Mitdenken

27. März, Thessaloniki

Nach der Korsakow-Show im Olympion, dem schönsten und größten Kino im Thessaloniki, gehen wir mit ein paar Freunden und Beteiligten Essen. Ich frage Olga Drossou, die Chefin der lokalen Dependance der Heinrich-Böll-Stiftung, wie ihr die Veranstaltung gefallen hat. Sie antwortet:

“Ach, es war schrecklich!” nichts, was nicht schon tausend Mal gesagt worden sei. Wenn man das Fernsehen anmachen würde, das Radio, auf allen Kanälen werde über die Krise diskutiert, alle Zeitungen schrieben darüber, seit mehr als zwei Jahren ginge das so, sie könne es nicht mehr hören. Der Abend hätte keine weiteren Erkenntnisse gebracht, eine sinnlose Veranstaltung!

Fast ummittelbar darauf, wendet sich Athi Wiedemayer an mich – sie ist griechische Deutschübersetzterin und unterrichtet an der Uni. Sie hat ihre Studenten in die Veranstaltung geschickt und bedankt sich überschwänglich. Sie hätte nicht gewusst, was das Publikum an diesem Abend erwarten würde und war in Sorge, wie es ihren Studenten gefiele. Die seinen begeistert gewesen, hätten nach der Veranstaltung vor dem Kino gestanden und noch lange diskutiert. Mehrere Studenten seinen zu ihr gekommen und hätten sich bedankt. Sie solle ihnen unbedingt Bescheid geben, wenn wieder so etwas stattfinden würde!

Olga Drossou hat recht. Es ist an diesem Abend nichts neues gesagt worden. Doch die Wirtschaftskrise in Griechenland stellt das Lebenskonzept der meisten Menschen in Frage. Das löste ein Trauma aus und was sollte helfen, mit diesem Trauma umzugehen, als darüber zu sprechen?

Für mich ist spannend zu sehen, dass die jungen Leute begeistert waren. Sie sind es, die die Karre aus dem Dreck ziehen müssen. Auf die jungen kommt es an, diejenigen, die in der Lage sind, mit einem neuen “Mentality” (wie es Charis, einer der Protagonisten in GELD.GR ausdrückt) in die Zukunft zu gehen, denn die alten Strukturen tragen nicht mehr.

Theoretisch ist alles längst besprochen, alles betrachtet, alles gesagt. Frau Drossou (die ich, nicht nur für Ihre Direktheit sehr schätze) hat wohl begriffen, wo die Probleme liegen, wenn nun noch das Volk begreifen würde…

Die Jugend scheint niemand zu fragen. Es wird über ihre Köpfe hinweg diskutiert. Korsakow bringt die Zuschauer mit auf die Bühne. Jedes einzelne Hirn ist gefragt. Ein kleiner Laserpointer in der Hand, ein wenig mehr Mitsprache, die Kanäle offen für die Gedanken des Publikums.

Die jungen Menschen haben es dankbar angenommen. Die Möglichkeit, dass mit ihnen diskutiert wird. Auf hohem Niveau. Und nicht über ihre Köpfe hinweg.

Jeder ein Künstler

Welch saudummer Slogan: “In jedem steckt ein Künstler”. Vielleicht steckt sogar in jedem ein Künstler, aber dann sicherlich nur in dem Maß, in dem in jedem ein Steuerberater steckt, oder ein Fernsehdirektor. Der Rest ist Arbeit. Natürlich kann jeder ein Bild malen. Oder ein Foto machen. Oder Worte zu Parier bringen. Oder ein Lied singen.

Jeder ist ein Künstler?

Und so, wie Eltern die Kritzeleien ihrer Kinder anschauen und Genialität hineinsehen, haben wir und angewöhnt, all den Mist, der ununterbrochen fabriziert wird, fasziniert zu betrachten und die wundervolle Vielfalt zu bewundern. Und es fällt uns gar nicht mehr auf, dass dabei ein schrecklicher Brei herausgekommen ist. Hässlich und uninspiriert, weil nur bunt aber bedeutungslos.

Was macht einen Künstler aus?

Der Künstler braucht die nötigen Ressourcen, sich lange und intensiv mit einem Thema zu beschäftigen und das, ohne am Anfang zu wissen was – und ob – am Ende etwas brauchbares herauskommt. Das hat er mit einem Grundlagenforscher gemeinsam, im Gegensatz zu einem Ingenieur (der ganz und gar zielorientiert arbeitet).

Weil sich die Gesellschaft aber angewöhnt hat, so viele als Künstler zu sehen, sind die Ressourcen, die jedem einzellnen Künstler zu Teil werden, immer kleiner geworden.

