Autorendasein? (Ausser wir machen filme mit wahllos ausgewaehlten videos von Überwachungskameras).**

Korsakow ist subjektiv! Es kann auch gar keine Objektivität geben. Was sollte das sein? Das Auge Gottes? Wir können uns selbst und das was uns umgibt nur aus unseren Augen sehen.

**Dann ist da noch die Frage:
Wo wollen wir hin?**

Weitere Formen zu finden und zu erforschen, mit denen wir die Welt sehen und diskutieren können.

**Was ist der Anspruch?**

Wir wollen das Wissen um die Welt die uns umgibt erweitern.

**Was macht das neue Format anders obwohl es wie das alte wahrgenommen werden kann?**

Film vs. Korsakow-film?

Film kommuniziert lineare Kausalität. Korsakow kommuniziert mannigfaltige Bezüge.

**Warum brauchen wir neue Erzaehlweisen?**

Zur Erweiterung unseres Toolsets.

**Was ist da anders beim Kunstfilm? Wie kann man das nutzen? Vielleicht machen die das ja schon lange, aber eben nur linear als ungewolltes resultat technischer Grenzen?**

Kunstfilm beschäftigt sich schon lange mit dem Problem, dass linearerer Film eine immanente Wahrheit gebiert (Objektivität behauptet). Kunstfilm arbeitet somit gegen die Form des Films an. Der Ansatz ist gut: Die Subjektivität des Blinkwinkels nicht verschleiern zu wollen, aber Kunstfilm scheitert (meist) an der Form des linearen.

Korsakow behauptet (aus der Form heraus) Subjektivität. Damit kann der Betrachter nach einem subjektiven oder objektiven Betrachtungswinken streben, er kann beides mischen, ohne Gefahr zu laufen “objektiv sein zu wollen”, und damit im gleichen Umfang aus der Zeit zu laufen, wie der lineare Film.

Film generiert Aussagen. Korsakow generiert Fragen.

Kunstfilm versucht Film zu benutzen, Fragen zu generieren. Ich will gar nicht sagen, dass das immer scheitert. Es ist nur wahnsinnig mühselig, weil es so sehr gegen die Form ist.

Mitdenken

27. März, Thessaloniki

Nach der Korsakow-Show im Olympion, dem schönsten und größten Kino im Thessaloniki, gehen wir mit ein paar Freunden und Beteiligten Essen. Ich frage Olga Drossou, die Chefin der lokalen Dependance der Heinrich-Böll-Stiftung, wie ihr die Veranstaltung gefallen hat. Sie antwortet:

“Ach, es war schrecklich!” nichts, was nicht schon tausend Mal gesagt worden sei. Wenn man das Fernsehen anmachen würde, das Radio, auf allen Kanälen werde über die Krise diskutiert, alle Zeitungen schrieben darüber, seit mehr als zwei Jahren ginge das so, sie könne es nicht mehr hören. Der Abend hätte keine weiteren Erkenntnisse gebracht, eine sinnlose Veranstaltung!

Fast ummittelbar darauf, wendet sich Athi Wiedemayer an mich – sie ist griechische Deutschübersetzterin und unterrichtet an der Uni. Sie hat ihre Studenten in die Veranstaltung geschickt und bedankt sich überschwänglich. Sie hätte nicht gewusst, was das Publikum an diesem Abend erwarten würde und war in Sorge, wie es ihren Studenten gefiele. Die seinen begeistert gewesen, hätten nach der Veranstaltung vor dem Kino gestanden und noch lange diskutiert. Mehrere Studenten seinen zu ihr gekommen und hätten sich bedankt. Sie solle ihnen unbedingt Bescheid geben, wenn wieder so etwas stattfinden würde!

Olga Drossou hat recht. Es ist an diesem Abend nichts neues gesagt worden. Doch die Wirtschaftskrise in Griechenland stellt das Lebenskonzept der meisten Menschen in Frage. Das löste ein Trauma aus und was sollte helfen, mit diesem Trauma umzugehen, als darüber zu sprechen?

Für mich ist spannend zu sehen, dass die jungen Leute begeistert waren. Sie sind es, die die Karre aus dem Dreck ziehen müssen. Auf die jungen kommt es an, diejenigen, die in der Lage sind, mit einem neuen “Mentality” (wie es Charis, einer der Protagonisten in GELD.GR ausdrückt) in die Zukunft zu gehen, denn die alten Strukturen tragen nicht mehr.

