Trump wird nicht US-Präsident

Vorab: Trump wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Davon kann man getrost ausgehen. Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Er ist nicht geeignet.

Es ist ein langer Prozess, den jeder US-Präsidentschaftskandidat durchlaufen muss, bevor er an der Spitze des Staates steht. Das ist nicht nur in den USA so und es ist nichts neues. Führer, die Gruppen voranstehen, gibt es länger, als es Menschen gibt und jeder Anführer muss erst unter Beweis stellen, dass er oder sie geeignet ist. Dieser Prozess wird mit der Entwicklung der Menschheit komplexer und vielschichtiger. Doch er dient genau wie vor 200.000 Jahren dem Ziel, das möglichst am besten geeignete Individuum zu finden (oder zumindest unfähige zu verhindern). Das ist bei Affen so, das ist bei Amerikanern so. Früher war physische Kraft das dominante Auswahlkriterium. Amerikanische Präsidentschaftsanwärter prügeln sich offensichtlich nicht mehr mit Keulen, sie benutzen Worte. Und noch etwas hat sich geändert: Sieger ist nicht mehr, wer dem Gegner die größeren Wunden zufügt. Die Gruppe erklärt den Sieger. Der Gewinner siegt gewissermaßen nach Punkten, nicht mehr durch K.O.

Der Prozess, den alle Kandidaten durchlaufen, beginnt schon früh. Vielversprechende Menschen werden von der Gesellschaft gefördert. Sie bekommen bessere Bildung, Kontakte, Möglichkeiten und Gelegenheiten sich zu beweisen (oder zu scheitern). Sie werden an die Macht herangeführt, damit sie den Umgang mit ihr lernen können. Solche Menschen sollen eines Tages in der Lage sein, schnell und effektiv Entscheidungen zu treffen, auch Entscheidungen über Leben und Tod, Entscheidungen, die das Wohlergehen der ganzen Gruppe betreffen.

Das heutige System ist kein ideales System, das allen Individuen gleiche Ausgangsvorraussetzungen gibt – doch zumindest ist der Prozess heute offener als vor, sagen wir, 500 Jahren, wo nur Mitglieder einer sehr kleinen Kaste die Möglichkeit hatten, überhaupt am Wettbewerb teilzunehmen.

Zurück zu Trump. Wie sich derzeit deutlich zeigt, ist dieser Kandidat völlig ungeeignet. Er ist nicht gut darin Menschen um sich zu scharen – und gemeint sind hier nicht Fans sondern Mitstreiter. Diese scheint Trump als Angestellte zu sehen, die er in kurzen Abständen feuert. So hat er es sogar geschafft, weite Teile der eigenen Partei zu vertreiben. Zahlreiche hochrangige Republikaner empfehlen den Wählern gar, seine direkte Konkurrentin zu wählen. Ein unerhörter Vorgang und umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen führt, wie verhasst Hillary Clinton bei den Republikanern eigentlich ist. Donald Trumps Aussagen lassen erschaudern, sie stellen die Frage, wie diese Person als Präsident, mit großer Macht (und den Nuklear-Codes!) umgehen würde. Auch das erschreckt politische Gegner wie Parteigenossen.

Diese zwei Punkte – der Umgang mit Menschen und der Umgang mit Macht disqualifiziert Donald Trump. Wir beobachten gerade, wie alle Reißleinen gezogen werden, um diesen Präsidenten zu verhindern. Alle gestaltenden Teile der Gesellschaft (Politik, Medien, Wissenschaft, Kunst und Religion) scheinen sich zu vereinen, Trump zu verhindern. Die Republikanische Partei – die Partei Donald Trumps – unternimmt dies sogar auf die Gefahr, diesen Vorgang nicht zu überleben. Immenser Schaden an der Partei wird in Kauf genommen und man kann der GOP dafür durchaus Respekt zollen.

Donald Trump wir nicht Präsident, doch es hätte niemals soweit kommen dürfen. Dieser Kandidat hätte viel, viel früher aussortiert werden müssen. Dass er überhaupt so weit kommen konnte, zeigt deutliche Schwächen des Systems.

