Warum Männer von Waschmaschinen reden, wenn sie Motorräder meinen

Heute habe ich mein Motorrad von der Werksatt abgeholt. Der Typ, dem die Motorradwerkstatt gehört, wischt mit einem Lappen über den Sattel. Die alte Dame hätte ja schon einiges auf dem Buckel. Alt? So alt kommt mir mein Motorrad gar nicht vor. Kein Problem, die Mühle würde noch eine ganze Weile laufen, sagt er. Früher sei die Qualität ja noch besser gewesen, sagt er. Heute würde an allem gespart, sagt er.

Das interessiert mich: Welches Motorrad soll ich mir als nächstes kaufen, wenn ich will, dass es hält? Er zuckt mit den Schultern. Die neuen Motorräder seinen alle nicht mehr so gut wie die alten, das sei wie bei Waschmaschinen, die halten ja auch nur noch vier Jahre.

Ok. Die Story kenne ich. Es ist das Master-Narrativ.

Das Master-Narrativ geht so: Die Firmen, die irgendwas herstellen, bauen die Sachen so, dass sie nach kurzer Zeit kaputt gehen (Garantiezeit + Puffer), weil die Firmen dann neue Produkte verkaufen könnten und daran würden sie viel mehr verdienen.

Kapitalismus. So einfach. So einfach?

Ich neige dazu allem, was so einfach ist, skeptisch zu begegnen. Und besonders skeptisch bin ich gegenüber einem Master-Narrativ.

Ok. Waschmaschinen. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Weil meine letzte nach 4 Jahren einen Totalschaden hatte, habe ich mir eine Miele gekauft. Die wiegt 100 statt 60 kg und nachdem zwei junge Männer sie im letzten Sommer schwitzend in den dritten Stock meiner Altbauwohnung in Berlin Kreuzberg gehieft hatten, entschuldigte ich mich nach dem Motto: Miele schwer aber weil Bauknecht nach 4 Jahren Totalschaden lieber Miele. Darauf sagte einer der Typen (der andere sagte die ganze Zeit nichts), nachdem er seine Baseballkappe effektvoll vom Kopf gezogen hatte: Miele taugt auch nichts mehr. Wir holen jede Menge Miele ab, nach 3, 4 Jahren. Miele war früher ein Familienunternehmen. Andere Werte und so. Dann aufgekauft. Jetzt gewinnorientiert. Alles Schrott nachdem die Gewährleistung abgelaufen ist.

Da war es wieder, das Master-Narrativ.

Wirklich? Mein Computer ist 10 Jahre alt. Immer noch nicht kaputt. Meiner ist 7 Jahre alt, der Typ, dem die Motorradwerstatt gehört, in der ich immer mein Motorrad reparieren lasse, streicht mit dem Lappen über den Tank von meiner Kawasaki.

Wieso redet der Typ, der eine Motorradwerstadt hat, über Waschmaschinen, wenn er darüber spricht, dass Motorräder nicht mehr so gut sind wie früher?

Einmal bin ich ein neues Haus gezogen. Das war 1998. Alles scheiss Qualität, habe ich damals immer wieder gehört, das würden Polen bauen und Tschechen. Keine deutschen Facharbeiter, die ihr Handwerk gelernt hätten. Ich habe auf Betonwände geschaut und Betonwände gesehen. Die kamen mir recht stabil vor, aber hey, ich habe keine Ahnung von Betonwänden.

Master-Narrativ.

Irgendwann habe ich mir so ne andere Bude gekauft. Das ist jetzt mein Atelier. In einem 60er Jahre Bau. In der Eigentümerversammlung ging es dann irgendwann um die Balkone. Die seien alle schief. In den 60er Jahren, als das Haus gebaut wurde, hätte jeder Bauarbeiter einen halben Kasten Bier getrunken. Am Tag. Kein Wunder, dass da kein einziger Balkon gerade dabei herauskam. Von wegen deutsche Facharbeiter, dachte ich mit. Mir wäre nie aufgefallen, dass der Balkon in meiner Neubauwohnung schief gewesen wäre. Polnische oder Tschechische Bauarbeiter hin oder her. Mir wäre allerdings auch nicht aufgefallen, dass der Balkon an meinem Atelier schief ist. Aber klar, ich habe ja auch keine Ahnung.

