Etwas mehr von Unendlich ist immer noch fast nichts

Die Leute sagen, dass die Welt komplizierter geworden ist. Und sie sagen damit, dass die Welt früher weniger kompliziert war. Dass die Welt einfacher zu verstehen war, als wir kein Internet, keine Radioteleskope, keine Teilchenbeschleuniger hatten. Früher, sei die Welt überschaubar gewesen.

Das glaube ich nicht. Nun kann man sich mit niemandem unterhalten, der vor 1.000 oder 10.000 Jahren lebt, und so betreten wir mit der Frage, ob die Welt früher einfacher war, das Land der Mutmassungen.

Sicherlich, das Wissen, das die Menschheit über die Welt gesammelt hat, war noch nie so einfach für jeden einzelnen erreichbar. Doch das, was sich jeder davon in den Kopf tun kann ist begrenzt. Es ist begrenzt, durch die Kapazität jederfraus menschlichen Hirns.

Das menschlichen Hirn hat sich in den letzten 200.000 Jahren nicht verändert. Natürlich nehmen wir an, dass wir viel mehr wissen, als unsere Vorfahren in der Savanne. Und wir stellen uns vor, wie ein Jäger und Sammler per Zeitreise in eine unserer modernen Großstädte gelangt und beeindruckt von all diesen Wundern anerkennen müsste, was wir alles wissen und was er alles nicht weiß.

Verloren wären auch moderne Großstadtbewohner, wenn sie in der Savanne der Jäger und Sammler landen würde. Ab und an kommt es tatsächlich vor, dass sich moderne Menschen in ursprünglichen Territorien verlieren. Zum Beispiel in Form von Touristen, die sich immer wieder mal in einem Urwald verlaufen. Wenn sie dann nach 14 Tagen wieder auftauchen sind sie derart abgemagert, dass man sie erst mühsam im Krankenhaus aufgepäppelt muss, bevor sie von Talkshow zu Talkshow gereicht werden können.

Der moderne Mensch mit all seinem Wissen verhungert da, wo der Urmenschen ein komfortables Leben führte. Vermutlich, weil der Urmensch nicht so viel unsinniges Zeug im Kopf mit sich herum trug. Der Historiker Yuval Noah Harari argumentiert, dass der Urmensch dabei auch gesünder und glücklicher durchs Leben lief, als unsereins.

Das, was es über die Welt zu wissen gibt, ist vermutlich unendlich. Und das, was wir tatsächlich wissen, ist nur eine Winzigkeit. Wie ein Korken, der auf einem Ozean schwimmt. Der Korken ist unser Wissen von der Welt, der Ozean, was wir nicht wissen. Vielleicht ist der Korken tatsächlich über die letzten 200.000 Jahre größer geworden. Vielleicht ist aus dem Korken ein Schiff geworden, beladen mit Teleskopen, Teilchenbeschleunigern und Funktelefonen. Vielleicht wurde aus dem Korken das größte Schiff, dass die Menschheit aufbieten kann. Doch dieses Schiff schwimmt wie ein Korken auf einem Ozean.

Die Gute Geschichte

Auch ich liebe das Geschichtenerzählen, das Fabulieren, das die Welt in Worte fasst: Aber ich misstraue der guten Geschichte, denn ich weiß, wie Geschichten gebaut sind. Wenn ich eine gute Geschichte höre, spüre ich ihre Konstruiertheit. Ob der Autor sie bewusst plant oder es nur geschehen lässt, die gute Geschichte erzählt ihre eigene Wahrheit. Die Geschichte fesselt den Betrachter, fixiert seinen Kopf und lässt ihn aus einem festen Blickwinkel auf das zu Beschreibende schauen. Die fesselnde Geschichte reisst den Betrachter mit, plappert ihm dabei permanent ins Ohr und lässt ihm keine Sekunde, sich eigene Gedanken, sich selbst ein Bild zu machen.

Kinos sind abgedunkelte und schallgedämpfte Räume mit bequemen Sesseln. Das Licht im Auge des Betrachters ist das Licht der Leinwand. Alle Geräusche im Ohr des Betrachters sind Teil des Films. Auge und Ohr sind dem Hirn am nächsten. Die Sessel sind gepolstert, nichts soll den Betrachter drücken, kein Sinneseindruck stören, der Film verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Betrachter wird, wie in Watte gepackt, in seinen Sessel gesteckt, sein Kopf ist fixiert, die Augen und Ohren weit offen. Dem Betrachter wird die Geschichte ins Gehirn gedroschen. Er ist dem wehrlos ausgeliefert. Man sagt, die Menschen wollen das so, dass ihre Hirne kalt gestellt, aufs brutalste missbraucht werden.

