Kaffemaschine

Berlin, Nov. 2013

Erfolg drückt sich in Symbolen aus. Es mag Branchen geben, wo man ein großes Auto liebt, oder vielleicht Hubschrauber. In meinem Bereich als Gestalter, als Filmemacher und Künstler sind es Kaffeemaschinen. Die Werbeagentur, in der ich vor fast 20 Jahren nach der Schule ein Praktikum machte, die Agentur und Kunstfoundation in Amsterdam, bei denen ich lange Jahre ein und aus ging: alle verfügten über riesige, chromblitzende Kaffeestationen. Und ich erinnere mich, wie enttäuscht ich war, dass die Produktionsfirma meines letzten und bisher einzigen Filmes lediglich eine einfache Kaffeepadmaschine nebst separatem und umständlichem Milchaufschäumer in der Küche stehen hatte.

Ich schreibe das, weil es mir bis vor wenigen Tagen gar nicht bewusst war. Der Kaffee, den ich bei der Filmproduktionsfirma angeboten bekam, war nur der Hauch einer Enttäuschung, ein flüchtiger Gedanke, der sich in der Aufregung, die an diesem Ort herrschte (es ging um meinen Film!) so rasch verflog, dass ich ihn kaum bemerkte.

Ein Thema verfolgt mich in letzter Zeit. Es ist die Frage: “Was habe ich aus meinem Leben gemacht?”. Ich bin Anfang 40, ich habe an einer Kunsthochschule studiert, ich Reise in der ganzen Welt herum, bekomme Interviewanfragen bis aus Australien, mein Name steht in zahlreichen Büchern. Doch leben kann ich davon nicht. Meinen Unterhalt verdiene ich zum Großteil mit eben jenem Job, den ich schon seit Studentenzeiten mache. Ich habe es nie geschafft, meinen Erfolg finanziell umzusetzen und wie mein Vater es vor Jahren formulierte: “Du musst Dir irgendwann mal Gedanken machen, ob das, was Du machst, Sinn macht. Finanziell und überhaupt.” Nun ist mein Vater Steuerberater mit wenig Sinn für Dinge, die sich nicht in Geld ausdrücken lassen. Doch mein Vater ist eben auch mein Vater und auch, wenn ich mich annähernd zwei Jahrzehnte an Institutionen des Intellekts herumgetrieben habe, das Fundament meiner Selbst steht auf dem, was in einer Kleinstadt, als Sohn eines Steuerberaters, gewachsen ist. Die Wucht seiner Sätze traf mich mit Verzögerung, wie man so oft Nachhaltiges gar nicht unmittelbar bemerkt.

Ich zog mir den Pfeil aus der Brust, die Wunde, die er geschlagen hatte, war nicht groß, doch das Gift wirkte langsam. Zwei oder drei Jahren versuchte ich verkrampft kommerziell erfolgreich zu sein. Ich hatte plötzlich mit Banken, Beratern und Anwälten zu tun und steckte meine Energie in Dinge, in denen meine Talente nicht liegen. Um Geld zu haben, das ich nur brauche, um Dinge zu kaufen die mir erzählen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

„Kaffeemaschine irgenwer?“

Mein Freund Dieter liebt es, kurze Emails zu schreiben. Die Email ging an mich und Undisclosed Recipients.

„Welcher Typ, wie teuer?“ imitierte ich seinen Stil.

Zurück kam ein Link und das Wort „umsonst“.

„Gekauft!“ antwortete ich. Erst dann klickte ich auf den Link.

Der Link führte auf eine Amazon-Seite auf der das Gerät beschrieben war. Es ist eine Agenturkaffeemachine vom feinsten. So ein Ding, wie ich es mir niemals werde leisten können. Das Gerät ist fünf mal mehr wert, als mein Auto, wenn es aufgetankt ist.

Das Symbol des Erfolgs steht jetzt in meinem Atelier. Umsonst.

