Merkels Sieg

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Gespräch unter Journalisten aufgeschnappt.

“Nein, also das würde ich nie machen, als Bundeskanzlerin, das gehört sich einfach nicht!” erregt sich die Kollegin. “Dass man als Bundeskanzlerin in eine Männerumkleindekabine geht!”

“Aber die wissen das doch, dass sie kommt.” wirft eine andere Kollegin ein.

“Das ist egal. Es bleibt eine Umkleidenkabine. Sie kann die doch wo anders empfangen. Es ist eine Fussballerumkleidekabine, auch wenn das Weltmeister sind.”

“Das ist das nächste, was sie den normalen Menschen kommt”, witzelt ein Dritter.

“Ich würde das nicht nur als Bundeskanzlerin nicht machen, ich würde das gar nicht machen”, ergänzt sich die erste.

Die Deutschen

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Fussball macht mir Angst. Ich habe eine Abneigung gegen Massenveranstaltungen, ich mag keine Religionen. Schlechte Voraussetzung für Fussball. Immer wieder habe ich versucht, mich dafür zu erwärmen, immer wieder bin ich gescheitert. Fussball gruselt mich.

Derzeit ist Fussball-Weltmeisterschaft. Viele Spiele sehe ich beruflich, ich arbeite in der Nachrichtenredaktion eines Fernsehsenders. Gestern musste ich nicht arbeiten. Gestern war das Halbfinalspiel Deutschland vs. Brasilien. In Brasilien. Während der ersten Halbzeit gehe ich mit meiner Frau spazieren. Bomben in Israel und Gaza, die schreckliche Nachricht des Tages. Raketen auch in Berlin, jedes Tor der Deutschen Mannschaft wir gefeiert. Wir fliehen nach Hause. Die zweite Halbzeit sehen wir im Fernsehen. Deutschland besiegt Brasilien 7:1. Deutschland hat Brasilien vernichtet.

Doch während draussen die Raketen fliegen, sind die Kommentare der Moderatoren verhalten. So als müsste man etwas entschuldigen.

Vielleicht muss man etwas entschuldigen. Eine Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Es gab Proteste und Ausschreitungen im Vorfeld, Brasilien hat sich nicht leicht getan mit dieser WM.

Von den Deutschen massakriert. “Eiskalt berechnend”, die “Fehler der Brasilianer ausnutzend” wird es von Fachleuten später beschrieben. Ein Moderator – ein früherer deutscher Nationaltorwart – analysiert “emotionale Schwächen” der brasilianischen Spieler, die immer wieder in Tränen ausgebrochen seien, selbst bei der Einspielung der Nationalhymne, noch vor dem Anpfiff.

“Eiskalt”. Warum muss man den Gegner so blossstellen? Weil man kann? Warum bekommen die Deutschen keine Beißhemmung, als sie 3:0 führen? Oder 4:0? Warum muss man jemanden so erniedrigen? Den Gastgeber der WM? Deutschland kennt kein Pardon.

Es ist merkwürdig ruhig am Tag nach dem “historischen” Sieg. “Ich glaube, heute sind weniger Fahnen an den Autos, als gestern”, stellt meine Frau erstaunt fest. Ich wünschte mir, es wäre wahr.

Eigentum

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Einmal war ich von einem Freund eingeladen, in das Ferienhaus seines Schwiegervaters. Das steht an einem See. Auf dem Grundstück, direkt neben dem Haus ein rießengroßer Felsblock. Ein Findling, vielleicht hunderte Tonnen schwer, von dessen Massivität eine große Kraft ausgeht. Und ich denke so bei mir, dass ich auch gerne so einen Felsen besitzen würde. So einen schweren, unverrückbaren Granitblock. Ich weiß nicht wozu, aber ich würde ihn gerne mein Eigentum nennen. So ein Ding, das vielleicht schon 100 Millionen Jahre an dieser Stelle liegt und vielleicht noch in 100 Millionen Jahren da liegen wird. Aus Sicht eines Menschenlebens sind das viele Ewigkeiten.

Dann frage ich mich, was der Fels wohl davon hält, einen Besitzer zu haben?

Ein Fels denkt in ganz anderen Zeiträumen. Der Fels merkt sicherlich gar nicht, dass er einen Besitzer hat. Und wie verwegen es doch von dem Besitzer ist, zu denken, dass ihm der Fels gehört. Er darf es sich vielleicht einbilden, aber der Fels gehört allenfalls sich selbst. Zu groß und zu schwer, an eine andere Stelle gebracht zu werden, hat der Fels vielleicht schon tausende Besitzer gehabt und wird vielleicht noch tausende Besitzer haben. Den Fels kratzt das nicht. Jeder Besitzer ist bestenfalls Besucher – und fort, schon in einem Augenblick.