Ich bin angewiesen auf die Geschichten, die mir andere, die mehr Ahnung haben als ich, erzählen.

Aber warum redet der Typ, der sich mit Motorrädern auskennt, von Waschmaschinen? Von Waschmaschinen, von denen er genauso wenig Ahnung hat, wie ich von Balkonen oder Betonwänden?

Master-Narrativ.

Was man bräuchte, um eine klares Verständnis zu bekommen, wären Daten. Wie viele Kilometer halten Motorräder durch, die 2010 gebaut wurden vs. Motorräder aus dem Jahr 2000, 1990, 1980, 1970 oder 1960? Welches Muster kann man aus diesen Daten ablesen?

Das kommt darauf an, sagt der Typ, dem der Laden gehört, in dem ich immer mein Motorrad warten lasse. Das kommt worauf an? Darauf, wie das Motorrad gewartet wurde. – OK, das macht Sinn. Man müsste also Motorräder aus dem Jahr 2000, 1990, 1980, 1970, 1960 vergleichen unter der Prämisse, dass alle Motorräder gleich gut gewartet wurden.

Den Datensatz würde ich gerne mal sehen.

Kurz, es ist kompliziert an adequate Daten zu kommen.

An dieser Stelle könnte dieser Text zu Ende sein. An dieser Stelle geht die Überlegung, die diesem Text zu Grunde liegt allerdings erst los.

Es geht um Daten vs Geschichten.

Und wenn mir der Typ, der mein Motorrad repariert, etwas über Motorräder erzählt, dann glaube ich ihm natürlich. Er kennt sich mit Motorrädern viel besser aus als ich. Aber hat er die Daten?

Ich deute auf eine BMW. Und, BMW, taugt ne neue BMW auch nichts? Auch nicht so gut wie früher, sagt er im ersten Satz, der perfekt zum Master-Narrativ passt. So ein Boxermotor, sagt er, natürlich schafft der 150– oder 200.000 Kilometer. Und dieser zweite Satz passt genau nicht zum Master-Narrativ. 150.000 oder 200.000 Kilometer sind verdammt viel. Wir sprechen hier über Motorräder, nicht über LKW. Aber verdammt noch mal. Was weiss ich schon?

Ich möchte Daten in Relation sehen. Was sind viele Kilometer bei einem Motorrad?

Ich bräuchte Daten im Kontext. Doch ich bekomme Geschichten. Geschichten von Waschmaschinen.

Habe ich schon die Geschichte von meinem Epson-Drucker erzählt? Habe ich bestimmt irgendwo. Google it. Auch so ne Geschichte.

Aber vielleicht verhält es sich bei Motorrädern anders als bei Waschmaschinen oder Tintenstrahldruckern?

Fuck. I need numbers.

Es gab eine Zeit, in der Daten nicht verfügbar waren. Das einzige, was es gab, waren Geschichten. Alle Information steckte in Geschichten. Die Sonne kreist um die Erde weil der Liebe Gott und so weiter … alles Blödsinn. Aber andere Informationen gab es halt nicht. Und die Geschichten waren tatsächlich hilfreich. Jedenfalls besser als nichts. Und so wusste man nicht nur, dass die Sonne wieder aufgeht, nachdem sie am Abend untergegangen war, man wusste sogar, wann sie aufgeht. Geschichten können Zusammenhänge manchmal durchaus ganz gut abbilden. Die Kausalität, also was zu was führt, ist bei Geschichten aber totaler Quatsch. Es kann zufällig mit der Realität übereinstimmen. Aber das ist dann eben – Zufall.

Die Sonne geht nicht auf, weil die Sonne um die Erde kreist und weil Gott und so Blödsinn, sondern weil die Erde rotiert und obendrein um die Sonne kreist, aber das ist dann wiederum nur für die Jahreszeiten wichtig. Und die Sonne und die Erde kreisen gemeinsam noch um irgendwas anderes, wahrscheinlich um eine schwarzes Loch im Zentrum der Milchstrasse, aber das ist auch egal, weil es ist ja auch nur irgendeine Milchstrasse, irgendwo in diesem riesigen Universum, in dem es einen Haufen Milchstrassen gibt und das obendrein immer mehr expandiert.