Theoretisch ist alles längst besprochen, alles betrachtet, alles gesagt. Frau Drossou (die ich, nicht nur für Ihre Direktheit sehr schätze) hat wohl begriffen, wo die Probleme liegen, wenn nun noch das Volk begreifen würde…

Die Jugend scheint niemand zu fragen. Es wird über ihre Köpfe hinweg diskutiert. Korsakow bringt die Zuschauer mit auf die Bühne. Jedes einzelne Hirn ist gefragt. Ein kleiner Laserpointer in der Hand, ein wenig mehr Mitsprache, die Kanäle offen für die Gedanken des Publikums.

Die jungen Menschen haben es dankbar angenommen. Die Möglichkeit, dass mit ihnen diskutiert wird. Auf hohem Niveau. Und nicht über ihre Köpfe hinweg.

Jeder ein Künstler

Welch saudummer Slogan: “In jedem steckt ein Künstler”. Vielleicht steckt sogar in jedem ein Künstler, aber dann sicherlich nur in dem Maß, in dem in jedem ein Steuerberater steckt, oder ein Fernsehdirektor. Der Rest ist Arbeit. Natürlich kann jeder ein Bild malen. Oder ein Foto machen. Oder Worte zu Parier bringen. Oder ein Lied singen.

Jeder ist ein Künstler?

Und so, wie Eltern die Kritzeleien ihrer Kinder anschauen und Genialität hineinsehen, haben wir und angewöhnt, all den Mist, der ununterbrochen fabriziert wird, fasziniert zu betrachten und die wundervolle Vielfalt zu bewundern. Und es fällt uns gar nicht mehr auf, dass dabei ein schrecklicher Brei herausgekommen ist. Hässlich und uninspiriert, weil nur bunt aber bedeutungslos.

Was macht einen Künstler aus?

Der Künstler braucht die nötigen Ressourcen, sich lange und intensiv mit einem Thema zu beschäftigen und das, ohne am Anfang zu wissen was – und ob – am Ende etwas brauchbares herauskommt. Das hat er mit einem Grundlagenforscher gemeinsam, im Gegensatz zu einem Ingenieur (der ganz und gar zielorientiert arbeitet).

Weil sich die Gesellschaft aber angewöhnt hat, so viele als Künstler zu sehen, sind die Ressourcen, die jedem einzellnen Künstler zu Teil werden, immer kleiner geworden.

Es geht nicht darum, den ‘besten’ Künstler zu finden, um diesem dann die Ressorcen zu geben. Es geht darum, irgendjemanden zu haben, der den Job macht. Der bereit ist, sich in jahrelanger, mühseliger und bisweilen niederschmetternd frustrierender Kleinarbeit mit einem Thema zu beschäftigen, ohne zu wissen, ob die Arbeit irgendwann Sinn machen wird. Jemand muss diese Grundlagenforschung betreiben! Und die künstlerische Grundlagenforschung muss mit den nötigen Ressourchen ausgestattet sein, genauso wie jeder Forscher die nötigen Ressourcen braucht, um vernünftig arbeiten zu können.

Statt dessen zieht sich die Gesellschaft ein Heer von schlecht ausgebildeten, schlecht ausgestatteten, hochabitionierten Kleinkünstlern heran, die alle nur wild durcheinanderplappern. Es ist ein furchtbarer Krach.

Modernes Leben

Über den studentischen Emailverteiler der Universität der Künste, Berlin werden immer wieder Ateliers, WGs oder Wohnungen angeboten oder gesucht. Ich lese die Beschreibung einer WG mit angeschlossenem Atelier. Fünf Menschen leben und arbeiten zusammen in einer alten Fabriketage. Ein Zimmer ist frei. 400 Euro inkl. DSL und Nebenkosten. Das Zimmer hat 16 qm, plus Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsatelier. Wohnen und arbeiten für Architekten und Designer. Es ist ein Bild abgehängt. Zu sehen: ein karger Raum mit Tischen auf denen silberne Laptops stehen.

Sweatshop denke ich.

Die Singer-Nähmaschine von gestern ist das Macbook Air von heute.