Ich will es nicht mehr. Ich will nicht mehr gefesselt sein. Auch nicht von einem Film und nicht von einer guten Geschichte. Ich möchte Geschichten schaffen, die dem Zuhörer nicht vorgeben, wie er die Welt zu nehmen hat. Denn es gibt keine Wahrheit und wir wissen, dass jeder Beobachter einer Situation die Situation verändert, dass jeder andere Beobachter eine andere Situation vorfinden würde, die genauso richtig oder wahr ist. Eine Situation festschreiben zu wollen, empfinde ich als großes Unrecht, als etwas das man tunlichst vermeiden sollte.

Warum aber sind fast alle Autoren auf der Jagd nach der »guten Geschichte«? »Weil den Menschen klare Aussagen, in einer immer chaotischeren Welt, Halt geben«, sagen die Leute. Ich bin zu einer anderen Antwort gekommen und sie lautet: »Weil die Leute das so gewohnt sind.« Die Leute sind lineare Geschichten gewohnt, weil sie mit linearen Geschichten aufgewachsen sind. Und lineares Erzählen meint, dass die Abfolge der Elemente der Erzählung immer die gleiche ist.

EXKURS:

Die mündliche Erzählung

Wer eine Geschichte verbal erzählt, schafft bei jedem Erzählen eine Variation. Es ist die gleiche Geschichte, doch die Reihenfolge der Elemente der Geschichte variiert. Die Geschichte ist relativ flexibel. Der Korridor, in dem die Geschichte ihre Wahrheit entwickelt, kann relativ breit sein.

Die schriftliche Erzählung:

Wenn eine Vater dem Sohn aus einem Buch vorliest, ist zwar die Reihenfolge der Elemente bei jedem Lesen gleich, das heißt, die Geschichte ist nicht mehr flexibel. Doch Betonung und Pausen variieren, die Geschichte kann unterbrochen und die vorangegangenen Elemente durchdacht werden. Der Korridor, in dem sich die Realität der Geschichte bewegt, ist weniger breit als bei der mündlichen Erzählung aber er ist in der Tendenz breiter als beim linearen Film.

Die filmische Erzählung:

Ein Film ist starr. Er ist bei jedem Ansehen gleich. Auf den Frame genau gleich. Es gibt keine Variationen. Der Autor des Films trägt alle Verantwortung für das, was der Film ist. Viel mehr, als der Erfinder einer Geschichte, die mündlich erzählt wird und auch mehr als der Autor einer Geschichte, die in einem Buch steht. Der Autor des Films denkt vor, der Korridor der Interpretationen des Films wird von ihm penibel abgesteckt. Dem Betrachter bleiben nur Pausen zu eigenem Denken, wenn der Autor sie ihm lässt. Pausen, in denen der Zuschauer Zeit hat, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Der Betrachter des Films wird sogleich wieder mitgerissen von der Flut der Bilder. Er betrachtet die Erzählung gleichsam wie aus einem fahrendem Zug heraus. Der Autor hat die Landschaft gebaut. Der Zug gibt die Geschwindigkeit vor.

Warum ist Film so toll?

Anders, als es oft gesagt wird, bin ich überzeugt, dass der Film seine Kraft nicht daraus schöpft, dass er so hyperlinear ist. Es ist die Verbindung von Bewegtbild und Ton, die solch große Faszination auf den Menschen ausübt. Und Bewegtbild und Ton konnte man vor Computern nur bekommen, wenn man die Hyperlinearität in Kauf nahm. Film war 100 Jahre lang: ein Bild ans andere geklebt und auf eine Spule aufgewickelt. Es ging technisch nicht anders. Diese technische Beschränkung, verbunden mit der großen Kraft und Schönheit des bewegten Bildes, haben zu zwei Dingen geführt:

1.

Unglaublich viel Energie ist in die Erforschung und Entwicklung von hyperlinearen Erzählungen geflossen. Man spricht nicht von ungefähr von Industrie: Filmindustrie, Hollywoodindustrie.

Die filmische Erzählung wurde über die Zeit immer mehr perfektioniert. Sie ist nun (fast) perfekt.