Wir waren bei Motorrädern. Und ob die besser oder schlechter werden. Und ob es ein Motorrad gibt, das ich mir kaufen soll, weil es sich anders als die anderen Motorräder verhält, die immer schlechter werden.

Nach wie vor, keine Ahnung. Der einzige Typ, den ich kenne, der sich mit mit Motorrädern auskennt und der eine informierte Aussage treffen könnte, hat auch keine Daten und erzählt irgend etwas von Waschmaschinen.

Was sind eigentlich Daten? Oder äh, woher kommen Daten eigentlich ?

Coole Frage. Die Idee von Daten ist relativ neu.

Die Preisentwicklung z.B. ist ein wichtiger Indikator, wenn man verstehen will, wie sich eine Volkswirtschaft entwickelt. Aber wie kann man die Preisentwicklung beobachten? Sage wir mal z.B. in den USA. Na klar, indem man die Preise beobachtet. Welche Preise? Na, am besten alle. Und das bedeutete bzw bedeutet noch immer, dass Menschen mit Spiralblock und Kugelschreiber in Läden gehen und aufschreiben wieviel irgendwas kostet. Das heisst, tausende von Leuten gehen jeden Tag in Läden und schreiben auf, was irgendein Quatsch kostet. Also am besten jeder Quatsch. Und zuhause (oder im Büro) tippen sie die Daten dann in einen Computer. Kein Quatsch, so werden Daten immer noch erhoben. Da sind also – kein Quatsch – jeden Tag tausende Leute in den USA damit beschäftigt, diese Daten zu erheben. Und dann tippen die sie das in Computer. Und dann weiss man, wie sich die Preise von egal was entwickeln. Das ist verdammt wichtig, wenn man verstehen will, wie die Wirtschaft funktioniert. Also eigentlich kann man gar nicht verstehen, wie die Wirtschaft funktioniert, wenn man keine Daten hat.

Ok. Die Leute tippen die Daten also in Computer. Und wie lief das ganze, bevor es Computer gab? Computer gibt es noch nicht so lange. Äh. Man hat wahrscheinlich weniger Daten erhoben. Man musste sich halt auf die Geschichten verlassen, die einem die erzählt haben, die sich besser auskannten als man selbst.

So wie der Typ, dem die Motorradwerkstatt gehört, in der ich immer mein Motorrad reparieren lasse.

Egal. Mittlerweile gibt es Computer. Mittlerweile gibt es das Internet. Cool, da stehen die Preise alle drin. Die kann man aus dem Internet rausholen, rausfiltern – extrapolieren heisst das. Und jetzt habe wir die fucking Daten. Daten – nicht mehr Geschichten die, von wer weiss was für einem blödsinnigem Zufall beeinflusst sind.

Jetzt könnte man zum Beispiel schauen, ob Motorräder über die Zeit wirklich schlechter wurden. Und wenn dem so ist, ob es nicht einen Motorradhersteller gibt, dessen Motorräder entgegen dem Trend besser werden. Von dem würde ich mir nämlich ein Motorrad kaufen wollen.

Der Typ, der den ganzen Tag mit Motorrädern zubringt, streicht mit dem Lappen über den Tank von meinem Motorrad, dann deutet er auf eine BMW und sagt: “Ga.”.

Warum zum Teufel hat dieser Typ keine Daten?

Weil wir aus der Zeit des Geschichtenerzählens kommen. Weil wir Affen 200.000 Jahre lang Informationen in Form von Geschichten ausgetauscht haben. Weil wir gerade erst lernen, Daten zu verstehen. Daten gibt es erst richtig, seit es Computer gibt.

Geschichten sind stuss. Doch 200.000 Jahre lang waren sie das beste, was es gab.

Why the question ‘good or bad’ is bad

This text is also available in German.

