Signal & Noise & Lineares Erzählen

Leute denken oft, dass Dinge dann Sinn machen, wenn sie sich linear ausdrücken lassen. Etwas überzeugt, wenn es in Worten gesagt werden kann, in Form eines Textes, am besten in einem Buch oder auch in einem (linearen) Film. Und so überprüft man Dinge (Gedanken, Beobachtungen) nicht nur in der Akademie auf ihre Sinnhaftigkeit indem man sie daraufhin überprüft, ob sie sich in linear-kausaler Logik ausdrücken lassen. Es ist ein Standardverfahren, Sinn von Unsinn, “signal” von “noise” zu unterscheiden. Lässt sich etwas linear-kausal erklären? Wenn ja, muss es stimmen.

Die Methode, Dinge linear kausal zu ordnen, ist wunderbar und hat massgeblich dazu beigetragen dahin zu kommen, wo wir als Menschheit jetzt sind. Linear-kausales Denken hat uns in die Lage versetzt, nicht nur die Technologien zu entwickeln, die heute weitestgehend unser Leben weltweit prägen, sondern auch die Gesellschaften und Kulturen in denen wir leben. Linear-kausales Denken prägt so gut wie jeden Aspekt des Lebens, wie Städte aussehen ebenso wie Gemeinschaften strukturiert sind, wie Kraftwerke oder Fortbewegungsmittel konstruiert sind.

Und doch es ist vermutlich nicht die einzige Methode Sinnhaftigkeit zu erkennen und auszudrücken. Eine andere Methode (und ich bin versucht zu sagen die andere Methode) ist nichtlineares, multikausales Denken wie es sich z.B. in Korsakow ausdrückt. Jedes Ding (jeder Gedanke, jede Beobachtung) hat viele Bezüge gleichzeitig. Alle Dinge beeinflussen sich gegenseitig, üben Kräfte aufeinander aus. Dabei ist alles immerzu in Bewegung und jedes Ding hat Auswirkungen auf alle anderen Dinge. Das scheint mir das Grundprinzip zu sein, das auf allen Eben und überall im Universum gilt. Innerhalb eines Atoms ebenso, wie innerhalb von Galaxien. Unsere Gesellschaften verhalten sich so, unsere Beziehungen untereinander, alles was wir tun hat Auswirkungen in alle Richtungen (the flap of a butterfly) und alles was wir tun ist dabei gleichzeitig Ergebnis von Kräften, die aus allen Richtungen auf uns einwirken.

Leute denken oft, dass Dinge Sinn machen, wenn sie sich linear ausdrücken lassen. Ich vermute es könnte eher umgekehrt sein:

Lineare Ausdrucksformen lassen Dinge sinnvoll erscheinen, die sich in diesen Formen ausdrücken lassen. Dinge die sich nicht linear ausdrücken lassen erscheinen hingegen sinnlos, sie scheinen “noise” zu sein.

Könnte es sein, dass es noise in dem Sinne gar nicht gibt, dass das, was uns wie noise vorkommt eigentlich signal ist und wir es nur nicht lesen können?

My Favorite Interactive Documentaries Are The Ones I Made Myself – In Search Of The Author

Anna Wiehl invited me to give a talk in the lectures series “Digital documentary practices – Topical paradigm shifts in negotiating ‚the Real‘” at the University of Bayreuth . I am honored and excited and created an almost brand-new talk looking at people thinking and breathing YouTube. How does the way YouTube changes the thinking of people ‚who take YouTube serious‘ compare to how Korsakow changed my thinking? There are many parallels.

Anna Wiehl wrote on Facebook that „Florian Thalhofer is always good for a surprise“. I take it as a compliment.

The lecture was Wed, Dec 8th, 2021, 16:00h, and took place on Zoom. I re-recorded the Talk the next day.

