Der Traum vom Früher

Ich sitze in München in einem Hotel beim Frühstückt und belausche ein Gespräch am Nachbartisch. Ein Mann und eine Frau, beide wohl Mitte 50. Die Frau hat mir den Rücken zugewandt. Der Mann schmächtig, die Frau kräftig, die langen grauen Haare streng nach hinten gekämmt und hinter dem Kopf zusammengebunden. Die beiden sind kein Paar. Sie arbeiten beim Film, das geht aus ihrer Konversation hervor. Ich lausche wie gebannt. Meist spricht die Frau, selten der Mann. Sie zieht über zahlreiche Kollegen her, lässt an niemandem ein gutes Wort. Sie ist die größte Giftspritze die ich je gehört habe. Sie redet alle und alles um sich herum klein und es wirkt wie der verzweifelte Versuch sich selbst dadurch Größe zu geben. Die jungen Frauen am Set, die nichts wären und doch überzeugt, eines Tages ganz bedeutend zu sein. Das widere sie an, das halte sie nicht mehr aus und der Verdacht liegt nahe, dass sie in den jungen Frauen sich selbst als junge Frau wiedererkennt. Der Verdacht liegt nahe, dass sie ihr Leben, ihre Karriere als gescheitert betrachtet. Sie wirkt so stark, so tough und doch aus ihren Worten spricht die nackte Verzweiflung.  Sie zerhackt alles um sich herum in kleine Stücke, metzelt alles nieder nur um die anderen überragen zu können. Nur einmal zeigt sie Mitgefühl mit einer Kollegin, die an Alzheimer erkrankt ist. Die Kollegin sei nur wenig älter als sie selbst und mir scheint als würde sie in ihr, ihre eigene mögliche Zukunft betrauern.
Früher war es mein Traum, beim Film zu arbeiten. Den Traum habe ich irgendwann vergessen. Heute habe ich mich wieder daran erinnert und ich bin froh, dass er nicht in Erfüllung gegangen ist.

Weiter im Denken

Vor über 10 Jahren habe ich mir diesen Mülleimer gekauft. Sie wissen schon. Schickes Teil, Treteimer, alt, Metall, weiß, Ebay. Und seit 10 Jahren nervt er mich. Man tritt auf das Pedal und der Deckel klemmt. Nur manchmal, wenn man mehrmals kurz hintereinander drauftritt geht er auf. Manchmal. Ansonsten nimmt man die Hand zu Hilfe. Der Deckel klemmt. Scheißding! Aber weiß, Metall, alt, cool und – Sie wissen schon – nicht billig.

Und dann, nach mehr als 10 Jahren. Ich weiss nicht, warum. Ich war wie immer in Eile. Trotzdem. Ich knie mich vor den Eimer und schaue mir die Sache an. Nach etwa 30 Sekunden habe ich das Problem identifiziert und die Lösung gefunden. Es ist ganz einfach. Im Eimer, ein zweiter Eimer zum Herausnehmen. Und der innere Eimer hat einen Tragebügel. Und der verhakt sich mit dem Deckel, wenn man den Tragebügel nicht ganz gerade ausgerichtet nach hinten legt.

Ich bin zwei Tage lang glücklich. Und noch nach Monaten kann ich mich freuen, wenn ich das Fußpedal leicht berühre und der Deckel aufspringt. Schon eine geniale Sache, so ein Hirn.

Schon einmal bin ich mittels Denken auf eine Erkenntnis gekommen. Ich war wohl 14 Jahre alt. Vielleicht war es das erste Mal, dass mein Denken, ganz aus mir selbst heraus, auf eine Erkenntnis kam. Ich habe es noch genau vor Augen. Ich bin auf meinem gelben Rennrad die Wackersdorfer Strasse hinuntergefahren. Ich bin schnell gefahren. Die Wackersdorfer Strasse ist abschüssig. Die Ampel war grün. Ich schaue zur Seite. Manchmal macht mein Kopf ein Foto, manche Fotos trage ich mein Leben lang mit mir herum.

Auf dem Foto eine Bushaltestelle. Und auf der rechten Seite der Bushaltestelle: ein Mülleimer. Und ungefähr folgende Gedanken gehen mir durch den Kopf: Wieso eigentlich Apfeleimer? Es ist ja nicht so, dass man da nur alte Äpfel oder Apfelstumpen hineinwirft, sondern allen möglichen Kram: Papier, leere Flaschen, Plastiktüten, Müll… Abfall…

“Abfalleimer” – es heisst “Abfalleimer” und nicht “Apfeleimer” – ah!

Ich drehe den Kopf nach vorne und fahre weiter. Der Zukunft entgegen.

