Das Neue Denken

Aufgewachsen mit Computerspielen, dem Internet und der Allgegenwärtigkeit von Wissen und Kultur, wächst eine neue Generation heran, die einer neuen Art des Denkens fähig ist. Es ist die Fähigkeit, die Welt gleichzeitig aus vielen Perspektiven betrachten zu können.

Die Jungen verfügen zwar noch nicht über so viel Erfahrung, wie die Alten, doch Erfahrung kommt mit der Zeit. Irgendwann werden die Jungen die Alten an Erfahrung eingeholt haben.

Dann werden die Jungen neue Muster sehen können, zusätzlich zu den alten. Die Alten werden diese Muster womöglich noch nicht einmal wahrnehmen können. Denn das Alte Denken macht dafür blind. Das Neue Denken integriert das Alte Denken und die, die des Neuen Denkens fähig sind, können sehen, was die Alten sehen und noch viel mehr.

Dann werden die Jungen mit dem Neuem Denken die Erfahrungen und das Wissen auf bisher unvorstellbar kluge Art kombinieren.

Anstatt zu versuchen die Alten mühselig vom neuen Denken zu überzeugen, sollten wir unsere Energie besser darauf verwenden, zusammen mit den Jungen die Welt von morgen aufzubauen.

Die Zukunft gestern

Der Mensch unterscheidet sich von allen anderen Lebewesen auf dem Planeten, durch seine Fähigkeit, Erfindungen zu machen. Der Mensch erfindet neue Techniken, neue Geschichten, neue Gesellschaftsformen.

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte betrug der Abstand, der zwischen revolutionären Erfindungen lag, viele Generationen. Und es dauerte Generationen, bis sich Erfindungen verbreiteten.

Seit dreihundert Jahren beschleunigt sich das Tempo, in dem der Mensch Erfindungen macht immer mehr.

Wenn ich mich daran erinnere, wie es war, als ich das erste mal im WOM war. Das WOM, in München – WOM stand für Word of Music, meine Mutter hatte mich hingebracht. Im WOM konnte man alle Platten anhören. Aber nicht, indem man, wie in anderen Läden, die Platte aus dem Regal nahm und zu einem Schallplattenverkäufer trug, der die Platte erst aus der Hülle nahm und dann auf einen Schallplattenspieler legte. Die Platte hat immer der Verkäufer aufgelegt. Er hat auch den Arm des Schallplattenspielers weitergesetzt, wenn man das nächste Stück hören wollte. Man durfte es offenbar den Kunden nicht selbst machen lassen, er hätten die Platte verkratzen können. Über Kopfhörer oder, noch beschämender, im ganzen Laden konnte man unter den Blicken des Verkäufers dann die Lieder hören, die einem gerade die Welt bedeuteten. Der Verkäufer schaute einen die ganze Zeit gelangweilt an. Der Verkäufer, ein junger Mann, oder – noch schmachvoller – eine junge Frau, die schon ganz erwachsen war. Und man selbst war es nicht. Ich habe mich dann nie wieder getraut, in einem Schallplattenladen Musik zu hören und habe mir meine Platten blind gekauft. Meist aufgrund des Covers.

Im WOM in München war es anders. Nicht alle, aber gefühlt unendlich viele Platten, konnte man ganz einfach hören, indem man sich einen Kopfhörer griff, der an einem Spiralkabel von der Decke hing. Das Plattencover war leicht erhöht, schräg vor einem aufgestellt. Und so blickte man nach oben, schaute zu seinen Idolen auf und hörte die Stimme der Götter. Ganz unbeobachtet.

Heute stehen die Schallplatten, die ich damals gekauft habe, zusammen mit denen, die ich später über die Jahre sammelte, im Keller. Seit vielen Jahren schon.

Und ich stelle mir vor, wie ich dem Teenager, der ich damals war, erkläre, wie man heute Musik hört. Heute habe ich Zugriff auf die meisten aller Musikstücke, die jemals herausgegeben wurden. Ich tippe einfach den Namen einer Band in mein Smartphone… aber wie erklärt man einem Jungen, der 1985 im WOM in München steht, was ein Smartphone ist?

Man müsste erklären, dass das kein Schallplattenspieler oder Tonbandgerät ist, dass die Musik gar nicht in dem ‘Smartphone’ drin ist, sondern irgendwo im Internet gespeichert liegt. “Was zum Teufel ist das ‘Internet’? Und wie kommt die Musik vom Internet in das ‘Smartphone’“?

Die Antwort übersteigt meine Vorstellungskraft bei weitem. Damals und heute eigentlich immer noch, ich habe mir nur abgewöhnt, es mir vorzustellen. Damals hätte ich es schlichtweg nicht geglaubt: “Durch die Luft!”

Plastik streicheln

Besuch auf der CEBIT, der Computermesse in Hannover. Wir recherchieren für einen Film über künstliche Intelligenz.

Ich kraule einen Roboter. Der Roboter heisst Pepper. Er ist einen Meter zwanzig groß, blinzelt mit riesige Augen und kichert vergnügt, wenn ich mit meinen Fingern über seine harte Plastikschale kratze. Ich kann gar nicht aufhören zu kraulen und wundere mich über mich selbst. Eigentlich wollte ich etwas über die Gefühle von Maschinen lernen. Statt dessen erfahre ich etwas erschreckendes über menschliche Gefühle. Der Roboter drückt Knöpfe, der Mensch reagiert mit Gefühlen. Der Roboter kann das, nicht weil er intelligent, sondern weil der Mensch so simpel ist.

Wir müssen, wenn wir nicht wollen, dass Roboter unsere Knöpfe drücken, komplizierter werden.

