Meine keine Corona-Impfung

Eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln auf einmal

Blick aufs Detail (die Story)

Am Ostersonntag gegen Mittag stand ich auf der Zufahrt zum Flughafen Tegel. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich der coolste Hund bin, weil ich zu meiner Corona-Impfung mit dem Motorrad vorfahre. Tatsächlich aber gab es ganz viele noch viel coolere Hunde, weil viel älter und mit noch größeren Maschinen. An der Kontrolle an der Einfahrt zum Flughafen kam es zum Stau. Autofahrer, Motorradfahrer und einige, die auf Elektrofahrrädern angerollt kamen. Fussgänger wurden an einem anderen Eingang kontrolliert.

Ich wurde abgewiesen. Damit hatte ich gerechnet. Ich war glücklich gewesen, einen Impftermin bekommen zu haben – glücklicher, als ich es erwartet hatte. Wenige Tage vor meinem Termin wurde dann allerdings deutschlandweit beschlossen, dass unter 60-jährige nicht mehr AstraZeneca, dem Impfstoff, der für meinen Termin vorgesehen war, versorgt werden sollten, weil es in einigen Fällen zu Komplikationen gekommen war.

Blick aufs Ganze (die Daten)

Frauen waren stärker betroffen als Männer – in Deutschland waren es an Männern exakt 2. Zwei Komplikationen bei einer Million Männern, die geimpft worden waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei mir (einem Mann) Komplikationen auftreten würden, stand mithin also bei 1 zu 500.000. Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Blick aufs Detail (die Story)

Ich hatte irgendwo gelesen, dass sich in Stuttgart Leute, die schon einen Termin hatten, impfen lassen konnten, wenn sie es auf „eigene Gefahr“ tun würden. Ich täte es auf jeden Fall auf eigene Gefahr tun, 1:500.000 scheint mir eine kleine Gefahr, gegenüber der Gefahr, schwer an Corona zu erkranken. Doch in Berlin gelten andere Regeln und so konnte ich Männern in Rauschebärten zusehen, wie sie gen Flughafen düsten, der zum Impfzentrum umgewidmet worden war. Ich fuhr wieder nach Hause.

Am nächsten morgen beim Zähneputzen ging mir dann ungefähr folgender Gedanke durch den Kopf: Irgend ein anderer Affe hat gestern meinen Impfstoff gespritzt bekommen. Wenn ich jetzt Corona kriege, dann sind die da oben schuld, die Politiker, die dämliche Entscheidungen jenseits von Mathematik treffen, weil sie sich von Volkes Stimme (oder zumindest 10% des Volkes Stimme) derart haben verunsichern lassen, dass sie nicht mehr auf die Zahlen schauen, sondern auf die Auswirkungen, die es haben könnte, wenn sich die Geschichten von den Impfkomplikationen verbreiten würden (die, egal wie unwahrscheinlich sie wären, ja mit Sicherheit kommen würden). Benzin auf die Feuer der Besserwisser, die kurioser Weise neuerdings Querdenker genannt werden.

Die Impfdosis landete also am Tag zuvor nicht in meinem Arm, sondern in einem anderen. Und ein anderer Affe (der, der zu dem anderen Arm gehört) ist mithin geschützt.

Blick aufs Ganze (die Daten)

Da der Impfstoff ja nicht weggekippt wird, sondern einfach anders verteilt, passiert von oben gesehen genau gar nichts. Statt der einen Gruppe wird nun halt eine andere Gruppe zuerst geimpft und die erste Gruppe kommt dann halt später dran. Im Moment geht es darum, bei begrenzen Kapazitäten, so viele Leute wie möglich zu impfen. Egal, wer das ist. Man muss halt eine Reihenfolge festlegen und weil man es nicht nach der Größe der Geldbeutel oder der Menge der Beziehungen machen will (wie z.B. kürzlich bei den Zugänge zur hippen App Clubhouse oder seinerzeit zu Gmail), macht man es eben in der Reihenfolge wie gefährdet jemand ist, an Corona zu erkranken. So ungefähr zumindest.

Blick aufs Detail (die Story)

Ich persönlich fühle mich jetzt nicht so gefährdet, muss ich sagen, aber ich bin halt auf dieser Liste gelandet.

