Wilde Tiere

Bela Rechka, Bulgarien, 22. Mai 2005

Ich habe einen Wolf gesehen. Und ich hatte keine Angst. Nicht weil ich mutig bin, sondern ahnungslos. Mit zwei Bulgaren lief ich die naechtliche Dorfstrasse entlang, auf dem Weg zu unserer Unterkunft. Zuerst dachten wir, es ist eine Ziege, die nachts durchs Dorf laeuft. Oder ein grosser Hund. Aber in Bela Rechka gibt es keine Hunde, die so gross sind. Der Wolf steht fuenf Meter weit entfernt am Strassenrand. Mit einer geschmeidigen Bewegung verschwindet er im Gebuesch. Ein Stueck weiter springt er wieder auf die Strasse. Er beobachtet uns. Wahrscheinlich ueberlegt er sich, ob wir essbar sind. Wir sind essbar! Im Schein der Taschenlampe glitzern seine Augen. Meine bulgarischen Freunde sind kreidebleich. Sie haben auch noch nie einen Wolf gesehen.

Terror

NYC, Samstag 18. Juni 2005

Das schlimmste, was man den Menschen antun kann, ist ihnen Angst zu machen. Angst macht unfrei. Tyra wohnt in Manhatten. Sie teilt sich ihre Wohnung mit einer Freundin. 2500 Dollar Miete zahlen sie im Monat. Nach 23h geht sie nicht mehr alleine auf die Strasse.

Der L-Train faehrt im Moment nachts nur bis Lorimer Street. Dann muss man in einen Shuttle-Bus umsteigen. Es dauert zwanzig Minuten, bis der Bus endlich losfaehrt. Gestern Nacht um 2h ist mir ein junges Maedchen aufgefallen. Sie war alleine unterwegs. In der Nacht faellt jedes junge Maedchen auf. Das Maedchen ist eingestiegen und hat mit allen anderen gewartet, bis der Bus losfuhr. Sie ist Graham Street ausgestiegen. Das ist ein Stopp. Man kann die Station von Lorimer Steet aus sehen.