2.

Die Zuschauer, die Konsumenten der Filme haben 120 Jahre lang gelernt, die Sprache des Films zu lesen und zu verstehen. Das Denken der Menschen hat sich dem angepasst. Die Menschen sehen ihre Leben vorwiegend linear. Doch ich möchte behaupten: diese Sprache ist limitiert, und sie krankt daran, zur Monokausalität zu tendieren. Das hat durchaus auch positive Aspekte: Beispiel FCKW. 1985 wurde das Ozonloch entdeckt, das chemische Treibgas FCKW wurde als Hauptverursacher erkannt und binnen weniger Jahre konnten Menschen auf der ganzen Welt davon überzeugt werden, FCKW weitestgehend zu verbieten.

»Wie, ich benutze mein Deospray und das verursacht ein Loch in der Ozonschicht über den Polkappen der Erde?«

»Ja.«

Ich bin mir sicher, eine Menschheit, die sich nicht so intensiv im linear kausalen Denken geübt hätte (mit dem Ansehen linearer Filme) hätte das schlichtweg nicht geglaubt. Bereits 5 Jahre nach Entdeckung des Ozonlochs wurde beschlossen, FCKW zu verbieten. Das ist bemerkenswert. Doch FCKW ist ein Spezialfall. Es handelt sich um einen Stoff, der in der Atmosphäre nach oben wandert und auf dem Weg dorthin mit so gut wie nichts reagiert. Bis er dann, in den obersten Atmosphärenschichten angelangt, mit Ozon reagiert und dieses aufspaltet. Die meisten chemischen Stoffe reagieren die ganze Zeit mit irgendwas. Dasselbe gilt für biologische Prozesse, für menschliche Interaktionen. Kausal, lineares Denken bringt einen da nicht weit oder allenfalls auf den Holzweg. Der amerikanische Präsident George W. Bush konnte sein Volk (und weite Teile der Welt) überzeugen, im Irak eine »smoking gun« gefunden zu haben, die »weapons of mass destruction« (WMD), die, so die Logik, in der Zukunft zu einem großen Unglück führen würden, das man schon im Heute bekämpfen müsse. Ein Krieg wurde begonnen. Diese Waffen wurden schlussendlich nie gefunden, aber das Argument fiel auf den fruchtbaren Boden des linear kausalen Denkens. Eine Gesellschaft, die nicht linear kausal denkt, wäre gegen die Argumente George W. Bushs immun gewesen. Die Welt wäre heute vermutlich eine friedvollere. Das – vom linearen Film populär gemachte – linear kausale Denken ist also nicht grundsätzlich falsch. Es ist nur auch nicht grundsätzlich richtig.

»Was könnte dieses Denken ergänzen?« – »Flexibles multikausales Denken.«

– »Was ist das?«

Anders als beim linear, kausalen Denken, bei dem ein Ding zum nächsten führt, das dann wieder zum nächsten führt (und so weiter), ist beim multikausalen Denken ein Ding mit mehreren verbunden, das wieder mit mehreren verbunden ist (und so weiter). Ein Element (eine Aussage oder Überlegung) führt dann also nicht zu immer nur einem nächsten Element sondern, hat Verbindung zu mehrere nächsten Elementen. Während im linear kausalen Denken ein »then« zwischen den Elementen steht:

Element 72 »then« Element 23 »then« Element 42

Dagegen wäre die Formel bei multilinearen Denken (in seiner simpelsten Form):

Element 72 »if x then« Element 23 »else« Element 42

Schon vor Aufkommen der Computer wurden Erzählungen nach der obigen Formel versucht, allerdings mit mäßigem Erfolg. Es entstanden multilineare Geschichten. Sie trieben die Autoren in den Wahnsinn und eigneten sich allenfalls für einfache Kinderbücher nach dem Prinzip der »Choose Your Own Adventure«-Story. Das Problem ist, dass linear, kausal denken wollende Autoren auch multikausale Stories durchdenken wollen (siehe: Verantwortung des Autors) und das ist – mit zunehmender Komplexität der Geschichte – unmöglich. Der Trick um dieses Problem zu lösen ist radikal einfach: Der Autor muss das Durchdenken aufgeben. Er muss aufhören die Geschichte vorzudenken und die Angst ablegen, Dinge zu sagen, die er nicht sagen wollte (und aus Erfahrung möchte ich hinzufügen: es passiert ohnehin nicht).