Spannende Geschichten sind Zeitverschwendung

Markus Reuter von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat mir einige Fragen gestellt. Dies geschah im Zuge einer Recherche für einen gemeinsamen Vortrag mit Dr. Katja Schupp zum Thema „Impact on the audience“. Ich hatte großen Spass, die Fragen zu beantworten und ich hoffe, sie können ein etwas anderes Licht auf die Frage werfen, wie man sein Publikum erreicht.

Markus Reuter     Bieten Webdokus besondere Möglichkeiten für eine Wirkung auf die Gesellschaft und/oder das Individuum und warum (nicht)?

Florian Thalhofer     Neue Arten des Erzählens ermöglichen es, Zusammenhänge neu sehen und denken zu können. Die alte Art – ergänzt um die neue Art – führt, wenn man es richtig macht, zu einer Erweiterung des Blicks. ‘Richtig machen’ bedeutet, dass man das Nichtlineare einsetzt um zu beobachten, das Lineare, um zu beurteilen/zu erklären. Wenn man das durcheinanderbringt entsteht Chaos. Genau das passiert zur Zeit  – man kann die Auswirkungen wunderbar beobachten.

Markus Reuter     Stellst Du Dir die Frage nach der Wirkung Deiner Webdokus, ist es für Dich eine wichtige Frage?

Florian Thalhofer     Ja, das ist eine sehr wichtige Frage und der Kern der Arbeit des Korsakow Instituts. Doch es geht dabei nicht um die kurzfristige Wirkung, die derartige Erzählweisen auf den Menschen haben (die Zuschauer finden die Geschichten spannend, unterhaltsam, klicken irgendwohin). Die Gesellschaft formend sind die langfristigen Auswirkungen, die verschiedene Arten der Narration auf das Denken haben.

Markus Reuter     Wie willst Du eine Wirkung in Deinem „Korsakow“-Format erreichen? Das ist gerade interessant, weil Du eben keine „Botschaften“-Webdokus machst, sondern den Zuschauer/innen einen möglichst großen Freiraum gibst.

Florian Thalhofer     Ich habe bemerkt, dass sich, durch die Übung mit Korsakow-filmen und anderen narrativen Formate, die eine ähnliche Wirkung haben, das Sehen und Denken, die Toleranz und das Verständnis erhöhen lässt. Diese Wirkung fasziniert mich, diese Wirkung zu verstehen bemühe ich mich.

Spannende, mitreissende Geschichten können diese Wirkung nicht erzeugen. Die gängigen Rezepte, nach denen derzeit Geschichten gestrickt werden, müssen von Grunde auf überdacht werden.

Markus Reuter     Ist es vielleicht erst einmal eine Frage danach, überhaupt ein Publikum zu erreichen und damit eine Frage nach der Distribution?

Florian Thalhofer     Wenn man die Frage, wie man am besten ein Publikum erreicht, an den Beginn der Arbeit stellt, wird diese Frage das Ergebnis formen. Ziel meiner erzählerischen Projekten ist es, relevante Werke zu schaffen. Die Frage nach dem Publikum ist nicht hilfreich, um dieses Ziel zu erreichen. Es scheint mir vielmehr offensichtlich, dass die gängigen Rezepte, Aufmerksamkeit zu steigern, direkt zu irrelevanten Arbeiten führen. Sich als Autor oder Publikum mit irrelevanten Arbeiten zu beschäftigen ist Zeitverschwendung.

Die besten Zitronen kann man nicht kaufen

Ein Freund hat ein Olivenöl probiert, dass eine Freundin von einem Freund aus Italien hatte. Das war so unglaublich, sagt der Freund. Seitdem fragt er sich, wo es solches Olivenöl zu kaufen gibt. So ein Olivenöl kann man nicht kaufen, antworte ich, man muss es bekommen.

Und so ist es nicht nur bei Olivenöl. Es ist bei vielen Produkten so. Meine Frau liebt Zitronen. Kürzlich hat sie ein paar Zitronen geschenkt bekommen. Von einer Freundin, die hatte die Zitronen von einem Griechen, der die Zitronen selbst gepflückt hatte und dann im Flugzeug aus Griechenland mitbrachte. Man stelle sich vor, was solche Zitronen kosten müssten, wenn man sie mit Geld bezahlen würde. Per Hand im Flugzeug aus Griechenland nach Deutschland getragen, von einem Baum in einem Garten, in dem nur ein Zitronenbaum steht. Gehegt und gepflegt seit mehreren Generationen. Die Zitronen müssten absurd teuer sein. Womöglich gäbe es sogar Leute, die diesen Preis zu zahlen bereit wären. Doch wie müsste ein Verkäufer, der solche Preise nehmen würde gestrickt sein? Sicher nicht auf eine Art, die einen dazu bringt, einen einzelnen Zitronenbaum in einem Garten zu hütet. Sind die Zitronen wirklich so viel besser, als andere Zitronen? Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen muss ich nur meiner Frau, die Zitronen liebt, in die Augen schauen.

Mit meinem Nachbarn habe ich mich über Wein unterhalten. Er ist in einer Weingegend aufgewachsen und hat es mir erklärt. Die kleinen Winzer, die, die den besten Wein machen, trinken den allerbesten selbst. Nur wenn man einen Winzer in der Familie hat, kann man an so etwas herankommen.

Rießig sind die Unterschieden nicht. Die besten Zitronen, die man auf dem Markt kaufen kann, sind fast genauso gut wie die, die der Freund aus Griechenland von Hand pflückt. Aber eben nicht ganz. Ein kleiner Unterschied, der durch keinen Preis zu rechtfertigen ist, den ein Händler guten Gewissens verlangen kann. Und doch ist es ein Unterschied.

Die richtig guten Sachen werden nicht mit Geld gehandelt. Man kann sie vielleicht manchmal tauschen. In der Regel bekommt man sie geschenkt.