Wir haben es in der Hand, ob die Terroristen siegen

In einem Strasseninterview hat mich ein Reporter gefragt, ob ich nach den Anschlägen in Paris Angst vor Terror hätte. Ich habe geantwortet: Ich fahre Fahrrad, ich fahre Motorrad, ich überquere manchmal, in Gedanken verloren, die Straße. Die Wahrscheinlichkeit, dabei zu Tode zu kommen sei um ein viel tausendfaches höher, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Nein, vor vor einem Terroranschlag hätte ich keine Angst. Aber ich habe Angst, dass sich unsere Gesellschaft aus Angst vor Terroranschlägen auf eine Art verändert, die mein alltägliches Leben angstvoll macht. Dass unsere Gesellschaft unfreier wird, misstrauisch und missgünstig allem unbekannten gegenüber. Denn das würde die Welt kleiner machen, kleingeistiger, beschränkter, angstvoller.

Die Terroristen leben bereits in dieser kleingeistigen, beschränkten und angstvollen Welt. Den Terrorismus kann man nicht besiegen. Doch wir haben es in der Hand, unsere Welt nicht in ihre Welt zu verwandeln.

Facebook

Ein Wald voller Gespenster
Ein Wald voller Gespenster

Ich fühle mich gezwungen, bei Facebook mitzumachen und mache dann doch nicht richtig mit. Darauf fühle ich mich noch schlechter. Es ist, wie es war, als ich am Samstag Vormittag oft nicht zu den langweiligen Ministrantentreffen ging. Durch das schlechte Gewissen haben mir, nach und nach, selbst die Dinge keinen Spass mehr gemacht, die als Ministrant wirklich Spass bringen: mit den anderen Jungs durchs Dorf zu zieht, an den Häusern klingeln und seinen Spruch aufsagen:
“Die Ettmannsdorfer Ministranten bitten um eine Ostergabe”.
Man wird mit Süssigkeiten und Bargeld überhäuft. Die Süßigkeiten kann man behalten und das Geld kommt am Ende des Tages einem guten Zweck zu:
1/3 für die dritte Welt, 1/3 für den Pfarren und 1/3 als Beute für die Ministranten.

Mit 67 Mark bin ich damals nach Hause gegangen. Das war ein Haufen Geld. Mehr, als ich einem halben Jahr an Taschengeld verdient habe. Aber im nächsten Jahr bin ich dann trotzdem nicht mehr mitgegangen, weil ich dachte, dass die anderen denken, dass ich nur komme, wenn es Geld gibt und dass ich gar nicht richtig an den lieben Gott glaube.

Auch auf Facebook wird Gott nicht diskutiert. Weil man Themen, die zu viel Unruhe ins dörfliche Denken bringen könnten, auf jeden Fall vermeiden muss, wenn man im Dorf gemocht werden will. Und so muss man, wie der Besitzer eines Dorfladens, immer auf seinen guten Ruf bedacht sein. Alles, was man ins Dorf gibt, wir genau abgewägt. Intimes oder nahes, etwas, was verletzlich machen könnte, könnte gefährlich sein und wird nicht in Worte gepackt, die dann durchs ganze Dorf gehen.

Und so spricht man nicht mehr über das, was bewegt. Doch worüber man nicht spricht und es mit Worten benennt, hört mit der Zeit auf zu existieren. Weil das, was keinen Namen hat, nur schemenhaft erkennbar ist. Und so hat der Dorfladenbesitzer irgendwann nur mehr ein vages Gefühl, aber keine Worte, es auszudrücken.

Auf FACEBOOK kann man auch nur liken, so wie man im Dorf immer nur lächeln kann, auch wenn man jemand etwas sagt, das man nicht leiden kann.

Die Welt ist so Komplex, wie es in einen Kopf hineinpasst

2015-08-PHA-7sons

Vor etwa 10 Jahren habe ich einen Text zu einem Projekt von mir geschrieben. “7Sons” ist einen Dokumentarfilm über eine Reise zu den Beduinen. Darin der Satz:

“The Beduins’ world is small, much less complex than the modern world, the world of Thalhofer and Hamdy.”

Vor kurzem wurde ich in einem Interview mit dieser, meine Aussage konfrontiert. Ich sagte, dass ich mir nicht vorstellen könne, jemals so einen Unsinn gesagt zu haben.

