Liebe und Hass

Es war bei einer Reise in die USA, vermutlich 1993, als sich mir eine Beobachtung in den Kopf einbrannte: Amerikaner benutzen die extremsten Worte für die banalsten Dinge: “I love ice cream” – “I hate bananas”. Es war völlig normal, so etwas zu hören. Doch es hat mich jedesmal verstört. Im Deutschen klang das – zumindest damals noch – völlig blöde. Wer würde schon eine Banane hassen? Und so lernte ich zusammenzuzucken, jedes mal, wenn ich solchen Unsinn hörte. Ich fragte mich: Wenn man die extremsten Worte benutzt, um die banalsten Dinge zu beschreiben, was macht man denn bei extremen Dinge? Wie drückt man aus, wenn man etwas wirklich nicht mag. Jenseits von Bananen.

Sicherlich, viel kann man aus dem Kontext schließen, in dem etwas gesagt wird. Doch wenn man sich angewöhnt, auf die Abstufungen im Ausdruck zu verzichten, muss das zu Verwirrung führen. Irgendwann ist es dann entweder so oder so – und es gibt nichts mehr dazwischen.

Do you love ice ream?I hate ice cream.

In meiner Welt gibt es nichts essbares, das ich hasse. Mein Lieblingsessen ist Spaghetti Bolognese aber ich würde nie sagen, dass ich Spaghetti Bolognese liebe. Ich liebe meine Frau. Und auch das sage ich nicht jeden Tag, sondern nur, wenn ich es wirklich fühle.

Liebe ist ein heiliges Wort. Wenn man es tagtäglich und für die banalsten Dinge benutzt, verliert es seinen Wert. Hass ist das Wort, dass das stärkste negative Gefühl ausdrückt. Es gibt nichts und niemanden auf der Welt, was ich hasse. Hass ist ausserhalb meiner Vorstellungskraft. Ich bin sicherlich kein besonders friedvoller Mensch, ich bin nur behutsam mit Worten.

Worte behutsam einzusetzen, das stete Bemühen, Abstufungen zum Ausdruck zu bringen – das ist eine grundsätzliche Übung, eine Grundvoraussetzung, um ein vielschichtiges Weltbild entwickeln zu können.

Bei einer späteren Reise in die USA habe ich Leute sagen hören: “I hate Saddam Hussain!” – Das war nicht weiter verwunderlich, wer Bananen hassen kann, kann auch Saddam Hussain hassen. Auch ich mochte Saddam Hussain nicht. Aber hassen?

Hassen ist ein starkes Wort. Wer hasst, für den ist das Töten nicht weit.

TRICK – Lesen lernen II

Seit ich gelernt habe, richtig zu lesen, hat sich etwas verändert. Es ist eine Veränderung, die mein Leben verbessert.

Den Trick habe ich vor einem Jahr beschrieben. Der kurze Text endet mit folgendem:

Ich habe auch gelernt zu denken. Meinem Denken zu vertrauen, mein Hirn zu benutzen. Die Bücher sind dadurch viel besser geworden.

Ein Jahr später kann ich sagen, dass nicht nur Bücher besser wurden, auch Gespräche. Und dass andere Meinungen spannender geworden sind. Früher empfand ich es oft als ärgerlich, wenn jemand etwas anders gesehen hat, als ich – jetzt sehe ich es fast durchweg als Bereicherung. Schon jetzt merke ich, wie mein Leben dadurch friedvoller und gleichzeitig vielschichtiger wird. Und obendrein lerne ich, mein eigenes Denken besser verstehen. Wenn man keine Angst hat, den Kopf kurz unter Wasser zu tauchen, kann man viel entspannter schwimmen.

Wie wurde dieses Wunder möglich? Ich habe mit dem neuen Lesen immer wieder geübt, mir eine kurze Pause im Fluss des Lesens zu nehmen. In diesen Pausen bin ich dann meinen eigenen Gedanken gefolgt, ohne Sorge, Zeit zu verschwenden und vom Thema abzukommen. Und so lernte ich, das, was ich gerade gelesen hatte, in Ruhe zu betrachten und zu bedenken. In der Folge stellte ich immer öfter fest, dass ich anderer Meinung bin, als der Autor. Immer wieder passierte es, dass ich sah, an welchen Stellen dem Autor ein Denkfehler, eine Unachtsamkeit unterlaufen war. Bevor ich das richtige Lesen lernte, habe ich mir nicht die Zeit genommen, anzuhalten, zu betrachten, nachzudenken. Ich habe dem Autor geglaubt, oder ich habe ihm nicht geglaubt. Auch bei einer Kleinigkeit, wenn ich dem Autor nicht glaubte, habe ich das Buch angelesen zur Seite gelegt und nie mehr hinein geschaut. Heute bin ich dem Autor für kleine Ungenauigkeiten dankbar – sie schärfen meinen Blick.