Blick aufs Ganze (die Daten)

Die Politiker, die diese Entscheidung zu verantworten hatten (also unter 60-jährige nun doch nicht mit diesem Impfstoff impfen zu lassen) mussten also entscheiden. – Ok, es gibt eine gewisse Gefahr (bei Männern eine sehr geringe), dass bei diesem Impfstoff Komplikationen auftreten könnten. Was richtet also mehr Schaden an, wenn die Entscheidungsträger ihre ‚Meinung‘ ändern und dadurch das Volk verunsichern – oder die Politik an der gegebenen Richtung festhält und durch die unweigerlich über das Land kommenden Geschichten (2 Geschichten je 500.000 Geimpfte) das Volk verunsichert wird. So oder so, das Volk wird verunsichert (vielleicht jeweils andere Gruppen, aber egal). In der Sache macht es also keinen Unterschied, denn egal wie die Entscheidung ausfällt, die Zahl der Geimpften steigt.

Und so hat sich die Politik halt so entschieden, wie sie sich entschieden hat.

Blick aufs Detail (die Story)
Für mich ist das jetzt natürlich blöd.

Blick aufs Ganze (die Daten)
Eigentlich ist es Wurst.

Warum Trump das Beste gewesen sein könnte, was der Menschheit passieren konnte

Wir befinden und mitten in einem grundlegenden Wandel des Denkens. Wann dieser Wandel begann ist schwer zu sagen, starke Signale finden sich bereits in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gedanken und Ideen, die eine Gesellschaft prägen, wachsen langsam, so langsam, dass sie sich nicht aus dem Lärm der Zeit heraus vernehmen lassen; erst wenn man große Zeiträume betrachtet, lassen sie sich erkennen.

Es ist wie wenn man auf einen Fluss blickt. Wenn man an einer Stelle im Fluss die Bewegung von – sagen wir mal – sieben Milliaren Wassermoleküle betrachtet, dann ist das zwar eine Menge, es lässt sich aber dennoch nicht sagen, in welche Richtung der Fluss fließt. Es ist gut möglich, dass man auf einen Strudel schaut, der sich entgegen der eigentlichen Richtung des Flusses bewegt. Das ist nicht nur gut möglich es ist zu einem gewissen Grad sogar wahrscheinlich. Erst wenn man die Zeitspanne der Betrachtung erweitert und die Lage der Moleküle zu einem ausreichend großen späteren Zeitpunkt erneut misst, hat man überhaupt eine Chance zu erkennen, in welche Richtung der Fluss fließt.

Gesellschaften sind träge fließende Flüsse. So träge, dass man Dekaden betrachten muss, um eine einigermassen verlässliche Aussage treffen zu können, in welche Richtung sie sich bewegen.

Der Umschwung, der sich in der Wahl von Obama zeitigte, begann schon lange vor Obama. Ein riesiges Pendel hatte seine Richtung geändert. Und dann kam Obama, bekam den Friedensnobelpreis und es änderte erstmal sich so gut wie nichts. Die Kriege, die die USA führten, wurden weitergeführt, die Gesundheitsreform war eher ein Reförmchen, die Klassenunterschiede verstärkten sich weiter. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit Freunden erinnern, die große Hoffnung in die Wahl von Obama gelegt hatten und bitter enttäusch waren, dass auch nach Jahren ‚alles beim alten‘ geblieben war. Das Gespräch fand gegen Ende von Obamas zweiter Amtszeit statt noch bevor der Wahlkampf um seine Nachfolge (Hillary Clinton vs. Donald Trump) in den USA richtig begonnen hatte. Es war die Zeit vor Trump und der Höhepunkt der Frustration mit Obama. (Auslöser für das Gespräch war ein Text, den ich damals geschrieben hatte.)

Dann kam Trump. Der dümmste anzunehmende politische Unfall. Trump ritt auf einer Welle des Populismus der nicht nur in den USA, auch in Großbritannien, Brasilien, Polen selbst in Deutschland zu spüren war. Der Populismus kam in einer Zeit, in der es keine wirklich großen aktuellen Krisen gab. Keine großen Krisen? Mit ‚großer Krise‘ meine ich eine Krise, die sich mit Geld nicht lösen lässt.

