God is a Blackbox

Where I come from, people believe in the good Lord. God is an algorithm that no one really understands. But people became accustomed to teaching their children, to behave as they suspect God likes it.

God probably doesn’t exist. Or at least not the way people imagine it where I come from. There are many other places, where there are people that imagine god. And the many different notions that don’t go together front and back. It would be an unlikely coincidence, that right where I come from,  people had the right perception.

Der Liebe Gott ist eine Black Box. Und dabei ist es ganz egal, wie sie funktioniert. Wichtig ist lediglich, dass sich alle, möglichst ähnlich verhalten um dem Lieben Gott oder irgend einer anderen Black Box zu gefallen.

God is a black box. And it doesn’t really matter how the black box works. The only important thing is that everyone behaves as similarly to please the Good Lord – or the black box.

Because that provides reliability. To the individual, because it feels good, and to everyone, because it makes everyone more predictable.


Excerpt from “Codonaut – Where do we program ourselves?”, a Korsakow film about artificial intelligence. The film can be seen here: codonaut.de

Blackbox Gott

Da, wo ich herkomme glaubt man an den Lieben Gott. Gott ist ein Algorithmus den so recht niemand versteht. Doch die Menschen haben sich angewöhnt, ihren Kindern beizubringen, sich so zu verhalten, wie sie vermuten, dass es dem Lieben Gott gefällt.

Vermutlich gibt es Gott nicht. Oder zumindest nicht so, wie man es sich da, wo ich herkomme, vorstellt. Denn es gibt auch noch viele andere Orte, an denen man sich einen Gott vorstellt. Die vielen verschiedenen Vorstellungen passen vorne und hinten nicht zusammen. Es wäre ein unwahrscheinlicher Zufall, wenn man ausgerechnet da, wo ich herkomme, die richtige Vorstellung hätte.

Der Liebe Gott ist nur eine Form einer Black Box. Und dabei ist es ganz egal, wie sie funktioniert. Wichtig ist lediglich, dass sich alle, möglichst ähnlich verhalten um dem Lieben Gott oder irgend einer anderen Black Box zu gefallen.

Denn das gibt Sicherheit. Dem einzelnen, weil er sich gut fühlt. Und allen, weil es alle berechenbarer macht.


Auszug aus “Codonaut – Wohin programmieren wir uns?”, einem Korsakow-Film über Künstliche Intelligenz. Der Film ist hier zu sehen: codonaut.de

Warum Männer von Waschmaschinen reden, wenn sie Motorräder meinen

Heute habe ich mein Motorrad von der Werksatt abgeholt. Der Typ, dem die Motorradwerkstatt gehört, wischt mit einem Lappen über den Sattel. Die alte Dame hätte ja schon einiges auf dem Buckel. Alt? So alt kommt mir mein Motorrad gar nicht vor. Kein Problem, die Mühle würde noch eine ganze Weile laufen, sagt er. Früher sei die Qualität ja noch besser gewesen, sagt er. Heute würde an allem gespart, sagt er.

Das interessiert mich: Welches Motorrad soll ich mir als nächstes kaufen, wenn ich will, dass es hält? Er zuckt mit den Schultern. Die neuen Motorräder seinen alle nicht mehr so gut wie die alten, das sei wie bei Waschmaschinen, die halten ja auch nur noch vier Jahre.

Ok. Die Story kenne ich. Es ist das Master-Narrativ.

Das Master-Narrativ geht so: Die Firmen, die irgendwas herstellen, bauen die Sachen so, dass sie nach kurzer Zeit kaputt gehen (Garantiezeit + Puffer), weil die Firmen dann neue Produkte verkaufen könnten und daran würden sie viel mehr verdienen.

Kapitalismus. So einfach. So einfach?

Ich neige dazu allem, was so einfach ist, skeptisch zu begegnen. Und besonders skeptisch bin ich gegenüber einem Master-Narrativ.