Most of the time, when I weigh up arguments, when I think loud about things like how the real estate market is developing, people immediately ask me: “Is that good or bad?” It seems to be an incredibly interesting question whether something is good or bad. And then I think to myself: But if that’s such an important question, why do people ask me? People should ask someone who has a clue. It might be best to ask someone who knows how the future will have developed. Someone who looks at the present from the future, so to speak. I have no idea, I’m just thinking.

I consider and weigh up the arguments, precisely because I want to find out how things actually will develop. I can only imagine, I can’t really see the future, obviously, because I am in the present. So I am sitting in the present and think about how the real estate market will develop in the future. What I absolutely don’t want, is to distort the image that I can see of the future with my wishful thinking. So I try to take a look as neutral as possible. Not judging if something is good or bad.

Yes, sometimes I do have an opinion. I think the rents should be bla, because blaba. But if I wish for the future (“I think the rents should..”), then it is only probable that I arrange the arguments in such a way that the future that I wish for appears most probable. And even if I’m aware of the problem, it doesn’t help at all, because this shifting of the arguments is done by the unconsciousness by itself. There is nothing I can do about it.

That’s why scientists, when they want to find out something, conduct double-blind-experiments. It is proven that a researcher who has an opinion unconsciously influences the result. More than that: it doesn’t even matter whether the researcher has an opinion or a preference, the mere fact that the one who conducts the experiment, knows the result increases the probability that the result of the whole examination is wrong.

Once it was believed that a horse could calculate. Experts tested the horse for years. That was before the double-blind-experiment was known. If you have given the horse a calculation task, for example: How much is 3+9? Then the horse would scratch 12 times with his right hoof. But the horse could not calculate at all. The horse could only read the faces of the human experimenters well, and they were the ones who could calculate.

So if I want to know how the real estate market will develop in the future, then I don’t want to spoil the result with my opinion – that would be stupid!

So I try to have no opinion when thinking, when weighing up the arguments and just not to consider whether one or the other is good or bad.

And arguments usually work in a way that one argument builds on the other. It’s like a house of cards, where one card supports an other card and that way layers are build on which even more layers stand. Only that the cards are not cards, but arguments. And if that works well and you get a stable house of cards that you have glued together with a lot of good information (because only good information makes the glue that really holds) then you can finally stand on top of the construction and look into the distance and see the future.

This means that I want my information to be correct (as information is the glue that holds the arguments together) and I want my arguments to be correct, i.e. the cards that make up my tower. So I don’t want to manipulate a card consciously or unconsciously, pull it longer or shorter, because that would make my tower crooked and I would see some nonsense from its top, but not the future – if the tower holds at all and doesn’t collapse already because of the many crooked arguments.

That’s why, in any case, I don’t want to form an opinion when I think about something. And certainly not, after I have only considered the very first argument and have at most reached level one. I still want to put many more arguments, many more cards, many more levels on one another. Whether something is good or bad? So the question that most people ask right at the beginning – it can only be judged anyway if you stand on the finished tower and look down. When the tower has grown out of arguments. Only from there, i.e. from the top of the tower, can you really judge whether something is good or bad.

Translated with the help of www.DeepL.com/Translator

Warum die Frage ‘gut oder schlecht’ schlecht ist

There is also an English version of this text available.

Meist, wenn ich Argumente abwäge, wenn ich Überlegungen ausspreche, zum Beispiel darüber, wie sich der Immobilienmarkt entwickelt, dann fragen mich die Leute sofort: “Und ist, das nun gut, oder schlecht?”. Es scheint eine wahnsinnig interessante Frage zu sein, ob etwas gut ist, oder schlecht. Und dann denke ich mir: Aber wenn das so eine wichtige Frage ist, warum fragen die Leute dann mich? Die Leute sollten jemanden fragen, der Ahnung hat. Am besten also jemanden, der weiß, wie sich die Zukunft entwickelt haben wird. Also jemand, der quasi von der Zukunft aus, auf die Gegenwart schaut. Ich habe keine Ahnung, ich überlege doch bloss.