Die Prozesse, wie Führer ausgewählt werden, waren zu allen Zeiten fragil und in ihrer Konsequenz gefährlich. In der westlichen Welt mag man gedacht haben, derartige Gefahren wären überwunden. Doch die Schwäche des Systems, die derzeit deutlich werden, lässt bangen: Was passiert beim nächsten Mal, wenn eine solche Fehlbesetzung so weit kommt? Was ist, wenn die Reissleinen versagen? Das System muss unbedingt repariert werden. Das System bedarf einer Überarbeitung und diese wird Jahre und Jahrzehnte brauchen.

Es ist mir ein Anliegen, noch auf einen weiteren Aspekt hinzuweisen, den ich so noch nicht diskutiert gesehen habe: Was gerade passiert, ist unmenschlich dem Kandidaten gegenüber. Wenn man Trump beobachtet, seine Bilder studiert, sieht man ein Tier, dass in die Ecke gedrängt, wild um sich schlägt – unfähig zu verstehen, was ihm geschieht. Trump wird gerade von allen Seiten und mit allen Mitteln fertig gemacht. Das muss vermutlich so sein, denn Trump zu verhindern, ist gerade die wichtigste Aufgabe.

Trump wird vorgeführt, durchs globale Dorf gehetzt und alle klatschen Beifall. So sind zum Beispiel in zahlreichen Städten der USA lebensgrosse Statuen von Donald Trump aufgestellt werden, Donald Trump nackt und hässlich, die Figur mit kleinem Penis, ohne Hoden. Der Titel der Aktion: “Der Kaiser hat keine Eier”. Die Bilder von Menschen, die strahlend Selfies von sich vor der nackten Figur machen, werden von den TV-Stationen um die Welt gesendet. Das ist unmenschlich und widerlich.

Es hätte nie soweit kommen dürfen. Auch wenn Trump es selbst verursacht hat.

Wir Idioten

Die Agenturen melden einen weiteren Angriff. Ein Mann schiesst mit einer Pistole, zündet eine Bombe, greift mit einer Axt an oder mit einem Bügelbrett. Wir sitzen in der Nachrichtenredaktion und wir wissen, dass wir nichts wissen. Oder besser, wir wüssten, wenn wir eine Sekunde hätten, nachzudenken. Es beginnt mit einem Pop-Up-Fenster auf dem Computermonitor: “Attacke auf Passanten in Burglengenfeld, Bayern. Polizei schließt terroristischen Hintergrund nicht aus.” Irgendjemand ruft es laut durch den Newsroom. Es fühlt sich immer etwas seltsam an, wenn so etwas passiert. Es sind widersprüchliche Gefühle, so ähnlich wie “Oh Scheisse, wir haben ein Osterei gefunden!”

Im selben Moment, in dem bei uns die Nachricht auf dem Computermonitor aufpoppt, poppt sie überall auf der Welt in Nachrichtenredaktionen auf tausenden Computermonitoren auf. Man sieht das erste Ergebnis 37 Sekunden später in Form eines Laufbandes bei CNN und BBC. Wir sind nicht ganz so schnell, bei uns dauert es 1 Minute und 17 Sekunden, was zu lauten Unmutsäußerungen im Newsroom führt.

Vor wenigen Jahren war Breaking News noch so selten, dass, wenn das Laufband in Betrieb genommen werden sollte, jemand durch die Redaktion lief und rief: “Kennt sich jemand mir dem Breaking News Laufband aus?”. Damals gab es noch einen speziellen Computer, der erst hochgefahren werden musste.

2 Minuten und 53 Sekunden nach dem Pop-Up ist CNN live, nach 2 Minuten und 58 Sekunden BBC. Ein Nachrichten-Sprecher erscheint auf dem Bildschirm und verkündet dass er nichts weiß.

Naja, verkündet er natürlich nicht – er hatte ja keine Zeit, sich dessen bewußt zu werden. Darüber, dass er nichts weiß und darüber dass man als Nachrichtensprecher niemals sagen darf, dass man nichts weiß. Um über das Letztere nachzudenken, bräuchte man auch viel länger als eine Sekunde. Einen Monat in Klausur auf einer einsamen Insel (ohne Internet) vielleicht. Die rote ON-AIR Lampe leuchtet.