Linear and Hyper Linear

2015berlinBalkonUnscharf

Written text is linear(*). One word follows the other. One sentence follows the other. One argument follows the other. Most people think, that this is just like film. But it is not. The difference is obvious when you look at a page of written text. All the information is there at the same time (at least all the information that fits on the page). People sometimes argue that the way you take in text is nonetheless linear, but I doubt that. When I am reading, I do not take in one word after the other. I am aware of words that come later on the page, I cross-read text, and very often (especially when I read English texts, which is not my native tongue) I jump back, to read something again. When I am looking at a word I can see the word before and after, I see the words in context. But the most important difference to film is, that I am in control of the speed, I take in the information.

Film does not give me time to think, when I want it. It gives me time to think when the author wants it. If I start my own thoughts while watching a film, I miss out on the film. At least if I think thoughts that take longer than a few seconds. The flow of the film takes my thoughts away. This is why I usually do not enjoy watching linear films. I tend to get nervous, when I have a thought and I can’t follow it.

So clearly film is linear, but it is more linear than a written text. That is why I call it hyper linear.

Films are shown with more than 25 frames per second(*). Maybe one could say that a frame of a film is like a letter in a text. But nevertheless you can remember what you have seen previous you can not see the next letter, or word. And again, you can not get out of it. One letter follows the next, on word follows the other, no time for me to think, whenever I want. Intentions to think are not a strong signal, they start as weak signal somewhere in my brain. That part of my brain than has to convince other parts of my brain, that there should be focus on this particular thought. But watching a film, where all active senses are occupied with the next impression, the next scene, the next seductive thought of the author of film, my own little thought has no time to grow big and get attention. Very rarely while I watch a film a thought grows big enough that I become aware of its cry for attention. I might stop a film once or twice while watching it (and maybe I am even above average with this behavior).

Reading a text I slow down or stop while reading all the time.

(*) usually

Fliegen

2009_frauImZug

Berlin – Frankfurt, 21. April 2009

Mir gegenüber im Zug sitzt eine Frau, einfach gekleidet, vielleicht 50 Jahre alt. Sie trägt einen großen Stein an einem Lederband um den Hals. Sie sieht weich aus, friedlich… ich stelle mir vor, wie sie einem kleinen Haus wohnt, unaufgeregt, am Abend Fern sieht. Vor mir auf dem Tisch meine Kamera, mein i-Pod-Touch, mein eitles, kleines Notizbuch. Ich verliebe mich ein wenig in den zufriedenen Blick dieser Frau, vor ihr nur ein zerknittertes Zugticket aus dem Automaten. Für einen kurzen Moment treffen sich unsere Blicke. Nur eines ihrer Augen bewegt sich, das andere ist starr. Sie schaut aus dem Fenster nach oben, so als würde sie die Wipfel der vorbeifliegenden Bäume betrachten. Doch sie blickt noch nach oben, als der Zug den Wald schon längst wieder verlassen hat. Der Himmel ist gleichmässig grau.

Gerichtsmedizinische Obduktion

Leipzig, 19. Januar 2006

Ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen.

Die Leiche eines jungen Mannes, 27 Jahre, meine Statur, wird geoeffnet. Ein schaebiger Raum mit schmutzigen Fenstern und gesprungenen Kacheln. Angerostete Metallschraenke. Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich den Mut hatte, meinen Blick auf die nackte Leiche zu richten.

Eine bulliger, ziemlich unansehnlicher Mann mit kleinen Augen und fliehender Stirn ist fuer alles handwerkliche zustaendig. Hat Bauch und Brust aufgeschnitten und mit einer schweren Schere die Rippen durchtrennt. Hat mit einem Schoepfloeffel das Blut aus dem Brustraum in Messbecher geschoepft. 2 1/2 Liter lang.

Der Koerper ist kein Mensch. Die Haut nur Huelle, die man wie ein Kleidungsstueck abstreifen kann. Der Inhalt banal und bekannt. Alle Organe habe ich schon beim Metzger in der Auslage gesehen. Ich dachte, der Mensch ist kompliziert, undurchschaubar. Und doch nur eine kleine Zahl verschiedener Organe. Jeder Automat gleich. Keine Mystik. Ein unangenehmer Geruch. Die Organe werden mit vorgeschriebenen Schnitten zerteilt um daraus zu lesen. Um auf Krankheitsbilder zu stossen. Auf Anomalien.

Das Gehirn ist von allen Organen das schoenste. Das Grau und Weiss, zarte Strukturen. Ein Menschenleben, Erinnerungen und Gefuehle, Triebe, Schuld liegt auf einem abgenutzten Edelstahltisch. Ein Medizinstudent schneidet das Organ in Scheiben.

Man ist ein anderer Mensch, wenn man so etwas gesehen hat, wird Lucie spaeter sagen, und, dass jeder Mensch so etwas mal gesehen haben sollte.

Ich fuehle mich schuldig. Als haetten mich meine Elten erwischt, wie ich Pornobilder ansehe. So als wuerde ich etwas sehen, was ich nicht sehen duerfte. Und doch ist es gut. Es ist ein von der Erkenntnis probieren.