Ok. Waschmaschinen. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Weil meine letzte nach 4 Jahren einen Totalschaden hatte, habe ich mir eine Miele gekauft. Die wiegt 100 statt 60 kg und nachdem zwei junge Männer sie im letzten Sommer schwitzend in den dritten Stock meiner Altbauwohnung in Berlin Kreuzberg gehieft hatten, entschuldigte ich mich nach dem Motto: Miele schwer aber weil Bauknecht nach 4 Jahren Totalschaden lieber Miele. Darauf sagte einer der Typen (der andere sagte die ganze Zeit nichts), nachdem er seine Baseballkappe effektvoll vom Kopf gezogen hatte: Miele taugt auch nichts mehr. Wir holen jede Menge Miele ab, nach 3, 4 Jahren. Miele war früher ein Familienunternehmen. Andere Werte und so. Dann aufgekauft. Jetzt gewinnorientiert. Alles Schrott nachdem die Gewährleistung abgelaufen ist.

Da war es wieder, das Master-Narrativ.

Wirklich? Mein Computer ist 10 Jahre alt. Immer noch nicht kaputt. Meiner ist 7 Jahre alt, der Typ, dem die Motorradwerstatt gehört, in der ich immer mein Motorrad reparieren lasse, streicht mit dem Lappen über den Tank von meiner Kawasaki.

Wieso redet der Typ, der eine Motorradwerstadt hat, über Waschmaschinen, wenn er darüber spricht, dass Motorräder nicht mehr so gut sind wie früher?

Einmal bin ich ein neues Haus gezogen. Das war 1998. Alles scheiss Qualität, habe ich damals immer wieder gehört, das würden Polen bauen und Tschechen. Keine deutschen Facharbeiter, die ihr Handwerk gelernt hätten. Ich habe auf Betonwände geschaut und Betonwände gesehen. Die kamen mir recht stabil vor, aber hey, ich habe keine Ahnung von Betonwänden.

Master-Narrativ.

Irgendwann habe ich mir so ne andere Bude gekauft. Das ist jetzt mein Atelier. In einem 60er Jahre Bau. In der Eigentümerversammlung ging es dann irgendwann um die Balkone. Die seien alle schief. In den 60er Jahren, als das Haus gebaut wurde, hätte jeder Bauarbeiter einen halben Kasten Bier getrunken. Am Tag. Kein Wunder, dass da kein einziger Balkon gerade dabei herauskam. Von wegen deutsche Facharbeiter, dachte ich mit. Mir wäre nie aufgefallen, dass der Balkon in meiner Neubauwohnung schief gewesen wäre. Polnische oder Tschechische Bauarbeiter hin oder her. Mir wäre allerdings auch nicht aufgefallen, dass der Balkon an meinem Atelier schief ist. Aber klar, ich habe ja auch keine Ahnung.

Ich bin angewiesen auf die Geschichten, die mir andere, die mehr Ahnung haben als ich, erzählen.

Aber warum redet der Typ, der sich mit Motorrädern auskennt, von Waschmaschinen? Von Waschmaschinen, von denen er genauso wenig Ahnung hat, wie ich von Balkonen oder Betonwänden?

Master-Narrativ.

Was man bräuchte, um eine klares Verständnis zu bekommen, wären Daten. Wie viele Kilometer halten Motorräder durch, die 2010 gebaut wurden vs. Motorräder aus dem Jahr 2000, 1990, 1980, 1970 oder 1960? Welches Muster kann man aus diesen Daten ablesen?

Das kommt darauf an, sagt der Typ, dem der Laden gehört, in dem ich immer mein Motorrad warten lasse. Das kommt worauf an? Darauf, wie das Motorrad gewartet wurde. – OK, das macht Sinn. Man müsste also Motorräder aus dem Jahr 2000, 1990, 1980, 1970, 1960 vergleichen unter der Prämisse, dass alle Motorräder gleich gut gewartet wurden.

Den Datensatz würde ich gerne mal sehen.

Kurz, es ist kompliziert an adequate Daten zu kommen.

An dieser Stelle könnte dieser Text zu Ende sein. An dieser Stelle geht die Überlegung, die diesem Text zu Grunde liegt allerdings erst los.

Es geht um Daten vs Geschichten.

Und wenn mir der Typ, der mein Motorrad repariert, etwas über Motorräder erzählt, dann glaube ich ihm natürlich. Er kennt sich mit Motorrädern viel besser aus als ich. Aber hat er die Daten?

