Sinn und Unsinn

Sky over Gülitz

Probleme, die einfach zu lösen sind, sind bereits vor langer Zeit gelöst worden. Sie sind ausgestorben. Überlebt haben nur Probleme, deren Lösung eben nicht einfach ist und das ist auch logisch, denn sonst wären sie ja schon bereits vor langer Zeit von irgendeinem freundlichen Affen ein für alle mal aus der Welt geschafft worden. Die Welt ohne einfach zu lösende Probleme, das ist also die Welt in der wir leben.

Wir sind also immer noch von Problemen umgeben, aber eben Probleme, deren Lösung nicht einfach ist. Das macht unsere Welt einerseits wahnsinnig bequem, weil ganz viele blöde Probleme bereits gelöst sind und andererseits sehr interessant, weil wir nun unsere gesamte Aufmerksamkeit kniffligen, herausfordernde Fragen widmen können. Probleme, die sich mit einem Hirn alleine nicht lösen lassen. Interessante Probleme, spannende Probleme, das ist unsere Welt.

Ab und an begegnet man dann einem Affen der mit lauter Stimme von sich gibt, es sei alles ganz einfach. Danach erklärt er irgendwas. Dabei brächte man sich eignentlich nicht mal die Mühe machen, zu verstehen was dieser Affe da  meint. Denn es ist wahnsinnig unwahrscheinlich, dass es in unserer Welt noch Probleme gibt, bei denen  alles ganz einfach ist. Ganz einfache Probleme, wie gesagt, sind fast ausnahmslos ausgestorben.

Und der Affe, der so laut brüllt, gehört in die Zeit, in der die Affen laut brüllten. So einfach ist das. Aber so einfach ist es natürlich doch nicht. Denn laut brüllende Affen ziehen gerne die Aufmerksamkeit der anderen Affen auf sich, die sich mit dem jeweiligen Problem noch so gut wie gar nicht beschäftigt haben und deshalb das, was der laute Affe brüllt, gerne glauben wollen: „Ach so, es ist ja alles ganz einfach.“

Affen, die Ahnung haben, sprechen nicht nur leiser, sie sprechen auch komplizierter. Sie sagen Sachen wie: “Einerseits und andererseits” und “man muss abwägen zwischen” und es ist “mehr oder weniger wahrscheinlich”, “es lässt sich (aber) sagen, dass..”.

Ein Satz der mit “Mit großer Wahrscheinlichkeit…” beginnt, lässt sich nicht brüllen und ist auch nicht besonders eingängig.

Doch genau das lässt sich nutzen machen, um mit einfachen Mitteln das Dumme vom Klugen zu unterscheiden. Nicht immer und jedesmal aber mit ausreichend hoher Wahrscheinlichkeit, um auch bei Themen, von denen man selbst keine Ahnung hat, den Sinn vom Unsinn zu unterscheiden. Man muss sich nur einen Filter bauen und der Filter geht so: Jedesmal wenn jemand Worte wie alles, nie, überall, nirgends, absolut, immer oder ähnliches benutzt, kann man getrost die Aufmerksamkeit  in eine andere Richtung lenken, denn die Wahrscheinlichkeit, Erkenntnis in der Richtung der Quelle dieser Worte zu finden ist gering.

So lässt sich schon mal ein Haufen Unsinn ausblenden. Und das macht das Leben sowohl entspannter als auch viel interessanter.

Tony Schwartz – Der einflussreichste Schriftsteller unserer Zeit

Tony-Swartz

Wie oft passiert es, dass jemand, der die Welt verändert, dies versehentlich tut? Wahrscheinlich gar nicht so selten. Wie viele beginnen mit dem Ziel vor Augen, die Welt zu verändern und ziehen es so lange durch, bis sie ihr Ziel erreicht haben? Den Affen möchte ich sehen, der sich, noch bevor er den ersten Schritt geht, ein derart größenwahnsinniges Ziel setzt. Unwahrscheinlich.

Wahrscheinlich haben die meisten, die die Welt verändert haben, nur das gemacht, was sie sowieso machen wollten und erst im Rückblick hat man gesehen – hoppla, das hat die Welt verändert!

Der wohl einflussreichste Schriftsteller unserer Zeiten ist ein tragischer Held, der versehentlich die Welt in andere Bahnen lenkte.

Literatur vermag es manchmal die Welt zu verändern, einige wenige Werke haben das Denken und Handeln von Menschen derart beeinflusst, dass es ganze Gesellschaften prägte.