Jeder ein Künstler

Welch saudummer Slogan: “In jedem steckt ein Künstler”. Vielleicht steckt sogar in jedem ein Künstler, aber dann sicherlich nur in dem Maß, in dem in jedem ein Steuerberater steckt, oder ein Fernsehdirektor. Der Rest ist Arbeit. Natürlich kann jeder ein Bild malen. Oder ein Foto machen. Oder Worte zu Parier bringen. Oder ein Lied singen.

Jeder ist ein Künstler?

Und so, wie Eltern die Kritzeleien ihrer Kinder anschauen und Genialität hineinsehen, haben wir und angewöhnt, all den Mist, der ununterbrochen fabriziert wird, fasziniert zu betrachten und die wundervolle Vielfalt zu bewundern. Und es fällt uns gar nicht mehr auf, dass dabei ein schrecklicher Brei herausgekommen ist. Hässlich und uninspiriert, weil nur bunt aber bedeutungslos.

Was macht einen Künstler aus?

Der Künstler braucht die nötigen Ressourcen, sich lange und intensiv mit einem Thema zu beschäftigen und das, ohne am Anfang zu wissen was – und ob – am Ende etwas brauchbares herauskommt. Das hat er mit einem Grundlagenforscher gemeinsam, im Gegensatz zu einem Ingenieur (der ganz und gar zielorientiert arbeitet).

Weil sich die Gesellschaft aber angewöhnt hat, so viele als Künstler zu sehen, sind die Ressourcen, die jedem einzellnen Künstler zu Teil werden, immer kleiner geworden.

Es geht nicht darum, den ‘besten’ Künstler zu finden, um diesem dann die Ressorcen zu geben. Es geht darum, irgendjemanden zu haben, der den Job macht. Der bereit ist, sich in jahrelanger, mühseliger und bisweilen niederschmetternd frustrierender Kleinarbeit mit einem Thema zu beschäftigen, ohne zu wissen, ob die Arbeit irgendwann Sinn machen wird. Jemand muss diese Grundlagenforschung betreiben! Und die künstlerische Grundlagenforschung muss mit den nötigen Ressourchen ausgestattet sein, genauso wie jeder Forscher die nötigen Ressourcen braucht, um vernünftig arbeiten zu können.

Statt dessen zieht sich die Gesellschaft ein Heer von schlecht ausgebildeten, schlecht ausgestatteten, hochabitionierten Kleinkünstlern heran, die alle nur wild durcheinanderplappern. Es ist ein furchtbarer Krach.

Modernes Leben

Über den studentischen Emailverteiler der Universität der Künste, Berlin werden immer wieder Ateliers, WGs oder Wohnungen angeboten oder gesucht. Ich lese die Beschreibung einer WG mit angeschlossenem Atelier. Fünf Menschen leben und arbeiten zusammen in einer alten Fabriketage. Ein Zimmer ist frei. 400 Euro inkl. DSL und Nebenkosten. Das Zimmer hat 16 qm, plus Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsatelier. Wohnen und arbeiten für Architekten und Designer. Es ist ein Bild abgehängt. Zu sehen: ein karger Raum mit Tischen auf denen silberne Laptops stehen.

Sweatshop denke ich.

Die Singer-Nähmaschine von gestern ist das Macbook Air von heute.

