Die Welt ist so Komplex, wie es in einen Kopf hineinpasst

2015-08-PHA-7sons

Vor etwa 10 Jahren habe ich einen Text zu einem Projekt von mir geschrieben. “7Sons” ist einen Dokumentarfilm über eine Reise zu den Beduinen. Darin der Satz:

“The Beduins’ world is small, much less complex than the modern world, the world of Thalhofer and Hamdy.”

Vor kurzem wurde ich in einem Interview mit dieser, meine Aussage konfrontiert. Ich sagte, dass ich mir nicht vorstellen könne, jemals so einen Unsinn gesagt zu haben.

Nun, ich habe diesen Satz geschrieben. Er ist dumm und arrogant und ich möchte im folgenden versuchen, zu erklären, warum:

Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der über sich gesagt hätte, er lebe in einer einfachen und überschaubaren Welt. Allerdings habe ich schon Menschen getroffen, von deren Leben ich genau dies dachte. So dachte ich damals auch über die Beduinen, dass deren Leben einfach sei und ihre Welt wenig komplex. Ich war schlicht und ergreifend unfähig, die Welt der Beduinen in ihrer Komplexität zu überschauen. Ich hatte (und habe) keine Ahnung, was es bedeutet, ein Beduine zu sein. Und ich beging einen Fehler, den man leicht begeht und den viele begehen, wenn sie wenig Ahnung von etwas haben. Ich dachte, dass das, was ich sehen kann, das ist, was ist.

Und ich konnte verdammt wenig von dem sehen, was die Welt eines Beduinen ausmacht. Da ich ja dachte, dass das, was ich sehen kann, das ist, was ist, folgerte ich, die Welt der Beduinen sei einfach. Ich war blind für einen riesigen Bereich, und meinte deshalb, es gibt ihn nicht. Das ist Dummheit, denn ich hätte durch wenig Nachdenken erkennen müssen, dass ich nur einen winzigen Ausschnitt sehe. Ich habe nur wenige Wochen mit den Beduinen verbracht und kam aus dem Lernen gar nicht heraus. Doch ich war so arrogant zu denken, dass mein Blick auf die Welt der Beduinen, die Welt der Beduinen gänzlich erfassen könne.

Die Welt, die uns umgibt, ist vielleicht unendlich kompliziert und wird wohl nie völlig zu verstehen sein. Vielleicht ist sie auch endlich kompliziert, in jedem Fall ist sie um ein vielfaches komplizierter, als es in einen Kopf hineinpasst – als es sich mit einem Hirn verstehen lässt.

Umgekehrt könnte man sagen, aus der Sicht eines Menschen ist die Welt immer so komplex, wie es sich in seinem/ihrem Hirn abbilden lässt. Alle Menschen sind mit ziemlich genau der selben Hardware ausgestattet (dem Hirn). Die Abweichungen zwischen den Hirnen unterschiedlicher Menschen sind marginal. Man kann also sagen, die Komplexität der Vorstellung der Welt, ist durch das Fassungsvermögen eines menschlichen Hirns definiert ist. Damit ist die Welt eines Beduinen genauso komplex ist, wie die Welt eines Bewohners von Los Angeles. Die Welt eines klugen Beduinen genauso komplex wie die Welt eines Atomphysikers, der an der UCLA unterrichtet.

Wir gehen allerdings eher davon aus, dass unsere Welt, mit ihren Smartphones, Computern, Atomuhren die Krönung der Komplexität ist.

Der Bereich, der von einem Beobachter nicht gesehen werden kann (z.B. die Welt der Atomphysik) wird bei dem Professor aus Amerika gemeinhin bewundert, beim Beduinen aus dem Sinai hingegen ignoriert. Der kluge Beduine lächelt über diese Ignoranz.

Doch genau in diese Falle bin ich getappt, als ich die Welt der Beduinen als klein und wenig komplex beschrieb. Es geht hier nicht darum, eine Wertung zu treffen, welches Modell der Welt (das eines Atomphysikers in LA oder das eines Beduinen in der Wüste) das bessere sei. Meiner Meinung nach (falls das von Interesse sein sollte) ist das naturwissenschaftlich, aufgeklärte Denken aus vielen Gründen besser als das religiös geprägte Denken. Es ist nur nicht mehr oder weniger komplex.

Das zu denken, ist dumm.

Good Morning America – Good Night Europe!