Der nächste Abschnitt ist ein wenig kompliziert aber sehr wichtig. Er erklärt wie aus einer multilinearen eine flexible Geschichte wird. Ausgangspunkt ist die oben bereits beschriebene Formel:

Element 72 »if x then« Element 23 »else« Element 42

Interessant wird die Sache dann, wenn zum einen die Variable »x« flexibel belegt wird und die Verbindung nicht vom Autor fest zu einem definieren Element (z.B. »Element 23«) führt, sondern zu weiteren Variablen, die für weitere möglichen Elemente stehen.

In anderen Worten: Der Autor legt nicht die Verbindungen fest, wie die Elemente der Geschichte miteinander in Verbindung stehen, er legt die Regeln fest, wie die Verbindungen entstehen. (Es fällt mir schwer, ein einfaches Bild zu finden, das als Metapher dienen könnte, um diesen Vorgang zu beschreiben.)

Der Autor kann damit sehr einfach eine Struktur der Elemente schaffen, die nichts macht, was er nicht wollte, aber die viel komplexer ist, als das er sie überblicken könnte. Der Autor kann und will die Erzählung gar nicht mehr vordenken. Es wird damit eine Erzählweise möglich, die der mündlichen Erzählung recht nahe kommt, nun aber filmisch funktioniert, nicht die Anwesenheit eines Erzählers in Persona erfordert und einfach vervielfältigt werden kann. Der Autor ist so in der Lage, Geschichten zu erzählen, ohne sie vordenken zu müssen. Er kann entwerfen, ohne genau bestimmen zu müssen, was wann wo passiert. Und er ist auch nicht mehr gezwungen, Verantwortung für jeden Frame, für jede Assoziation zu übernehmen.

Korsakow funktioniert so und ich mache mit diesem Prinzip seit 15 Jahren Filme (Korsakow-Filme) und Veranstaltungen. Das Publikum findet sie oft anstrengend und ich habe einige Jahre gebraucht, um zu verstehen, was die Leute mit “anstrengend” meinen. Die Leute sagen, sie finden Korsakow-Filme anstrengend, weil sie nicht verstehen, was ihnen gesagt werden soll. Weil sie, wie sie sagen, die Message nicht sehen. Dieses Problem tauchte schon sehr früh auf. 2001, kurz nachdem ich meinen ersten Korsakow-Film Das Korsakow Syndrom – ein nichtlinearer Film über Alkohol als Abschlussarbeit an der Universität der Künste, Berlin fertiggestellt hatte, hatte ich die Ehre, meine Projekt auf einer Konferenz vor Medientheoretikern vorzustellen. Die standen der ganzen Sache naturgemäß kritisch gegenüber. Besonders kritisch war der Professor, der meinen Vortrag moderierte. Mit folgender, an und für sich völlig banalen Frage schoss er mich schließlich ab: »Was ist die Message von Ihrem Film?« – Darauf wusste ich keine Antwort. Die richtige Antwort fiel mir erst sehr viel später ein: »Wenn ich eine Message hätte, würde ich sie hinschreiben. Dann müsste ich keinen nichtlinearen Film machen.« Und unter uns gesagt, es ist auch ein Haufen Arbeit, einen Film zu machen.

Es ist auch Arbeit, einen Film anzusehen. Wenn ich dann als Zuseher am Ende nur eine Message bekomme, die ich mir in 5 Sätzen hätte lesen können – dann habe ich 89 Minuten Lebenszeit verschwendet. O.k. ich übertreibe. Und der Einwand ist wahr, dass lineare Filme auch viel mehr sein können, als eine einfache Message. Dass es große Filmemacher gibt, die es schaffen, Filme zu machen, die ein Nachdenken über die Welt sind, die am Ende nicht auf einen Satz hinauslaufen. Ja, richtig aber es bedarf eines großen Meisters der es schafft, die Welt (oder Teile der Welt) mit dem Werkzeug Film einzufangen. Die Welt mit Film darzustellen, das ist, als wolle man mit einem Schmetterlingsnetz einen Elefanten fangen. Manchmal klappt es – allerdings selten.