Religiöse Schriften entwickelten diese Kraft oder sollte man besser andersherum sagen, dass Schriften, die derartige Kraft entwickelten Religionen wurden?

James Joyce „Ulysses“ hatte prägenden Einfluss auf das Denken und Handeln eines Teils der Gesellschaft. Auch wenn nur ein winziger Teil der Menschen dieses Buch gelesen haben mag. Als jemand der sich sein Leben lang mit der Wirkung von Geschichten auf die Wahrnehmung beschäftigt, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sehr dieses Buch prägenden Einfluss auf mein Denken hatte, und das, obwohl ich es wahrscheinlich noch nicht einmal in der Hand gehalten, geschweige denn gelesen habe. Doch unabhängig von meiner Wahrnehmung, James Joyce „Ulysses“ ist ein großes Werk der Literatur, da sind sich die Experten einig.

Adam Douglas „Hitchhiker’s Guide Through The Galaxy“ entwickelte eine derartige Kraft und lies nicht nur Smartphones so aussehen, wie sie heute aussehen, vor Jahr und Tag habe ich einem Freund eine Ausgabe dieses Werks geschenkt, die auf dünnem Bibelpapier gedruckt war. Das war natürlich ein Witz, aber wie jeder Witz kam auch dieser nicht von ungefähr.

In diesem Sinne ist Mickey Maus bedeutende Literatur, denn auch Mickey Maus hatte prägenden Einfluss auf das Denken und Handeln der Gesellschaft. Da sind sich die Experten zwar nicht mehr ganz so einig, aber diese Ansicht ist zumindest in akademischen Kreisen kaum mehr strittig.

Alle folgenden Überlegungen basieren auf dem Gedanken, dass die Bedeutung von Literatur unabhängig von ihrer „literarischen Qualität“ an der die Gesellschaft prägenden Kraft gemessen werden kann. Wenn Sie diesen Gedanken nicht mitgehen können, möchte ich Ihnen freundlich für die bis hierhin erbrachte Aufmerksamkeit danken und mich von Ihnen verabschieden, denn die folgenden Überlegungen werden für Sie keinen Sinn ergeben.

Sie sind noch da? Nungut.

Es geht um den wohl bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Und doch kennen nur wenige seinen Namen. Der Name seines wichtigsten Werks ist Millionen von Menschen geläufig. Viele haben das Buch gelesen und zitieren daraus, wie aus einer Bibel. Das Buch ist ein Werk der Fiktion, das sagt jedenfalls der Autor selbst. Es ist ein Werk, dass das Denken von Millionen von Menschen beeinflusst, die Gesellschaft und die Politik in den USA geprägt hat und was die USA prägt, prägt die Welt. Der Autor hatte den immensen politischen Einfluss seiner Worte weder vorhergesehen, noch hat er ihn intendiert. Der Autor hatte nicht den Hauch einer Ahnung, welche Konsequenzen seine Worte Jahrzehnte später entfalten würden. Er hat es nicht intendiert und hätte es nicht gewollt. Er hatte schlicht und einfach nicht für möglich gehalten, dass der Stein, den er vom Berg warf, eine Lawine würde auslösen können.

Als junger Schriftsteller hat sich der Autor vor über 30 Jahren als Ghostwriter verdingt. Als solcher schrieb er für jemanden, der ihn zwar faszinierte, den er aber verachtete, eine Heldengeschichte. Es war eine Heldengeschichte, wie sie sein Auftraggeber hören wollte. Der hat den Schriftsteller gut bezahlt, um der Held seiner Geschichte zu sein.

Der Schriftsteller hat Jahre später das Buch sogar widerrufen, als er die Gefahr erkannte, die auf die Menschen und den gesamten Planeten zukam. Aber wie soll man eine Fiktion widerrufen – eine Fiktion, an die immer mehr Leute zu glauben begannen? Eine Fiktion kann man nicht widerrufen. So wie Goethe “Die Leiden des jungen Werther” nicht hätte widerrufen können, als man dem Buch vorwarf, es treibe Leser in den Selbstmord.

Der junge Autor hatte vermutlich die Kraft seiner Worte unterschätzt, hatte gedacht, die Worte, die er benutzte seien stumpfe Messer, dabei waren sie rasiermesserscharf. Der Autor stand am Zenit seines Schaffens. Sein Leben lang würde er nie wieder ein Werk dieser Kraft zu schaffen in der Lage sein. Er hat es, angewidert vom Erfolg auch nie wieder in der selben Richtung versucht.

