Das Land der Langeweile ist voll von Erkenntnis

Die Wege des Denkens verlaufen manchmal auf seltsamen Pfaden. Vor Jahr und Tag habe ich einen Text in einem Buch geschrieben. Ein Satz aus diesem Text wurde in einem anderen Buch zitiert, und dieser Satz erneut in einer ‘Kundenrezension’ auf Amazon, auf die ich zufälliger Weise gestoßen bin.

Daraufhin folgender Kommentar meinerseits, auf den Kommentar zum Buch mit Zitat des Zitats (oder so ähnlich):

Ich möchte mich entschuldigen, dass sich mein Kommentar nicht auf das Buch selbst bezieht, sondern auf den im vorangegangenen Kommentar zitierten Satz von Florian Thalhofer. Zufälliger Weise bin ich jener Florian Thalhofer und vielleicht interessiert sich ja jemand für die Geschichte hinter dem zitierten Satz. Denn ursprünglich habe ich geschrieben: “Die Leute sagen, sie finden Korsakow-Filme LANGWEILIG, weil sie nicht verstehen, was ihnen gesagt werden soll.“ Um das Wort “langweilig” gab es dann einige Diskussion mit den Lektoren, offenbar ist das Wort in Verbindung mit “Story” toxisch, wir einigten uns dann auf “anstrengend”.

Ich sehe Geschichten-erzählen nicht nur als Werkzeug um ein Publikum zu fesseln oder zu unterhalten, sondern auch als Werkzeug um ein besseres Verständnis von der Realität zu erlangen. Die Geschichte als Instrument ‘zu verstehen’, nicht ‘zu erklären’.

Da Geschichten nach allgemeinem Verständnis nicht ‘langweilig’ sein dürfen, nimmt man sich ganz viel von den Möglichkeiten der Erkenntnis, die in den Bereichen der langweiligen Geschichte liegen.

‘Ulysses’ von James Joyce ist sicherlich ein langweiliges Buch, nach allen Regeln der Kunst. Nichts desto Trotz wurde es in den Kanon der wichtigen Literatur aufgenommen. Ein Hinweis darauf, dass es Relevanz besitzt. Es ist also möglich, relevante Geschichten jenseits der spannenden Geschichte herzustellen. Ich sage ja nicht, dass man es tun muss. Jeder Autor, jede Autorin kann für sich entscheiden, ob er/sie spannende, fesselnde Geschichten fabrizieren will, oder den Mut aufbringt, sich in Gebiete vorzuwagen, die als ‘langweilig’ gekennzeichnet sind.

Im Bereich des ‘langweiligen’ gibt es viel zu entdecken. Im Bereich des ‘spannenden’ nicht mehr so sehr, denn dieser Bereich ist abgegrast, darin tummeln sich ja bereits die allermeisten Geschichtenerzähler.

“Die Leute verstehen nicht, was ihnen in einem Korsakow-Film gesagt werden soll.” Das ist logisch, denn ein Korsakow-Film will dem Betrachter in der Regel nichts sagen, hat keine Message. Ein Korsakow-Film will es dem Betrachter ermöglichen ‘zu sehen’ und sich selbst eine Meinung zu bilden. In dem Bewusstsein, dass diese Meinung nur eine Meinung von vielen möglichen Meinungen ist.

Ist das langweilig? Ich finde es äußerst spannend!

 

 

{ Hinweis: Einige Amazon Affiliate Links im Text }

Relevanz vs. Reichweite

Vor 20 Jahren, als ich an der der Kunsthochschule studierte, wurde mir beigebracht, nach Qualität zu streben. Doch was ist Qualität? Qualität wurde von Experten beurteilt, die ihr Wissen aus langer Erfahrung oder aus Büchern hatten. Von dem was populär war, was bei vielen ankam, sollte man sich fern halten.

Heute ist es offenbar ganz umgekehrt. Qualität ist definiert als das, was populär ist, was bei möglichst vielen, möglichst gut ankommt. Von dem, was Experten sagen, basierend auf alter Erfahrung oder Wissen aus Büchern, hält man sich heutzutage besser fern.

Wie misst man Qualität, zum Beispiel von künstlerischer oder journalistischer Arbeit? Wozu das Streben nach Qualität? Und wie ist Qualität überhaupbt definiert?

