Das Geschenk oder der Versuch, die Vergangenheit zu ändern

Bayern, 24. Dezember 2012

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, mussten wir in der Schule im Werkunterricht eine Laubsägearbeit anfertigen. Wir sollten ein Schlüsselbrett basteln. Nach einer Vorlage mussten wir die Form eines Schlüssels aussägen, an vorgegebenen Stellen wurden Löcher gebohrt, in die wir dann vorbereitete Holzstifte einklebten, an denen man später die Schlüssel aufhängen konnte. Anschließend sollten wir das Ding bemalen.

Ich hatte keinen Spass an der Sache. Die Form des Schlüssels hat mir nicht gefallen, weil der Schlüssel nicht so aussah, wie die Schlüssel, die ich kannte und ich hatte keine Freude daran, ein Schlüsselbrett herzustellen, das genau so aussah, wie das der anderen Kinder.

Beim anmalen ging irgendetwas schief, ich erinnere mich, wie ich mit meinem Schlüsselbrett am Tisch der Lehrerin stand. Sie nahm mir das Brett aus der Hand, übermalte, was ich schon gemalt hatte, mit brauner Farbe und pinselte mit schnellen Bewegungen grüne und orangene Halbkreise darauf. Dann gab sie mir das Schlüssebrett zurück und ich lieferte es zu Hause ab.

Dort wurde es neben der Wohnungstür aufgehängt und die Geschichte war 30 Jahre lang vergessen.

Meine Frau, die die Kunst versteht, auf Kleinigkeiten zu achten, brachte sie wieder an die Oberfläche. Wir waren für ein paar Tage zu Besuch bei meinen Eltern und als wir zwischendurch das Haus verließen, starrte ich jedesmal für ein paar Sekunden ins Leere, wenn ich meinen Schlüssel von eben jenem Brett nahm. Sie fragte sie mich, was los sei. Und so kam die Erinnerung an eine der größten Niedelgagen meines künstlerischen Lebens wieder aus den Tiefen der Sprachlosigkeit an die Oberfläche.

Ich habe die Geschichte meiner Familie an Weihnachten erzählt und ein Jahr später ein neues Schlüsselbrett mitgebracht. Zu meiner Überraschung kam es zu hitzigen Diskussionen, als ich am Weihnachtsabend das alte Schlüsselbrett abmontierte. Mein Vater erklärte, dass er es mochte und zumindest in der Garage für sein Werkzeug benutzen wolle. Ich wollte es verbrennen. Mein Bruder nannte mich hysterisch und sagte, dass ich ein seltsames Verhältnis zu Eigentum hätte, schliesslich hatte ich das Brett ja irgendwann mal meine Eltern geschenkt. Schließlich gab ich meinem Vater das Schlüsselbrett mit den Worten:
“Es ist Deines, Du kannst damit machen, was Du willst, aber Du musst wissen, dass es mich sehr verletzt, wenn Du es weiter benutzt.”

Er antwortete umgehen: “Prima, dann hänge ich es in der Garage auf.”

Geschichten

Ich bin Geschichten gegenüber mißtrauisch. Sie gaukeln uns das Leben vor, aber sie folgen ihren eigenen Regeln.

Regeln, die mit dem Leben nichts zu tun haben.

Lächerlich

Mein Musiklehrer auf dem Gymnasium dachte, dass an uns Bauernbengeln ohnehin Hopfen und Malz verloren sei. Und so unternahm er gar nicht erst den Versuch, uns Musik nahezubringen. Musik, das war für ihn klassische Musik und er machte seinen Unterricht in unserer Klasse nur für eine Person. Claudius Christl spielte Klavier und galt als musikalisches Wunderkind. Zumindest in meiner kleinen Welt. Das machte Claudius für mich völlig inakzeptabel, und ich bedauere meine damalige Dummheit noch immer, denn mit den anderen Bauernbengeln verstand ich mich auch nicht.

Woran Bob Marley gestorben sei, hatte ein Mitschüler meinen Musiklehrer gefragt. “Bob Marley? An Drogen”. Bob Marley war an Krebs gestorben und so war von da an alles, was mein Musiklehrer über Musik sagte, falsch. So ging die klassische Musik an mir vorbei. Und auch das bedauere ich.

Mein Musiklehrer war ein lustiger alter Mann. Und es war ihm völlig egal, was wir (und vielleicht auch unsere Eltern) über ihm dachten. Er war um seinen Ruf nicht besorgt. Das hat mir imponiert. Um uns zu unterhalten, hat er bei jeder Gelegenheit Kniebeugen gemacht. Wenn jemand eine Frage richtig beantwortete: 10 Kniebeugen. Bei der zweiten richtigen Antwort 20 Kniebeugen. Dann 30. Und die Kinder lachten. “Ihr lacht”, sagte mein Musiklehrer “und ich mache Kniebeugen. Und das ist gesund.”

“Wenn das Publikum lacht, dann war der Künstler erfolgreich” hat er einmal gesagt. Dieser eine Satz hat meinen Musiklehrer zu einem großartigen Lehrer gemacht.

Vergangenheit

Herr Koch ist 80 Jahre alt, er liegt mit mir im selben Zimmer im Benjamin Franklin-Krankenhaus in Berlin. Nachdem wir zwei Tage kaum ein Wort gewechselt haben beginnt er plötzlich zu erzählen. Er erinnere sich an die Russen, wie sie  kamen und die Frauen vergewaltigten. Sie alle waren in einem Keller, er beschreibt einen Mann, der mit einem Maschinengewehr herumfuchtelte. Sie alle mussten zusehen, den Soldaten war das egal. Er habe ein Freundin gehabt, die sei 12 Jahre alt gewesen, die habe die Tortur durch die Soldaten nicht überlebt. Seine Mutter sei auch vor seinen Augen vergewaltigt worden. Er war damals 14 Jahre und habe nichts tun können. Wer so etwas erlebt, sagt Herr Koch, da entwickelt man so einen Hass. Wenn es gegen die Russen gegangen wäre, er hätte sich als erster gemeldet. Mittlerweile, sagt Herr Koch, sei er darüber hinweg. Er hege keinen Groll mehr.