Zum Glück gibt es Computer. Anders als beim Medium Film ist beim Computer nicht ein Bild ans andere geklebt. Bilder wie Töne sind Daten, die auf einer Festplatte gespeichert sind. Wie genau weiß ich nicht, und es muss auch nicht weiter interessieren. Der Schlaumeier sagt, dass die Bilder und Töne dann nicht geordnet sind. Der Schlaumeier in mir erwidert, dass die Daten total geordnet sind. Sonst würde sie der Computer ja selbst nicht mehr finden. Computer sind Regel- und Ordnungsmaschinen, zahlenverliebte Pedanten, die, weil sie so genau sind, Ordnungen schaffen können die über ein einfaches

Element 72 »then« Element 23 »then« Element 42

hinausgehen. Seit einigen Jahren können Computer Video – als es damit losging, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Weil damit das, was ich so sehr liebe (Bewegtbild und Ton) nichtlinear und flexibel möglich wurde und man erwarten durfte, dass sich die talentiertesten Autoren und Geschichtenerzähler auf diesen neuen Möglichkeiten stürzen würden und das Tor zu einem neuen Universum nun endlich erzählbarer Geschichten aufgehen würde. Das Bild, das wir uns von der Welt machen, würde sich erweitern, ein neues Denken würde möglich. Dachte ich. Das ist nicht passiert. Und ich bin noch immer fassungslos darüber. Oder viel mehr: Ich werde immer fassungsloser. Vielleicht dauert es noch ein Weile bis die Autoren gelernt haben, die neuen Möglichkeiten zu sehen. Aber es sind ja nun schon ein paar Jahre vergangen, seit Computer Bewegtbild können. Keine neuen Erzählformen weit und breit. Und schlimmer noch, ich habe das Gefühl, dass die Erzählungen heutzutage sogar noch viel monodimensionaler werden, als sie es früher waren. Vielleicht liegt es daran, dass man sich nun erst im multilinearen Erzählen austoben muss (multilineares Erzählen: ein Element kann zu mehr als einem weiteren Element führen, der Autor hat aber alles genau geplant). Aber was mich stutzig macht – das alles hat man doch schon in der Vorcomputerzeit ausprobiert und weiß, dass es die Welt eher verflacht; siehe »Choose Your Own Adventure«. Traurig stimmt mich auch eine weitere Beobachtung und vielleicht gibt es da einen Zusammenhang:

Wenn die Leute Früher – und mit früher meine ich, vor 10 Jahren – etwas nicht auf Anhieb verstanden haben, fanden sie es erst mal interessant. Das ist verständlich, denn von etwas, das man nicht versteht, kann man womöglich etwas Neues lernen. Wenn man es dann schließlich versteht, hat man etwas gewonnen und die eigene Welt ist größer geworden.

Heute wollen die Leute alles sofort verstehen. Und wenn sie etwas nicht verstehen, wollen sie es erklärt bekommen. In einer Minute und 30 Sekunden. Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Fernsehredakteurin:

Fernsehredakteurin:
»Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst.«

Ich:
»Es ist Komplex.«

Fernsehredakteurin:
»Dann erkläre es so, dass man es in 1:30 versteht.«

Ich:
»Das kann man nicht in 1:30 erklären.«

Fernsehredakteurin:
»Man kann die ganze Welt in 1:30 erklären.«

Ich:
»In einer solchen Welt, will ich nicht leben.«

Die Leute sind immer weniger bereit, sich auf Experimente einzulassen. Nach dem Motto »I don‘t get it – I don‘t like it.« Auch die Kreativen werden immer weniger experimentierfreudig. Man sieht das nicht nur in der Art, wie Geschichten erzählt werden, sondern auch an der Krise des gedruckten Papiers oder an der Krise der Musikindustrie. Der Silicon Valley Unternehmer Jaron Lanier, ein Pionier der virtuellen Realität, beschreibt das in seinem Augen öffnenden Buch You Are Not a Gadget und er stellt eine interessante Verbindung zum Aufkommen der neuen Medien und dem Wegfallen der alten Medienstrukturen her. Das alte Modell, in dem für kulturelle Leistung direkt bezahlt wurde (22 Mark für eine Schallplatte) ist zusammengebrochen. Kulturelle Inhalte (Texte, Musik, Filme) sind mehr oder minder frei im Netz verfügbar, was auch bedeutet, dass die Autoren dieser Werke dafür direkt keine Einnahmen mehr erzielen können. Autoren bleibt nur die ›Möglichkeit Masse zu machen‹, also so populär zu werden, um dann neben eigenen Inhalten Werbung schalten zu können, in der Hoffnung, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Streben nach Massentauglichkeit ist keine gute Voraussetzung für Innovation. Massentauglichkeit erreicht man, indem man versucht, das bereits bekannte und beliebte weiterzuentwickeln und zu verbessern. Massentauglichkeit erreicht man nicht durch radikalen Umbruch, denn man will sein Publikum ja nicht vor den Kopf stoßen. Doch neue Musikrichtungen waren meist verstörend und Krach in den Ohren der Alten, ihre Erfinder waren vielleicht daran interessiert, einen Plattenvertrag zu bekommen, aber sie strebten nicht notwendigerweise nach Massentauglichkeit (zumindest nicht am Anfang einer neuen Bewegung). Wichtig war, in einer kleinen Gemeinde gleichgesinnter ernst genommen zu werden. Radikal Neues entsteht in Nischen und entgegen dem Mainstream und nicht in ihm. In einem Umfeld, in dem jeder populär sein will (sein muss) gibt es keine Revolution. Das ist der Grund, warum wir seit 10 Jahren nur noch Oldies im Radio hören (und wenn es keine Oldies sind, klingen sie so). Und darin liegt vermutlich auch der Grund, warum die Haltung von Autoren, Geschichten gegenüber, so verdammt konservativ geworden ist.