Ich deute auf eine BMW. Und, BMW, taugt ne neue BMW auch nichts? Auch nicht so gut wie früher, sagt er im ersten Satz, der perfekt zum Master-Narrativ passt. So ein Boxermotor, sagt er, natürlich schafft der 150– oder 200.000 Kilometer. Und dieser zweite Satz passt genau nicht zum Master-Narrativ. 150.000 oder 200.000 Kilometer sind verdammt viel. Wir sprechen hier über Motorräder, nicht über LKW. Aber verdammt noch mal. Was weiss ich schon?

Ich möchte Daten in Relation sehen. Was sind viele Kilometer bei einem Motorrad?

Ich bräuchte Daten im Kontext. Doch ich bekomme Geschichten. Geschichten von Waschmaschinen.

Habe ich schon die Geschichte von meinem Epson-Drucker erzählt? Habe ich bestimmt irgendwo. Google it. Auch so ne Geschichte.

Aber vielleicht verhält es sich bei Motorrädern anders als bei Waschmaschinen oder Tintenstrahldruckern?

Fuck. I need numbers.

Es gab eine Zeit, in der Daten nicht verfügbar waren. Das einzige, was es gab, waren Geschichten. Alle Information steckte in Geschichten. Die Sonne kreist um die Erde weil der Liebe Gott und so weiter … alles Blödsinn. Aber andere Informationen gab es halt nicht. Und die Geschichten waren tatsächlich hilfreich. Jedenfalls besser als nichts. Und so wusste man nicht nur, dass die Sonne wieder aufgeht, nachdem sie am Abend untergegangen war, man wusste sogar, wann sie aufgeht. Geschichten können Zusammenhänge manchmal durchaus ganz gut abbilden. Die Kausalität, also was zu was führt, ist bei Geschichten aber totaler Quatsch. Es kann zufällig mit der Realität übereinstimmen. Aber das ist dann eben – Zufall.

Die Sonne geht nicht auf, weil die Sonne um die Erde kreist und weil Gott und so Blödsinn, sondern weil die Erde rotiert und obendrein um die Sonne kreist, aber das ist dann wiederum nur für die Jahreszeiten wichtig. Und die Sonne und die Erde kreisen gemeinsam noch um irgendwas anderes, wahrscheinlich um eine schwarzes Loch im Zentrum der Milchstrasse, aber das ist auch egal, weil es ist ja auch nur irgendeine Milchstrasse, irgendwo in diesem riesigen Universum, in dem es einen Haufen Milchstrassen gibt und das obendrein immer mehr expandiert.

Wir waren bei Motorrädern. Und ob die besser oder schlechter werden. Und ob es ein Motorrad gibt, das ich mir kaufen soll, weil es sich anders als die anderen Motorräder verhält, die immer schlechter werden.

Nach wie vor, keine Ahnung. Der einzige Typ, den ich kenne, der sich mit mit Motorrädern auskennt und der eine informierte Aussage treffen könnte, hat auch keine Daten und erzählt irgend etwas von Waschmaschinen.

Was sind eigentlich Daten? Oder äh, woher kommen Daten eigentlich ?

Coole Frage. Die Idee von Daten ist relativ neu.

Die Preisentwicklung z.B. ist ein wichtiger Indikator, wenn man verstehen will, wie sich eine Volkswirtschaft entwickelt. Aber wie kann man die Preisentwicklung beobachten? Sage wir mal z.B. in den USA. Na klar, indem man die Preise beobachtet. Welche Preise? Na, am besten alle. Und das bedeutete bzw bedeutet noch immer, dass Menschen mit Spiralblock und Kugelschreiber in Läden gehen und aufschreiben wieviel irgendwas kostet. Das heisst, tausende von Leuten gehen jeden Tag in Läden und schreiben auf, was irgendein Quatsch kostet. Also am besten jeder Quatsch. Und zuhause (oder im Büro) tippen sie die Daten dann in einen Computer. Kein Quatsch, so werden Daten immer noch erhoben. Da sind also – kein Quatsch – jeden Tag tausende Leute in den USA damit beschäftigt, diese Daten zu erheben. Und dann tippen die sie das in Computer. Und dann weiss man, wie sich die Preise von egal was entwickeln. Das ist verdammt wichtig, wenn man verstehen will, wie die Wirtschaft funktioniert. Also eigentlich kann man gar nicht verstehen, wie die Wirtschaft funktioniert, wenn man keine Daten hat.