Er schrieb das Buch für einen 38 jährigen, angeberischen New Yorker Aufsteiger, einen dummerdreisten, skrupelloser Mann, von dem damals ausserhalb New Yorks kaum jemand gehört hatte.

Den Schriftsteller interessierte das Geld, er war ‘writer for hire’ aber eben auch einer, der seine Arbeit ernst nahm.

So blickte der Schriftsteller in die Abgründe seines Helden, so wie es jeder gute Schriftsteller tut. Er betrachtet den Helden von vielen Seiten und all dies  unterfütterten sein Werk.

Das Buch trägt den Titel „The Art Of the Deal“ und seinen Helden kennt nun die ganze Welt. Denn der wurde Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und als solcher kam er in das Schicksal des Planeten prägende Stelle. Es ist eine Geschichte der modernen Medien, das Buch machte den fiktionalen Helden der Geschichte zuerst zum Fernsehstar und zum Idol von Millionen von Menschen bevor sie ihn zum realen Präsidenten wählten.

Der Mensch ist ein Geschichten-Tier oder anders gesagt, die Fähigkeit Geschichten zu erzählen hat aus einem Tier einen Mensch gemacht. Geschichten waren zu allen Zeiten das Instrument die Welt zu verstehen und verstehbar zu machen. Heute leben wir in einer medialen Welt in der nonstop Geschichten produziert werden. Nicht um die Welt zu begreifen, sondern um die Menschen zu unterhalten, die Medien zu bespielen, um Content zu produzieren, um die Drähte am glühen zu halten.

Da kann es schon mal passieren, dass ein überaus talentierter Schriftsteller versehentlich einen Helden erfindet, der niemals hätte Held sein dürfen und der dann die reale Weltbühne betritt.

It’s not about politics

It was the strangest president ever. A president who didn’t talk politics. Who instead flaunted himself, bragging about what he had and what he was capable of. Like a child playing king, constantly explaining to the audience what a king is and what a king is allowed to do. A spiteful child who calls those who don’t want to play with him the others and has only bad words for them. A child who calls out the others with a screaming voice, for what he constantly does himself.

It was a president who exaggerated even the most banal issues until there seemed to be only two options left. Like pretending that a race of many runners is just a fight between two. And as if the audience then had to decide which of the two they had to team up with.

How did this devil manage to bewitch so many people in such a way? That they elected a television character as president, who then made being president a television spectacle? A president who only pretended to be president and measured his success in television ratings?

The people made a prey out of themselves when they began to distrust politicians on principle. The people did not want a politician and chose a clown instead. The clown sat in the cockpit with a pilot’s cap, had no idea about flying and didn’t even show a spark of interest in wanting to learn. It was a president who could not distinguish the spectacle from reality, for whom reality and fiction were one and the same.

The president severely damaged the boundaries between reality and fiction. Like two liquids flowing into each other, it soon became impossible to tell what is true and what is false. It was as if fresh and waste water flowed into each other and made society ill.

It is necessary to investigate exactly how this accident could have happened, so that it cannot happen again in the future. It was always a foolish idea to hand the scepter to the fool. In this day and age, with the weapons of destruction at the disposal of the powerful, it can be deadly – for all of humanity. It looks like we got away with it again. We’ve been damn lucky.

Es geht nicht um Politik

Es war der seltsamste Präsident aller Zeiten. Ein Präsident, der nicht über Politik sprach. Der sich statt dessen aufblies und angab, mit dem, was er alles hatte und wozu er fähig sei. Wie ein Kind, das König spielt und dem Publikum ständig erklärt, was ein König ist und was ein König darf. Ein gehässiges Kind, das die, die nicht mit ihm spielen wollen, die anderen nennt und nur böse Worte für sie übrig hat. Ein Kind, das den anderen mit kreischenden Stimme vorhält, was es selbst ständig macht.

Es war ein Präsident, der selbst banalste Themen so lange überzeichnete, bis es nur noch zwei Möglichkeiten zu geben schien. Wie wenn man so täte, als sei ein Wettrennen vieler Läufern nur ein Kampf zwischen zweien. Und wie als ob sich das Publikum dann entscheiden müsse, zu wem von den beiden es hielte.

Wie hat es dieser Teufel geschafft, so viele Leute so derart zu verhexen? Dass sie eine Fernsehfigur zum Präsidenten wählten, der dann Präsident sein zu einem Fernsehspektakel machte? Ein Präsident der President sein nur spielte und seinen Erfolg in Fernsehquoten maß?

