In den USA ist die Extreme Erzählung mit Trump gestorben. Europa hat sie noch vor sich.

Trump wird nicht US-Präsident werden. Das dies so kommen würde, darüber war ich mir zwar auch schon vor einem Jahr sicher. Und doch – wir haben Glück gehabt.

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Die Reissleinen haben gehalten.
Wenn wir Pech gehabt hätten – nicht auszumalen!
Es geht um keine Kleinigkeit: es geht darum, die vermutlich mächtigste Person auf diesem Planeten zu küren. Der Präsident der USA hat Einfluss auf die Geschicke der Dinge überall auf der Welt.

Niemand auf der Welt bestimmt die Dinge. Allein.

Die Welt in ein hyperkomplexes System. Hyperkomplexe Systeme können gar nicht von einer Stelle aus gesteuert werden. Im Prinzip kann man von jeder Stelle im System Einfluss ausüben. Doch es gibt Stellen, die im Gesamtgefüge wichtiger sind als andere. Die Position des US-Präsidenten ist zweifelsohne eine sehr bedeutende, vielleicht die wichtigste innerhalb des Gefüges.

Das erklärt, warum ein so unglaublicher Zirkus betrieben wird, um einen US-Präsidenten zu wählen. Es ist ein langwieriges Prozedere voll von Ritualen und Beschwörungen. Die Zeremonienmeister sitzen in Fernsehstudios, in Nachrichtenredaktionen hinter Schreibtischen, Politiker gehören dazu, Komödianten (die modernen Hofnarren), religiöse Führer, Prominente aller Couleur und das Wahlvolk. Die Wahl des US-Präsidenten erinnert an eine kultische Handlung, man müsste sich nicht allzu sehr wundern, wenn irgendwo auch noch ein Tier rituell geschlachtet würde.

Demokratie ist Bestandteil des Kult. Jedes einzelne Element auf seine Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, führt nicht weiter, wenn man das Ganze verstehen will. Es geht darum, einen neuen Führer zu inthronisieren. Das ist eine heikle Angelegenheit und häufig, wenn Macht von einer Person auf eine andere übertragen wird, bricht Streit aus. Das ist im Großen nicht anders als im Kleinen. Nur ist es im Großen viel, viel, viel gefährlicher.

Das System – der Zirkus – soll vor allem drei Dinge sicherstellen:

1. Es soll eine möglichst geeignete Persönlichkeit gefunden werden.

2. Es sollen ungeeignete Persönlichkeiten verhindert werden.

3. Der Prozess soll friedlich von statten gehen.

Die Wichtigkeit dieser Punkte ordnet sich in der umbekehrten Reihenfolge.

Also:

1. Friedliche Machtübergabe

2. Verrückte verhindern

3. Geeignete Person finden

1.
Wird die Machtübergabe nach der Wahl friedlich erfolgen?
Ja. Davon ist auszugehen, auch wenn Trump gerade auch an dieser Grundfeste kratzt. Es kann sein, dass Trump ein paar Rituale nicht befolgt und nicht am Telefon “My President” zu Hillary Clinton sagen wird, nachdem er die Wahl verloren hat. Möglich. Doch es wird kein Bürgerkrieg in den USA ausbrechen, oder so etwas, auch wenn es, weil der Gedanke so spektakulär ist, derzeit immer wieder gerne and die Wand gemalt wird. Die USA ist ein gefestigte Demokratie. Das kriegen die hin. Kein Zweifel!

2.
Wird ein Verrückter verhindert?
Ja. Trump ist ein Verrückter. Es bestand eine reale Gefahr, als diese völlig ungeeignete Person in Reichweite der Präsidentschaft kam. Es hat sich eine faszinierende Koalition gebildet aus den unterschiedlichsten Gruppen die alles getan haben, um Trump auf den letzten Metern zu verhindern. Ich finde es absolut unfassbar, was in den USA gerade passiert. Die Partei der Republikaner, die seit 1900 fast ⅔ der US-Präsidenten stellte, zerlegt sich gerade selbst um ihren eigenen Kandidaten zu verhindern. Jede Fiktion, die vor noch einem Jahr dieses Bild gezeichnet hätte, wäre einem lächerlich vorgekommen. Was gerade passiert ist ungeheuerlich!
Doch das beängstigende ist die Tatsache, dass ein Kandidat wie Trump überhaupt so weit kommen konnte. Dass er überhaupt in Reichweite des Amtes des US-Präsidenten kam. Das System hat fast versagt. Die Situation hätte nie so gefährlich werden dürfen, dass man die allerletzten Reissleinen ziehen muss.

3.
Wird eine geeignete Person ausgewählt?
Ja. Hillary Clinton wird als erste Frau die 45. US-Präsidentin werden. Es ist eine äußerst erfahrene, bedachte und ruhige Politikerin. Mit allen Wassern gewaschen, gebildet, die Welt bereist. Sie wird die USA, wie es schon Obama getan hat in ruhigere Fahrwasser leiten. In dieser Hinsicht hat die Welt Glück gehabt.
Von den zwei letzten Kandidaten musste einer mit allen Mitteln verhindert werden. Das heisst, der andere Kandidat wird es. Es ist Glück, dass an dieser Stelle jemand wie Hillary Clinton steht.

