Montreal Airport – Gespräch mit einer US-Grenzbeamtin

Wenn man von Montreal aus in die USA fliegen will, wird man schon am Flughafen von amerikanischen Grenzbeamten kontrolliert. Ich bin auf dem Weg zurück nach Berlin. Es ist bereits mein zweiter Versuch, am Vortag habe ich meinen Flug knapp verpasst, nicht zuletzt weil die Schlange bei der US-Einreisebehörde so lange war.

“What is this?” die US-Beamte deutet auf mein Ebook. “This is a book”, antworte ich.“ – “Where are you going?” – “Berlin.” – “Four fingers of your right hand, thumb…” meine Fingerabdrücke werde genommen. “Take off your glasses.” Ich werde fotografiert. Ich lächle. “You look offensive.” sagt die Beamte. “Well, I missed my flight yesterday, not least, because this procedure takes so long” erkläre ich mich.

Die amerikanische Zollbeamte: “Well, it seems that everyone wants to attack us. We have to be cautious.” “Not everyone wants to attack you,” antworte ich, “actually very, very few.”

“But we don’t know who it is”, sagt sie. “Not me” antworte ich. – “You have the privilege to visit my beautiful country” sagt die US-Beamte. “Well, I don’t want to visit your beautiful country”, gebe ich zurück, “I just want to go home.” – “So why don’t you take a direct flight from Canada to Germany? I am sure there are direct flights.“ – “Oh, for sure, in the future I will try everything to avoid your beautiful country as best as I can” antworte ich. – “Go!“ sagt sie.

Das Geschenk oder der Versuch, die Vergangenheit zu ändern

Bayern, 24. Dezember 2012

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, mussten wir in der Schule im Werkunterricht eine Laubsägearbeit anfertigen. Wir sollten ein Schlüsselbrett basteln. Nach einer Vorlage mussten wir die Form eines Schlüssels aussägen, an vorgegebenen Stellen wurden Löcher gebohrt, in die wir dann vorbereitete Holzstifte einklebten, an denen man später die Schlüssel aufhängen konnte. Anschließend sollten wir das Ding bemalen.

Ich hatte keinen Spass an der Sache. Die Form des Schlüssels hat mir nicht gefallen, weil der Schlüssel nicht so aussah, wie die Schlüssel, die ich kannte und ich hatte keine Freude daran, ein Schlüsselbrett herzustellen, das genau so aussah, wie das der anderen Kinder.

Beim anmalen ging irgendetwas schief, ich erinnere mich, wie ich mit meinem Schlüsselbrett am Tisch der Lehrerin stand. Sie nahm mir das Brett aus der Hand, übermalte, was ich schon gemalt hatte, mit brauner Farbe und pinselte mit schnellen Bewegungen grüne und orangene Halbkreise darauf. Dann gab sie mir das Schlüssebrett zurück und ich lieferte es zu Hause ab.

Dort wurde es neben der Wohnungstür aufgehängt und die Geschichte war 30 Jahre lang vergessen.

Meine Frau, die die Kunst versteht, auf Kleinigkeiten zu achten, brachte sie wieder an die Oberfläche. Wir waren für ein paar Tage zu Besuch bei meinen Eltern und als wir zwischendurch das Haus verließen, starrte ich jedesmal für ein paar Sekunden ins Leere, wenn ich meinen Schlüssel von eben jenem Brett nahm. Sie fragte sie mich, was los sei. Und so kam die Erinnerung an eine der größten Niedelgagen meines künstlerischen Lebens wieder aus den Tiefen der Sprachlosigkeit an die Oberfläche.

Ich habe die Geschichte meiner Familie an Weihnachten erzählt und ein Jahr später ein neues Schlüsselbrett mitgebracht. Zu meiner Überraschung kam es zu hitzigen Diskussionen, als ich am Weihnachtsabend das alte Schlüsselbrett abmontierte. Mein Vater erklärte, dass er es mochte und zumindest in der Garage für sein Werkzeug benutzen wolle. Ich wollte es verbrennen. Mein Bruder nannte mich hysterisch und sagte, dass ich ein seltsames Verhältnis zu Eigentum hätte, schliesslich hatte ich das Brett ja irgendwann mal meine Eltern geschenkt. Schließlich gab ich meinem Vater das Schlüsselbrett mit den Worten:
“Es ist Deines, Du kannst damit machen, was Du willst, aber Du musst wissen, dass es mich sehr verletzt, wenn Du es weiter benutzt.”

Er antwortete umgehen: “Prima, dann hänge ich es in der Garage auf.”

Kleine Spanier

Berlin-Kreuzberg, 6. Juli 2005

Es regnet in stroemen. Meine Wohnung habe ich den ganzen Juli an ein sehr junges spanisches Paerchen vermietet. Ich mag die beiden nicht besonders. Mir kommen sie so vor, als waeren sie den ganzen Weg aus Zaragoza gekommen, um endlich mal miteinander ins Bett zu gehen. Jetzt liegen sie den ganzen Tag bei offener Zimmertuer auf meinem Bett und reden tiefsinnige Gespraeche. Eigentlich suess. Aber auch so langweilig und unendlich saudoof. “Macht euch mal locker,” moechte ich Ihnen zurufen, “wenn ihr weiter so verkrampft durchs Leben geht, werdet ihr nie Spass haben!” aber die beiden sprechen nur sehr schlecht Englisch, und mein Spanisch gibt es auch nicht her.

Wie Vieh

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NYC, Montag 20. Juni 2005

Es ist laut und es stinkt. Ab und zu laufen Ratten aufgeregt zwischen den Gleisen hin und her. Die U-Bahn in NY ist die schlimmste, die ich jemals gesehen habe. Unmengen von Menschen quetschen sich durch schmierige und verwinkelte Gaenge, ueber enge Treppen. Staendig fallen Zuege aus, Gummibaender sperren ganze Bahnsteige ab, aus den Lautspraechern droehnen unverstaendliche Durchsagen. Manchmal gibt es, wenn der Zug nicht faehrt, einen Shuttle-Bus-Service. Manchmal nicht.

Ein Schock sind die massiven Stahl-Dreh-Tueren, durch die man an einigen Stationen hindurchmuss. Es gibt sie in zwei Variationen. In schwarzem Stahl, oder die etwas modernere Edelstahl-Variante. Modell “Kerker” und Modell “Schlachthaus”.

Terrorismus

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Queens, 12. Juni 2005

Merkwuerdige Zeiten sind das. Merkwuerdige Gedanken hat man, wenn man ein Flugzeug am Himmel sieht. Dabei leben wir in einer friedvollen Welt. Vor kurzem stand es auf Spiegel-Online. Im letzten Jahr sind bei Terroranschlaegen weltweit 2600 Menschen ums Leben gekommen. Einschliesslich Irak. Das ist sozusagen niemand. Von BBC-World habe ich folgende Zahl: Pro Jahr sterben bei Verkehrsunfaellen ungefaehr 15 Millionen Menschen. Rein rechnerisch wird man also 5769 mal vom Auto ueberfahren, bevor man einem Terroranschlag zum Opfer faellt. Meine amerikanischen Freunde auf Kens Grillparty in Queens sind nun beruhigt.