2007 habe ich meine letzte große Forschungsreise in die USA unternommen. Ein grossspuriger, hinterwäldlerischer Präsident regiert das Land, provinzielle, religiöse Argumente bestimmen die Diskussion. Bald würde ein Zaun zu Mexiko errichtet werden, in den USA lebt ein großer Teil der Bevölkerung ohne Krankenversicherung. Die Mitte des Landes, voll von Gefängnissen und Kasernen und Menschen, die in Holzhäusern in Wäldern leben. Diese Mitte des Landes bestimmt das Denken. Nach dem 9-11 Schock war man dabei, einen paranoiden Überwachungsstaat aufzubauen, die vormals die Welt beindruckenden, amerikanischen Werte schienen nicht mehr zu gelten. Schon bald würde der amerikanische Kasino-Kapitalismus, die egoistischen Kräfte einzelner, die Welt erschütterten, in den USA ganze Großstädte verelenden. Der Abstieg Amerikas ist bereits in vollem Gang. Wo sind die Stimmen der Intellektuellen, der visionären Vordenker? Apple, Google, Facebook werden die Vorreiter einer eher gruslige neue Religion, deren vorrangiges Ziel es scheint, schnell unermesslich reich zu werden.

Ich war immer fasziniert von den USA und schockiert, wie die Dummheit dort immer mehr um sich griff. Die USA war stets ein Land der Extreme, das die größte Ignoranz und Weisheit vereint. Und dennoch, in diesen finsteren Jahren durfte ich viele der besten Universitäten des Landes besuchen, wurden mir dort Türen geöffnet, wie es mir in Europa nie passierte und ich traf dort überall fantastische, offene, beeindruckende und wache Geister, wie ich sie (Zufall oder nicht) in Europa selten fand. Wo waren diese Menschen, wenn es darum ging, die Politik in den USA zu beeinflussen?

Das Pendel schwingt in die falsche Richtung, so empfand ich es 2007, als ich durch die USA reiste, am Ende der zweiten Amtszeit von George Bush II. Mit schaudern wandte ich mich von den USA ab.

Zur selben Zeit wurden in Europa jahrhundertealte Grenzen niedergerissen, eine einheitliche Währung geschaffen, Visionen entwickelt, es gab eine sensationelle Aufbruchsstimmung. Berlin wurde cool, eine Stadt, die für Alternativen und neue Lebensmodelle stand, nicht Geld sondern Fantasie war hier gefragt.

Europa war intellektuell und nach vorne gerichtet. Die USA religiös, rückwärtsgewandt, zerstörerisch.

Doch es liegt in der Natur des Pendels, nicht ewig in eine Richtung zu schwingen. Wann würde sich die Richtung des ändern, wann würde das Pendel wieder zurückschlagen?

Es dauert wohl immer etwas länger, bis man merkt, dass sich die Grundrichtung ändert. Wenn das Pendel die Richtung wechselt, tut sich lange Zeit wenig. Die Bewegung wird langsamer, schliesslich verweilt das Pendel an der selben Stelle, bevor es, fast unmerklich, die andere Richtung einschlägt. Das Pendel ändert die Richtung in einem dunklen Bereich, der Wandel ist unspektakulär, er geschieht im vermeintlichen Stillstand. Amerika war bereits abgeschrieben. Fast unmerklich verlangsamte sich das immer-dümmer-werden. Sarah Palin gewann nicht mehr and Popularität, aber es dauerte noch Jahre, bevor sie ihre Popularität verlor. Das Pendel hatte bereits die Richtung geändert, doch es befand sich noch tief im Reich der Dummheit.

Eine kleine Auswahl der Dinge, die ich bemerkte, in der Reihenfolge, in der ich sie bemerkte (ohne dass ich bisher einen größeren Zusammenhang sah):

BEOBACHTUNG
ca. 2008 höre ich das erste mal von “TED talks” und beginne sie regelmässig zu hören
ca. 2010 stosse ich auf “This American Life” podcasts und höre sie regelmäßig (mit grosser Begeisterung bis heute)
ca. 2011 “Planet Money” podcasts
ca. 2012 NPR wird mein Lieblingsradiosender und ersetzt meine vormaligen Lieblingsradiosender Deutschlandfunk und Dradio Kultur
2013 es gibt wieder einen positiven Helden aus den USA: Edward Snowden
ca. 2013 ich entdecke (den in den USA aktiven) politischen Comediant John Oliver
2014 ich entdecke die große Atheistismus Debatte – die sich in den USA in Gange ist und deren Protagonisten Hitchens-Dawkins-Dennet-Harris
2015 ein politischer Comidiant in Deutschland zeigt auf welche Mechanismen Europa zerstören

Es gibt ein gemeinsames Element, dass alle oben aufgeführten Elemente verbindet:

Die Versuche neue Blickwinkel auf die Welt zu finden – im Gegensatz zu: Die Welt verstehen und erklären.
Es ist die Art, wie wir Geschichten erzählen, die bestimmt, in welchem Rahmen wir die Welt wahrnehmen können.