Wenn ich früher in einem Gespräch anderer Meinung war, habe ich versucht, mein Gegenüber zu überzeugen. Das hat mich gestresst und es hat die Person genervt. Gelernt haben wir beide nichts.

Jetzt erfahre ich – die Meinungen anderer Menschen, ihre Beobachtungen, können meinen Blick auf Dinge lenken, die ich sonst womöglich übersehen hätte.

Zum Beispiel:

“Diese Kneipe ist Scheiße!” hat ein Bekannter zu mir gesagt, als wir auf einem Geburtstagsumtrunk in einer 15 Jahre alten Berlin-Mitte-Bar standen. Irgendwie mochte ich den Laden auch nicht. Wenn ich das Gespräch entsprechend meinem alten Lesemuster verstanden hätte (Der Autor ist meiner Meinung versus der Autor ist nicht meiner Meinung) hätte ich dem Bekannten wohl recht gegeben, und der weitere Verlauf des Unterhaltung wäre vermutlich keiner weiteren Beschreibung wert gewesen. Doch entsprechend meines neuen Musters nahm ich mir einen Atemzug Zeit, sah mir den Raum an und fragte: “Warum?”

“Diese Bar ist völlig lieblos eingerichtet,” er deutete auf die kahle Betonwand, “das hat alles überhaupt keine Aussage.”

Da hatte mein Bekannter recht. Die Bar wirkte spartanisch, Betonwände, weiße Wände, jedes Ding in diesem Laden betont unaufdringlich. Doch ich verstand, als ich es mir überlegte, was der Gedanke dahinter war: Vor 15 Jahren haben eine Reihe von jungen Architekten, die gerade mit ihrem Studium fertig waren, in Berlin eine Reihe von Clubs und Bars aufgemacht. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war für junge Architekten damals nicht gerade rosig, sie hatten Zeit an der Hand und Visionen im Kopf. Die Idee dieser Läden war an dem Konzept von White-Cube-Galleries orientiert, die neutrale Orte sein sollten (mit weißen Wänden), um dem Inhalt Raum zu geben, sich ihm unterzuordnen. So wie die Kraft eines Gemäldes in einem Raum mit weißen Wänden völlig anders wirkt, als in einer Barockkirche. Die Kraft des Bildes, so die Theorie der weißen Wände, komme dann aus sich selbst heraus. Vermutlich deshalb standen in der Folge so viele Poser in coolen Mitte-Bars herum, oder vielleicht war es auch so, dass jeder, der in einem derartigen Laden herumhing, wie ein Poser wirkte. Jedenfalls gerieten diese Läden mit der Zeit aus der Mode. Nur wenige gibt es immer noch. Dies ging mir durch den Kopf und erschien mir so viel spannender, als meine Meinung oder die Meinung meines Gegenübers.

Und dann schenke mir mein Gesprächspartner noch einen weitere Beobachtung: “Die Lampe da, ist Scheiße, sie blendet.” Und es war wahr, wenn man direkt in die Lampe blickte, blendete sie unangenehm. Ich nahm mir Zeit und ließ meinen Blich schweifen und war fasziniert von drei Biergläsern, die geradezu wunderhübsch anzusehen waren. Dann merkte ich, dass die Gesichter des Publikums fantastisch ausgeleuchtet waren. Dies war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt geworden und ich war von der Entdeckung geradezu beglückt. Mein Bekannter hatte recht, die Lampe blendete. Aber ein anderer Teil der Realität war eben auch, dass sie die Szene toll ins Licht setzte.

Ich habe Design studiert. An diesem Abend habe ich so viel über Design gelernt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Weil ich mich weder von meiner Meinung blenden ließ, noch von der Meinung meines Gegenübers, weil ich mir Zeit nahm zu beobachten und zu bedenken.