Die meisten Probleme drehen sich ums Geld oder lassen sich vermeintlich mit Geld lösen. Die Finanzkrise (ab 2008) war ein solches Problem, zu einem gewissen Grad auch die Migrationskrise. Probleme vorrangig aus einem Blickwinkel (meist der des Geldes) zu betrachten ist fast immer nicht nachhaltig, doch wenn es ihnen gelingt das Publikum zu überzeugen, schlägt die Stunde der Populisten.

Es gibt Probleme, die sich mit Geld nicht lösen lassen. Der Klimawandel ist ein solches Problem, und aktueller: Corona. Klimawandel oder Corona sind komplexe Probleme. Alles Geld der Welt alleine vermag diese Probleme nicht zu lösen.

Populistische Systeme agieren, wenn sie mit derartigen Problemen konfrontiert sind, suboptimal – sie treffen dumme Entscheidungen. Es ist als ob sie, aufs Geld fixiert, die richtigen Hebel nicht finden, um sinnvoll zu agieren.

Nichtpopulistische Systeme sind hier effektiver. Eine langweilige Angela Merkel ist besser geeignet komplexe Probleme anzugehen als ein aufregender und aufgeregter Donald Trump.

Trump, Bolsonaro, Orbán, Johnson, Macron, Trudeau, Merkel. Je weniger populistisch desto besser die Performance in einer wahren Krise. Im Falle von Corona lässt sich das in Zahlen ablesen.

Der grundlegende Wandel, der seit Jahrzehnten von statten geht, ist der Wandel hin zur Multiperspektive. Probleme multiperspektivisch anzugehen ist nachhaltiger und bei einer bestimmten Art von Problemen (den wahren oder komplexen Problemen) die einzig erfolgversprechende Art. Das Pendant zum multiperspektivischen ist der monoperspektivische Ansatz („man muss es nur richtig machen“ – was auch immer ‚richtig‘ sein mag).

Die Gesellschaften werden multiperspektivischer, und damit toleranter, vielschichtiger und klüger, weil sie viele und immer mehr Blickwinkel in Betracht zu ziehen lernen. Das ist die Richtung in die der Fluß fließt. Und es lässt sich kaum übersehen, wenn man einen genügend großen zeitlichen Rahmen zieht, den man betrachtet (50 Jahre +).

Es fließen nie alle Wassermoleküle eines Flusses gleichzeitig in die selbe Richtung. Strudel und Gegenbewegungen sind normal, insbesondere dann, wenn der Fluss relativ schnell fließt.

Trump wird ein solcher Strudel gewesen sein. Trump steht für altes, überkommenes Denken. Es ist das Denken der Monoperspektive, des man muss es „richtig“ machen. Wenn das Publikum so denkt, braucht es jemanden, der in einfachen Worten sagt, was ‚richtig‘ und was ‚falsch‘ ist. Trump hat diese Funktion erfüllt. Das ist der Grund warum er für viele so attraktiv war und für viele immer noch ist. Jemand, der weiß, was richtig und falsch ist, braucht keine Experten, keine Berater, die den Blick erweitern. Trump ist ein Tier des alten Denkens, ein Dinosaurier, das sich noch einmal aufbäumt doch bereits dem Untergang geweiht ist.

In den USA haben sich nicht nur die Demokratische Partei sondern alle mehr oder weniger multiperspektivischen Kräfte in den letzten vier Jahren von Grund auf erneuert. Es entstehen neue Koalitionen auch mit Konservativen ( -> Lincoln Project ), mit der „man muss es richtig machen“ Fraktion am linken Rand hingegen nicht.

Monoperspektivisches Denken findet sich überall im politischen Spektrum, verstärkt allerdings an den Rändern – auf der rechten Seite ebenso wie auf der linken.

Trump hat der Erneuerung des Denkens hin zum Multiperspektivischen gut getan, es war nicht seine Absicht aber es war seine Funktion. Das neue Denken, es wäre ohnehin gekommen. Nach Trump kommt es nun umso schneller.

Das ist, was ich sehe.

Narren haben eine klare Meinung

Es gab eine Zeit, da galt als Narr der, dem alles egal war. Der auf dem Kanapee lag und Gott einen guten Mann sein liess. “Das sollen die Affen in München entscheiden, dazu bin ich zu blöd”, das ist so ein Satz, der mir aus dieser Zeit im Gedächtnis geblieben ist. (Im Original eher so: “Des solln die Affn in Minga ausmachn, dazu bin i’z bleed”.)