Es geht nicht darum, den ‘besten’ Künstler zu finden, um diesem dann die Ressorcen zu geben. Es geht darum, irgendjemanden zu haben, der den Job macht. Der bereit ist, sich in jahrelanger, mühseliger und bisweilen niederschmetternd frustrierender Kleinarbeit mit einem Thema zu beschäftigen, ohne zu wissen, ob die Arbeit irgendwann Sinn machen wird. Jemand muss diese Grundlagenforschung betreiben! Und die künstlerische Grundlagenforschung muss mit den nötigen Ressourchen ausgestattet sein, genauso wie jeder Forscher die nötigen Ressourcen braucht, um vernünftig arbeiten zu können.

Statt dessen zieht sich die Gesellschaft ein Heer von schlecht ausgebildeten, schlecht ausgestatteten, hochabitionierten Kleinkünstlern heran, die alle nur wild durcheinanderplappern. Es ist ein furchtbarer Krach.

Lächerlich

Mein Musiklehrer auf dem Gymnasium dachte, dass an uns Bauernbengeln ohnehin Hopfen und Malz verloren sei. Und so unternahm er gar nicht erst den Versuch, uns Musik nahezubringen. Musik, das war für ihn klassische Musik und er machte seinen Unterricht in unserer Klasse nur für eine Person. Claudius Christl spielte Klavier und galt als musikalisches Wunderkind. Zumindest in meiner kleinen Welt. Das machte Claudius für mich völlig inakzeptabel, und ich bedauere meine damalige Dummheit noch immer, denn mit den anderen Bauernbengeln verstand ich mich auch nicht.

Woran Bob Marley gestorben sei, hatte ein Mitschüler meinen Musiklehrer gefragt. “Bob Marley? An Drogen”. Bob Marley war an Krebs gestorben und so war von da an alles, was mein Musiklehrer über Musik sagte, falsch. So ging die klassische Musik an mir vorbei. Und auch das bedauere ich.

Mein Musiklehrer war ein lustiger alter Mann. Und es war ihm völlig egal, was wir (und vielleicht auch unsere Eltern) über ihm dachten. Er war um seinen Ruf nicht besorgt. Das hat mir imponiert. Um uns zu unterhalten, hat er bei jeder Gelegenheit Kniebeugen gemacht. Wenn jemand eine Frage richtig beantwortete: 10 Kniebeugen. Bei der zweiten richtigen Antwort 20 Kniebeugen. Dann 30. Und die Kinder lachten. “Ihr lacht”, sagte mein Musiklehrer “und ich mache Kniebeugen. Und das ist gesund.”

“Wenn das Publikum lacht, dann war der Künstler erfolgreich” hat er einmal gesagt. Dieser eine Satz hat meinen Musiklehrer zu einem großartigen Lehrer gemacht.

So wie das Hirn arbeitet

Es begann, als ich meine Freundin fragte: “Wo hast Du denn dieser leckeren, Nudeln gekauft?” Sie deutete mit der Hand in die Ferne: “In diesem tollen, asiatischen Laden im Wedding, wo wir vor zwei Wochen waren.” Und dann sprach sie darüber, wie bekömmlich diese Reisnudeln wären, viel besser als Weizennudeln, aber da hörte ich schon gar nicht mehr zu, sondern starrte nur starr vor mich hin.

“Sag, mal, kannst Du nicht mal an einem Sonntag mit deiner Freundin kommunizieren?”.

Jetzt war sie beleidigt. Das holte mich wieder in die Realität zurück. “Ahhh,” stiess es nach einer Weile aus mir heraus, Wedding ist gar nicht da,” und ich deutete in die Richtung, in die meine Freundin gerade gezeigt hatte, “Wedding ist da!” und wies mit meiner Hand in die Richtung, in der der Wedding wirklich liegt.

“Ach Quatsch!” meine Freundin deutete in ihre Richtung. Ich deutete nun ebenfalls in ihre Richtung, stand auf und lief aus der Küche ins Wohnzimmer und von dort auf den Balkon, mit dem Arm die ganze Zeit in die Richtung deutend, in der meine Freundin Wedding vermutete. “Schau mal, da drüber, das ist Moabit, rief ich vom Balkon!” und nachdem ich wieder in der Küche war: “Wedding ist da!”.

“Oh Mann!” sagte sie. Ich war ganz begeistert: “Und jetzt weiss ich auch, welchen Laden du meinst!”

“Ok, ok, Du hast ja Recht, mir doch egal.” Jetzt war sie völlig beleidigt. Und ich war sauer, dass sie nicht meine Begeisterung teilte, dass *ich* jetzt endlich wusste, von welchem Laden *sie* sprach.

Was war da passiert?