Das Prinzip der Story

Für lange Zeit war das dominante Prinzip: Die Wahrheit finden und *allen* vermitteln. Die USA waren Meister darin, “to tell the right story” daraus mit der Zeit “to tell the story right” – also egal *was* man erzählt, Hauptsache es ist eine überzeugende Geschichte – mit diesem Prinzip fuhr Amerika kolossal gegen die Wand (man denke an den Auftritt des damaligen US-Aussenministers Colin Powell vor der UN, als er die Welt von der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak überzeugte).

Zehn Jahre später ist Europa mit dem selben Prinzip mitten dabei, die Dinge kolossal gegen die Wand zu fahren. Die *Wahrheit* zu finden und allen zu vermitteln. Das Ding, das Europa gerade gegen die Wand fährt ist: Europa.

Das momentan in Europa alles beherrschende Thema ist die Finanzkrise in Griechenland und wie Europa (angeführt von Deutschland) darauf beharrt, den richtigen Weg, die richtige Wahrheit gefunden zu haben. Diese simple Wahrheit – Wer Schulden macht muss auch für sie büßen – wird rücksichtslos und uneingedenk der möglichen Folgen, einem ganzen Land aufgedrückt. Europa fährt gerade Europa gegen die Wand, weil es starr an überholten Wahrheiten fest hält und nicht bereit ist, verschiedenen Blickwinkel auf die Realität zu entwickeln. Ganz wie die USA die arabische Welt gegen die Wand gefahren hat, weil es den Menschen dort die amerikanische Wahrheit aufzwingen wollte. Das funktioniert so nicht.

In den USA haben das die Intellektuellen erkannt und arbeiten bereits seit vielen Jahren intensiv daran, Werkzeuge zu entwickeln, wie man mit multiplen Realitäten umgehen kann. Das Ergebnis dieser Arbeit kann man in diesen Tagen sehen: wie in beeindruckender Geschwindigkeit monolithische Grundsätze in den USA geändert werden: Der Oberster Gerichtshof in den USA hat vor wenigen Tagen verfügt, dass “Same Sex Marriage” in allen Bundestaaten anerkannt werden muss. Das, was bei uns abschätzig “Homo-Ehe” genannt wird, gibt es nicht einmal in Deutschland, ganz zu schweigen von Europa. Die USA sind so gross und so vielschichtig wie Europa. Die USA ist in dieser Beziehung plötzlich ganz weit vorne. Ein seltsamer Zufall, dass fast am selben Tag die Konföderiertenflagge, auch so ein anachronistisches Symbol der USA, verschwindet. Amerikanische Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten verkünden eine grüne Revolution. Eine Revolution, die in Deutschland zwar schon vor Jahren ausgerufen wurde, doch dann nur 1/4 bis 1/8 herzig verfolgt wurde. Eine Firma wie Tesla gibt es in Amerika, nicht in Europa. Die Hoffnung, dass sich die Welt verbessert liegt, wieder einmal, auf Amerika. Die USA wurden von von den meisten bereits abgeschrieben. Doch in diesen Tagen – es ist Ende Juni 2015 – ist es offensichtlich: Während Europa in kleinlichem Streit die großen Ziele völlig aus den Augen verloren hat, ist Amerika ist wieder da. Das Pendel in den USA schwingt bereit mit großer Geschwindigkeit in Richtung Zukunft, Europa hat bis auf weiteres die besten Jahre hinter sich, das Pendel schwingt zurück. Europa stehen finstere Dekaden bevor. Die Visionen kommen bis auf weiteres wieder von jenseits des Atlantiks.

Im Fernsehen werden spannende Geschichten erzählt

In einer deutschen Fernsehsendung wird der griechische Finanzminister gefragt: Wie können sie den Stinkefinger gegen Deutschland zeigen, wo Deutschland Griechenland so viel Geld gegeben hat? Als Beweis wird ein Video eingespielt, auf dem eben jene Geste gezeigt wird. Der Griechische Finanzminister reagiert direkt: An diesem Video sei herumgedoktert worden.

