Korsakow and all – Interview in Portugal

Entrevista a Florian Thalhofer

Florian Thalhofer is a Berlin-based Artist. He is a documentary filmmaker and the inventor of Korsakow, a software to create a new kind of film and a principle to create a new kind of story. Thalhofer is currently working on a new Korsakow-project (film, show and installation).

Interview by Manuel José Damásio @ Universidade Lusófona.
Recorded Dec 4, 2014

Originaly posted here: http://www.ulusofona.pt/lessons/florian-thalhofer

Im Fernsehen werden spannende Geschichten erzählt

In einer deutschen Fernsehsendung wird der griechische Finanzminister gefragt: Wie können sie den Stinkefinger gegen Deutschland zeigen, wo Deutschland Griechenland so viel Geld gegeben hat? Als Beweis wird ein Video eingespielt, auf dem eben jene Geste gezeigt wird. Der Griechische Finanzminister reagiert direkt: An diesem Video sei herumgedoktert worden.

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Sprecher: Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben …(kurze Einblendung: Mai 2013)
Varoufakis: Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …
Sprecher: … und steht für klare Botschaften. Besonders an Deutschland.
Varoufakis: … und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.
Dann leitete der Moderator der Sendung mit einer Frage an den griechischen Finanzminister über:
Der Moderator: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten, und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie passt das zusammen?

So werden Fernsehsendungen gemacht. Es wird zugespitzt, polarisiert, emotionalisiert. Ziel der Übung allem voran: Den Zuschauer bei der Stange zu halten, ihm eine spannende, aufregende Sendung zu bieten. Ziel erreicht, Patient tot, könnte man sagen.

Es ist wieder einmal passiert.

“Wenn man etwas verstehen will,” hat mein Vater immer gesagt, “muss man es im Extrem darstellen, dann wird es klar”. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass genau das nicht stimmt. Denn Extreme verhalten sich ganz anders als die Normalität.

Wenn man Wasser verstehen will und die Extreme betrachte: Die Extreme wären zum Beispiel extrem kalt oder extrem heiss. Extrem kaltes Wasser verändert seinen Zustand, es wird etwas anderes: Eis. Extrem heisses Wasser verändert seinen Zustand und wird Dampf. Beides ist spannend, doch beides hilft nicht, das Phänomen Wasser zu verstehen. Es lenkt sogar vom Wesentlichen ab, das Wesentliche, das Normale, verhält sich nämlich nach ganz anderen Regeln.

Geschichten funktionieren so. Sie stellen die Dinge im Extrem dar. Warum? Weil es sensationell ist, weil es spannend ist. Wer will sich denn mit dem Normalen beschäftigen? Das Normale ist vermeintlich langweilig. Wir wollen spannende, emotionale, mitreissende Geschichten hören und Extreme machen gute Geschichten.

Warum will ich Geschichten hören?

Weil ich etwas über die Welt lernen möchte. Weil ich verstehen will, wie die Welt funktioniert, wie sich die Menschen in ihr verhalten, wie ich mich sinnvollerweise in ihr verhalten soll, um ein gutes, sinnvolles, glückliches Leben zu führen. Aus diesem Grund und nur aus diesem Grund interessiere ich mich für Geschichten. Geschichten, aus denen ich nichts relevantes für mein Leben lernen kann, sind für mich Zeitverschwendung. Ich lebe – wie alle Menschen, die ich je getroffen habe – ein ganz normales Leben. Und wenn ich extreme Geschichten höre, haben sie maximal wenig mit meinem Leben zu tun.

Doch angeblich wollen wir spannende Geschichten hören. Und offensichtlich stimmt es auch. Wir sind darauf konditioniert, extreme Geschichten hören zu wollen. Hollywood hat uns trainiert. Extreme sind teuer und schwierig herzustellen. Hollywood kann sie herstellen. Das Hollywood-Rezept wird nun auch von Journalisten benutzt, um spannende Geschichten zu produzieren. Aber diese Geschichten haben so gut wie nichts mit der Realität zu tun. Sie sind Lärm und in Wahrheit – stinklangweilig.


SEHR GUTER BEITRAG ZUM THEMA STINKEFINGER BEI JAUCH:
http://pantelouris.de/2015/03/15/die-sache-mit-dem-finger-varoufakis-bei-jauch/


UPDATE:
Mein Freund M.H. hat mir als Kommentar zu meinem kleinen Text eine Email mit einem sehr spannenden Verweis geschickt:

Hier nochmal die Regel fuer Journalisten die Edmund Carpenter 1970 umgedreht hat:

“I recently came across the following rules of communication posted in a School of Journalism:

1. Know your audience and address yourself directly to it

2. Know what you want to say and say it clearly and fully

3. Reach the maximum audience by utilizing existing channels

Whatever sense this may have made in the world of print, it makes no sense today. In fact, the reverse of each rule applies.”


UPDATE 19.3.2015 (zwei Tage später…)

Wie ein Hofnarr, der dem König unverblümt sagen kann, was am Hofe über ihn gemauschelt wird, ohne zu riskeren, seinen Kopf dafür zu verlieren, sind es in unserer Zeit immer häufiger Comedients, die das unaussprechliche sagen:

“Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem „Tatort“ nochmal schön aufregen können.”

