Neid

2014bergIch sitze mit meinem Neffen auf dem Balkon. “Wie soll ich es sagen?” fragt er, “Ich habe dich immer beneidet, dass du so genau weisst, wohin du im Leben willst. Dass du ein Ziel hast, dass du erfolgreich bist.”

Ich weiss nicht, was ich antworten soll. Denn zum einen weiß ich, wie steinig der Weg ist, den ich gehe. Doch viel mehr: Ich wollte niemals beneidet werden.

Vielmehr hätte ich gewünscht, dass man sich für mich freut. Von meiner Familie hätte ich es erwartet. Wenn mein Neffe mich zumindest bewundern und damit meine Leistung würdigen würde.

Neid ist schrecklich. Neid steht für die Frage “Warum du, warum nicht ich?”. *Neid* erkennt nicht an, dass man sich etwas *erarbeitet* hat. Und – das ist vielleicht das schlimmste – derjenige, der Neid äussert, verschließt die Augen vor den Ursachen des Erfolgs. Wenn man einen Bergsteiger darum beneidet, dass er einen hohen Berg gestiegen hat, wird man kaum in der Lage sein, von ihm zu lernen, um selbst irgendwann in der Lage zu sein, den Berg zu erklimmen.

Neid ist hässlich. Für den Neider wie den Beneideten.

Das hässliche Haus I

2014shs

Der Vater hat dem Sohn eine Wohnung gekauft. In Berlin, da hat der Sohn an der Kunsthochschule studiert. Und der Sohn hat sich gefreut. Er hat sich für den Vater gefreut, weil der sein Leben lang gearbeitet hat und nun eine Wohnung besitzen konnte, in der neuen Hauptstadt. Er hat sich über die Geste gefreut, dass der Vater für den Sohn sorgt, denn für wen, wenn nicht für den Sohn hätte die Wohnung später sein sollen? Der Sohn hat sich nicht über die Wohnung gefreut, denn das Haus, in dem die Wohnung war, war hässlich. Obendrein, wie es damals wohl nur in Berlin sein konnte, lag die Wohnung zwar mitten in der Stadt, doch gleichzeitig im Nirgendwo “Wo ziehst Du hin?” haben die Freunde des Sohnes gefragt – und als, nach vielen Jahre ein Café eröffnete hieß es: “Am Ende der Welt”.

Der Sohn hat dem Vater Miete bezahlt und es war die Miete, die man damals zahlen musste, wenn man in Berlin Mitte in einen Neubau zog. Nur wenige Leute taten das und die wenigen kamen aus Bonn und waren nur unter der Woche in der Stadt. Das mit der Miete ging für den Sohn schon in Ordnung, denn die Wohnung war mit besonderen steuerlichen Vergünstigungen gekauft, wie es sie nur damals, wenige Jahre nach der Wiedervereinigung gab. Aufbau Ost hiess das Motto und das Finanzamt konnte es nicht zulassen, dass ein Vater den eigenen Sohn zu besonderen Konditionen in der Wohnung wohnen lässt. Und das Finanzamt war damals auch besonders streng. So sagte der Vater, und der musste es wissen, denn der Vater war Steuerberater. Der Sohn sah, wie seine Freunde die herrlichsten 120 qm Altbauwohnungen bezogen und nur die Hälfte seiner Miete zahlten. “Aber wir haben eine Tiefgarage!” versuchte der Sohn seine Freundin zu überzeugen, die zwar in die Wohnung mit einzog, aber nicht für sehr lange. Nur einmal hatte der Vater seinen Sohn vorher gefragt, welche Wohnung er denn kaufen würde. Als der, ohne viel zu überlegen “eine renovierte Altbauwohnung im Prenzlauer Berg” zurückgab wurde die Idee schnell abgetan, mit Verweis auf feuchte Keller, alte Bausubstanz und Neubauförderung.

Der Vater verhielt sich damals ganz anders als anonyme Immobilienspekulanten, die da Wohnungen kauften, wohin Kunststudenten zeigten. Der Vater hielt nicht viel vom Immobilienverstand von Kunststudenten.

Der Sohn fügte sich und war gerührt, ob der Vorsorge, denn er verstand, dass der Vater das Beste tat, was er konnte.

Karel Gott meets Bushido

Fasziniert betrachte ich das Video auf YouTube immer wieder. Das ganze eine Cover-version von “Forever Young” der Gruppe Alphaville aus dem Jahre 1984. Bushido war damals 6.

Bushido und Karel Gott stehen auf verblüffende Weise für die gleichen Werte. Familie (bei Bushido: “Blut”), Arbeit, der Traum vom besseren Leben.

Bushido, die tätowierte Version von Karel Gott? Die Sprache bei Bushido ist direkt. Was Karel Gott andeutet, Bushido spricht es aus. Die Gesellschaft hat in den vergangenen 30 Jahren gelernt, die Dinge beim Namen zu nennen. Vielleicht, so geht mir durch den Kopf, hat meine Mutter diese leisen Töne von Karel Gott verstanden. Im Gegensatz zu mir, der gedacht hat, Karel Gott produziere nur Seifenblasen.