Mit Entsetzen sehe ich diese Tendenz, auch im nun populärer werdenden computerbasierten Narrationen (z.B. in den sogenannten Webdocs) immer klassischer zu erzählen – Anfang, Mitte, Ende. Den Zuschauern wird alles erklärt und am Ende wird dann »awareness« geschaffen; ganz so wie der Lehrer in der Schule. Das ist ganz weit weg vom Universum der bisher unerzählbaren Geschichten. Ich habe manchmal den Eindruck, dass zahlreiche Pioniere des computerbasierten Erzählens (die ja zum Teil nun auch schon seit über einem Jahrzehnt dabei sind) ganz heiß darauf sind, endlich so geile Geschichten erzählen zu können, wie im Hollywoodfilm. Doch ich vermute einen Denkfehler: Fesselnde Geschichten können in keinem Medium so gut erzählt werden, wie im Film. Der Glaube, dass es etwas bedeutenderes geben könnte, als eine fesselnde Geschichte, scheint den meisten abhanden gekommen zu sein. Vielleicht dauert es auch noch. Aber wie lange? Noch mal 10 Jahre würde ich nur ungern warten. Aber was kann ich schon tun? Ich hoffe, es dauert nicht noch 500 Jahre, bis die Menschen sich wieder so Geschichten erzählen, wie sie es früher schon einmal getan haben: Flexibel und offen.  


Dieser Text ist 2014 erschienen im Buch: “Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm: Über die Zukunft des doumentarischen Arbeitens”, herausgegeben von Matthias Leitner, Sebastian Sorg und Daniel Sponsel .

TRICK – Lesen lernen II

Seit ich gelernt habe, richtig zu lesen, hat sich etwas verändert. Es ist eine Veränderung, die mein Leben verbessert.

Den Trick habe ich vor einem Jahr beschrieben. Der kurze Text endet mit folgendem:

Ich habe auch gelernt zu denken. Meinem Denken zu vertrauen, mein Hirn zu benutzen. Die Bücher sind dadurch viel besser geworden.

Ein Jahr später kann ich sagen, dass nicht nur Bücher besser wurden, auch Gespräche. Und dass andere Meinungen spannender geworden sind. Früher empfand ich es oft als ärgerlich, wenn jemand etwas anders gesehen hat, als ich – jetzt sehe ich es fast durchweg als Bereicherung. Schon jetzt merke ich, wie mein Leben dadurch friedvoller und gleichzeitig vielschichtiger wird. Und obendrein lerne ich, mein eigenes Denken besser verstehen. Wenn man keine Angst hat, den Kopf kurz unter Wasser zu tauchen, kann man viel entspannter schwimmen.

