Die beruhigende Wirkung von Wildschweinenen im Straßenverkehr

Früher musste ich mich oft aufregen, wenn ich mich im Straßenverkehr bewegte. Was heisst oft? Eigentlich immer. Wenn mir zum Beispiel so ein Arsch die Vorfahrt nahm, oder einfach nur blöd im Weg stand, weil er gepennt hat, wenn die Ampel auf grün gesprungen ist. Die Welt ist voll von solchen Idioten!

Weil es aber ungesund ist, sich ständig aufzuregen – es ist nicht gut fürs Herz, für den Blutzuckerspiegel, für den Blutdruck – wollte ich mir etwas einfallen lassen.

Als mir dann wieder so ein Wildschwein in den Weg gelaufen ist, wurde es mit schlagartig klar: Autos sind Wildschweine. Und es ist der Job eines Wildschweins, sich wie ein Wildschwein zu benehmen. Bei einem Wildschwein im Wald würde man ja auch nicht denken, dass es einen persönlich meint, wenn es einem in den Weg spring. Wildschweine sind dazu da, sich wie Wildschweine zu benehmen.

Wenn ich mich heute mit dem Motorrad auf den Weg durch die Stadt machte, muss ich mich nicht mehr ständig über Idioten aufregen, sondern bin statt dessen auf Wildschweine gefasst, die jederzeit aus unerwarteter Richtung daherkommen können. Ich nehme es sportlich und es ist wie ein Spiel, den Wildschweinen möglichst schon von vorne herein auszuweichen.

Und wenn ich nicht ausweichen kann, dann bremse ich. Und wenn ein Wildschwein vor mir an der Ampel eingenickt ist, dann warte ich geduldig bis es von alleine aufwacht. Das dauert meist nicht lange. Ich regte mich nicht mehr auf. Sich darüber aufzuregen –reine Energieverschwendung. Es sind Wildschweine!

Ich mag Wildschweine.

Mit der Zeit bin ich noch besser geworden. Ich habe gelernt, die Wildschweine einzuschätzen, denn sie sind ja nicht alle gleich. Manche sind freundlich, andere aggressiv, manche verschlafen oder verspielt. All das läßt sich ganz gut an ihren Gesichtern ablesen. Wenn da so eine Wildsau daherkommt, grimmig die Lichter zu blitzenden Schlitzen zusammengezogen, oder ob einen ein nettes Schweinchen mit runden Augen verträumt in die Welt kuckt, man kann schon von weitem erahnen, wie es sich verhält.

Das Tier entsteht, wenn Mensch und Auto zusammenkommen und quasi eins werden. Die allermeisten Menschen sind völlig harmlos, wenn sie einem in freier Wildbahn begegnen. Noch harmloser sind Autos, die ohne einen Mensch in sich am Strassenrand schlafen. Nur in der Kombination werden sie unter Umständen gefährlich.

Zu aggressiven Wildschweinen halte ich Abstand. Aber auch bei allen anderen kann es vorkommen, dass ihnen plötzlich irgendein Blödsinn einfällt. Wenn es passiert, rege ich mich nicht mehr auf. Ich nehme es nicht persönlich. Das Auto-Autofahrer-Tier ist halt das, was es ist: Ein Wildschwein!

Uber-Logik

Berlin Kreuzberg. Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag und ich fahre gerade mit meinem Fahrrad an einem dieser neuen, schicken, coolen Cafés vorbei, als ich auf jemanden aufmerksam werde, der ebenfalls auf einem Fahrrad unterwegs ist. Ein junger Mann mit Vollbart, wie sie derzeit in Mode sind. Er fährt auf einem leuchtend rot-orangenem Miet-Elektrofahrrad der Marke Jump. Jump ist eigentlich Uber. Und Uber ist eine der Firmen, die derzeit das Taxigewerbe weltweit umkrempeln. Der Mann mit dem Vollbart biegt gerade in eine Seitenstrasse mit Kopfsteinpflaster ein. Er ruft laut “Uh, Oh!” und ich sehe, dass das Hinterrad seines Fahrrads platt ist.

