What we had always thought

In the latest episode of the podcast “Hidden Brain”, historian Nancy Bristow describes the 1918 influenza epidemic, when decisions made by politicians had far-reaching consequences. For example, a parade in Philadelphia in the face of the influenza epidemic was not cancelled, as many had demanded. The decision of a politician, which brought death to thousands of people a few weeks later.

The historian says that the decision-makers at that time did not have the advantage of being able to look back, as we have today. We should therefore be soften our criticism of those responsible at the time. In the vast majority of cases, politicians would have done the best they could, but we must remember how difficult it is to make decisions in such a situation when you don’t know in which direction the pandemic is developing. And then, in a remarkable afterthought: she herself had only understood this last week.

Bristow has written a book about the influenza epidemic. I’m sure she spent years researching the subject. And here she now says that she missed something that she only realized last week, at the very moment when we are in a similar situation with the COVID-19 pandemic.

What is it that she became aware of? Written as a sentence, it sounds almost trivial: That in retrospect one looks at a situation differently than when one is in the situation. It is relatively easy to understand that in a situation information is missing that one can only have later. The politicians in 1928 only knew that the flu would kill thousands of people after the flu had killed thousands. Before that, it was just one of many possible options, and one could certainly think with good reason that the danger was unlikely, not worth canceling a major parade.

Only later did people know what had happened and only with this knowledge, is it easy to clearly distinguish a right decision from a wrong one.

Nancy Bristow is certainly a very, very smart woman. She teaches at a university, she writes books. And she didn’t realize that information that you have or don’t have at a certain point in time influences decisions at least as much as the differences in the character traits of politicians?

Everyone should know this from their own experience. That you change your mind when you have new information. You have just decided not to eat anything in the evening and by chance there is still the lunchtime meal standing around in the kitchen. So you have made a decision, then the state of information changes (you become aware of the rest of the lunch) and you change your mind. Things like this happen to me 10.000 times a day.

Obviously people find it difficult to remember that at some point you didn’t know what you know now. Nancy Bristow does that, I do that and it explains why when I think about my former self, the phrase “Oh, how stupid I was” comes to mind instead of the much more plausible: “Too bad I didn’t know that, yet…”.

We are obviously not intuitively able to understand that at an earlier point in time one might have seen things differently. That perspectives can change over time and that at some point you might be able to see what you couldn’t see before. And that, seen the other way around, sometimes you can no longer see what you saw before. Most people are unaware of the latter in particular: that what used to be clearly in sight sometimes can become invisible.

If you dig in your life you may come across such cases from time to time. One indication of cases where the perspective has changed significantly is that you can no longer explain what “drove” you to a certain decision.

It is laborious to think oneself into such cases. The human brain is lazy and has therefore invented a shortcut: Intuitively, it makes people think that they have always thought the way they think now.

Was wir immer schon gedacht haben

In der neuesten Folge des Podcasts “Hidden Brain” beschreibt die Historikerin Nancy Bristow die Influenza Epidemie von 1918. Die Entscheidungen von Politikern hatten damals weitreichenden Konsequenzen. So wurde etwa eine Parade in Philadelphia in Angesicht der Grippe-Epidemie nicht, wie von vielen gefordert, abgesagt. Die Entscheidung eines Politikers, die tausenden Menschen wenige Wochen später den Tod brachte.

Die Historikerin sagt: Die Entscheidungsträger hatten damals nicht den Vorteil zurückschauen zu können, so wie wir heute. Wir sollten daher etwas zurückhaltender sein, in unsere Kritik an den damalig Verantwortlichen. In den allermeisten Fällen hätten die Politiker das Beste getan, was sie konnten, doch wir müssen uns daran erinnern, wie schwierig es ist, in einer solchen Situation Entscheidungen zu treffen, wenn man nicht weiß, in welche Richtung sich die Pandemie entwickelt. Und dann in einem bemerkenswerten Nachsatz: Das habe sie selbst auch erst in der letzten Woche verstanden.

Bristow hat ein Buch über die Influenza Epidemie geschrieben. Sie hat sich sicherlich Jahre mit diesem Thema befasst. Und hier sagt sie nun, dass sie etwas übersehen hat, das ihr erst in der letzten Woche bewusst wurde, in dem Moment also, in dem wir uns mit der COVID-19 Pandemie in einer ganz ähnlichen Situation befinden.

Was ist es, was ihr da bewusst wurde? So als Satz hingeschrieben klingt es erstmal banal: Dass man im Rückblick anders auf eine Situation schaut, als wenn man sich in der Situation befindet. Es ist relativ einfach zu verstehen, dass in der Situation Informationen fehlen, die man erst später haben kann. Die Politiker 1928 wussten erst, dass die Grippe tausende Menschen töten würde, nachdem die Grippe tausende Menschen getötet hatte. Vorher war es nur eine von allen möglichen Möglichkeiten und man konnte sicherlich aus guten Gründen der Meinung sein, dass die Gefahr unwahrscheinlich war, nicht wert, eine große Parade abzusagen.

Erst später wusste man, was passiert war und erst mit diesem Wissen, ist es einfach, eine richtige Entscheidung klar von einer falschen zu unterscheiden.

Nancy Bristow ist sicherlich eine sehr, sehr kluge Frau. Sie unterrichtet an einer Uni, schreibt Bücher. Und ihr war nicht bewusst, dass Informationen, die man zu einem gewissen Zeitpunkt hat oder nicht hat Entscheidungen mindestens ebenso beeinflussen, wir unterschiedliche Charaktereigenschaften von Politikern?