Wie wurde dieses Wunder möglich? Ich habe mit dem neuen Lesen immer wieder geübt, mir eine kurze Pause im Fluss des Lesens zu nehmen. In diesen Pausen bin ich dann meinen eigenen Gedanken gefolgt, ohne Sorge Zeit zu verschwenden und vom Thema abzukommen. Und so lernte ich, das, was ich gerade gelesen hatte, in Ruhe zu betrachten und zu bedenken. In der Folge stellte ich immer öfter fest, dass ich anderer Meinung bin, als der Autor. Immer wieder passierte es, dass ich sah, an welchen Stellen dem Autor ein Denkfehler, eine Unachtsamkeit unterlaufen war. Bevor ich das richtige Lesen lernte, habe ich mir nicht die Zeit genommen, anzuhalten, zu betrachten, nachzudenken. Ich habe dem Autor geglaubt, oder ich habe ihm nicht geglaubt. Wenn ich dem Autor nicht glaubte, habe ich das Buch angelesen zur Seite gelegt und nie mehr hinein geschaut. heute bin ich dem Autor für kleine Ungenauigkeiten dankbar – sie schärften meinen Blick.

Wenn ich früher in einem Gespräch anderer Meinung war, habe ich versucht, mein Gegenüber zu überzeugen. Das hat mich gestresst und es hat die Person genervt. Gelernt haben wir beide nichts.

Jetzt erfahre ich – die Meinungen von anderen Menschen, ihre Beobachtungen, können den eigenen Blick auf Dinge lenken, die man sonst vielleicht übersehen hätte.

“Diese Kneipe ist Scheiße!” hat ein Bekannter zu mir gesagt, als wir auf einem Geburtstagsumtrunk in einer 15 Jahre alten Berlin-Mitte-Bar standen. Irgendwie mochte ich den Laden auch nicht. Wenn ich das Gespräch entsprechend meinem alten Lesemuster verstanden hätte (Der Autor ist meiner Meinung versus der Autor ist nicht meiner Meinung) hätte ich dem Bekannten wohl recht gegeben, und der weitere Verlauf des Unterhaltung wäre vermutlich keiner weiteren Beschreibung wert gewesen. Doch entsprechend meines neuen Musters nahm ich mir einen Atemzug Zeit, sah mir den Raum an und fragte: “Warum?”

“Diese Bar ist völlig lieblos eingerichtet,” er deutete auf die kahle Betonwand, “das hat alles überhaupt keine Aussage.”

Da hatte mein Bekannter recht. Die Bar wirkte spartanisch, Betonwände, weiße Wände, jedes Ding in diesem Laden betont unaufdringlich. Doch ich verstand, als ich es mir überlegte, was der Gedanke dahinter war: Vor 15 Jahren haben eine Reihe von jungen Architekten, die gerade mit ihrem Studium fertig waren, in Berlin eine Reihe von Clubs und Bars aufgemacht. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war für junge Architekten damals nicht gerade rosig, sie hatten Zeit an der Hand und Visionen im Kopf. Die Idee dieser Läden war an dem Konzept von White-Cub-Galleries orientiert, die neutrale Orte sein sollten (mit weißen Wänden), um dem Inhalt Raum zu geben, sich ihm unterzuordnen. So wie die Kraft eines Gemäldes in einem Raum mit weißen Wänden völlig anders wirkt, als in einer Barockkirche. Die Kraft des Bildes, so die Theorie der weißen Wände, komme dann aus sich selbst heraus. Vermutlich deshalb standen in der Folge so viele Poser in coolen Mitte-Bars herum, oder vielleicht war es auch so, dass jeder, der in einem derartigen Laden herumhing, wie ein Poser wirkte. Jedenfalls gerieten diese Läden mit der Zeit aus der Mode. Nur wenige gibt es immer noch. Dies ging mir durch den Kopf und erschien mir so viel spannender, als meine Meinung oder die Meinung meines Gegenübers.

Und dann schenke mir mein Gesprächspartner noch einen weitere Beobachtung: “Die Lampe da, ist Scheiße, sie blendet.” Und es war wahr, wenn man direkt in die Lampe blickte, blendete sie unangenehm. Ich nahm mir Zeit und ließ meinen Blich schweifen und war fasziniert von drei Biergläsern, die geradezu wunderhübsch anzusehen waren. Dann merkte ich, dass die Gesichter des Publikums fantastisch ausgeleuchtet waren. Dies war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt geworden und ich war von der Entdeckung geradezu beglückt. Mein Bekannter hatte recht, die Lampe blendete. Aber ein anderer Teil der Realität war eben auch, dass sie die Szene toll ins Licht setzte.

Ich habe Design studiert. An diesem Abend habe ich so viel über Design gelernt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Weil ich mich weder von meiner Meinung blenden ließ, noch von der Meinung meines Gegenübers, weil ich mir Zeit nahm zu beobachten und zu bedenken.

Es war der Beginn eines Abends voller Wunder.