Ich wundere mich, zuerst ein wenig und als ich so weiter radle immer mehr, ob denn dem jungen Mann klar sei, dass es gar nicht gut für das Fahrrad ist, wenn man mit plattem Hinterrad über Kopfsteinpflaster fährt. Mit einem normalen Fahrrad käme er vermutlich kaum mehr weiter, doch mit Elektroantrieb geht es offensichtlich, auch wenn es unangenehm zu sein scheint. Das Fahrrad ist ein teueres Fahrrad und das Hinterrad ist nach der Tortur sicherlich schwer beschädigt. Nur ein Idiot würde das seinem eigenen Fahrrad antun, aber es ist ja ein Mietfahrrad. Während ich noch darüber nachdenke, ob es den jungen Mann davon freispricht, ein Idiot zu sein, wenn er ein Mietfahrrad zerstört, kreuzen sich unsere Wege erneut. Der junge Mann fuhr auf einer anderen Strecke in die selbe Richtung.

Ich spreche ihn an und frage als erstes, ob ihm bewusst sei, dass das Fahrrad leiden würde. Der junge Mann ist sich sehr wohl darüber bewusst – das hätten ‘die’ ja eingepreist, ist seine erste Antwort; und wie um zu beweisen, dass er zu noch komplexeren Gedanken fähig ist, fragt er zurück, ob ich denn wisse, was Uber für eine Firma wäre, die Antwort gibt er selbst: eine Ausbeuterfirma! Und überhaupt fände er es nicht OK, dass ich ihm hier so moralisch komme.

Ich hege weder Sympathien noch Antipathien gegenüber der Firma Uber und sage das auch zu meiner Verteidigung. Ich bin nur immer wieder verblüfft von der Logik mir der Menschen denken. Und wennn sich die Chance bietet, frage ich manchmal nach.

Das würde ihm jetzt zu anstrengend und ob ich bitte weiterfahren könne und ihn in Ruhe lassen.

Das kann ich versehen, nicht nachfühlen aber verstehen, dass es anstrengend ist, wenn das eigene Denken auf die Probe gestellt wird. Da tun sich sogar gut ausgebildete und gut gekämmte junge Menschen schwer, die ohne grosse Sorgen in den angenehmsten Gegenden der Welt wohnen. Das stelle ich mit meinen Fragen immer wieder fest.

Wie man das Denken verändert

Fernsehen verändert das Denken. Religion verändert das Denken. Bücher verändern das Denken. Musik verändert das Denken. Bilder verändern das Denken. Gespräche verändern das Denken. Meditation verändert das Denken. Beobachtungen verändern das Denken. Die Augen schließen verändert das Denken. Nahrung aufnehmen verändert das Denken. Fasten verändert das Denken. Fühlen verändert das Denken.

Alles verändert das Denken. Denken basiert auf dem Austausch elektrischer Signale zwischen Nervenzellen. Nervenzellen, die über Synapsen verbunden sind. Nervenzellen, die entstehen und vergehen, verbunden durch Synapsenverbindungen, die ebenfalls entstehen und vergehen.

Die durch Synapsen verbundenen Nervenzellen sind wie die Moleküle an der Wasseroberfläche eines Sees, stabil genug, dass ein Wasserläufer darauf laufen kann. Doch es sind nie ‘die selben’ Moleküle, die sich an der Wasseroberfläche befinden. Die Moleküle sind im ständigem Austausch mit den umgebenden Wassermolekülen im See. Es ist ein ständiger Tanz der Moleküle, bei dem immer wieder andere an die Oberfläche kommen um umgehend wieder von anderen abgelöst zu werden. So als würde man auf einem Schotterweg stehen und sich die Steine unter den Füßen permanent austauschen.

Die Synapsenverbindungen zwischen den Nervenzellen im Hirn sind die Wege des Denkens. Die Wege, auf denen die Gedanken laufen. Doch die Wege sind in ständigem Wandel. Pfade werden ausgetreten oder driften. Sie bleiben hingegen nie exakt gleich.