Es war der Beginn eines Abends voller Wunder.

Journalismus

Wir leben in einer Welt der multiplen Realitäten. Das wurde 2016 deutlich wie nie.

Die Nachrichtenredaktionen sind Fabriken, in denen kleine Kuchen Wahrheit gebacken werden. Von dort werden sie in die ganze Welt geliefert.

Doch wir leben in einer Welt, in der es die Wahrheit nicht – oder nicht mehr – gibt.

POST-FAKTISCH ist das deutsche Wort des Jahres. POST-TRUTH the word of the year.

Es ist ein weltweites Phänomen und es beunruhigt viele. Denn für Menschen, die an die Wahrheit gewöhnt sind, ist POST-TRUTH unvorstellbar und bedeutet Unsicherheit.

In der Sprache, die Korsakow beschreibt, gibt es ein anderes Wort, für dieses Phänomen, doch im Gegensatz zu POST-FAKTISCH und POST-TRUTH ist es positiv konnotiert.

Es lautet: MULTIPLE REALITÄT, und bedeutet, dass es viele adequate Blicke gibt, die die Realität beschreiben. Und das beste Bild der Realität, ist die Auswahl der besten Blicke.

Davor muss man keine Angst haben, denn die Welt wird dadurch nicht unsicherer. Im Gegenteil, sie wird sicherer.

Für einen Bergsteiger, der in der Wand an einem Haken hängt, ist dieser Haken die Wahrheit. Wenn sich der Haken löst, ist der Bergsteiger verloren.

Multiple Realitäten bedeuten multiple Haken, an denen der Bergsteiger hängt. Das bringt zwei Vorteile. Es erhöht die Sicherheit – Auch wenn sich ein Haken löst, stürzt der Bergsteiger nicht in die Tiefe. Und es erhöht die Beweglichkeit. Der Bergsteiger kann einfacher die Richtung ändern, es gibt nicht nur einen richtigen Weg, den er gehen kann.

Für den Journalismus ist diese Zeit eine einmalige Gelegenheit die Zukunft der Nachrichten zu entwickeln.

Die Aufgabe der Journalisten – und es sind ganz klar die Journalisten, die diese Aufgabe übernehmen müssen – ist es, die besten Bliche auf die Realität herauszuarbeiten und sie dem Publikum anzubieten.

Nicht mehr den besten Blick – sondern die besten Blicke.

Nicht mehr die Wahrheit – sondern die Realität. Die Realität als die Summe der besten Blicke.

Zahlen sind falsch

Brexit, die Abstimmung über den Friedensvertrag in Kolumbien, die US-Wahl – Demoskopen lagen bei allen bedeutenden Abstimmungen der jüngsten Zeit völlig daneben.

Ich habe vor der Präsidentschaftswahl einen amerikanischen Meinungsforscher im Radio gehört. Ob denn ein Fehler wie beim Brexit passieren könne, wurde er gefragt. Die Antwort war eindeutig: Man habe in den USA viel genauere Methoden und würde auch sehr viel mehr Geld investieren als in England.

Es ist kurios. Am Tag nach dem völlig unvorhersehbaren Ergebnis rätseln die Experten, was denn wohl an ihren Zahlen falsch gewesen sei. Den Kopf über neue Zahlen gebeugt, als ob man nun plötzlich doch die Wahrheit daraus erkennen könne.

Es ist etwas grundsätzliches falsch am Zahlendenken. Kein kluger Politiker verlässt sich heutzutage mehr auf sein Gefühl, auf seinen moralischen Kompass, auf seine Überzeugungen. Politiker werden von Heerscharen von Analytikern beraten:

Mit der Unzweifelhaftigkeit konkreter Zahlen wird vorausgesagt, was das Volk wollen wird. Es wird abgeleitet, wie sich Politiker verhalten müssen, um erfolgreich beim Wähler zu sein und die Politiker verhalten sich entsprechend. Doch das können sie nur, indem sie sich verbiegen. Das Verbiegen kann man zwar nicht messen, doch das Publikum spürt es.

Trump hat alles falsch gemacht. Vermutlich aus Dummdreistigkeit. Verbogen hat er sich nicht. Das Publikum hat es ihm belohnt.