Ich überlege und wäge die Argumente ab, doch gerade weil ich herausbekommen will, wie sich die Dinge in Zukunft tatsächlich entwickeln werden. Weil ich in der Gegenwart hocke und wissen will, wie es in der Zukunft ausschaut. Das kann ich mir aber nur vorstellen, wirklich sehen kann ich es nicht, denn ich befinde mich ja in der Gegenwart, nicht in der Zukunft. Ich sitze also in der Gegenwart und überlege, wie sich der Immobilienmarkt in der Zukunft entwickelt. Und damit ich mir die Zukunft ja nicht schön oder hässlich sehe, versuche ich einen möglichst neutralen Blick, der möglichst nicht durcheinander kommen soll, von meinen Präferenzen und Wünschen.

Ja, manchmal habe ich auch eine Meinung. Ich finde die Mieten sollten bla, weil blaba. Aber, wenn ich mir die Zukunft wünsche (“Ich finde die Mieten sollten”), dann ist doch nur wahrscheinlich, dass ich die Argumente so anordne, dass die Zukunft am wahrscheinlichsten erscheint, die ich mir wünsche. Und auch, wenn ich mir des Problems bewusst bin, hilft das gar nichts, denn dieses hinschieben der Argumente macht das Unbewusstsein von alleine. Man kann nichts dagegen unternehmen.

Deshalb machen Wissenschaftler, wenn sie etwas herausbekommen wollen, Doppel-Blind-Versuche, weil bewiesen ist, dass ein Forscher, der das Ergebnis kennt, unbewusst das Ergebnis beeinflusst. Es ist dabei sogar egal, ob er eine Meinung hat, eine Präferenz, welches Ergebnis eintreten soll. Allein, dass der Wissenschaftler, also der, der die Untersuchung durchführt, das Ergebnis kennt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Versuchsergebnis falsch ist.

Einmal hat man geglaubt, dass ein Gaul rechnen kann. Experten haben das Pferd jahrelang getestet. Das war, bevor man den Doppel-Blind-Versuch kannte. Wenn man dem Gaul eine Rechenaufgaben gegeben hat: Zum Beispiel: Wieviel ist 3+9? Dann sollte der Gaul 12 mal mit dem rechten Huf scharren. Doch der Gaul konnte gar nicht rechen. Der Gaul konnte nur gut die Gesichter der menschlichen Versuchsleiter lesen, und die waren es, die rechnen konnten.

Wenn ich also wissen will, wie sich der Immobilienmarkt in der Zukunft entwickelt, dann möchte ich doch keinesfalls das Ergebnis mit meiner Meinung versauen – das wäre doch blöd!

Also bemühe ich mich, beim Nachdenken, beim Abwägen der Argumente keine Meinung zu haben und eben nicht zu überlegen, ob das eine oder andere gut oder schlecht ist.

Und meist funktionieren Argumente ja so, dass ein Argument aufs andere aufbaut. Das ist wie bei einem Kartenhaus, wo man eine Karte mit einer anderen Karte abstürzt und Ebenen baut, auf die man noch mehr Ebenen stellen kann. Nur, dass die Karten keine Karten sind, sondern Argumente. Und wenn das gut läuft und man ein super-stabiles Kartenhaus hinbekommt, das man mit ganz vielen guten Informationen verklebt hat (denn nur gute Informationen ergeben den Kleber, der wirklich hält) dann kann man sich am Ende auf seine Konstruktion stellen und von dem Turm in der Ferne schauen und die Zukunft sehen.

Das heisst, ich will, dass meine Informationen stimmen (Informationen sind der Kleber, der die Argumente zusammenhält) und ich will, dass meine Argumente stimmen, also die Karten, aus denen mein Turm bestehet. Ich will also auf keinen Fall eine Karte bewusst oder unbewusst manipulieren, länger, oder kürzer ziehen, weil das meinen Turm schief machen würde und ich von seiner Spitze irgendeinen Quatsch sehen würde, bloss nicht die Zukunft – wenn denn der Turm überhaupt hält und nicht schon aufgrund der vielen schiefen Argumente in sich zusammenkracht.