(( Spektakulärer, wenn auch viel seltener, ist die Idee oder Erkenntnis – die Entdeckung eines völlig neuen Wegs, einer völlig neue Verbindungen. Je jünger man ist, desto häufiger kommt sie vor, logischer Weise, denn es gibt noch kein so ausgeprägtes Straßennetz der Gedanken. Das entsteht bei jedem über die Zeit. ))

Der Mensch neigt zu fragen – “Ist das nun gut oder schlecht?”
Ist es gut oder schlecht, wenn sich die Wege des Denkens verändern?
Die Antwort darauf ist die selbe wie auf die meisten ‘gut oder schlecht’ – Fragen: Es ist nicht gut oder schlecht: Es ist.

Sich darüber bewusst zu sein, dass alles das Denken verändert, dass einen alles, was man bewusst oder unbewusst in sich aufnimmt, verändert, gibt einem die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, auf das, was was in sich aufnimmt, auf das, was einen verändert. Sich mehr bewusst zu werden gibt gleichzeitig anderen weniger Möglichkeit einen so zu manipulieren, wie sie es gerne hätten.

Natürlich kann man sich nicht alles aussuchen, was einem in den Kopf – ins Denken – kommt. Doch man kann Einfluss darauf nehmen. Die ersten Schritte sind, sich immer wieder daran zu erinnern, dass alles, was man aufnimmt, das Denken und damit die Wahrnehmung, die wir von der Welt haben, beeinflußt.

Ein kluger Freund sagte einmal zu mir: “Ich habe immer unglaublich viel gelesen, wohl tausende Bücher in meinem Leben. Das war alles mögliche, Literatur, Sachbücher aber auch Krimis, triviales und irgendwelcher Schrott. Doch es ist seltsam, ich habe alles, auch den größten Blödsinn, irgendwann einmal gebraucht, um auf meine Erkenntnisse zu kommen.”

“Klar,” habe ich gesagt, “denn alles, was Du in deinen Kopf tust, ist das Material mit dem du denkst. Mit welchem Material solltest du sonst denken?”

Doch nicht alles Material ist gleich gut.

Und anders als zu früheren Zeiten, in denen der Mensch gar nicht genug an Informationen bekommen konnte, leben wir heute in einer Zeit, in der wir mit einem überwältigenden Masse an Information konfrontiert sind.

Es gibt bessere Information und schlechtere.

Wir können unser Denken verbessern, indem wir uns angewöhnen aufmerksamer zu sein mit dem, was wir in uns hinein lassen.

Autopilot

Ein selbstfahrendes System habe ich schon lange. Ich steige auf mein Motorrad, fahre irgendwohin und denke über das nach, womit ich mich gerade beschäftige. Das sind meist komplizierte Dinge, die all meine Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen.

Vor allem, wenn ich eine Strecke fahre, die ich schon oft gefahren bin. Nur wenn ich eine neue Strecke fahre, klingelt ab und an der Autopilot beim Bewusstsein an, um zu fragen, ob er jetzt rechts oder links abbiegen soll. Den Rest erledigt der Autopilot. Inklusive gelegentlichen Streitereien mit anderen Verkehrsteilnehmern, wenn ich in Berlin unterwegs bin.

Mein Hirn beschäftigt sich derweil mit irgendetwas anderem. Podcasts der New York Times zum Beispiel, der Washington Post oder von Sam Harris.

Motorradfahren tut der Autopilot.


Auszug aus “Codonaut – Wohin programmieren wir uns?”, einem Korsakow-Film über Künstliche Intelligenz. Der Film ist hier zu sehen: codonaut.de

Sprache

Worte sind die Bits und Bytes in denen wir Menschen Informationen austauschen. Sprache ist das Betriebsystem unseres Denkens. Was sich in Worten nicht ausdrücken lässt, kann nicht geteilt werden und wird früher oder später vergessen sein.

Was sich in Sätzen nicht sagen lässt, ergibt keinen Sinn und wird, wenn es sich nicht wenigstens reimt, ebenfalls vergessen.

Nur die Dinge, die zufällig in Wort und Sprache passen, bleiben erhalten.
Nur die Dinge ,die zufällig in Wort und Sprache passen, sind alles, was uns umgibt.


Auszug aus “Codonaut – Wohin programmieren wir uns?”, einem Korsakow-Film über Künstliche Intelligenz. Der Film ist hier zu sehen: codonaut.de