Dabei müsste das doch jeder Mensch aus eigener Erfahrung kennen. Dass man seine Meinung ändert, wenn man neue Informationen hat. Da hat man sich gerade entschieden, am Abend nichts zu essen und in der Küche steht dann zufälligerweise noch das Essen vom Mittag rum. Man hat also eine Entscheidung getroffen, dann ändert sich die Informationslage (das restliche Essen vom Mittag kommt ins Gedächtnis) und man ändert seine Meinung. Kommt bei mir gefühlt 10.000 mal am Tag vor.

Offenbar fällt es Menschen schwer, sich zu erinnern, dass man irgendwann noch nicht wusste, was man jetzt weiss. Das geht Nancy Bristow so, das geht mir so und es erklärt warum mir, wenn ich über mein früheres Selbst nachdenke, der Satz in en Sinn kommt: “Ach, was war ich dumm!” statt wie eigentlich viel plausibler: “Schade dass ich noch nicht wusste, dass…”.

Wir sind offenbar nicht intuitiv in der Lage, zu verstehen, dass man zu einem früheren Zeitpunkt Dinge anders gesehen haben kann. Dass sich Perspektiven mit der Zeit ändern können und man irgendwann vielleicht sehen kann, was man früher nicht sehen konnte. Und dass man, anders herum betrachtet, manchmal nicht mehr sehen kann, was man früher gesehen hat. Gerade über das Letztere sind sich die meisten nicht bewusst: dass das, was man früher klar vor Augen hatte, mitunter unsichtbar geworden ist.

Wenn man in seinem Leben gräbt kann man ab und zu auf solche Fälle stoßen. Ein Hinweis auf Fälle bei denen sich die Perspektive deutlich geändert hat, ist, dass man sich nicht mehr erklären kann, was einen zu einer bestimmten Entscheidung “getrieben” hat.

Es ist mühselig sich in solche Fälle hineinzudenken. Das menschliche Hirn ist denkfaul und hat sich daher einen Shortcut ausgedacht: Intuitiv lässt es den Menschen denken, dass er schon immer so gedacht hat, wie er jetzt denkt (oder sie, oder Sie!).

Blödsinn

Die Alten verstehen nicht, was die Jungen machen. Und weil die Alten in ihrem langen Leben schon so viel gelernt haben und so viel wissen und all das Wissen trotzdem nicht recht erklären kann, was die Jungen machen, sind die Alten einen Augenblick ratlos. Und dann erklären die Alten das, was die Jungen da machen zu Blödsinn.

Die Jungen können auch nicht nicht so recht erklären, was sie da tun. Die Jungen haben noch nicht die richtigen Worte gefunden. Denn die richtigen Worte zu finden, um etwas neues, also etwas, was es vor kurzem noch gar nicht gab, zu beschreiben, dauert lange. Es dauert Jahre und Jahrzehnte. Die Jungen können also noch gar keine Worte haben, um das Neue zu beschreiben. Doch die Jungen spüren, dass das, was sie da machen, kein Blödsinn ist.

Sie haben nur die Worte nicht, um den Affen zu erklären, die Worte brauchen um zu verstehen.

The colour Red

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There are people who can see a color that is invisible to the vast majority of people. Let’s call this color red for simplicity’s sake. For a person who can see this color, this color and everything that has this color is unmissable. But when this person tries to talk to other people about what he or she sees, the other people don’t see anything. Red and everything that is red is simply not there for most people, it is transparent, invisible.

A child who can see the color red quickly learns to prefer not to talk about it, so as not to be considered an outcast, as someone who sees things that are not there. It takes persistence and courage to talk again and again with unknown people about something that nobody else sees. If one is lucky, one will eventually find someone who can see red and has not gotten into the habit of ignoring red.

One must first find common words to be able to talk about what one sees. Then and only then can one can begin to trust that red exists; can you become sure that you is not just making up red and everything that is red.

 

Die Farbe Rot

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Es gibt Menschen, die eine Farbe sehen können, die für die allermeisten Menschen unsichtbar ist. Nennen wir diese Farbe der Einfachheit halber Rot. Für einen Mensch, der diese Farbe sehen kann, ist diese Farbe und alles was diese Farbe hat, unübersehbar. Doch wenn dieser Mensch versucht mit anderen Menschen über das zu sprechen, was er oder sie sieht, sehen die anderen Menschen nichts. Rot und alles was rot ist, ist für die meisten Menschen einfach nicht da, durchsichtig, unsichtbar.

Ein Kind, das die Farbe Rot sehen kann lernt schnell lieber nicht darüber zu sprechen, um nicht als Außenseiter zu gelten, als jemand, der Dinge sieht, die gar nicht da sind. Es braucht Beharrlichkeit und Mut um immer wieder aufs neue mit unbekannten Menschen über etwas zu sprechen, was niemand sonst sieht. Wenn man Glück hat, findet man irgendwann jemanden, der Rot sehen kann und sich nicht angewöhnt hat, Rot zu ignorieren.

Man muss erst gemeinsame Worte finden, um über das sprechen zu können, was man sieht. Dann und erst dann kann man beginnen darauf zu vertrauen, dass es Rot gibt; kann man sich sicher werden, dass man sich Rot und alles was rot ist nicht nur einbildet.