Dazu muss ich ein wenig ausholen und ein Stück weit erklären, wie mein Hirn funktioniert: Es hat im allgemeinen einen recht guten Orientierungssinn, allerdings ist mein Hirn sehr schlecht darin, sich Namen zu merken. Als also mein Freundin in die Richtung deutete, in der sie den asiatischen Lebensmittelladen vermutete, suchte mein Hirn angestengt nach einer Erinnerung an einen Asiashop, noch dazu einen, den wir gemeinsam besucht hatten und noch dazu, in letzter Zeit. Das lief ins Leere und frustrierte mich unendlich, obwohl ich von diesen Gedankengängen ansonsten gar nichts mitbekam. Mein dummes Hirn hätte einfach die Information “im Wedding” bedenken sollen, tat dies aber nicht, weil es, wie immer, keine Lust hatte, sich mit Namen zu beschäftigen. Erst als überhaupt kein passender asiatischer Laden in dieser Richtung auftauchte, weder in Moabit, noch in Charlottenburg, oder Spandau oder wie die ganzen Bezirke heissen mögen, die von uns aus gesehen hinter Moabit liegen; tauchte endlich, wie eine Blase, die aus den Tiefen des Meeres langsam nach oben steigt, der Name “Wedding” auf. Für mein Hirn die Rettung, sich wieder aus seinen Gedankenspiralen zu befreien:

“Wedding liegt in einer ganz anderen Richtung!”

Meine Freundin hatte von dem Kampf, der gerade tief im Inneren meines Gehirns tobte, natürlich nichts mitbekommen. Wobei, das stimmt nicht. Sie hatte sehr wohl etwas mitbekommen. Ich war ja eine Weile lang, ganz wie ein Computer, der plötzlich auf die Idee kommt, mal eben die Dateien auf seiner Festplatte durchzuzählen, derart mit mir selbst beschäftigt, dass ich *sie* gar nicht mehr wahrnahm. Das hatte *sie* natürlich bemerkt. Und sie war – ganz meine Freundin – ganz eine Freundin – beleidigt.

Drama zweiter Teil:

Als die Blase “Wedding” endlich die Wasseroberfläche meines Bewusstseins erreicht hatte und in dem Satz “Wedding liegt in einer ganz anderen Richtung!” zerplatzte, war meiner Freundin zweierlei schlagartig klar:

1. Ich wollte von dem Vorwurf ablenken, ihr nicht genügend Aufmerksamkeit entgegenzubringen.

2. Ich musste mir mal wieder raushängen lassen, dass ich alles besser wusste. – “Klugscheisser!”

These 1 wurden dadurch unterstrichen, dass ich aufsprang und den Raum verliess, These 2, dass ich wieder zurück kam und ihr, wie ein Katze, die eine tote Ratte mit nach Hause bringt, die neue Richtung Weddings vor die Füße legte. Dabei hätte alles ein beschaulicher Sonntag sein können.

Weiter im Denken

Vor über 10 Jahren habe ich mir diesen Mülleimer gekauft. Sie wissen schon. Schickes Teil, Treteimer, alt, Metall, weiß, Ebay. Und seit 10 Jahren nervt er mich. Man tritt auf das Pedal und der Deckel klemmt. Nur manchmal, wenn man mehrmals kurz hintereinander drauftritt geht er auf. Manchmal. Ansonsten nimmt man die Hand zu Hilfe. Der Deckel klemmt. Scheißding! Aber weiß, Metall, alt, cool und – Sie wissen schon – nicht billig.

Und dann, nach mehr als 10 Jahren. Ich weiss nicht, warum. Ich war wie immer in Eile. Trotzdem. Ich knie mich vor den Eimer und schaue mir die Sache an. Nach etwa 30 Sekunden habe ich das Problem identifiziert und die Lösung gefunden. Es ist ganz einfach. Im Eimer, ein zweiter Eimer zum Herausnehmen. Und der innere Eimer hat einen Tragebügel. Und der verhakt sich mit dem Deckel, wenn man den Tragebügel nicht ganz gerade ausgerichtet nach hinten legt.

Ich bin zwei Tage lang glücklich. Und noch nach Monaten kann ich mich freuen, wenn ich das Fußpedal leicht berühre und der Deckel aufspringt. Schon eine geniale Sache, so ein Hirn.

Schon einmal bin ich mittels Denken auf eine Erkenntnis gekommen. Ich war wohl 14 Jahre alt. Vielleicht war es das erste Mal, dass mein Denken, ganz aus mir selbst heraus, auf eine Erkenntnis kam. Ich habe es noch genau vor Augen. Ich bin auf meinem gelben Rennrad die Wackersdorfer Strasse hinuntergefahren. Ich bin schnell gefahren. Die Wackersdorfer Strasse ist abschüssig. Die Ampel war grün. Ich schaue zur Seite. Manchmal macht mein Kopf ein Foto, manche Fotos trage ich mein Leben lang mit mir herum.

Auf dem Foto eine Bushaltestelle. Und auf der rechten Seite der Bushaltestelle: ein Mülleimer. Und ungefähr folgende Gedanken gehen mir durch den Kopf: Wieso eigentlich Apfeleimer? Es ist ja nicht so, dass man da nur alte Äpfel oder Apfelstumpen hineinwirft, sondern allen möglichen Kram: Papier, leere Flaschen, Plastiktüten, Müll… Abfall…

“Abfalleimer” – es heisst “Abfalleimer” und nicht “Apfeleimer” – ah!

Ich drehe den Kopf nach vorne und fahre weiter. Der Zukunft entgegen.