Link to the lecture series:
https://did.avinus.org/virtuelle-ringvorlesung/

Audience of Collaborative Thinkers

People often ask me what I want to say with what I say. They ask me things like „What is the message of your film?“ and then they ask me „And who is the audience for your films, for your texts, for what you put out into the world?“. I used to say: „I don’t think of an audience.“ I said that for many years, at many instances, on many stages and then I learned that this is not quite true.

I do have an audience and I know my audience very well. The audience is one person, and that person is me. „So if it is only for you, why do you need to put it out into the world?“ might be the next good question and I have two answers.

The first reason is that when I put it out into the world, I put it out of my head and in front of me. Then I can look at it and I can see it in context with all the other things that are out there already. Things that other people have put out there and things that I have put out there earlier.

The second reason is that when I put something out, sometimes other people come and look at it. Naturally other people look at the thing from a different viewpoint than me. Sometimes people look at the thing in a way that I would not have been able to see myself. When they are so kind and patient to point that out to me, I then can see something that I never saw and most likely would have never seen on my own. This can be enlightening or simply helpful to better understand what I thought and what I think of the thing that I can now see with their eyes.

Many people do it like me. They do it on Facebook or Instagram on YouTube. People put things out into the world and have other people look at it and learn from what these people see.

But just few people put things out into the world to learn from the thoughts of other minds.

Most people are still in the habit of making statements. It seems they want to convince other people to think the same as they do, to look at the thing from the same angle.

Most of the time it is not obvious what the motivation of someone that put something out was when that someone put it out. And from my own experience I can tell that for the longest time I did not know myself what my motivation was.

Mostly people still put out things into the world with the intention to deliver a message without even being aware that it is usually not them who came up with the message in the first place. Usually, it is a message someone else put into their head. So, without knowing these people broadcast the messages of somebody else.

This happens a lot. But as new generations grow up with these web-based tools that make it easy for anyone to put out things, more and more minds start putting out things into the world before they have gotten a message stuck into their head by someone else. These people more and more use the tools to look at things and think collaboratively. They use these new tools not as tools to broadcast opinions but as research tools, tool that help them learn about the world, tool that help them to collaboratively build and maintain vast collections of meaningful things. They use these new tools to collaboratively look and evaluate the things they collected. And while they are doing that, they learn to better use the tools and further develop the tools simultaneously.

This enables them to see patterns that humans have never seen before that no one has realized before and they do that by using not only one brain but many brains, the brains of all the people participating in looking at the same things and start to communicate what they see without starting with a message.

These people don’t need to dumb down reality into messages, they don’t need to tell simple stories, they are able to embrace and enjoy the beauty of complexity.

Das Telefon piept

Wegen dem Handy sei er so gestresst, sagt der Freund in kleiner Runde. Weil es ihn terrorisiert, sagt er. Ständig piept es und will seine Aufmerksamkeit, weil irgendwelche Firmen haufenweise Geld damit verdienen – mit seiner Aufmerksamkeit. Und dann berichtet er, was er sich für ein ausgefuchstes System ausgedacht hat, das Handy so einzustellen, dass bestimmte Nachrichten nur zu bestimmten Zeiten ankommen dürften und zu anderen Zeiten nicht. Und seine Uhr, die er sich ans Handgelenk gebunden hat und die auch mit dem Handy verbunden ist, hat er auch so eingestellt, dass nur ganz bestimmte Nachrichten angezeigt werden und die allermeisten nicht.

Ich frage mich, wie viel Energie er wohl aufgewendet hat, um herauszubekommen, wie das alles geht, mit dem bestimmte Nachrichten abschalten und andere nicht. Und wieviel Energie es braucht, um dieses ausgefuchste System zu unterhalten.

Wie ich das machen würde, fragt er mich.

Ich mache gar nichts. Wenn das Handy piept, weil eine Nachricht angekommen ist, dann lasse ich es liegen, wenn mir nicht danach ist und wenn mir danach ist, dann schaue ich nach, was das für eine Nachricht das war. Meistens ist mir nicht danach.