5 Minuten nach Pop-Up sind wir dann auch auf Sendung und schnattern mit den Kollegen von CNN und BBC um die Wette. Richtige Informationen gibt es da natürlich immer noch nicht. Bis klar ist, was eigentlich passierte, werden 7 oder 8 Stunden vergangen sein. Dann wird auch schon einer unserer Leute an den Ort des Geschehens geflogen sein und das Mikrofon mit unserem Logo darauf vor dem Gesicht darüber berichten, auf welchen dunklen Wegen der Täter (13 Jahre, in der Schule gehänselt) das Bügelbrett im Internet bestellt hat.

Einstweilen müssen wir die bildliche Leere füllen, mit Karten, auf denen der Ort des Geschehens mit einem Punkt identifiziert wird, damit dort alle wissen, dass es jetzt Zeit ist, das Mobiltelefon aus dem Fenster zu halten, Fotos zu machen und diese auf Twitter zu laden (#breaking).  37 Sekunden später wird das Bild vielleicht von uns rund um die ganze Welt gesendet. Die Lotterie ist eröffnet und jeder Anwesende kann mitmachen. Jeder kann ein Capa sein. Wir im Fernsehen bedienen uns bei Twitter und keiner der jugendlichen Fotografen, die hier ihr Leben riskieren (noch ‘n Handfoto machen und dann wegrennen oder gleich wegrennen) wird später auch nur einen Cent dafür bekommen. Es sei denn, das Bild wird ikonographisch und der Fotograf hat eigenen ausgefuchsten Medienanwalt an der Hand. Was dann wieder den Capa vom Oskar unterscheidet.

So füllen wir die erste Stunde nach der Tat. Unser nächstgelegener Korrespondent wird angerufen und per Skype zugeschaltet. Das ist praktisch, denn der Korrespondent kann gleichzeitig in die Kamera sprechen, Twitter lesen und (zumindest fast) vor Ort sein.

Auf Twitter ist das Gequatsche schon in vollem Gange. Es wird wild spekuliert und die griffigsten Formulierungen schaffen es sogar zu uns in den Ferseher (mit Namensnennung des Autors – #fame).

Die Bildredaktion greift die Fotos ab, die Social Media Redaktion die Videos. 1 ½ Stunden nach Pop-Up sind dann auch die Bild- und Bewegtbildagenturen soweit. Mehr Bilder trudeln ein, die Bildqualität ändert sich. Profis fotografieren herumschleichende Polizisten in Kampfanzügen. Tatütata.

Die Polizei lässt auf Twitter verlauten, dass der Bügelbrettattentäter immer noch auf freiem Fuß ist und ‘zahlreiche weitere Hinweise’ auf weitere Männer mit Bügelbrettern ‘aus der Bevölkerung’ kommen.

Ein koordinierter Terroranschlag? Nun meldet sich sich endlich auch #ISIS und verkündet, dass dieser Anschlag ein Vergeltungsschlag wäre und sich niemand in der westlichen Welt sicher fühlen solle. Wir Idioten verbreiten das natürlich gerne, es ist wie Medizin gegen den langsam aufkeimenden inneren Zweifel (häh? Bügelbrett?).

Die Menschen wollen gewarnt werden vor terroristischen Gefahren und wir in den Nachrichten machen nur unseren Job.

Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass der Anschlag von einem geistig verwirrtem Täter begangen wurde, der sich im Internet radikalisiert hat. Von einem Einzeltäter kann man nicht sprechen, weil er im Internet noch andere gefunden hat, von denen nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie nicht, nicht oder doch geistig verwirrt sind.

Der Täter hat sich im Internet radikalisiert, nicht bei uns im Fernsehen. Das möchte ich hervorheben. Das Internet ist Schuld und es bleibt nur noch eine Frage offen: Wann meldet sich endlich Merkel zu Wort?

SCHNELLE SCHNITTE

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Ich stehe in der Nachrichtenredaktion und blicke in den Raum. An den Wänden zahlreiche Monitore, über die Bilder von Nachrichtensendern zappeln. DW-TV, CNN, BBC news, Reuters, AP, France 24, NTV.