Das Volk hat sich selbst zur Beute gemacht, als es anfingen Politikern grundsätzlich zu misstrauten. Die Leute wollten kein Politiker und haben statt dessen einen Clown gewählt. Der saß dann mit Pilotenmütze im Cockpit, hatte vom Fliegen keine Ahnung und zeigte nicht einmal einen Funken von Interesse, es lernen zu wollen. Es war ein Präsident, der das Schauspiel nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnte, für den Wirklichkeit und Fiktion ein und das selbe war.

Der Präsident hat die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion schwer beschädigt. Wie zwei Flüssigkeiten, die ineinander flossen, war bald nicht mehr erkennbar, was wahr ist und was falsch. So als ob Frisch- und Brauchwasser ineinander floss und die Gesellschaft erkranken ließ.

Es muss genau untersucht werden, wie es zu diesem Unglück kommen konnte, damit es in der Zukunft nicht wieder passieren kann. Es war immer schon einer törichte Idee, dem Narren das Zepter zu reichen. In der heutiger Zeit mit den, den Mächtigen zu Verfügung stehenden Vernichtungswaffen, kann es tödlich sein – für die gesamte Menschheit. Es sieht so aus, als seien wir noch einmal davon gekommen. Wir haben verdammt viel Glück gehabt.

Hausärzte posieren nackt

Headline auf Spiegel online: “Hausärzte posieren nackt

Ein Artikel über Hausärzte, die sich beklagen, dass ihnen in Corona-Zeiten nicht genügend Schutzausrüstung zu Verfügung steht und die sich deswegen nackt fotografieren lassen.

Ich verstehe nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Klar, es ist natürlich ein Problem, wenn Hausärzte nicht genügend Schutzkleidung haben. Ich habe auch eine Hausärztin, die ich sehr schätze, mit der ich über all die Jahre, die ich bei ihr in Behandlung bin, eine persönliche Beziehung aufgebaut habe. Irgendwann habe ich von ihr erfahren, dass sie sich neben ihrem eigentlichen Beruf als Künstlerin betätig. Ich glaube, sie hatte immer schon davon geträumt Künstlerin zu sein. Ich erfuhr, wohin sie in Urlaub fährt, aber nicht mit wem. Sie weiß, was ich beruflich mache, mit wem ich verheiratet bin, wohin ich in Urlaub fahre und nach den Urlauben fragen wir uns gegenseitig wie es war. Ich mag meine Hausärztin. Ich stelle sie mir ohne Schutzmaske vor und mich schaudert. Ich will nicht, dass sie keine Schutzmaske trägt, wenn sie Patienten gegenübertritt.

SPIEGEL: Frau Husemann, Sie haben sich nackt fotografieren lassen und das Foto im Netz veröffentlicht. Wie viel Überwindung hat Sie das gekostet?

Ich will mir meine Hausärztin nicht nackt vorstellen. Ich will sie mir in ihrem weissen Kittel vorstellen. Ich mag sie in ihrem weissen Kittel.

Jana Husemann: Ich habe einen ganzen Tag überlegt, ob ich das tun soll. Habe mit Kollegen gesprochen, mit meinem Partner. Das Internet vergisst nichts, das ist mir klar. Aber am Ende dachte ich: Das ist es mir wert.

Warum um Himmels willen zwingt jetzt jemand mein Hirn sich mir meine Hausärztin nackt vorzustellen? Nein – das will ich nicht!

Jana Husemann:
Wir brauchen Aufmerksamkeit. Die Hausärzte wurden in der Pandemie bisher übersehen, obwohl sie einen großen Anteil an der Versorgung der Patienten mit Coronavirus haben.

Ja, schon klar, aber warum nackt?

Jana Husemann, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2013 als Hausärztin im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Sie ist eine von vielen Medizinerinnen, die an der Aktion “Blanke Bedenken” teilnimmt. Die Ärzte fordern unter anderem eine bessere Ausstattung mit Schutzausrüstung.

Ich kann es nicht glauben. Ich klicke auf den Link von Blanke Bedenken.

Oh shit. Da sind noch mehr. Und ich frage mich: Was zum Teufel hat die geritten? O.k. klar, da waren sicherlich mehrere Faktoren am Start. Ich kann mir vorstellen, dass die Angst um die eigene Gesundheit auch mit im Spiel war. Dann stelle ich mir vor, wie ich mich an meinem Arbeitsplatz nackt fotografieren lasse. Hat schon was. Und wenn es nur die Gelegenheit zum Tabubruch ist.