2015doctored

Sprecher: Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben …(kurze Einblendung: Mai 2013)
Varoufakis: Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …
Sprecher: … und steht für klare Botschaften. Besonders an Deutschland.
Varoufakis: … und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.
Dann leitete der Moderator der Sendung mit einer Frage an den griechischen Finanzminister über:
Der Moderator: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten, und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie passt das zusammen?

So werden Fernsehsendungen gemacht. Es wird zugespitzt, polarisiert, emotionalisiert. Ziel der Übung allem voran: Den Zuschauer bei der Stange zu halten, ihm eine spannende, aufregende Sendung zu bieten. Ziel erreicht, Patient tot, könnte man sagen.

Es ist wieder einmal passiert.

“Wenn man etwas verstehen will,” hat mein Vater immer gesagt, “muss man es im Extrem darstellen, dann wird es klar”. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass genau das nicht stimmt. Denn Extreme verhalten sich ganz anders als die Normalität.

Wenn man Wasser verstehen will und die Extreme betrachte: Die Extreme wären zum Beispiel extrem kalt oder extrem heiss. Extrem kaltes Wasser verändert seinen Zustand, es wird etwas anderes: Eis. Extrem heisses Wasser verändert seinen Zustand und wird Dampf. Beides ist spannend, doch beides hilft nicht, das Phänomen Wasser zu verstehen. Es lenkt sogar vom Wesentlichen ab, das Wesentliche, das Normale, verhält sich nämlich nach ganz anderen Regeln.

Geschichten funktionieren so. Sie stellen die Dinge im Extrem dar. Warum? Weil es sensationell ist, weil es spannend ist. Wer will sich denn mit dem Normalen beschäftigen? Das Normale ist vermeintlich langweilig. Wir wollen spannende, emotionale, mitreissende Geschichten hören und Extreme machen gute Geschichten.

Warum will ich Geschichten hören?

Weil ich etwas über die Welt lernen möchte. Weil ich verstehen will, wie die Welt funktioniert, wie sich die Menschen in ihr verhalten, wie ich mich sinnvollerweise in ihr verhalten soll, um ein gutes, sinnvolles, glückliches Leben zu führen. Aus diesem Grund und nur aus diesem Grund interessiere ich mich für Geschichten. Geschichten, aus denen ich nichts relevantes für mein Leben lernen kann, sind für mich Zeitverschwendung. Ich lebe – wie alle Menschen, die ich je getroffen habe – ein ganz normales Leben. Und wenn ich extreme Geschichten höre, haben sie maximal wenig mit meinem Leben zu tun.

Doch angeblich wollen wir spannende Geschichten hören. Und offensichtlich stimmt es auch. Wir sind darauf konditioniert, extreme Geschichten hören zu wollen. Hollywood hat uns trainiert. Extreme sind teuer und schwierig herzustellen. Hollywood kann sie herstellen. Das Hollywood-Rezept wird nun auch von Journalisten benutzt, um spannende Geschichten zu produzieren. Aber diese Geschichten haben so gut wie nichts mit der Realität zu tun. Sie sind Lärm und in Wahrheit – stinklangweilig.


SEHR GUTER BEITRAG ZUM THEMA STINKEFINGER BEI JAUCH:
http://pantelouris.de/2015/03/15/die-sache-mit-dem-finger-varoufakis-bei-jauch/


UPDATE:
Mein Freund M.H. hat mir als Kommentar zu meinem kleinen Text eine Email mit einem sehr spannenden Verweis geschickt:

Hier nochmal die Regel fuer Journalisten die Edmund Carpenter 1970 umgedreht hat:

“I recently came across the following rules of communication posted in a School of Journalism:

1. Know your audience and address yourself directly to it

2. Know what you want to say and say it clearly and fully

3. Reach the maximum audience by utilizing existing channels

Whatever sense this may have made in the world of print, it makes no sense today. In fact, the reverse of each rule applies.”


UPDATE 19.3.2015 (zwei Tage später…)

Wie ein Hofnarr, der dem König unverblümt sagen kann, was am Hofe über ihn gemauschelt wird, ohne zu riskeren, seinen Kopf dafür zu verlieren, sind es in unserer Zeit immer häufiger Comedients, die das unaussprechliche sagen:

“Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem „Tatort“ nochmal schön aufregen können.”