Heute zeichnen sich Narren dadurch aus, dass sie auch bei den kompliziertesten Themen eine ganz klare Meinung haben. “Es ist doch offensichtlich, dass… “ ist so ein typischer Satzanfang, an dem man den modernen Narren erkennen kann. Moderne Narren werden ausserdem nicht müde zu betonen, dass das, was sie sagen, nicht gesagt werden darf, vor allem nicht in den Medien. Dabei wird ständig in den Medien darüber berichtet, was die Narren denken, was die Narren sagen und es wird spekuliert wozu es wohl führen könnte, was die Narren tun.

Früher, als man noch nicht so viel Aufmerksamkeit auf die Narren gerichtet hat, schienen Narren ganz gut gelaunte Zeitgenossen zu sein. Wenn man sie so anschaute sahen sie zufrieden aus, so als könnten sie der Situation, in der sie sich befanden, auch etwas gutes abgewinnen. Moderne Narren hingegen haben wutverzerrte Gesichter. Sie toben und schreien und beschimpfen die, die ihnen Mikrofone hinhalten. Die Narren behaupten, dass die mit den Mikrofonen ohnehin nur lügen und ausserdem Marionetten seien. Das ist auch wieder so ein närrisches Bild, denn Marionette können nicht lügen, wenn, dann lügt der Marionettenspieler, oder aber wir befinden uns in einem Märchen, in einer Geschichte, in der alles auf ein Ziel hinausläuft, in dem alles eine große Verschwörung ist.

Narren lassen sich erkennen, an den Worten, die sie benutzen, wenn sie ihre Geschichte von der Welt erzählen. Narren übertreiben ständig, sie sagen ‘immer’ statt ‘oft’, ‘alle’ statt ‘viele’, sie sagen ‘Volk’ statt ‘wir’.

Die Sätze der Narren sind voll von Begriffen wie ‘Weltordnung’, ‘Öl’, ‘Waffen’, ‘die Medien’, ‘die Massen’, ’die wahre Macht’, ’der Markt’, ’Regierung und Politiker sind Schauspieler’, ’internationale Hochfinanz’, ’global vernetzte Bankenmafia’, ’absolut’, ’angedeutet’, ’Ausnahmezustand’, ’Notstand’, ’Weltfinanzsystem’, ’Weltwirtschaft’, ’flächendeckend’, ’befehlen’ (die anderen, den Narren), ’Hysterie’, ’Medienmaschine’, ’Fakt ist’, ’Kollateralschaden’, ’Zusammenbruch’, ’Politik und Medien’, ’die eigentliche Gefahr’, ’kühlen Kopf’ (der der Narren), ’bewahren’, ’die eigentliche Gefahr’, ’Finanzblase’ (’völlig aufgebläht’), ’nichts’, ’in den Schatten stellen’, ’Spieltisch der Hochfinanz’, ’Risiko’, ’Geschäfte auf Kosten der Allgemeinheit’, ’ganz simpel’, ’die Verantwortlichen’, ’die Politik’, ’noch immer’, ’die Realwirtschaft’, ’Spekulationsblase’, ’die sogenannte Globalisierung’, ’alles mit allem’, ’hat sich erwiesen’, ’ungebremst’, ’kein Staat der Welt’, ’Lawine’, ’Zinsen’, ’Schulden’, ’auf Pump’, ’man hätte damit rechnen müssen’, ’die Macht der Hochfinanz’, ’die Politik tat (tut) nichts’, ’im Gegenteil’, ’ungedeckt’, ’den Kopf in den Sand stecken’, ’als würde die Party immer so weitergehen’, ’war bekannt’, ’vorsätzlich verdrängt’, ’alles auf eine Karte setzen’, ’immer’, ’alles’, ’sämtliche’, ’wir’, ’skrupellos’, ’skrupelloses Finanzsystem’, ’tatsächlich’, ’eigentlich’, ’real’, ’Gefahr’, ’verdrängen’, ’behauptet’, ’in Wahrheit’, ’extreme Massnahmen’, ’Rettung des Kasinokapitalismus’, ’der Tropfen der das Fass zum überlaufen bringt’, ’missbraucht’, ’real existierende Wirtschaftspolitik’, ’unter Merkel’, ’Pharma’, ’Sklaven der Hochfinanz’, ’Getriebene’ ect.