Über die Zeit hinweg, über die Stile hinweg, verbinden sich Bushido und Karel Gott. Mashup macht Muster sichtbar – so deutlich, dass es fast weh tut.

Kaffemaschine

Berlin, Nov. 2013

Erfolg drückt sich in Symbolen aus. Es mag Branchen geben, wo man ein großes Auto liebt, oder vielleicht Hubschrauber. In meinem Bereich als Gestalter, als Filmemacher und Künstler sind es Kaffeemaschinen. Die Werbeagentur, in der ich vor fast 20 Jahren nach der Schule ein Praktikum machte, die Agentur und Kunstfoundation in Amsterdam, bei denen ich lange Jahre ein und aus ging: alle verfügten über riesige, chromblitzende Kaffeestationen. Und ich erinnere mich, wie enttäuscht ich war, dass die Produktionsfirma meines letzten und bisher einzigen Filmes lediglich eine einfache Kaffeepadmaschine nebst separatem und umständlichem Milchaufschäumer in der Küche stehen hatte.

Ich schreibe das, weil es mir bis vor wenigen Tagen gar nicht bewusst war. Der Kaffee, den ich bei der Filmproduktionsfirma angeboten bekam, war nur der Hauch einer Enttäuschung, ein flüchtiger Gedanke, der sich in der Aufregung, die an diesem Ort herrschte (es ging um meinen Film!) so rasch verflog, dass ich ihn kaum bemerkte.

Ein Thema verfolgt mich in letzter Zeit. Es ist die Frage: “Was habe ich aus meinem Leben gemacht?”. Ich bin Anfang 40, ich habe an einer Kunsthochschule studiert, ich Reise in der ganzen Welt herum, bekomme Interviewanfragen bis aus Australien, mein Name steht in zahlreichen Büchern. Doch leben kann ich davon nicht. Meinen Unterhalt verdiene ich zum Großteil mit eben jenem Job, den ich schon seit Studentenzeiten mache. Ich habe es nie geschafft, meinen Erfolg finanziell umzusetzen und wie mein Vater es vor Jahren formulierte: “Du musst Dir irgendwann mal Gedanken machen, ob das, was Du machst, Sinn macht. Finanziell und überhaupt.” Nun ist mein Vater Steuerberater mit wenig Sinn für Dinge, die sich nicht in Geld ausdrücken lassen. Doch mein Vater ist eben auch mein Vater und auch, wenn ich mich annähernd zwei Jahrzehnte an Institutionen des Intellekts herumgetrieben habe, das Fundament meiner Selbst steht auf dem, was in einer Kleinstadt, als Sohn eines Steuerberaters, gewachsen ist. Die Wucht seiner Sätze traf mich mit Verzögerung, wie man so oft Nachhaltiges gar nicht unmittelbar bemerkt.

Ich zog mir den Pfeil aus der Brust, die Wunde, die er geschlagen hatte, war nicht groß, doch das Gift wirkte langsam. Zwei oder drei Jahren versuchte ich verkrampft kommerziell erfolgreich zu sein. Ich hatte plötzlich mit Banken, Beratern und Anwälten zu tun und steckte meine Energie in Dinge, in denen meine Talente nicht liegen. Um Geld zu haben, das ich nur brauche, um Dinge zu kaufen die mir erzählen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

„Kaffeemaschine irgenwer?“

Mein Freund Dieter liebt es, kurze Emails zu schreiben. Die Email ging an mich und Undisclosed Recipients.

„Welcher Typ, wie teuer?“ imitierte ich seinen Stil.

Zurück kam ein Link und das Wort „umsonst“.

„Gekauft!“ antwortete ich. Erst dann klickte ich auf den Link.

Der Link führte auf eine Amazon-Seite auf der das Gerät beschrieben war. Es ist eine Agenturkaffeemachine vom feinsten. So ein Ding, wie ich es mir niemals werde leisten können. Das Gerät ist fünf mal mehr wert, als mein Auto, wenn es aufgetankt ist.

Das Symbol des Erfolgs steht jetzt in meinem Atelier. Umsonst.

Jugend nervt

Die Jugend von heute ist ein Qual. Sie ist so verdammt unkreativ. Als ich jung war, konnte ich es nicht ertragen, Musik aus vergangenen Jahrzehnten zu hören. Sie war so abgeschmackt, so schal. Heute gibt es nur noch Musik aus vergangenen Jahrzehnten, und die immerwährende Wiederholung des ewig gleichen lässt mir selbst die Musik, die mir früher so viel bedeutete, belanglos erscheinen.

Ich hatte immer damit gerechnet, dass mich, wenn ich nicht mehr jung bin, die Jugend aufregen würde. So wie ich – und weil ich mit alten Eltern gesegnet bin, wahrscheinlich als einer der Letzten – die vorangegangene Generation aufgeregt habe. Nichts dergleichen. Die Jugend von heute nervt nur. Sie nervt, weil sie so langweilig ist. Sie nervt, weil sie nichts neues erfindet und uns ersaufen lässt in dem Mist von früher.