Jan Böhmermann, NEO MAGAZIN ROYALE.

Sinn

2015atomDer Mensch kann Sinn machen. Wenn er sich umschaut und auf die Dinge blickt, die ihn umgeben. Er kann sogar in andere Dimensionen blicken, indem er einen Blick in den Kosmos wirft, oder auf die Ebene der Atome.

Vielleicht macht alles nur aus dem Blickwinkel unsere Dimension Sinn, wenn wir von unserer Dimension auf andere Dimensionen (das All, das Atom) blicken. Macht alles aus dem Blickwinkel Atome Sinn? Gibt es überhaupt etwas in der Dimension der Atome, das Sinn machen könnte? Gibt es in der Dimension der Sterne und Milchstrassen etwas, das Sinn machen könnte? So wie es in unserer Dimension den Mensch gibt, der aus dem was um ihn ist, Sinn machen kann?

Der Sinn, aus der Sicht der anderen Dimensionen wäre vermutlich ein ganz anderer, als der Sinn, den wir uns machen. So anders, dass wir niemals in der Lage wären, einen solchen Sinn zu erfassen.

Benzin – Warum Zuschauerzahlen so wichtig erscheinen

Sowas kommt vor. Wohl hunderte Male bin ich in meinem Leben schon an liegengebliebenen Fahrzeugen auf der Autobahn vorbeigefahren, nun hat es mich auch erwischt. Es ist eine eher lustige Geschichte, ohne ernste Folgen und dennoch hat sie mich tief beschäftigt. Vom Vorfall selbst und dem, was ich daraus gelernt habe, möchte ich im Folgenden berichten.

Das Auto ist fast 20 Jahre alt. Und obwohl es, nach einer nicht unerheblichen Investition, vor wenigen Monaten eine neue TÜV-Plakette bekommen hat, ist mit dem Ableben des Autos jederzeit zu rechnen. Oder besser: ich rechne mit dem Ableben jederzeit. Es ist halt ein altes Auto.

Vor einigen Tagen war es dann vermeintlich so weit. Zusammen mit meiner Frau war ich an diesem wunderschönen Sommertag von Berlin aus, auf dem Weg nach Kiel, die Familie zu besuchen. Nach 2/3 des Weges stockte der Motor, ging aus und wieder an, eine Weile konnte ich noch langsam auf dem Standstreifen fahren, kurz vor der Anschlussstelle Schwarzenbek/Grande war dann Schluss. Das erste mal in meinem Leben stellte ich ein Warndreieck auf. Anruf bei der Notfallnummer meiner Versicherung, die Dame am Telefon fragt freundlich, ob mir auch nicht das Benzin ausgegangen sei. Ich verneine. Ein Abschleppwagen uns abzuholen, wird in Bewegung gesetzt, wir warten am Strassenrand. Meine Frau schickt eine SMS an meinen Schwiegervater. “Benzin ausgegangen, haha?” kommt es zurück. Vorsichtshalber steige ich ins Auto, schalte die Zündung an, die Nadel geht nach oben – Benzin ist drin.

Wir warten eine Stunde bis der Abschleppwagen kommt. Als ich den Fehler beschreibe – der Motor ging aus, ganz so als würde das Benzin ausgehen – schaut mich der Mechaniker mit seltsamem Blick an. Ich sitze neben ihm, als er die Zündung anmacht, gemeinsam schauen wir auf die Anzeige: Benzin ist drin!

Vermutlich ist der Katalysator durchgeschmort, vermutet der Fachmann, es rieche auch so komisch, ob wir das nicht bemerkt hätten? Und in der Tat, als wir aus Berlin herausfuhren, roch es plötzlich wie nach verbranntem Plastik, wir hatten uns kurz unterhalten, dann aber gedacht, dass es von einem anderen Auto käme. Das sei nur eine Vermutung, stellt der Mechaniker fest, endgültig könne man das erst in der Werkstatt sagen. Das Auto wird auf den Abschleppwagen gezogen und wir sitzen neben einem wortkargen Mann, der meine Frau, mein Auto und mich nach Mölln zur Fachwerkstatt verfrachtet. Es ist 8 Uhr Abends, die Werkstatt ist geschlossen, ich schreibe eine Notiz und werfe sie zusammen mit einem Schlüssel und den Fahrzeugpapieren in den Briefkasten des Autohauses. Die Versicherung kümmert sich derweil um ein Mietauto. Es wird uns von zwei Herren aus Hamburg gebracht. In der Zwischenzeit räumen wir alles, was Wert hat, aus dem Auto und machen Abschiedsfotos. Wenn der Schaden ein paar hundert Euro ist, werden wir uns wohl nie mehr wiedersehen. Über 100.000 Kilometer bin ich selbst in diesem Auto gefahren.