Die Narren sprechen von Systemen als seien es Personen ‘das globale Finanzsystem befiehlt…’ und schreiben den Systemen Willen zu, so als ob da jemand wäre, der mit einer Stimme sprechen könnte. Diese System-Personen verfolgen einen bösen Plan, den aufzudecken sich die Narren zur Aufgabe gemacht haben. Ganz so, wie der Held eines Films, der früher als die anderen erkennt, was der Plot der Geschichte ist – das Ziel, auf das alles hinausläuft. Und wie im Film ist nichts zufällig, hat jedes Detail Bedeutung im Kampf von Gut und Böse.

Die Narren übersehen, dass die Welt kein Film ist. Die Welt ist unendlich viel komplexer als jede Geschichte. Der Mensch hat Geschichten erfunden als Vereinfachung der komplizierten Welt. Der Narr verwechselt die Welt mit den Geschichten, die man sich erzählt.

Wenn es dem Narren wenigstens dabei gut gehen würde. Doch der Narr ist ausser sich vor Wut. Er erzählt sich die Welt in Geschichten doch es funktioniert hinten und vorne nicht. Man könnte denken der Narr würde aufgeben, würde sich wieder aufs Kanapee legen und Gott einen guten Mann sein lassen. Vielleicht passiert irgendwann sogar. Doch im Moment sieht es nicht danach aus. Die Narren werden immer fuchsiger, weil die Welt sich an keinen Plan hält und die Narren ständig wieder überrascht werden. So als würde die System-Person immer wieder eine neue Wendung aus dem Hut zaubern. Das bestärkt die Narren noch mehr in ihrem Glauben, es mit einem besonders mächtigen Gegner zu tun zu haben. Dabei ist die Welt nur das, was sie immer schon war: komplex.

Hausärzte posieren nackt

Headline auf Spiegel online: “Hausärzte posieren nackt

Ein Artikel über Hausärzte, die sich beklagen, dass ihnen in Corona-Zeiten nicht genügend Schutzausrüstung zu Verfügung steht und die sich deswegen nackt fotografieren lassen.

Ich verstehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Klar, es ist natürlich ein Problem, wenn Hausärzte nicht genügend Schutzkleidung haben. Ich habe auch eine Hausärztin, die ich sehr schätze, mit der ich über all die Jahre, die ich bei ihr in Behandlung bin, eine persönliche Beziehung aufgebaut habe. Irgendwann habe ich von ihr erfahren, dass sie sich neben ihrem eigentlichen Beruf als Künstlerin betätig. Ich glaube, sie hatte immer schon davon geträumt Künstlerin zu sein. Ich erfuhr, wohin sie in Urlaub fährt, aber nicht mit wem. Sie weiß, was ich beruflich mache, mit wem ich verheiratet bin, wohin ich in Urlaub fahre und nach den Urlauben fragen wir uns gegenseitig wie es war. Ich mag meine Hausärztin. Ich stelle sie mir ohne Schutzmaske vor und mich schaudert. Ich will nicht, dass sie keine Schutzmaske trägt, wenn sie Patienten gegenübertritt.

SPIEGEL: Frau Husemann, Sie haben sich nackt fotografieren lassen und das Foto im Netz veröffentlicht. Wie viel Überwindung hat Sie das gekostet?

Ich will mir meine Hausärztin nicht nackt vorstellen. Ich will sie mir in ihrem weissen Kittel vorstellen. Ich mag sie in ihrem weissen Kittel.

Jana Husemann: Ich habe einen ganzen Tag überlegt, ob ich das tun soll. Habe mit Kollegen gesprochen, mit meinem Partner. Das Internet vergisst nichts, das ist mir klar. Aber am Ende dachte ich: Das ist es mir wert.

Warum um Himmels willen zwingt jetzt jemand mein Hirn sich mir meine Hausärztin nackt vorzustellen? Nein – das will ich nicht!

Jana Husemann:
Wir brauchen Aufmerksamkeit. Die Hausärzte wurden in der Pandemie bisher übersehen, obwohl sie einen großen Anteil an der Versorgung der Patienten mit Coronavirus haben.

Ja, schon klar, aber warum nackt?

Jana Husemann, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2013 als Hausärztin im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Sie ist eine von vielen Medizinerinnen, die an der Aktion “Blanke Bedenken” teilnimmt. Die Ärzte fordern unter anderem eine bessere Ausstattung mit Schutzausrüstung.