Journalismus

Wir leben in einer Welt der multiplen Realitäten. Das wurde 2016 deutlich wie nie.

Die Nachrichtenredaktionen sind Fabriken, in denen kleine Kuchen Wahrheit gebacken werden. Von dort werden sie in die ganze Welt geliefert.

Doch wir leben in einer Welt, in der es die Wahrheit nicht – oder nicht mehr – gibt.

POST-FAKTISCH ist das deutsche Wort des Jahres. POST-TRUTH the word of the year.

Es ist ein weltweites Phänomen und es beunruhigt viele. Denn für Menschen, die an die Wahrheit gewöhnt sind, ist POST-TRUTH unvorstellbar und bedeutet Unsicherheit.

In der Sprache, die Korsakow beschreibt, gibt es ein anderes Wort, für dieses Phänomen, doch im Gegensatz zu POST-FAKTISCH und POST-TRUTH ist es positiv konnotiert.

Es lautet: MULTIPLE REALITÄT, und bedeutet, dass es viele adequate Blicke gibt, die die Realität beschreiben. Und das beste Bild der Realität, ist die Auswahl der besten Blicke.

Davor muss man keine Angst haben, denn die Welt wird dadurch nicht unsicherer. Im Gegenteil, sie wird sicherer.

Für einen Bergsteiger, der in der Wand an einem Haken hängt, ist dieser Haken die Wahrheit. Wenn sich der Haken löst, ist der Bergsteiger verloren.

Multiple Realitäten bedeuten multiple Haken, an denen der Bergsteiger hängt. Das bringt zwei Vorteile. Es erhöht die Sicherheit – Auch wenn sich ein Haken löst, stürzt der Bergsteiger nicht in die Tiefe. Und es erhöht die Beweglichkeit. Der Bergsteiger kann einfacher die Richtung ändern, es gibt nicht nur einen richtigen Weg, den er gehen kann.

Für den Journalismus ist diese Zeit eine einmalige Gelegenheit die Zukunft der Nachrichten zu entwickeln.

Die Aufgabe der Journalisten – und es sind ganz klar die Journalisten, die diese Aufgabe übernehmen müssen – ist es, die besten Bliche auf die Realität herauszuarbeiten und sie dem Publikum anzubieten.

Nicht mehr den besten Blick – sondern die besten Blicke.

Nicht mehr die Wahrheit – sondern die Realität. Die Realität als die Summe der besten Blicke.

Decisions

There are no wrong decisions and there are no right decisions.

Decisions are taken in small fractions – too small to be relevant.

When you zoom in to a moment in time, where a particular decision is taken, there are always decisions before that moment. Earlier decisions, that led to the moment when this decision was possible, and before that were lots of other moments, when small decisions were taken. Lots of micro-decision so to say. And every micro-decision had alternatives. When was the exact moment, when George W Bush decided to go to war against Iraq? For sure not when he went down the aisle in the White House towards the podium, where the cameras were waiting. So when did he take that decision? You could go back in time further and further, maybe “the real” decision was taken by someone before Bush. Whatever moment you would want to identify, there were decisions taken before that, that were necessary to create a world in which the next decision was in the space of possibilities.

But we agree, there was a decision to go to war. But what we mean with “decision” is basically a cluster of micro-decisions, stretched over a longer or shorter period of time.

Why is this important?
We speak of a decision and we are used to conceptually nail it down to a point on a timeline. The logic of the timeline (in this talk I called it “Hollywood logic”) suggests that a decision, once taken, can not be changed (because it is in the past). But if you think of paths instead of decision-points – you can always adjust a path, even without leaving it, as the path is created while you are moving. Even after Bush declared the war, he could have changed the path at any point in time, after he has observed that the direction taken, leads into misery.

But the audience (trained in Hollywood thinking) does not appreciate politicians changing their mind once they made “a decision”. Because of that politicians feel like they have to stick to their decisions. Politicians seem to spend a lot of energy on ignoring observations, because they don’t want to look like they took a wrong decision.

In a world, where the concept of a decision does not exist, you can not take a wrong decision. You can easily adjust your path when you feel you are getting into hot waters. That goes for politicians and of course for everyone else. As observation shows, the weird concept of decision-points on a timeline – with each decision with potentially scary consequences – makes it had to adjust paths, leads to bad results and makes people miserable.

The simple way out: Look at it like that: Every moment holds many possibilities – whatever decisions you took in the past.