Benzin – Warum Zuschauerzahlen so wichtig erscheinen

Sowas kommt vor. Wohl hunderte Male bin ich in meinem Leben schon an liegengebliebenen Fahrzeugen auf der Autobahn vorbeigefahren, nun hat es mich auch erwischt. Es ist eine eher lustige Geschichte, ohne ernste Folgen und dennoch hat sie mich tief beschäftigt. Vom Vorfall selbst und dem, was ich daraus gelernt habe, möchte ich im Folgenden berichten.

Das Auto ist fast 20 Jahre alt. Und obwohl es, nach einer nicht unerheblichen Investition, vor wenigen Monaten eine neue TÜV-Plakette bekommen hat, ist mit dem Ableben des Autos jederzeit zu rechnen. Oder besser: ich rechne mit dem Ableben jederzeit. Es ist halt ein altes Auto.

Vor einigen Tagen war es dann vermeintlich so weit. Zusammen mit meiner Frau war ich an diesem wunderschönen Sommertag von Berlin aus, auf dem Weg nach Kiel, die Familie zu besuchen. Nach 2/3 des Weges stockte der Motor, ging aus und wieder an, eine Weile konnte ich noch langsam auf dem Standstreifen fahren, kurz vor der Anschlussstelle Schwarzenbek/Grande war dann Schluss. Das erste mal in meinem Leben stellte ich ein Warndreieck auf. Anruf bei der Notfallnummer meiner Versicherung, die Dame am Telefon fragt freundlich, ob mir auch nicht das Benzin ausgegangen sei. Ich verneine. Ein Abschleppwagen uns abzuholen, wird in Bewegung gesetzt, wir warten am Strassenrand. Meine Frau schickt eine SMS an meinen Schwiegervater. “Benzin ausgegangen, haha?” kommt es zurück. Vorsichtshalber steige ich ins Auto, schalte die Zündung an, die Nadel geht nach oben – Benzin ist drin.

Wir warten eine Stunde bis der Abschleppwagen kommt. Als ich den Fehler beschreibe – der Motor ging aus, ganz so als würde das Benzin ausgehen – schaut mich der Mechaniker mit seltsamem Blick an. Ich sitze neben ihm, als er die Zündung anmacht, gemeinsam schauen wir auf die Anzeige: Benzin ist drin!

Vermutlich ist der Katalysator durchgeschmort, vermutet der Fachmann, es rieche auch so komisch, ob wir das nicht bemerkt hätten? Und in der Tat, als wir aus Berlin herausfuhren, roch es plötzlich wie nach verbranntem Plastik, wir hatten uns kurz unterhalten, dann aber gedacht, dass es von einem anderen Auto käme. Das sei nur eine Vermutung, stellt der Mechaniker fest, endgültig könne man das erst in der Werkstatt sagen. Das Auto wird auf den Abschleppwagen gezogen und wir sitzen neben einem wortkargen Mann, der meine Frau, mein Auto und mich nach Mölln zur Fachwerkstatt verfrachtet. Es ist 8 Uhr Abends, die Werkstatt ist geschlossen, ich schreibe eine Notiz und werfe sie zusammen mit einem Schlüssel und den Fahrzeugpapieren in den Briefkasten des Autohauses. Die Versicherung kümmert sich derweil um ein Mietauto. Es wird uns von zwei Herren aus Hamburg gebracht. In der Zwischenzeit räumen wir alles, was Wert hat, aus dem Auto und machen Abschiedsfotos. Wenn der Schaden ein paar hundert Euro ist, werden wir uns wohl nie mehr wiedersehen. Über 100.000 Kilometer bin ich selbst in diesem Auto gefahren.

Die Herren, die das Mietauto gebrach haben, sind schon wieder fort. Wir haben alles umgeräumt und sind startklar. Ein letztes Mal setze ich mich in mein altes Auto und drehe den Schlüssel: Die Benzinleuchte brennt hell, der Zeiger bewegt sich nicht von der Null!

Die Tankstelle ist genau gegenüber, wir haben uns hier schon mit Bullettenbrötchen versorgt. Eine Wasserflasche dient als Benzinkanister. Dem aufmerksamen Leser wird es kein Geheimnis mehr sein. “Und dann habe ich das Auto selber repariert”, so werde ich die Geschichte in den darauf folgenden Tagen mehrmals zu besten geben: “mit einem Liter Benzin.”