Ich kann es nicht glauben. Ich klicke auf den Link von Blanke Bedenken.

Oh shit. Da sind noch mehr. Und ich frage mich: Was zum Teufel hat die geritten? O.k. klar, da waren sicherlich mehrere Faktoren am Start. Ich kann mir vorstellen, dass die Angst um die eigene Gesundheit auch mit im Spiel war. Dann stelle ich mir vor, wie ich mich an meinem Arbeitsplatz nackt fotografieren lasse. Hat schon was. Und wenn es nur die Gelegenheit zum Tabubruch ist.

Ich schaue mir die Bilder an, darauf sind mehr oder minder nackte Menschen zu sehen, die mit Klopapierrollen oder anderem dämlichen Assesoir mehr oder weniger albern vor einer Kamera possieren. Oh je, die Bildern erinnern mich viel zu sehr an die in meiner Jugend allzu verdrängte Sexualität. Erbärmlich irgendwie.

Wieder denke ich an meine Hausärztin, an die Flasche Desinfektionsmittel, die sie immer auf dem Tisch stehen hat und dass sie schon vor ein paar Jahren aufgehört hat, mir die Hand zu geben. Hat sie Angst in der jetzigen Situation oder ist sie genauso vorsichtig und professionell wie immer? Ich weiß nicht, ob sie das Problem mit der Schutzausrüstung auch betrifft. Ich habe sie zuletzt vor dem Ausbruch der Coronakrise gesehen.

Wenn meine Hausärztin zu mir sagen würde: “Ich habe Angst, wegen der fehlenden Schutzkleidung”, ich würde ihr anbieten, mich selbst auf die Suche nach Masken und so zu machen. Wenn Sie mir dann sagen würde, das sei total nett, aber es würde schon genügen eine Petition zu unterschreiben. Ich würde unterschreiben. Sofort.

Jana Husemann sagt: “Wir brauchen Aufmerksamkeit”.

Nackte menschliche Haut zieht Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit lässt sich umlenken, das hat Edward Bernays entdeckt, ein Neffe von Freud. Edward Bernays gilt als der Erfinder der PR, er hat 1929 in New York auf der Easter Sunday Parade junge Frauen rauchend vor Pressekameras vorbeilaufen lassen. Die Bilder wurden als Symbol von Emanzipierung gesehen, doch die jungen Frauen waren eigentlich nur von der Zigarettenindustrie benutzt worden, um sich den Markt der bis dato nicht rauchenden Frauen zu erschließen.

Mit Nacktheit lässt sich alles mögliche verkaufen, seien es Waschmaschinen, Autoreifen oder irgendein anderer Quatsch.

Irgendwann wurde es Mode, sich auch für moralische Gründe auszuziehen, für Tierschutz oder gegen politische Unterdrückung.

Klar, ich verstehe wie Werbung funktioniert, ich weiß von Aufmerksamkeitsökonomie und so.

Doch weil ich weiß, wie es läuft, versuche ich, wenn irgend möglich, Produkte und Erkenntnisse zu vermeiden, die mit Emotionen verkauft werden. Nicht, weil ich es für unangebracht halte, nackte Haut zu zeigen, sondern weil ich gelernt habe, dass mir jemand irgendwas andrehen will, wenn man erst mit Sex oder Status meine Aufmerksamkeit kapern muss, um sie auf etwas umzulenken, auf das ich nicht von alleine meine Aufmerksamkeit gerichtet hätte.

Ich habe gelernt, dass ich in der Regel verarscht werde, wenn mit etwas anderem Aufmerksamkeit erregt wird, als mit dem um was es geht.

Klar, verstehe ich, dass es ein Problem ist, wenn Ärzte zu wenig Schutzmasken haben. Ich kann es mir vorstellen.

Doch wie groß ist das Problem auf einer Skala von 1 bis 10?

Keine Ahnung. Hilft es mir, es besser einzuschätzen, nachdem ich den Artikel auf Spiegel-Online gelesen habe?

Das einzige, was ich nach der Lektüre sicher weiß ist, dass eine Hausärztin in Hamburg sich mit einigen Kollegen vor der Kamera ausgezogen hat, weil offenbar zu Befürchteten war, dass ihr Problem ansonsten nicht genügend Aufmerksamkeit bekäme.