Ziel ist Relevanz und Einfluss. Je höher die Qualität, desto größer die Relevanz. Und hohe Relevanz ist Voraussetzung fürEinfluss.

Qualität wird heutzutage gerne in Popularität gemessen, in dem Glauben, größere Popularität führe zu mehr Einfluss. Doch das lässt sich mit einem einfachen Gedankenexperiment widerlegen, ein Gedankenexperiment, dass ich schon vor vielen Jahren formuliert habe, als das Fernsehen noch wichtiger war, als heute: Wenn ein Dokumentarfilmemacher einen Film macht, über einen Missstand in unserer Gesellschaft und dieser Film wird nur einem einzigen Zuschauer vorgeführt, z.B. einem Minister, der dann ein Gesetz anstößt, das diesen Missstand behebt, ist dieser Film dann erfolgreich?

“Nein!” ist die klare Antwort, wenn man den Erfolg eines Films in Zuschauerzahlen misst. Dieser angenommene Film hatte nur einen einzigen Zuschauer – den Minister. In wieweit der Film die Gesellschaft beeinflusst, in diese Richtung wird noch nicht einmal geschaut. Auf Grundlage von Zuschauerzahlen (ich habe bereits früher beschrieben, wie es kommt, dass sich die Menschen im Fernsehen so gerne von Zuschauerzahlen blenden lassen) wird die Qualität z.B. von Fernsehprogrammen evaluiert, in der Folge werden Programme dann so ausgerichtet, dass sie im Schema der Qualitätsvorgabe (= möglichst viele Zuschauer) möglichst erfolgreich sind. Mit diesem Rezept hat sich Fernsehen, wenn es darum geht, die Gesellschaft voranzubringen, über die Jahre komplett irrelevant gemacht.

Die Vermessung der Qualität in Popularitätder selbe gefährliche Unsinn – wird nun in noch viel größerem Maß im Bereich Social Media betrieben. Das ist gefährlich, denn das, was wir als Macher von Medien den Menschen zum Konsum geben, formt die Zukunft. Die Menschen, die sich mit diesem Quatsch beschäftigen, die Ihre Hirne mit diesem Quatsch formen, können nur mehr in diesen Formen denken. Das Ergebnis ist die Wahrnehmung in Extremen gepaart mit dem Glaube an die einfache Lösung. Dieses Denken führe ursächlich u.a. zur Wahl von Trump in den USA, dem Brexit, der AFD im Bundestag.

Doch noch viel mehr, als die Konsumenten, sind die Produzenten gefährdet. Die Social Media Producer. Sie üben sich tagtäglich, ihre Gedanken in die rigiden Formen von Facebook, Twitter & Co zu pressen; permanent überwacht vom unmittelbaren Belohnungs- und Bestrafungs-System der exakt vermessenen Klickzahlen und Interaktionen . So werden die talentiertesten jungen Journalisten der neuen Generation gnadenlos in das System gedrückt, ein System, das das Denken der Macher wie der User einzwängt, vermutlich ohne dass sie es merken. Denn sie kennen es nicht anders.

Die Menschen in einer Demokratie im Denken in Extremen zu schulen ist offensichtlich gefährlich. Die Gefahr ist nicht mehr abstrakt. Der oberste extreme Denker hat derzeit seinen Daumen über dem Knopf für die nukleare Auslöschung der Menschheit. Eine Vorstellung die uns alle beunruhigen sollte.

Dinge, die neu sind, die das Potential haben, der Zukunft eine andere Richtung zu geben, können im Entstehen gar nicht populär sein. Denn sie sind neu und im Moment des Entstehens gerade erst ein wenig mehr als unbekannt.

Wir brauchen diese neuen Dinge/Gedanken/Ideen. Es geht vermutlich um nicht weniger als um unser aller Überleben. Doch wir werden das Neue nicht finden, wenn wir die Qualität jeder Idee unter dem Gesichtspunkt der Popularität beurteilen. Es ist wie der Witz vom Mann, der nachts seinen verlorenen Haustürschlüssel sucht. Er kriecht auf allen Vieren unter einer Strassenlaterne. Er weiss, dass er den Schlüssel dort unmöglich verloren haben kann – doch unter der Lampe ist das Licht besser.