Plastik

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Istanbul, 2. April 2010

Ich telefoniere mit Strasbourg. Ich telefoniere mit Berlin. Ich telefoniere mit Caracas. Ich telefoniere mit New York. Ich beantworte Emails aus Sydney, Montreal, Lissabon. Ein Mädchen aus Venezuela sagt, dass es an mich denkt. Ein Mädchen aus Berlin sagt, dass es an mich denkt. Ich denke an ein Mädchen aus Marokko, dass ich kürzlich auf dem Flug nach Madrid kennengelernt habe. Ich fahre mit dem Taxi. Die Produktionsfirma zahlt. Ich tippe Sätze in meinen Laptop-Computer. Ich trinke Wasser aus einer kleinen Plastikflasche. Ich esse mit einer Plastikgabel Salat aus einem Plastikschälchen. Ich schreibe Sätze in mein Notizbuch. Ich kopiere Daten von einer Festplatte auf die andere. Ich kopiere Daten von der Kamera auf den Computer. Ich organisiere die Daten neu und verbinde die Daten mit Daten von anderen Kameras, Tonaufnahmegeräten, Fotoapparaten. Ich kopiere die Daten auf Webserver. Ich beantworte Emails. Ich stelle Fragen. Ich bekomme antworten. Ich reorganisiere Informationen. Ich tippe Sätze in meinen Computer. Ich spreche mit Menschen. Ich habe zu wenig geschlafen.

Dann liege ich auf dem Bett in meinem Hotelzimmer und tippe wieder Sätze in meinen Computer. Die Sätze werden auf der Festplatte des Computers gespeichert und Sekunden später im Internet gesichert. Irgendwo auf einer Festplatte, irgendwo in irgendeiner Serverfarm, wahrscheinlich in Amerika. Mein Computer in Berlin schaltet sich jede Nacht automatisch ein, holt die neuen Daten aus dem Internet und kopiert sie auf seine Festplatte. Die Daten auf der Festplatte werden automatisch auf eine weitere Festplatte gesichert. Meine Sätze leben ein sicheres Leben. Kein Feuer, kein Wasser, kein Erbeben kann sie zerstören. Sie leben in vielen Kopien an vielen Orten. Vielleicht werden sie nie gelesen. Ganz sicher werden sie vergessen.

Die Welt ist eine Wolke

Vor kurzem ist mir eingefallen, wie die Welt funktioniert. Es ist ganz einfach: Die Welt ist eine Wolke.

Bild: Jim Avignon

Die Welt ist eine Wolke, und um die Wolke herum ist nichts. Das Nichts ist schwarz. Doch das Nichts ist nicht nur nichts, es ist gleichzeitig alles. Das Nichts ist der unendliche See aller Möglichkeiten.

So wie eine Wolke am Himmel aus Wasser-Molekülen besteht, besteht die Wolke, die die Welt ist, aus Menschen. Es gibt eine Kraft, die die Moleküle beisammen hält, die verhindert, dass sie in alle Richtungen auseinander streben und sich im Nichts verlieren. Diese Kraft ist eine Art Klebstoff, der die Menschen beisammen hält. Der Klebstoff heißt Kommunikation. Die Menschen reden miteinander. Ununterbrochen und über nur ein Thema: Es geht um die Frage, was die Welt ist.

Die Welt ist die Wolke. Und die Wolke ist das, was alle Menschen miteinander verbindet. Teil der Wolke ist jeder Mensch, solange er nur in Verbindung zu mindestens einem anderen Menschen steht, der seinerseits Verbindung zur Wolke hat. Menschen, die ihren Kontakt zur Wolke verlieren, driften ins Nichts ab. Sie verlieren ihren Kontakt zur Welt. Sie sind verrückt, verrückt gegenüber der Welt.

Die meisten Menschen sind auf allen Seiten von anderen Menschen umgeben. Wie viele es sind, bestimmt die Dichte der Wolke an dieser Stelle. Neue Ideen entstehen am Rande der Wolke. Ideen, Erfindungen und Entdeckungen, die die Welt verändern.

Was passiert, wenn ein Mensch am Rande der Wolke einen Bewegung nach draußen macht? Ein kleines Stück, gerade so weit, dass er die Verbindung zur Wolke nicht verliert… Sie wird etwas entdecken, was es bisher noch nicht gab, etwas, das außerhalb der Wolke, außerhalb des Bewusstseins der Welt liegt. “Hey!” wird sie rufen “seht, was ich entdeckt habe!” Und wenn der Pionier andere überzeugen kann, nach sich ziehen kann, dann passiert etwas interessantes: Die Wolke verändert ihre Form. Die Welt verändert sich ein Stück und das, was gerade noch außerhalb der Welt lag ist plötzlich Teil von ihr.