Ich nehme mir vor, morgen meine Hausärztin anzurufen und sie zu fragen. Ich werde ihr sagen, dass ich einen Artikel auf Spiegel-Online gelesen habe und ich frage sie, ob das mit der Schutzkleidung wirklich so ein Problem ist.

Und dann malt mir mein Hirn aus, wie meine Hausärztin am Telefon zu mir sagt: “Sie meinen den Artikel mit den nackten Ärzten? Ja, auf den habe ich auch geklickt.”

Ich glaube, ich möchte dieses Gespräch nicht führen.

 

Wenn Sie die Petition trotz der albernen Aktion unterschreiben wollen: www.blankebedenken.org

Brot und Journalismus – Food for thought

Neulich bin ich auf meinen Corona-Streifzügen auf Facebook in eine Diskussion gestolpert, auf der sich vornehmlich Journalisten unterhielten. 

Christine Ulrich
Journalisten sind systemrelevant, aber müssen in der Corona-Krise zuhauf in Kurzarbeit. Irgendwas hab ich nicht kapiert.

Robert Braunmüller
Das ist bei Ihrem beruflichen Hintergrund mehr eine rhetorische Frage, oder?

Christine Ulrich
Das vorgebrachte Wirtschaftsargument löst für mich nicht das Paradoxon dieser Tatsache. Ich meine, genau jetzt müsste man doch in Qualitätsjournalismus reinbuttern! Aber nein…

Wolfgang Grebenhof
Genau so ist es. Jetzt werden die Weichen für die Zukunft der Zeitungen gestellt. Nie standen die Zeiten besser, um dauerhafte Leser-Blatt-Bindung aufzubauen. Wer jetzt, in der Krise, am redaktionellen Inhalt spart, schaufelt sein eigenes Grab.

Florian Thalhofer
Bitte die Frage nicht missverstehen, aber ist es wirklich so, dass Journalismus automatisch besser wird, wenn mehr Journalisten arbeiten?

Christine Ulrich
@Florian Thalhofer Sicher nicht automatisch. Davon war auch nie die Rede. Aber ohne eine gewisse Quantität an Leuten gibts definitiv keine Qualität. Sicher muss sich auch (immer schon) einiges verändern, entschlacken im Journalismus. Aber diese Brachialkur halte ich für kontraproduktiv.

Wolfgang Grebenhof
@Florian Thalhofer Derzeit gibt es Themen in Hülle und Fülle, die aber rechercheaufwändiger sind als eine reine Veranstaltungs-Berichterstattung, die ja derzeit flach fällt. Ergo braucht man mehr Leute, um spannende Inhalte zu liefern. Ich halte es nicht für zielführend, redaktionelle Umfänge zu reduzieren. Die Leute haben mehr Zeit, und sie haben mehr Bedürfnis nach verlässlichen Informationen. Dem müssen wir versuchen, gerecht zu werden. Mit weniger Leuten geht das in der aktuellen Situation ganz sicher nicht. Zumal Verlage, die Redakteuren Kurzarbeit anordnen, ja oft auch zusätzlich noch an den Honoraren für Freie sparen.

Wolfgang Grebenhof
@Christine Ulrich Entschlacken im Journalismus? Ernsthaft? Wo willst Du denn nach den Sparorgien der Verleger in den letzten Jahren noch entschlacken?

Christine Ulrich
@Wolfgang Grebenhof Sorry, das war missverständlich – ich meinte um Himmels Willen nicht noch mehr Leute abbauen, sondern eher hier und da manche verkrusteten Denk- und Organisationsstrukturen aufbrechen, damit sich Zeitung weiterentwickeln kann.

Michael Seeholzer
@Florian Thalhofer Der Journalismus wird nicht automatisch besser, wenn mehr Journalisten arbeiten, aber er wird auch nicht dadurch besser, dass immer weniger Journalisten immer mehr arbeiten

Florian Thalhofer
@Michael Seeholzer Es hat ja auch niemand gesagt, dass der Journalismus besser wird, wenn es weniger Journalisten gibt.

Florian Thalhofer
@Wolfgang Grebenhof Brot wird auch nicht besser oder schlechter, wenn es mehr oder weniger Bäcker gibt. Brot wird hingegen besser, wenn es bessere Rezepte gibt. Jetzt ist eine Zeit in der experimentiert werden kann. Millionen Menschen backen jetzt Brot. Vielleicht entstehen dabei bessere Rezepte?