Darum, will ich mir, auf jeden Fall, keine Meinung bilden, wenn ich irgendwas überlege. Und schon gar nicht, nachdem ich erst die allerersten Argument bedacht habe und allerhöchstens eine Ebene geschafft habe. Ich will noch viele Argumente, viele Karten aufeinanderstellen. Ob irgendwas gut ist oder schlecht? Also die Frage, die die meisten gleich am Anfang stellen – berurteilen lässt sie sich ohnehin erst, wenn man auf dem fertigen Turm steht und hinunterschaut. Wenn der Turm aus Argumenten gewachsen ist. Erst von dort, also von der Spitze des Turmes, lässt sich wirklich beurteilen, ob etwas gut ist oder schlecht.

The kids are amazing

Recently I had a number of encounters with a group of people that I find absolutely fascinating. In fact they are so amazing, so bright, so intelligent, so knowledgeable and at the same time so humble, that to me they feel like a new breed of humankind. I met them in Germany where I live, in Mexico, in the States (places where I recently traveled), I find them on the internet. Those people are well educated open minded young adults, up to 25 years of age. Those are humans that grew up in the time of digital. Kids that, while their brains were assembled did not exercise in watching TV (as I did) but exercised in playing computer-games and using the internet.

Gonzalo Álvarez at Vertice Transmedia Conference in Mexico-City, Oct, 2018 

I was never a gamer, but I realized early on, that if you practice playing computer games, it must be a different kind of practice for the brain and therefor lead to a different wiring of the brain, that leads to a different kind of thinking. And I said 15 years ago, that when these kids are grownups, they will be able to think thoughts, that we might not even be able to understand, but those thoughts will be amazing. Those kids grew up now. You meet them at conferences, they deliver papers, they become visible by expressing themselves making music, uploading stuff to YouTube (for sure they become visible at more places, these are just the places I find them).

What makes them so fantastic is the effortlessness how they seem to be able to connect different bits of information from various fields of expertise. They seem not to be bound by the borders of particular areas of thinking. They are open-minded to an extend that I was not, when I was their age (and I always considered myself to be an open-minded person). Those kids are beautiful and it is sheer pleasure to watch them think.

Those kids know, what they don’t know and they are not afraid say that. I remember being that age and I was so full of myself. I knew, what I knew and that was a lot and in certain fields often times more than the elders. But I was not able to see what I don’t know and it took me many, many years to learn.

And because those kids that know so much, also know, what they don’t know, they are not afraid to ask others for help. This way they are able to collaborate in a way that I never was and maybe never will be.

I am not sure if all the kids are like that. Probably not. Maybe there are those kids that TV loves to portrait so often: The casualties of the digital, the kids that live in their parents’ basement, play computer games, smoke weed and suffer depression.

I personally never met one, but of course that does not mean they don’t exist. Those kids don’t show up at conferences or ask me for an interview. Certainly, I am just talking about the top of the iceberg. But the young top of the iceberg is so much more impressive than the top of the iceberg when I was young!

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Das Neue Denken

Aufgewachsen mit Computerspielen, dem Internet und der Allgegenwärtigkeit von Wissen und Kultur, wächst eine neue Generation heran, die einer neuen Art des Denkens fähig ist. Es ist die Fähigkeit, die Welt gleichzeitig aus vielen Perspektiven betrachten zu können.

Die Jungen verfügen zwar noch nicht über so viel Erfahrung, wie die Alten, doch Erfahrung kommt mit der Zeit. Irgendwann werden die Jungen die Alten an Erfahrung eingeholt haben.

Dann werden die Jungen neue Muster sehen können, zusätzlich zu den alten. Die Alten werden diese Muster womöglich noch nicht einmal wahrnehmen können. Denn das Alte Denken macht dafür blind. Das Neue Denken integriert das Alte Denken und die, die des Neuen Denkens fähig sind, können sehen, was die Alten sehen und noch viel mehr.

Dann werden die Jungen mit dem Neuem Denken die Erfahrungen und das Wissen auf bisher unvorstellbar kluge Art kombinieren.

Anstatt zu versuchen die Alten mühselig vom neuen Denken zu überzeugen, sollten wir unsere Energie besser darauf verwenden, zusammen mit den Jungen die Welt von morgen aufzubauen.