Nun, ich habe diesen Satz geschrieben. Er ist dumm und arrogant und ich möchte im folgenden versuchen, zu erklären, warum:

Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der über sich gesagt hätte, er lebe in einer einfachen und überschaubaren Welt. Allerdings habe ich schon Menschen getroffen, von deren Leben ich genau dies dachte. So dachte ich damals auch über die Beduinen, dass deren Leben einfach sei und ihre Welt wenig komplex. Ich war schlicht und ergreifend unfähig, die Welt der Beduinen in ihrer Komplexität zu überschauen. Ich hatte (und habe) keine Ahnung, was es bedeutet, ein Beduine zu sein. Und ich beging einen Fehler, den man leicht begeht und den viele begehen, wenn sie wenig Ahnung von etwas haben. Ich dachte, dass das, was ich sehen kann, das ist, was ist.

Und ich konnte verdammt wenig von dem sehen, was die Welt eines Beduinen ausmacht. Da ich ja dachte, dass das, was ich sehen kann, das ist, was ist, folgerte ich, die Welt der Beduinen sei einfach. Ich war blind für einen riesigen Bereich, und meinte deshalb, es gibt ihn nicht. Das ist Dummheit, denn ich hätte durch wenig Nachdenken erkennen müssen, dass ich nur einen winzigen Ausschnitt sehe. Ich habe nur wenige Wochen mit den Beduinen verbracht und kam aus dem Lernen gar nicht heraus. Doch ich war so arrogant zu denken, dass mein Blick auf die Welt der Beduinen, die Welt der Beduinen gänzlich erfassen könne.

Die Welt, die uns umgibt, ist vielleicht unendlich kompliziert und wird wohl nie völlig zu verstehen sein. Vielleicht ist sie auch endlich kompliziert, in jedem Fall ist sie um ein vielfaches komplizierter, als es in einen Kopf hineinpasst – als es sich mit einem Hirn verstehen lässt.

Umgekehrt könnte man sagen, aus der Sicht eines Menschen ist die Welt immer so komplex, wie es sich in seinem/ihrem Hirn abbilden lässt. Alle Menschen sind mit ziemlich genau der selben Hardware ausgestattet (dem Hirn). Die Abweichungen zwischen den Hirnen unterschiedlicher Menschen sind marginal. Man kann also sagen, die Komplexität der Vorstellung der Welt, ist durch das Fassungsvermögen eines menschlichen Hirns definiert ist. Damit ist die Welt eines Beduinen genauso komplex ist, wie die Welt eines Bewohners von Los Angeles. Die Welt eines klugen Beduinen genauso komplex wie die Welt eines Atomphysikers, der an der UCLA unterrichtet.

Wir gehen allerdings eher davon aus, dass unsere Welt, mit ihren Smartphones, Computern, Atomuhren die Krönung der Komplexität ist.

Der Bereich, der von einem Beobachter nicht gesehen werden kann (z.B. die Welt der Atomphysik) wird bei dem Professor aus Amerika gemeinhin bewundert, beim Beduinen aus dem Sinai hingegen ignoriert. Der kluge Beduine lächelt über diese Ignoranz.

Doch genau in diese Falle bin ich getappt, als ich die Welt der Beduinen als klein und wenig komplex beschrieb. Es geht hier nicht darum, eine Wertung zu treffen, welches Modell der Welt (das eines Atomphysikers in LA oder das eines Beduinen in der Wüste) das bessere sei. Meiner Meinung nach (falls das von Interesse sein sollte) ist das naturwissenschaftlich, aufgeklärte Denken aus vielen Gründen besser als das religiös geprägte Denken. Es ist nur nicht mehr oder weniger komplex.

Das zu denken, ist dumm.

Good Morning America – Good Night Europe!