Die Herren, die das Mietauto gebrach haben, sind schon wieder fort. Wir haben alles umgeräumt und sind startklar. Ein letztes Mal setze ich mich in mein altes Auto und drehe den Schlüssel: Die Benzinleuchte brennt hell, der Zeiger bewegt sich nicht von der Null!

Die Tankstelle ist genau gegenüber, wir haben uns hier schon mit Bullettenbrötchen versorgt. Eine Wasserflasche dient als Benzinkanister. Dem aufmerksamen Leser wird es kein Geheimnis mehr sein. “Und dann habe ich das Auto selber repariert”, so werde ich die Geschichte in den darauf folgenden Tagen mehrmals zu besten geben: “mit einem Liter Benzin.”

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein 20 Jahre altes Auto stehen bleibt. Es ist allerdings auch nicht unwahrscheinlich, dass bei einem 20 Jahre alten Auto das Benzin ausgeht und die Benzinanzeige spinnt. “Selten, aber kommt schon mal vor”, sagt der Automechaniker am nächsten Tag. Es hatte ja auch nicht an Hinweisen gefehlt. Die Dame von der Versicherung am Telefon, die SMS vom Schwiegervater. Und es gab noch viele weitere Hinweise und ich bin fasziniert, wie es mir möglich war, sie so konsequent zu ignorieren. Der stärkste Wink war wohl der Trip-Kilometerzähler, direkt neben der Benzinanzeige. Der Stand auf knapp über 700 Kilometern. Ich habe stelle ihn immer auf Null, wenn ich tanke. Immer? Nicht immer, manchmal vergesse ich es und das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich ihn ignorierte. Mir ist der Kilometerstand sogar aufgefallen und ich meine mich zu erinnern, dass ich mich entschloss, nicht weiter darüber nachzudenken mit dem Gedanken “ich habe wohl vergessen ihn zu nullen”. Ein Schritt weitergedacht, hätte mir auffallen müssen, dass, wenn ich vergessen hätte, ihn zu nullen er nicht bei 700 km hätte stehen dürfen, sondern bei 1200, oder so. Aber, der Trip-Kilometerzähler ist auch schon ein paar mal hängen geblieben (altes Auto!) – aber, wenn der Trip-Kilometerzähler hängen bleiben kann, kann dann nicht auch die Benzinanzeige hängen bleiben? In der Retrospektive eine müßige Frage. Das letzte mal Tanken lag so weit zurück, dass ich lange nachdenken musste, bis ich mich erinnern konnte. Es ist Sommer – das Auto steht in der Garage, ich fahre Motorrad. Mein Motorrad hat übrigens gar keine Benzinanzeige. Man fährt, bis das Benzin ausgeht, dann legt man einen Hahn um, und fährt mit Reserve. Ich weiss also, wie es sich anfühlt, wenn bei der Fahrt das Benzin ausgeht. Ein weiterer Hinweis.

Doch ich traue der Benzinanzeige. Die Nadel liegt bei Null, wenn der Motor aus ist, erst wenn man die Zündung anmacht hebt sie sich. So sah sie auch nicht kaputt aus, sie hat funktioniert, nur eben selbstbewusst das Falsche angezeigt. Es ist eine schöne, konkrete Anzeige, und ich frage mich, wie oft man schönen, konkreten Anzeigen traut, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Temperatur ist ein Gegenbeispiel, moderne Wetterberichte geben zwei Werte an: “14 Grad, gefühlt 10 Grad”. Vermutlich gab es kritischere Geister als meine, die die Meteorologen so lange genervt haben, bis diese erkannten: Die absolute Zahl ist nicht die Richtige!

Oder Fernsehzuschauer. Wie Programmchefs die Qualität ihres Programms in Zuschauerzahlen messen. Weil es so eine schöne konkrete Zahl ist, wissenschaftlich erhoben: Doch merkwürdiger Weise sind sich alle einig, dass das immer zuschaueroptimiertere Programm immer schlechter wird. Weil sich die Fernsehmacher nicht trauen, ihrem Gefühl zu trauen und statt dessen auf konkrete Zahlen starren.