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein 20 Jahre altes Auto stehen bleibt. Es ist allerdings auch nicht unwahrscheinlich, dass bei einem 20 Jahre alten Auto das Benzin ausgeht und die Benzinanzeige spinnt. “Selten, aber kommt schon mal vor”, sagt der Automechaniker am nächsten Tag. Es hatte ja auch nicht an Hinweisen gefehlt. Die Dame von der Versicherung am Telefon, die SMS vom Schwiegervater. Und es gab noch viele weitere Hinweise und ich bin fasziniert, wie es mir möglich war, sie so konsequent zu ignorieren. Der stärkste Wink war wohl der Trip-Kilometerzähler, direkt neben der Benzinanzeige. Der Stand auf knapp über 700 Kilometern. Ich habe stelle ihn immer auf Null, wenn ich tanke. Immer? Nicht immer, manchmal vergesse ich es und das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich ihn ignorierte. Mir ist der Kilometerstand sogar aufgefallen und ich meine mich zu erinnern, dass ich mich entschloss, nicht weiter darüber nachzudenken mit dem Gedanken “ich habe wohl vergessen ihn zu nullen”. Ein Schritt weitergedacht, hätte mir auffallen müssen, dass, wenn ich vergessen hätte, ihn zu nullen er nicht bei 700 km hätte stehen dürfen, sondern bei 1200, oder so. Aber, der Trip-Kilometerzähler ist auch schon ein paar mal hängen geblieben (altes Auto!) – aber, wenn der Trip-Kilometerzähler hängen bleiben kann, kann dann nicht auch die Benzinanzeige hängen bleiben? In der Retrospektive eine müßige Frage. Das letzte mal Tanken lag so weit zurück, dass ich lange nachdenken musste, bis ich mich erinnern konnte. Es ist Sommer – das Auto steht in der Garage, ich fahre Motorrad. Mein Motorrad hat übrigens gar keine Benzinanzeige. Man fährt, bis das Benzin ausgeht, dann legt man einen Hahn um, und fährt mit Reserve. Ich weiss also, wie es sich anfühlt, wenn bei der Fahrt das Benzin ausgeht. Ein weiterer Hinweis.

Doch ich traue der Benzinanzeige. Die Nadel liegt bei Null, wenn der Motor aus ist, erst wenn man die Zündung anmacht hebt sie sich. So sah sie auch nicht kaputt aus, sie hat funktioniert, nur eben selbstbewusst das Falsche angezeigt. Es ist eine schöne, konkrete Anzeige, und ich frage mich, wie oft man schönen, konkreten Anzeigen traut, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Temperatur ist ein Gegenbeispiel, moderne Wetterberichte geben zwei Werte an: “14 Grad, gefühlt 10 Grad”. Vermutlich gab es kritischere Geister als meine, die die Meteorologen so lange genervt haben, bis diese erkannten: Die absolute Zahl ist nicht die Richtige!

Oder Fernsehzuschauer. Wie Programmchefs die Qualität ihres Programms in Zuschauerzahlen messen. Weil es so eine schöne konkrete Zahl ist, wissenschaftlich erhoben: Doch merkwürdiger Weise sind sich alle einig, dass das immer zuschaueroptimiertere Programm immer schlechter wird. Weil sich die Fernsehmacher nicht trauen, ihrem Gefühl zu trauen und statt dessen auf konkrete Zahlen starren.

 

Karel Gott meets Bushido

Fasziniert betrachte ich das Video auf YouTube immer wieder. Das ganze eine Cover-version von “Forever Young” der Gruppe Alphaville aus dem Jahre 1984. Bushido war damals 6.

Bushido und Karel Gott stehen auf verblüffende Weise für die gleichen Werte. Familie (bei Bushido: “Blut”), Arbeit, der Traum vom besseren Leben.

Bushido, die tätowierte Version von Karel Gott? Die Sprache bei Bushido ist direkt. Was Karel Gott andeutet, Bushido spricht es aus. Die Gesellschaft hat in den vergangenen 30 Jahren gelernt, die Dinge beim Namen zu nennen. Vielleicht, so geht mir durch den Kopf, hat meine Mutter diese leisen Töne von Karel Gott verstanden. Im Gegensatz zu mir, der gedacht hat, Karel Gott produziere nur Seifenblasen.

Über die Zeit hinweg, über die Stile hinweg, verbinden sich Bushido und Karel Gott. Mashup macht Muster sichtbar – so deutlich, dass es fast weh tut.