2007 habe ich meine letzte große Forschungsreise in die USA unternommen. Ein grossspuriger, hinterwäldlerischer Präsident regiert das Land, provinzielle, religiöse Argumente bestimmen die Diskussion. Bald würde ein Zaun zu Mexiko errichtet werden, in den USA lebt ein großer Teil der Bevölkerung ohne Krankenversicherung. Die Mitte des Landes, voll von Gefängnissen und Kasernen und Menschen, die in Holzhäusern in Wäldern leben. Diese Mitte des Landes bestimmt das Denken. Nach dem 9-11 Schock war man dabei, einen paranoiden Überwachungsstaat aufzubauen, die vormals die Welt beindruckenden, amerikanischen Werte schienen nicht mehr zu gelten. Schon bald würde der amerikanische Kasino-Kapitalismus, die egoistischen Kräfte einzelner, die Welt erschütterten, in den USA ganze Großstädte verelenden. Der Abstieg Amerikas ist bereits in vollem Gang. Wo sind die Stimmen der Intellektuellen, der visionären Vordenker? Apple, Google, Facebook werden die Vorreiter einer eher gruslige neue Religion, deren vorrangiges Ziel es scheint, schnell unermesslich reich zu werden.

Ich war immer fasziniert von den USA und schockiert, wie die Dummheit dort immer mehr um sich griff. Die USA war stets ein Land der Extreme, das die größte Ignoranz und Weisheit vereint. Und dennoch, in diesen finsteren Jahren durfte ich viele der besten Universitäten des Landes besuchen, wurden mir dort Türen geöffnet, wie es mir in Europa nie passierte und ich traf dort überall fantastische, offene, beeindruckende und wache Geister, wie ich sie (Zufall oder nicht) in Europa selten fand. Wo waren diese Menschen, wenn es darum ging, die Politik in den USA zu beeinflussen?

Das Pendel schwingt in die falsche Richtung, so empfand ich es 2007, als ich durch die USA reiste, am Ende der zweiten Amtszeit von George Bush II. Mit schaudern wandte ich mich von den USA ab.

Zur selben Zeit wurden in Europa jahrhundertealte Grenzen niedergerissen, eine einheitliche Währung geschaffen, Visionen entwickelt, es gab eine sensationelle Aufbruchsstimmung. Berlin wurde cool, eine Stadt, die für Alternativen und neue Lebensmodelle stand, nicht Geld sondern Fantasie war hier gefragt.

Europa war intellektuell und nach vorne gerichtet. Die USA religiös, rückwärtsgewandt, zerstörerisch.

Doch es liegt in der Natur des Pendels, nicht ewig in eine Richtung zu schwingen. Wann würde sich die Richtung des ändern, wann würde das Pendel wieder zurückschlagen?

Es dauert wohl immer etwas länger, bis man merkt, dass sich die Grundrichtung ändert. Wenn das Pendel die Richtung wechselt, tut sich lange Zeit wenig. Die Bewegung wird langsamer, schliesslich verweilt das Pendel an der selben Stelle, bevor es, fast unmerklich, die andere Richtung einschlägt. Das Pendel ändert die Richtung in einem dunklen Bereich, der Wandel ist unspektakulär, er geschieht im vermeintlichen Stillstand. Amerika war bereits abgeschrieben. Fast unmerklich verlangsamte sich das immer-dümmer-werden. Sarah Palin gewann nicht mehr and Popularität, aber es dauerte noch Jahre, bevor sie ihre Popularität verlor. Das Pendel hatte bereits die Richtung geändert, doch es befand sich noch tief im Reich der Dummheit.

Eine kleine Auswahl der Dinge, die ich bemerkte, in der Reihenfolge, in der ich sie bemerkte (ohne dass ich bisher einen größeren Zusammenhang sah):

BEOBACHTUNG
ca. 2008 höre ich das erste mal von “TED talks” und beginne sie regelmässig zu hören
ca. 2010 stosse ich auf “This American Life” podcasts und höre sie regelmäßig (mit grosser Begeisterung bis heute)
ca. 2011 “Planet Money” podcasts
ca. 2012 NPR wird mein Lieblingsradiosender und ersetzt meine vormaligen Lieblingsradiosender Deutschlandfunk und Dradio Kultur
2013 es gibt wieder einen positiven Helden aus den USA: Edward Snowden
ca. 2013 ich entdecke (den in den USA aktiven) politischen Comediant John Oliver
2014 ich entdecke die große Atheistismus Debatte – die sich in den USA in Gange ist und deren Protagonisten Hitchens-Dawkins-Dennet-Harris
2015 ein politischer Comidiant in Deutschland zeigt auf welche Mechanismen Europa zerstören

Es gibt ein gemeinsames Element, dass alle oben aufgeführten Elemente verbindet:

Die Versuche neue Blickwinkel auf die Welt zu finden – im Gegensatz zu: Die Welt verstehen und erklären.
Es ist die Art, wie wir Geschichten erzählen, die bestimmt, in welchem Rahmen wir die Welt wahrnehmen können.