Ich schaue mir die Bilder an, darauf sind mehr oder minder nackte Menschen zu sehen, die mit Klopapierrollen oder anderem dämlichen Assesoir mehr oder weniger albern vor einer Kamera possieren. Oh je, die Bildern erinnern mich viel zu sehr an die in meiner Jugend allzu verdrängte Sexualität. Erbärmlich irgendwie.

Wieder denke ich an meine Hausärztin, an die Flasche Desinfektionsmittel, die sie immer auf dem Tisch stehen hat und dass sie schon vor ein paar Jahren aufgehört hat, mir die Hand zu geben. Hat sie Angst in der jetzigen Situation oder ist sie genauso vorsichtig und professionell wie immer? Ich weiß nicht, ob sie das Problem mit der Schutzausrüstung auch betrifft. Ich habe sie zuletzt vor dem Ausbruch der Coronakrise gesehen.

Wenn meine Hausärztin zu mir sagen würde: “Ich habe Angst, wegen der fehlenden Schutzkleidung”, ich würde ihr anbieten, mich selbst auf die Suche nach Masken und so zu machen. Wenn Sie mir dann sagen würde, das sei total nett, aber es würde schon genügen eine Petition zu unterschreiben. Ich würde unterschreiben. Sofort.

Jana Husemann sagt: “Wir brauchen Aufmerksamkeit”.

Nackte menschliche Haut zieht Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit lässt sich umlenken, das hat Edward Bernays entdeckt, ein Neffe von Freud. Edward Bernays gilt als der Erfinder der PR, er hat 1929 in New York auf der Easter Sunday Parade junge Frauen rauchend vor Pressekameras vorbeilaufen lassen. Die Bilder wurden als Symbol von Emanzipierung gesehen, doch die jungen Frauen waren eigentlich nur von der Zigarettenindustrie benutzt worden, um sich den Markt der bis dato nicht rauchenden Frauen zu erschließen.

Mit Nacktheit lässt sich alles mögliche verkaufen, seien es Waschmaschinen, Autoreifen oder irgendein anderer Quatsch.

Irgendwann wurde es Mode, sich auch für moralische Gründe auszuziehen, für Tierschutz oder gegen politische Unterdrückung.

Klar, ich verstehe wie Werbung funktioniert, ich weiß von Aufmerksamkeitsökonomie und so.

Doch weil ich weiß, wie es läuft, versuche ich, wenn irgend möglich, Produkte und Erkenntnisse zu vermeiden, die mit Emotionen verkauft werden. Nicht, weil ich es für unangebracht halte, nackte Haut zu zeigen, sondern weil ich gelernt habe, dass mir jemand irgendwas andrehen will, wenn man erst mit Sex oder Status meine Aufmerksamkeit kapern muss, um sie auf etwas umzulenken, auf das ich nicht von alleine meine Aufmerksamkeit gerichtet hätte.

Ich habe gelernt, dass ich in der Regel verarscht werde, wenn mit etwas anderem Aufmerksamkeit erregt wird, als mit dem um was es geht.

Klar, verstehe ich, dass es ein Problem ist, wenn Ärzte zu wenig Schutzmasken haben. Ich kann es mir vorstellen.

Doch wie groß ist das Problem auf einer Skala von 1 bis 10?

Keine Ahnung. Hilft es mir, es besser einzuschätzen, nachdem ich den Artikel auf Spiegel-Online gelesen habe?

Das einzige, was ich nach der Lektüre sicher weiß ist, dass eine Hausärztin in Hamburg sich mit einigen Kollegen vor der Kamera ausgezogen hat, weil offenbar zu Befürchteten war, dass ihr Problem ansonsten nicht genügend Aufmerksamkeit bekäme.

Ich nehme mir vor, morgen meine Hausärztin anzurufen und sie zu fragen. Ich werde ihr sagen, dass ich einen Artikel auf Spiegel-Online gelesen habe und ich frage sie, ob das mit der Schutzkleidung wirklich so ein Problem ist.

Und dann malt mir mein Hirn aus, wie meine Hausärztin am Telefon zu mir sagt: “Sie meinen den Artikel mit den nackten Ärzten? Ja, auf den habe ich auch geklickt.”

Ich glaube, ich möchte dieses Gespräch nicht führen.

 

Wenn Sie die Petition trotz der albernen Aktion unterschreiben wollen: www.blankebedenken.org