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Alles gut?
Nein. Die Republikanische Partei ist schwer verwundet. Es ist noch nicht abzusehen, ob sie überleben wird. Das ist, auch wenn man wenig Sympathie für die Republikanern hat, keine gute Nachricht. Wenn in einem quasi Zweiparteiensystem eine Partei weg bricht, sind die Folgen nicht absehbar. Aber zumindest droht keine unmittelbare Gefahr.

Wir in Europa haben keinen Einfluss auf die Wahl des US-Präsidenten. Warum sollen wir uns überhaupt damit beschäftigen?

Eigentlich könnte man das denken. Wir können viel über Clinton und Trump quatschen, aber beeinflussen können wir es allemal nicht. Doch: Das was in den USA gerade stattfindet, wird auch in Europa passieren. Nicht genau so, aber ähnlich. Denn alles, was in den USA gemacht wird, kommt mit ein paar Jahren Verzögerung in Europa an.

Man kann es schon sehen. Im Erfolg von Figuren wie Orban, Le Pen, Putin, Erdogan oder Bewegungen wie der Brexit-Bewegung in Großbritannien oder AFD/PEDIGA in Deutschland. Das sind keine geistigen Kinder von Donald Trump, sondern von Ronald Reagan, George W. Bush und der Tea-party Bewegung in den USA. Es gibt eine alle verbindende Gemeinsamkeit: Die Komplexität der Welt soweit zu vereinfachen bist es sich schliesslich als eine Kampf gut gegen böse, richtig oder falsch, ja oder nein darstellen lässt – “die extreme Erzählung”.

Die extreme Erzählung war in den letzten Jahrzehnten das erfolgreichste Konzept, um Stimmen einzusammeln, um als Politiker gewählt zu werden.

Auch Bill Clinton musste so sein oder sich zumindest so darstellen. Erst mit Obama hat eine Änderung begonnen. Die Demokraten in den USA haben in den vergangenen Jahren langsam angefangen, komplexere Realitäten zu beschreiben. In den USA entsteht, ganz behutsam, schon seit einigen Jahren eine neue Kultur des Erzählens und Denkens. Gleichzeitig haben die Republikaner ihr System der absoluten Geschichte immer weiter getrieben. So weit, dass sie geradezu regierungsunfähig wurden und gar nicht mehr in der Lage waren, gestaltend in die politische Entscheidungsfindung einzugreifen. Sie konnten nur noch blockieren, was sogar zu mehreren Government Shutdowns in den USA geführt hat.

Donald Trump hat dieses System der Extremen Geschichte (und des Extremen Denkens) weiter vorangetrieben und buchstäblich gegen die Wand gefahren. Das Prinzip der Extremen Geschichte, hat sich in den USA selbst erledigt. Es ist, weithin sichtbar gescheitert und daher wir sich lange Zeit kein ernsthafter US-Politiker mehr trauen, diese Mittel einzusetzen. Die extreme Geschichte ist – zumindest in den USA – tot.

Was folgt, ist die vielschichtige Erzählung. Was wir in den USA derzeit sehen ist erst der Beginn, die vielschichtige Erzählung, das vielschichtige Denken steht erst am Anfang.

Europa ist noch mitten in der Kultur des extremen Erzählers. Peak Story ist noch nicht einmal erreicht. Eine Figur wie Trump wird noch kommen.

Vielschichtiges Denken gab es auch während der dunklen Bush Jahre in den USA. Es hatten nur keine Bedeutung in der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Vielschichtiges Denken gibt es auch in Europa, viele Politiker pflegen es. Angela Merkel ist sicherlich eine vielschichtige Denkerin. Doch es gibt innerhalb der politischen Kultur, keine Kultur der vielschichtigen Erzählung. Politiker müssen vielschichtige Gedanken in einfach Geschichten “übersetzen” um zum Volk sprechen zu können. Extremes Denken muß nicht erst übersetzt werden, daher tun sich extreme Erzähler derzeit so leicht. Merkel fallen ihre Übersetzungen (“Wir schaffen das!”) ein ums andere mal auf die Füße. Daher beschränkt sie ihre Kommunikation mit dem Volk nur mehr auf ein Minimum. Die Kultur des Extremen Erzählens in Europa macht es vielschichtigen Denkern derzeit schwer, sich auszudrücken. Anders bei Obama. Obama hat gelernt, sich zu trauen vielschichtige Gedanken in Worte zu fassen. Solche Aussagen schaffen es natürlich nicht ins Fernsehen. Folgender 11 ½ Minuten Clip ist auf Youtube zu finden.

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihn gesehen habe. Ich möchte darauf hinweisen: dieser Clip wurde fast eine Million mal angesehen. Sicherlich von vielen Köpfen, die sich aktiv an der Entwicklung der Gesellschaft beteiligen.

In der Vergangenheit war es auch in Deutschland möglich, dass sich Politiker vielschichtig ausdrücken konnten. Es gab eine Kultur des vielschichtigen Erzählens – damals sogar im Fernsehen:

Eine Kultur des vielschichtigen Erzählers kommt nicht über Nacht. Sie muss über viele Jahre entwickelt werden.

Wir müssen jetzt beginnen die Kultur der vielschichtigen Erzählung zu entwickeln. Damit wir in 5 oder 10 Jahren, wenn der Europäische Trump auf der Bühne erscheint, eine Alternative haben. Damit wir nicht Gefahr laufen, ‘Pech’ zu haben und ein Trump in Europa gewählt wird.