Das Licht – das sind die messbaren Reaktionen der Zuschauer. Die gibt es, keine Frage, sie lassen sich auch sehr gut abbilden. Doch sind die Zahlen, nur weil sie sich exakt messen lassen, deshalb auch relevant? Mit Sicherheit nicht.

Tim Harford talking about Korsakow without knowing

I am very exited about this talk and conversation with Tim Harford. From my viewpoint he describes the benefits of Korsakow, and Korsakow thinking. For sure he does not mention it and most likely he has never heard about Korsakow, but:

TRICK – Lesen lernen II

Seit ich gelernt habe, richtig zu lesen, hat sich etwas verändert. Es ist eine Veränderung, die mein Leben verbessert.

Den Trick habe ich vor einem Jahr beschrieben. Der kurze Text endet mit folgendem:

Ich habe auch gelernt zu denken. Meinem Denken zu vertrauen, mein Hirn zu benutzen. Die Bücher sind dadurch viel besser geworden.

Ein Jahr später kann ich sagen, dass nicht nur Bücher besser wurden, auch Gespräche. Und dass andere Meinungen spannender geworden sind. Früher empfand ich es oft als ärgerlich, wenn jemand etwas anders gesehen hat, als ich – jetzt sehe ich es fast durchweg als Bereicherung. Schon jetzt merke ich, wie mein Leben dadurch friedvoller und gleichzeitig vielschichtiger wird. Und obendrein lerne ich, mein eigenes Denken besser verstehen. Wenn man keine Angst hat, den Kopf kurz unter Wasser zu tauchen, kann man viel entspannter schwimmen.

Wie wurde dieses Wunder möglich? Ich habe mit dem neuen Lesen immer wieder geübt, mir eine kurze Pause im Fluss des Lesens zu nehmen. In diesen Pausen bin ich dann meinen eigenen Gedanken gefolgt, ohne Sorge, Zeit zu verschwenden und vom Thema abzukommen. Und so lernte ich, das, was ich gerade gelesen hatte, in Ruhe zu betrachten und zu bedenken. In der Folge stellte ich immer öfter fest, dass ich anderer Meinung bin, als der Autor. Immer wieder passierte es, dass ich sah, an welchen Stellen dem Autor ein Denkfehler, eine Unachtsamkeit unterlaufen war. Bevor ich das richtige Lesen lernte, habe ich mir nicht die Zeit genommen, anzuhalten, zu betrachten, nachzudenken. Ich habe dem Autor geglaubt, oder ich habe ihm nicht geglaubt. Auch bei einer Kleinigkeit, wenn ich dem Autor nicht glaubte, habe ich das Buch angelesen zur Seite gelegt und nie mehr hinein geschaut. Heute bin ich dem Autor für kleine Ungenauigkeiten dankbar – sie schärfen meinen Blick.

Wenn ich früher in einem Gespräch anderer Meinung war, habe ich versucht, mein Gegenüber zu überzeugen. Das hat mich gestresst und es hat die Person genervt. Gelernt haben wir beide nichts.

Jetzt erfahre ich – die Meinungen anderer Menschen, ihre Beobachtungen, können meinen Blick auf Dinge lenken, die ich sonst womöglich übersehen hätte.

Zum Beispiel:

“Diese Kneipe ist Scheiße!” hat ein Bekannter zu mir gesagt, als wir auf einem Geburtstagsumtrunk in einer 15 Jahre alten Berlin-Mitte-Bar standen. Irgendwie mochte ich den Laden auch nicht. Wenn ich das Gespräch entsprechend meinem alten Lesemuster verstanden hätte (Der Autor ist meiner Meinung versus der Autor ist nicht meiner Meinung) hätte ich dem Bekannten wohl recht gegeben, und der weitere Verlauf des Unterhaltung wäre vermutlich keiner weiteren Beschreibung wert gewesen. Doch entsprechend meines neuen Musters nahm ich mir einen Atemzug Zeit, sah mir den Raum an und fragte: “Warum?”

“Diese Bar ist völlig lieblos eingerichtet,” er deutete auf die kahle Betonwand, “das hat alles überhaupt keine Aussage.”