Die gebildeten Menschen haben gelernt, die Welt in Zahlen zu sehen, das Problem ist nur: die Welt lässt sich nicht in Zahlen quetschen. Und das Prinzip gilt auch in anderen Bereichen. Fernsehprogramme zum Beispiel, werden nicht mehr von Menschen mit Visionen gemacht, sondern von Verwaltern und Statistikern. Und bereits seit einigen Jahren funktioniert Journalismus nach dem Prinzip der Zahlen. Wahr ist, was sich in Zahlen ausdrücken lässt und richtig ist, wenn es sich durch Zahlen belegbar ist.

Demoskopen schauen auf die Bildschirme ihrer Computer, als wären es Glaskugeln, sehen Zahlenreihen und lesen daraus die Zukunft. Dem Orakel von Delphi war vermutlich auch nicht klar, dass ein Orakel ist, es dachte vermutlich, es könne die Zukunft sehen. Wir können sie heute ausrechnen. Oder vielmehr, wir können sie nicht ausrechnen.

Das ganze könnte ein großer Witz sein, doch das unlustige ist, dass mittlerweile so gut wie alle Entscheidungen auf Grundlage von Prognosen getroffen werden. Reale Entscheidungen, auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten. So wird moderne Politik gemacht, wird Fernsehen gemacht, werden Städte gebaut.

Es gibt tatsächlich einen Trick, wie man die Zukunft formen kann. Man muss nur ganz fest daran glauben. Das ist kein Hokuspokus sondern ganz logisch, denn die Zukunft, die man fest im Blick hat, hat eine viel höhere Wahrscheinlichkeit Wirklichkeit zu werden. Das klappt nicht immer, aber überraschen oft. Auf wie großem Level, hat Trump gerade vorgeführt. Den Orakeln der Demoskopen zum Trotz.

Wer die spannende Geschichte liebt, muss sich freuen: Es bleibt aufregend.

Gewonnen hat Donald Trump, der Meister des Extremen Erzählers. Verloren hat Hillary Clinton, die es nicht geschafft hat, überzeugend vielschichtigere Realitäten zu vermitteln.

Trump hat es ganz im Sinne der extremen Geschichte verstanden, die wenigen schwachen Stellen Hillary Clintons maximal zu vergrössern. Die Geschichte um den privaten Email-Server, für den sich Clinton vermutlich aus technischer Bequemlichkeit entschieden hatte, konnte Trump durch unablässige Wiederholung aufblasen und Fantasien von einem durch und durch Korrupten System wuchern zu lassen.

Trump konzentrierte sich auf wenige Punkte, er drosch immer wieder darauf ein.

Clinton hatte es da schwerer. Trump hat so viele Schwachstellen, jede einzelne viel gewichtiger als ein privater Email-Server. Doch zahllose Abgründe nebeneinander, sehen aus der Perspektive eines Satelliten weniger spektakulärer aus, als eine Pfütze, wenn man sie sich aus einer handbreit Entfernung anschaut.

Trump sieht die Welt aus einer handbreit Entfernung, Clinton aus Satellitenperspektive. Daher wäre Clinton so geeignet gewesen Entscheidungen für die Welt zu treffen – die Welt im Blick. Doch sie hat es – im Gegensatz zu Donald Trump – nicht geschafft, ihren Blick überzeugend zu kommunizieren.

Das Publikum ist seit Jahrzehnten trainiert, die spektakuläre, aufregende, emotionale Geschichte zu geniessen.

Das haben die Strategen im Clinton Team sicherlich auch erkannt, aufgeschreckt von Trumps Erfolgen. Ungefähr nach der ersten Fernsehdebatte scheint Clinton das Vertrauen in die vielschichtige Narration verloren zu haben und hat mehr und mehr auf die Methode Trump gesetzt: Den Gegner als Teufel darzustellen – no matter what.

Doch um die Extreme Geschichte zu erzählen, musste Clinton sich verstellen. Trump ist immer er selbst geblieben – er ist der wahre Meisten der Extremen Erzählung.


Ich bitte meine Worte mit Vorsicht zu verstehen. Ich bin in meiner Einschätzung, was die Chancen Trumps betrifft, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, völlig daneben gelegen.

– Wie so viele, die die Welt durch Denken verstehen wollen.