„Das kann ich nicht,“ sagt er, „ich muss immer darauf schauen“, sagt er. Sagt er nicht, er sagt gar nichts aber sein Blick verrät, dass er mich für einen Dummschwätzer hält.

Ich blöder Affe sage aber trotzdem was ich denke, weil ich denke, dass es ein kluger Tipp sein könnte, der das Leben meines Freundes verbessern könnte. Aber statt das zu erreichen, ernte ich nur noch mehr blöde Blicke, die mir die Lebensfreude noch Tage später um ein viertel Grad abkühlen, wenn ich daran denke.

Darum habe ich das jetzt aufgeschrieben und eine Geschichte daraus gemacht. Ab jetzt kann ich mich über die Erinnerungen an die blöden Blicke freuen, weil daraus eine Geschichte geworden ist und Geschichten habe ich gerne.

Und falls irgendjemand irgendwann wissen will, wie mein kleiner Trick geht, mit dem man Telefone einfach piepen lassen kann, der kann ja fragen.

Die Diskussion um Facebook

Es passiert gerade sehr spannendes. Es ist die Debatte um Facebook. Es geht dabei allerdings um etwas ganz anderes als um die Frage, ob Facebook gut oder schlecht ist oder gar um die Frage ob die neuen Kommunikationsmedien an sich gut oder schlecht sind.

Wir können gerade einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der neuen Kommunikationsmedien beobachten. Das ist nur nicht so offensichtlich, da dieser Prozess von Leuten ausgehandelt wird, die so sprechen als ginge es um Gut oder Böse. Das klingt dann bisweilen so, als wären die neuen Kommunikationsmedien an einen Punkt gekommen, an dem es womöglich nicht weitergeht. So als stünde der Untergang von Facebook oder so an. So wie darüber berichtet wird, könnte man den Eindruck gewinnen, das System stehe an einem Kollaps. Dem ist nicht so. Es wird zwar z.B. in den Hearings, die im Senat in den USA stattfinden immer wieder auf das Beispiel tabacco-industry verwiesen, wo also ein Wirtschaftszweig wissentlich das Leid von Millionen von Menschen billigend in Kauf genommen hat um Profit zu erwirtschaften. Auch wenn der Vergleich nahe liegt ist er doch nicht besonders hilfreich, denn anders als beim Zigarettenkonsum stehen den negativen Auswirkungen des Konsums neuer Kommunikationsmedien wesentlich mehr und wesentlich stärkere positive Effekte gegenüber. Was für die neuen Kommunikationsmedium insgesamt gilt, gilt wahrscheinlich sogar für Facebook selbst.

FB ist nicht so schlecht, wie die meisten sicherlich nachvollziehen können, wenn sie bereit sind folgender Überlegung zu folgen:

Den negativen Auswirkungen von FB stehen viele positive gegenüber. Ich denke das kann jeder sehen, der FB benutzt. Der FB nutzt trotz allem, was die meisten an FB zu kritisieren haben. Dem was zu kritisieren ist steht also etwas also etwas anderes gegenüber. Und bei den meisten (bei allen, die FB weiterhin nutzen) ist dieses Ding grösser als alles was zugegebener Massen negativ an FB ist. Und dieses Ding, das da dem Negativen gegenüber steht, das ist das positive, das FB hat.

Es könnte natürlich blöd für FB laufen und FB wird im Zuge der Diskussion zerschlagen. Das wäre dann sicherlich aber auch schon das dramatischste, das passieren kann. Am langfristigen Trend, dass die neuen Kommunikationsmedien immer größere Bedeutung bekommen wird sich gar nichts ändern.

Was wir da beobachten können ist schlicht und ergreifend, wie gerade unter grossem Anteil der Öffentlichkeit Fehler am System der neuen Kommunikationsmedien ausgeleuchtet und damit die Voraussetzung geschaffen wird diese Fehler zu korrigieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.