Johannes Welte
Es gibt halt schon viel zu wenige Bäcker. Sie sind gezwungen, Fremdware aufzutauen und schnell in den Ofen zu schieben, weil sie keine Zeit haben, selbst Zutaten auszuwählen, Teig zu kneten und individuelle Teiglinge zu formen. Um mal im Bild zu bleiben.

Wolfgang Grebenhof
Was dabei herauskommt, wenn zu viele Laienbäcker im Informationsteig herumrühren, sieht man an der Flut an Bullshit, die tagtäglich aus Facebook und Co. schwappt. Es gibt schon gute Gründe dafür, Journalismus Profis zu überlassen. Beim Brotbacken verhält es sich ähnlich.

Florian Thalhofer
@Johannes Welte Ihre These wäre also: Weil es zu wenig Bäcker gibt, ist die Qualität schlecht. Ich lebe in Berlin Kreuzberg. Hier gibt und gab es so lange ich mich erinnern kann viele schlechte Aufback-Bäcker. Es gibt aber auch einige sehr, sehr gute Bäcker. In den letzten Jahren wurden es nach meiner Beobachtung immer mehr. Denken Sie, dass der Grund ist, dass es insgesamt mehr Bäcker gibt?

Johannes Welte
@Florian Thalhofer gibt es in Kreuzberg noch Zeitungen? Frage für einen Freund

Florian Thalhofer
@Wolfgang Grebenhof In den neuen Medien entsteht ja nicht nur schlechtes. Einiges (vielleicht auch weniges) ist sogar sehr gut. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass neben dem vielen Schlechten immer mehr beeindruckend Gutes entsteht? Wenn man das Schlechte herausfiltert und hat man meines Erachtens Zugang zu viel besseren Informationen als früher.

Florian Thalhofer
@Johannes Welte Ich weiss nicht, ob es in Kreuzberg noch Zeitungen gibt. Seit etwa zwei Jahren gibt es ein Nachbarschaftsportal, seit ich dort angemeldet bin bekomme ich mehr mit, was in der Gegend so passiert und vor allem, was die Leute ausserhalb meines Dunstkreises denken, als je zuvor. Ich will gar nicht sagen, dass es besser oder schlechter ist. Es ist anders. Es hat eine andere Qualität.

Johannes Welte
@Florian Thalhofer Nachbarschaftsportale sind ok, ersetzen aber keinen Journalismus. Man kann ja beim Hinterhof-Flohmarkt ja mal einen selbst gebackenen Kuchen probieren, eine Bäckerei ersetzt das aber nicht

Florian Thalhofer
@Johannes Welte Ich stimme ihnen selbstverständlich zu, Nachbarschaftsportale ersetzt nicht Journalismus als solchen. Nachbarschaftsportale ersetzen lediglich Lokalblättchen, die zuvor werbefinanziert die Briefkästen verstopft haben. Ich habe Sie vermutlich falsch verstanden, ich dachte, Sie fragten nach Kreuzberger Zeitungen (statt Zeitungen in Kreuzberg). Den rethorischen Dreh habe ich übersehen. Ja, natürlich, in Kreuzberg gibt es noch Zeitungen. Aber ich vermute, Sie haben nicht gefragt weil sie die (banale) Antwort interessiert. Ihre Frage war als Kommentar gemeint, oder?

Johannes Welte
@Florian Thalhofer Logo 😉 wobei Kreuzberg mit 150000 Einwohnern ja groß genug für eine eigene Zeitung wäre.

Michael Seeholzer
@Florian Thalhofer Das Beispiel ist gut gewählt. Viele Aufbackbäcker machen das, was viele Aufbackmedien tun. Sie nennen das „kuratieren“. Also einen beliebigen Sachverhalt als den eigenen auszugeben indem ihm eine neue Verpackung übergebraten wird. Früher nannte man sowas Verletzung des Urheberrechtes. Das macht das Ganze zwar billig, aber um den Preis, dass überall der gleiche, billige, geschmacklose, und von mir aus auch noch ungenießbare Fraß drin ist. Kuratierter Billigjournalismus ist wie Billigbreze. Billig aber irgendwann einmal Bauchweh.