Das Prinzip der Story

Für lange Zeit war das dominante Prinzip: Die Wahrheit finden und *allen* vermitteln. Die USA waren Meister darin, “to tell the right story” daraus mit der Zeit “to tell the story right” – also egal *was* man erzählt, Hauptsache es ist eine überzeugende Geschichte – mit diesem Prinzip fuhr Amerika kolossal gegen die Wand (man denke an den Auftritt des damaligen US-Aussenministers Colin Powell vor der UN, als er die Welt von der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak überzeugte).

Zehn Jahre später ist Europa mit dem selben Prinzip mitten dabei, die Dinge kolossal gegen die Wand zu fahren. Die *Wahrheit* zu finden und allen zu vermitteln. Das Ding, das Europa gerade gegen die Wand fährt ist: Europa.

Das momentan in Europa alles beherrschende Thema ist die Finanzkrise in Griechenland und wie Europa (angeführt von Deutschland) darauf beharrt, den richtigen Weg, die richtige Wahrheit gefunden zu haben. Diese simple Wahrheit – Wer Schulden macht muss auch für sie büßen – wird rücksichtslos und uneingedenk der möglichen Folgen, einem ganzen Land aufgedrückt. Europa fährt gerade Europa gegen die Wand, weil es starr an überholten Wahrheiten fest hält und nicht bereit ist, verschiedenen Blickwinkel auf die Realität zu entwickeln. Ganz wie die USA die arabische Welt gegen die Wand gefahren hat, weil es den Menschen dort die amerikanische Wahrheit aufzwingen wollte. Das funktioniert so nicht.

In den USA haben das die Intellektuellen erkannt und arbeiten bereits seit vielen Jahren intensiv daran, Werkzeuge zu entwickeln, wie man mit multiplen Realitäten umgehen kann. Das Ergebnis dieser Arbeit kann man in diesen Tagen sehen: wie in beeindruckender Geschwindigkeit monolithische Grundsätze in den USA geändert werden: Der Oberster Gerichtshof in den USA hat vor wenigen Tagen verfügt, dass “Same Sex Marriage” in allen Bundestaaten anerkannt werden muss. Das, was bei uns abschätzig “Homo-Ehe” genannt wird, gibt es nicht einmal in Deutschland, ganz zu schweigen von Europa. Die USA sind so gross und so vielschichtig wie Europa. Die USA ist in dieser Beziehung plötzlich ganz weit vorne. Ein seltsamer Zufall, dass fast am selben Tag die Konföderiertenflagge, auch so ein anachronistisches Symbol der USA, verschwindet. Amerikanische Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten verkünden eine grüne Revolution. Eine Revolution, die in Deutschland zwar schon vor Jahren ausgerufen wurde, doch dann nur 1/4 bis 1/8 herzig verfolgt wurde. Eine Firma wie Tesla gibt es in Amerika, nicht in Europa. Die Hoffnung, dass sich die Welt verbessert liegt, wieder einmal, auf Amerika. Die USA wurden von von den meisten bereits abgeschrieben. Doch in diesen Tagen – es ist Ende Juni 2015 – ist es offensichtlich: Während Europa in kleinlichem Streit die großen Ziele völlig aus den Augen verloren hat, ist Amerika ist wieder da. Das Pendel in den USA schwingt bereit mit großer Geschwindigkeit in Richtung Zukunft, Europa hat bis auf weiteres die besten Jahre hinter sich, das Pendel schwingt zurück. Europa stehen finstere Dekaden bevor. Die Visionen kommen bis auf weiteres wieder von jenseits des Atlantiks.

Im Fernsehen werden spannende Geschichten erzählt

In einer deutschen Fernsehsendung wird der griechische Finanzminister gefragt: Wie können sie den Stinkefinger gegen Deutschland zeigen, wo Deutschland Griechenland so viel Geld gegeben hat? Als Beweis wird ein Video eingespielt, auf dem eben jene Geste gezeigt wird. Der Griechische Finanzminister reagiert direkt: An diesem Video sei herumgedoktert worden.