Ok. Die Leute tippen die Daten also in Computer. Und wie lief das ganze, bevor es Computer gab? Computer gibt es noch nicht so lange. Äh. Man hat wahrscheinlich weniger Daten erhoben. Man musste sich halt auf die Geschichten verlassen, die einem die erzählt haben, die sich besser auskannten als man selbst.

So wie der Typ, dem die Motorradwerkstatt gehört, in der ich immer mein Motorrad reparieren lasse.

Egal. Mittlerweile gibt es Computer. Mittlerweile gibt es das Internet. Cool, da stehen die Preise alle drin. Die kann man aus dem Internet rausholen, rausfiltern – extrapolieren heisst das. Und jetzt habe wir die fucking Daten. Daten – nicht mehr Geschichten die, von wer weiss was für einem blödsinnigem Zufall beeinflusst sind.

Jetzt könnte man zum Beispiel schauen, ob Motorräder über die Zeit wirklich schlechter wurden. Und wenn dem so ist, ob es nicht einen Motorradhersteller gibt, dessen Motorräder entgegen dem Trend besser werden. Von dem würde ich mir nämlich ein Motorrad kaufen wollen.

Der Typ, der den ganzen Tag mit Motorrädern zubringt, streicht mit dem Lappen über den Tank von meinem Motorrad, dann deutet er auf eine BMW und sagt: “Ga.”.

Warum zum Teufel hat dieser Typ keine Daten?

Weil wir aus der Zeit des Geschichtenerzählens kommen. Weil wir Affen 200.000 Jahre lang Informationen in Form von Geschichten ausgetauscht haben. Weil wir gerade erst lernen, Daten zu verstehen. Daten gibt es erst richtig, seit es Computer gibt.

Geschichten sind stuss. Doch 200.000 Jahre lang waren sie das beste, was es gab.

Wie die Geschichte macht, dass der Kaffee schmeckt

Eine Freundin ist Aktivistin. Wir unterhalten uns über Kaffee. Ich bestelle Kaffee immer im Internet, bei einem auf Kaffee spezialisierten Händler. Ich lege viel Wert auf die Qualität des Kaffees. Die Freundin trinkt immer Zapatisten-Kaffee, den bestellt sie auch im Internet, bei einer Kooperative. Der Erlös kommt den Zapatisten in Mexiko direkt zu Gute. “Der Kaffee schmecke auch ganz toll!” sagt die Aktivistin, die von sich sagt, sie sei eine leidenschaftliche Kaffeetrinkerin.

Ich überlege laut, ob denn der Kaffee der Zapatisten auch wirklich von guter Qualität sei. “Klar”, sagt die Aktivistin, “der wird ja auch in den ganzen linken Buchläden verkauft.”

“Naja”, sage ich, “als Indikator, ob ein Kaffee gut ist, würde ich eher nehmen, ob er auch in guten Kaffeeläden verkauft wird. Linke Buchläden sind nicht unbedingt ein Hort des guten Kaffees.”

Die Freundin hebt noch andere Vorzüge des Zapatisten-Kaffees hervor. Der Kaffee werde fair gehandelt, und zwar “nicht nur unter so einem Pseudo-Fair-Trade-Label sondern wirklich fair”.

Einige Tage nach unserem Gespräch bringt die Freundin eine Tüte Zapatisten-Kaffee und ich probiere gespannt. Der Kaffee ist gar nicht gut.

Der Freundin hingegen schmeckt  der Zapatisten-Kaffee besser als andere Kaffees, sie hat es immer wieder gesagt. Ich glaube es ihr, weil ich weiss, dass Geschmack unterschiedlich sein kann. Zahlreiche Faktoren bestimmen den Geschmack.

Die Geschichten, die man sich erzählt, sind auch Faktoren, die den Geschmack bestimmen.

Der Aktivistin schmeckt der Zapatisten-Kaffee vermutlich deshalb so gut, weil ihr die Geschichten vom Zapatisten-Kaffee so gut gefallen.

Das ist normal. Das geht jedem so.