Eine gruselige Geschichte

Der Ted Talk von Simon Sinek ist eine gruselige Geschichte. Der 8 Jahre alte Ted-Talk “How great leaders inspire action” von Simon Sinek spricht mir einerseits aus dem Herzen, doch gleichzeitig wird mir fast körperlich schlecht.

Simon Sinek beschreibt, was einen erfolgreichen Innovator ausmacht. Welche Fragen er sich in welcher Reihenfolge stellt und warum diese Reihenfolge wichtig ist und Erfolg nach sich zieht.

Ich denke an Donald Trump. Die Figur Donald Trump stellt sich genau so dar: als erfolgreicher Innovator, der völlig von dem überzeugt ist, was er sieht. Und genau diese Qualität macht ihn für viele Menschen so überzeugend. Doch Donald Trump ist leider kein erfolgreicher Innovator, seine Ideen sind langfristig höchstwahrscheinlich sehr, sehr schlecht. Seine Utopien werden sich vermutlich als überwiegend sinnlose Geschichten entpuppen. Aber das faszinierende: Trump scheint sich selbst fest zu glauben, mit jeder Faser seines Selbst. Seine Überzeugtheit macht ihn so überzeugend.

Es ist fast so, als hätte Trump und auch die Trump-Wähler den Ted-Talk von Simon Sinek gesehen. Denn sie verhalten sich genau nach seinen Regeln. Doch das ist unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher halte ich, dass Simon Sinek 2010 ein Muster erkannt hat, dass gerade im Entstehen war.

Ich habe das Muster damals auch gespürt ( wenngleich nicht so gut beschrieben, mein Versuch hier: Die Welt ist eine Wolke ).

Der Ted Talk von Simon Sinek ist eine schöne Geschichte. Wenn man sie als Inspiration nimmt und sich damit in die Lage versetzt, aus einem anderen, vorher unbekannten Blickwinkel die Dinge sehen zu können – dann bringt einen die Geschichte im Denken weiter. Denn dann ergänzt der neue den alten Blickwinkel und man kann nun nicht mehr nur aus einer, sondern aus zwei Perspektiven sehen. Das ist der erste Weg.

Der zweite Weg ist, wenn man denkt, die neue Geschichte sei wahr. Dann glaubt man sie einfach und bleibt im Grunde das, was man auch vorher schon war: ein Gläubiger. Man ändert nur seinen Glauben. Man glaubt nicht mehr an die eine Geschichte, sondern an die andere. Man ändert den Blickwinkel und anstatt die Sachen so zu sehen, wie man sie vorher gesehen hat, schaut man sie nun aus der neuen Perspektive an. Man hat die Perspektiven geändert (immerhin!) – aber man hat keine Perspektive hinzugewonnen.

Beim ersten Weg hat man also eine Perspektive mehr während sich beim zweiten Weg die Anzahl der Perspektiven nicht ändert. Man mag  überzeugter sein, nun die Wahrheit zu kennen. Weil man auf dem zweiten Weg eine alte Wahrheit mit einer anderen, einer vermeindlich besseren, ersetzt hat.

Auf dem ersten Weg muss man hingegen lernen, dass es eine Wahrheit nicht gibt und das ist nicht einfach. In der Folge sieht man einerseits unschärfer doch andererseits klarer. Unschärfer, weil man nicht mehr nur Schwarz und Weiß, sondern auch in Grautönen sehen kann und wenn man in Grautönen sehen kann kann man die Zwischentöne erkennen. Das Bild, das man sehen kann ist nicht mehr so eindeutig, doch es ist näher an der Realität.

Vermutlich sind die meisten Trump Wähler den zweiten Weg gegangen: Das würde erklären, warum sie offenbar überzeugter wurden, als sie es waren und scheinbar gleichzeitig das geblieben sind, was sie immer schon waren: Gläubige, die die Welt nur aus einer Perspektive wahrnehmen können.

Mir wird fast schlecht, wenn ich den Ted Talk von Simon Sinek nach all den Jahren wieder sehe, denn es kommt mir der Verdacht, dass die selben Geschichten, die mein Denken vielschichtiger gemacht haben, andere Menschen noch engstirniger hat werden lassen.

Es ist nicht die Geschichte, die verändert. Es ist die Art, die Geschichte zu verstehen.