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Sprecher: Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben …(kurze Einblendung: Mai 2013)
Varoufakis: Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …
Sprecher: … und steht für klare Botschaften. Besonders an Deutschland.
Varoufakis: … und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.
Dann leitete der Moderator der Sendung mit einer Frage an den griechischen Finanzminister über:
Der Moderator: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten, und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie passt das zusammen?

So werden Fernsehsendungen gemacht. Es wird zugespitzt, polarisiert, emotionalisiert. Ziel der Übung allem voran: Den Zuschauer bei der Stange zu halten, ihm eine spannende, aufregende Sendung zu bieten. Ziel erreicht, Patient tot, könnte man sagen.

Es ist wieder einmal passiert.

“Wenn man etwas verstehen will,” hat mein Vater immer gesagt, “muss man es im Extrem darstellen, dann wird es klar”. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass genau das nicht stimmt. Denn Extreme verhalten sich ganz anders als die Normalität.

Wenn man Wasser verstehen will und die Extreme betrachte: Die Extreme wären zum Beispiel extrem kalt oder extrem heiss. Extrem kaltes Wasser verändert seinen Zustand, es wird etwas anderes: Eis. Extrem heisses Wasser verändert seinen Zustand und wird Dampf. Beides ist spannend, doch beides hilft nicht, das Phänomen Wasser zu verstehen. Es lenkt sogar vom Wesentlichen ab, das Wesentliche, das Normale, verhält sich nämlich nach ganz anderen Regeln.

Geschichten funktionieren so. Sie stellen die Dinge im Extrem dar. Warum? Weil es sensationell ist, weil es spannend ist. Wer will sich denn mit dem Normalen beschäftigen? Das Normale ist vermeintlich langweilig. Wir wollen spannende, emotionale, mitreissende Geschichten hören und Extreme machen gute Geschichten.

Warum will ich Geschichten hören?

Weil ich etwas über die Welt lernen möchte. Weil ich verstehen will, wie die Welt funktioniert, wie sich die Menschen in ihr verhalten, wie ich mich sinnvollerweise in ihr verhalten soll, um ein gutes, sinnvolles, glückliches Leben zu führen. Aus diesem Grund und nur aus diesem Grund interessiere ich mich für Geschichten. Geschichten, aus denen ich nichts relevantes für mein Leben lernen kann, sind für mich Zeitverschwendung. Ich lebe – wie alle Menschen, die ich je getroffen habe – ein ganz normales Leben. Und wenn ich extreme Geschichten höre, haben sie maximal wenig mit meinem Leben zu tun.

Doch angeblich wollen wir spannende Geschichten hören. Und offensichtlich stimmt es auch. Wir sind darauf konditioniert, extreme Geschichten hören zu wollen. Hollywood hat uns trainiert. Extreme sind teuer und schwierig herzustellen. Hollywood kann sie herstellen. Das Hollywood-Rezept wird nun auch von Journalisten benutzt, um spannende Geschichten zu produzieren. Aber diese Geschichten haben so gut wie nichts mit der Realität zu tun. Sie sind Lärm und in Wahrheit – stinklangweilig.


SEHR GUTER BEITRAG ZUM THEMA STINKEFINGER BEI JAUCH:
http://pantelouris.de/2015/03/15/die-sache-mit-dem-finger-varoufakis-bei-jauch/


UPDATE:
Mein Freund M.H. hat mir als Kommentar zu meinem kleinen Text eine Email mit einem sehr spannenden Verweis geschickt:

Hier nochmal die Regel fuer Journalisten die Edmund Carpenter 1970 umgedreht hat:

“I recently came across the following rules of communication posted in a School of Journalism:

1. Know your audience and address yourself directly to it

2. Know what you want to say and say it clearly and fully

3. Reach the maximum audience by utilizing existing channels

Whatever sense this may have made in the world of print, it makes no sense today. In fact, the reverse of each rule applies.”


UPDATE 19.3.2015 (zwei Tage später…)

Wie ein Hofnarr, der dem König unverblümt sagen kann, was am Hofe über ihn gemauschelt wird, ohne zu riskeren, seinen Kopf dafür zu verlieren, sind es in unserer Zeit immer häufiger Comedients, die das unaussprechliche sagen:

“Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem „Tatort“ nochmal schön aufregen können.”

Jan Böhmermann, NEO MAGAZIN ROYALE.