Da hatte mein Bekannter recht. Die Bar wirkte spartanisch, Betonwände, weiße Wände, jedes Ding in diesem Laden betont unaufdringlich. Doch ich verstand, als ich es mir überlegte, was der Gedanke dahinter war: Vor 15 Jahren haben eine Reihe von jungen Architekten, die gerade mit ihrem Studium fertig waren, in Berlin eine Reihe von Clubs und Bars aufgemacht. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war für junge Architekten damals nicht gerade rosig, sie hatten Zeit an der Hand und Visionen im Kopf. Die Idee dieser Läden war an dem Konzept von White-Cube-Galleries orientiert, die neutrale Orte sein sollten (mit weißen Wänden), um dem Inhalt Raum zu geben, sich ihm unterzuordnen. So wie die Kraft eines Gemäldes in einem Raum mit weißen Wänden völlig anders wirkt, als in einer Barockkirche. Die Kraft des Bildes, so die Theorie der weißen Wände, komme dann aus sich selbst heraus. Vermutlich deshalb standen in der Folge so viele Poser in coolen Mitte-Bars herum, oder vielleicht war es auch so, dass jeder, der in einem derartigen Laden herumhing, wie ein Poser wirkte. Jedenfalls gerieten diese Läden mit der Zeit aus der Mode. Nur wenige gibt es immer noch. Dies ging mir durch den Kopf und erschien mir so viel spannender, als meine Meinung oder die Meinung meines Gegenübers.

Und dann schenke mir mein Gesprächspartner noch einen weitere Beobachtung: “Die Lampe da, ist Scheiße, sie blendet.” Und es war wahr, wenn man direkt in die Lampe blickte, blendete sie unangenehm. Ich nahm mir Zeit und ließ meinen Blich schweifen und war fasziniert von drei Biergläsern, die geradezu wunderhübsch anzusehen waren. Dann merkte ich, dass die Gesichter des Publikums fantastisch ausgeleuchtet waren. Dies war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt geworden und ich war von der Entdeckung geradezu beglückt. Mein Bekannter hatte recht, die Lampe blendete. Aber ein anderer Teil der Realität war eben auch, dass sie die Szene toll ins Licht setzte.

Ich habe Design studiert. An diesem Abend habe ich so viel über Design gelernt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Weil ich mich weder von meiner Meinung blenden ließ, noch von der Meinung meines Gegenübers, weil ich mir Zeit nahm zu beobachten und zu bedenken.

Es war der Beginn eines Abends voller Wunder.

TRICK – Wie man sofort glücklich sein kann

Es ist eine Übung, die so einfach ist, so banal, dass der geneigte Leser vielleicht enttäuscht sein wird. Bei mir funktioniert der Trick immer, ich mache die Übung seit einigen Monaten regelmäßig. Man braucht kein spezielles Equipment, man braucht keinen speziellen Ort. Man kann die Übung überall durchführen, in fast jeder Situation und ich könnte nicht einmal sagen, welche Umstände besonders günstig sind.

Es dauert nur wenige Augenblicke, bis sich das Glücksgefühl einstellt. Ich selbst halte die Übung nur kurz durch, obwohl sie nicht anstrengend ist. Ein paar Minuten war das längest, was ich bisher am Stück in der Übung verbracht habe.

Der Trick ist so simpel und doch so effektiv, er kostet nichts und ist so offensichtlich, dass ich mich wundere, dass ihn mir nie jemand verraten hat.

Ich bin zufällig darauf gestoßen, als ich in einem Flugzeug sass. Ich war genervt, weil sich der Start verzögerte und um mich herum lauter Chinesen saßen, die sich laut unterhielten. Da ist es passiert:

Ich habe mich auf das konzentriert, was ich gehört habe. Und ich habe es nicht interpretiert. Es ging nicht darum, zu verstehen (ich verstehe kein chinsesisch), oder zu beurteilen. Und dann bin ich hineingerutscht, ins Hören. Ich habe hineingehört, in die Geräusche um mich herum und ich fand eine unfassbare Vielfalt. Egal, wo Sie sich gerade befinden, während Sie diese Zeilen lesen: Hören sie 30 Sekunden lang bewusst hin, was um sie herum zu hören ist. Es ist wunderbar, ein Bild, das mir all die Jahre entgangen war. Man kann darin eintauchen und wenn man wieder auftaucht ist man erfrischt und beruhigt. Mir geht es so, und allen, die ich gebeten habe, es zu versuchen.

Versuchen Sie es, es kostet nichts.