Jan Böhmermann, NEO MAGAZIN ROYALE.

Freiheit

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Als ich ein Kind war, gab es viele Hunde. Sie liefen frei auf der Straße herum und von den meisten wusste man, wem sie gehörten. Ich mochte die Hunde gerne und einer war mein besonderer Freund. Ein großer, roter Jagdhund, sein Name war Luka. Sein Besitzer hatte Luka schon lange nicht mehr mit auf die Jagd genommen, Luka war alt und lag meist vor dem Haus unseres Nachbarn auf der Straße. Sogar die wildesten Straßenkatzen (man konnte sie gut erkennen, an ihren eingerissenen Ohren, die von vergangenen Kämpfen zeugten) hatten Respekt vor Luka. Einmal habe ich eine solche Kampfkatze beobachtete, wie sie auf einem Zaun entlang balancierte. Luca war zu diesem Zeitpunkt schon halb taub und halb blind, doch als die Katze ihn bemerkte, fing sie merklich an zu schwanken, verlor ihr Gleichgewicht, konnte ihren Fall gerade noch in einen Sprung verwandeln und verschwand im Garten eines anderen Nachbarn.

Luka mochte mich wohl auch, denn meine Mutter berichtet, dass er einmal, als ich krank war und mehrere Tage nicht auf der Strasse spielen war, plötzlich im im Schlafzimmer meiner Eltern stand. Er hatte mich wohl gesucht.

Luka ist irgendwann gestorben. Er ist jetzt im Hundehimmel, hat man mir gesagt.

Heute gibt es keine Hunde mehr, die frei herumlaufen. Ich kann mich noch erinnern, dass es irgendwann das Gerücht gab, dass Hundefänger herumfahren, die die Hunde mit Netzen fangen und an Labore verkaufen, wo Tierversuche durchgeführt werden. Die Leute haben die Hunde dann nicht mehr auf die Strasse gelassen. Und wenn vielleicht manche Besitzer die Geschichte nicht glaubten, die Nachbarn haben sie womöglich geglaubt und wer will im Dorf schon als jemand gelten, der sich nicht um seinen Hund sorgt?

Mehr als zwei Jahrzehnte später habe ich mir ein Motorrad gekauft. Ich bin in ganz Deutschland herumgefahren und weil man mit einem Motorrad nicht über Autobahnen fährt, sondern über Landstraßen, kam ich durch viele Dörfer.

Irgendwann bin ich auch durch Polen gefahren. Die Dörfer in Polen sind anders. Zuerst wusste ich nicht so recht, was es war, aber dann wurde es mir bewusst. Auf den polnischen Dorfstraßen spielten viele Kinder. Ich kann mich nicht erinnern, in deutschen Dörfern jemals ein Kind auf der Straße spielen gesehen zu haben.

Die Kinder auf den Straßen sind verschwunden. Genau wie die Hunde.

Korsakow way of thinking

I am convinced, that we have something here, that has the potential to solve a very concrete problem. The problem is, that linear narratives give a very distorted image of reality. The reason for this is that linear narratives are very bad when it comes to communicate grey tones. Hyper linear and linear storytelling (whether interactive or not) loves extremes. Telling things in black and white makes better stories, but does not portrait the world (and its problems) accurately.

There are so very many examples. A friend just sent me two links, one to an excellent interview with a very recognized German journalist who talks about the Ukrainian conflict and his frustration with the inability of journalists to take a sober standpoint, the other link to a trailer of a new Adam Curtis project, where he complains about the dump simplifications of the complexity of the world that lets us see enemies everywhere. The problem of telling things in black and white is that you end up with half the world being your enemy. Telling things in black and white is a necessity of linear storytelling. Korsakow does not like black and white, in fact it has a tendency to find the grey tones. Seeing the grey tones is so damn important. The sustainable solutions for the problems we face are all in the grey zone. Extreme solutions just create more extreme situations.

Please also see:

Adam Curtis:
http://www.bbc.co.uk/blogs/adamcurtis/posts/TRAILER-TRASH

Neid

2014bergIch sitze mit meinem Neffen auf dem Balkon. “Wie soll ich es sagen?” fragt er, “Ich habe dich immer beneidet, dass du so genau weisst, wohin du im Leben willst. Dass du ein Ziel hast, dass du erfolgreich bist.”

Ich weiss nicht, was ich antworten soll. Denn zum einen weiß ich, wie steinig der Weg ist, den ich gehe. Doch viel mehr: Ich wollte niemals beneidet werden.

Vielmehr hätte ich gewünscht, dass man sich für mich freut. Von meiner Familie hätte ich es erwartet. Wenn mein Neffe mich zumindest bewundern und damit meine Leistung würdigen würde.

Neid ist schrecklich. Neid steht für die Frage “Warum du, warum nicht ich?”. *Neid* erkennt nicht an, dass man sich etwas *erarbeitet* hat. Und – das ist vielleicht das schlimmste – derjenige, der Neid äussert, verschließt die Augen vor den Ursachen des Erfolgs. Wenn man einen Bergsteiger darum beneidet, dass er einen hohen Berg gestiegen hat, wird man kaum in der Lage sein, von ihm zu lernen, um selbst irgendwann in der Lage zu sein, den Berg zu erklimmen.

Neid ist hässlich. Für den Neider wie den Beneideten.