Ständig entstehen neue Ideen. Ununterbrochen fliegen auf allen Seiten der Wolke Moleküle aus ihr heraus, doch nur die wenigsten schaffen es, andere Moleküle mitzureissen. Die meisten verlieren sich im Nichts, oder stürzen nach einem kurzen Ausflug wieder in die Welt zurück, ohne die Form der Wolke an dieser Stelle dauerhaft zu verändern.

Manchmal stellt die Welt auch fest, dass vor ihr schon jemand da war. Vincent van Gogh zum Beispiel. Ein besonders verrücktes Exemplar Molekül, ein Maler, der zu seinen Lebzeiten nie ein Bild verkaufte. Von Drogen wirr im Kopf, schnitt er sich ein Ohr ab. Ein Verrückter, kein Zweifel. Doch die Wolke hat sich in seine Richtung bewegt. Zufällig vielleicht, wer könnte das sagen? Die Welt hat sich verändert, hat seine Bilder entdeckt und plötzlich war Vincent van Gogh nicht mehr verrückt. Er war ein Genie, der Welt voraus.

Die Wolke ist in ständiger Veränderung begriffen. Zu keinem Zeitpunkt ist sie genau gleich. Doch sie verändert sich langsam, und sie hat ihre Zentren. Religionen sind solche Zentren zum Beispiel, oder politische Systeme. Und die Wolke hat viele Zentren. Die Zentren wirken wie innere Schwerpunkte, die bewirken, dass sich die Wolke nicht zu schnell bewegt.

Die Wolke breitet sich nicht nur aus, sie verschwindet auch aus Bereichen in denen sie schon war und überlässt diese wieder dem Nichts. Das Wissen und das Weltbild der Ägypter zum Beispiel. Wir sehen ihre Pyramiden, doch es bleibt uns völlig verschlossen, wie ihre Welt ausgesehen hat. Man kann sich aus unserer Welt heraus ein Bild davon machen. Verstehen kann man es nicht. Und das Bild ist geprägt von dem, was die Welt jetzt ist.

Sophie, einer Freundin von mir, hat eine Beobachtung gemacht. Merkwürdig, hat sie gesagt, dass man einem Film von 1950, der im Jahr 1850 spielen soll, viel eher das Jahr 1950 ansieht, als das Jahr, in dem es in dem Film geht; auch wenn man sich 1950 alle Mühe gegeben hat, die Zeit um das Jahr 1850 so authentisch wie möglich darzustellen. Ein historischer Film 20 Jahre später gedreht, würde ganz anders aussehen, und auch in ihm könnte man seine Entstehungszeit sofort ansehen. Offensichtlich ändert sich das Bild von dem was man sich von der Vergangenheit vorstellt, mit der Zeit.

Die Welt ist eine Wolke, die sich in ständiger Veränderung befindet. Man kann sie nicht begreifen, denn man kann, solange man Teil der Welt ist, nicht von der Seite auf sie blicken um ihre Form zu verstehen. Man könnte theoretisch alle Moleküle der Wolke untersuchen. Das bedürfte allerdings viel Zeit. Zeit in der sich die Welt bereits wieder verändert. Man müsste die Welt also einfrieren, dann könnte man alle Moleküle in Ruhe einzeln betrachten um auf diese Weise die Welt zu verstehen. Doch auch das kann man nicht. Die ganze Welt ist viel, viel zu groß. Man kann versuchen kleine Ausschnitte einzufrieren und zu verstehen. Und das ist es, was wir machen, wenn wir Bilder aufnehmen, Texte schreiben, Töne sammeln. Wir versuchen, kleine Ausschnitte der Welt einzufrieren um sie zu verstehen.