Immer wieder ziehen diese Monitore meine Aufmerksamkeit an. Ich denke an nichts und spüre, wie langsam eine sanfte Unzufriedenheit in mir aufkommt. Ein kleines bißchen Unglück legt sich mir auf meine Seele – ganz sanft, ich würde es sicher nicht bemerken, wenn mein Geist gerade mit einem anderen Gedanken beschäftigt wäre. Ich wundere mich, woher diese Unzufriedenheit kommt und höre weiter in mich hinein, beobachte und stelle fest:

Immer wieder sehe ich halb aus dem Augenwinkel ein Bild auf einem Monitor, das, sobald ich mich dem Bild zuwende, wegzappt. Abgelöst vom nächsten Bild, das, noch bevor ich es aufnehmen kann, wieder wegspringt. Die Bilder wie ein Stück Seife, das immer wegflutscht, wenn man danach greifen will. Daher rührt die kleine Frustration, auf die ich mich weiter konzentriere und nun die Enttäuschung und Traurigkeit spüre, die davon ausgeht. Ich gehe dem Gefühl weiter nach und die Traurigkeit wird größer, bis ich es nicht mehr aushalte und mich abwende.

Ich sehe schon lange keine Filme mehr und so wenig wie möglich Fern. Aus einer Reihe von Gründen, heute habe ich einen neuen entdeckt.

Es ist die Konvention der schnellen Schnitte, die irgendwann in den 80er Jahren populär wurde und langsam in allen Bereichen filmischen Erzählens Einzug hielt. Wenn man selbst Film schneidet, sich eine Einstellung immer und immer wieder ansieht, kennt man das Glück, wenn man sich bewegte Bilder erschließen und sich in sie verlieben darf.

Doch die bewegten Bilder unsere Zeit sind nervöse Kollegen, die permanent hin und her huschen und jede Konzentration unmöglich machen. Schöne Bilder von der Welt, die dennoch die Welt nicht öffnen, sondern nur ablenken, zu verstehen.

Früher, als gute Bilder selten waren, durfte man sich die Zeit nehmen, diese aufzunehmen. Die heutige Zeit ist reich an starken Bildern. Und all die staken Bildern schreien nach Aufmerksamkeit.

Es ist ein schrecklicher Lärm.

The way we tell stories

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Telling stories might not be the only way, how we make sense of the world, but it is for sure the most important one.

Since film was invented – and that was in fact not too long ago – the way we tell stories, the way we see the world, has changed. We might not be aware of it, because when ‘normal’ changes, it is hard to see.

LINEAR THINKING

Filmic narration, the continuous exercise of watching films and making films has formed our way of thinking.
Film has trained us in linear causal thinking, which is good to solve certain kinds of problems, but for other kinds this approach is not helpful at all. We have piled up a big mountain of problems that are unsolvable with the method of thinking we are trained in so well.
Climate change, the energy problem, the economic crisis, the clashes of believes – to name just a few.

TENDENCY TO EXTREMES

They way we tell stories is fascinated by extremes. Things that are spectacular are told and retold, no matter how unimportant they are. This produces noise and makes us blind for the really important issues.

The way we currently tell stories make us blind for the world.

What could alternatives look like?

Abstract of my talk at iDocs, next week.

BREAKING NEWS – SICHERHEITSRISIKO

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Die Voraussehbarkeit, mit der Medien auf spektakuläre Ereignisse reagieren, ist zum Sicherheitsrisiko geworden. Die Reaktion des Systems ist derart einfach vorhersehbar, dass es auch simpel gestrickte Individuen für ihre Zwecke einsetzen können. Selbst unterbelichtete Kids haben nun die Möglichkeit, zu weltweiter Aufmerksamkeit zu kommen. Sie werden ihr Leben dabei verlieren, doch sie laufen zumindest nicht Gefahr, dass der Plans schief geht und sie am Ende tot sind, sich aber niemand für ihre Person interessiert. Es genügt eine IS Fahne zu schwingen und “Allahu Akbar” zu rufen und einige zufällige Passanten anzugreifen. Billiger war weltweite Berühmtheit nie zu erreichen.

Wenn die Medien sich zurückhalten könnten, nicht jeden Fall, der nur nach Terror riecht, sofort als BREAKING NEWS wichtig zu machen, wenn für potentielle Täter die Gefahr bestünde, dass sie morden und sterben ohne berühmt zu werden: dann hätte sich das Thema schnell selbst erledigt.

[UPDATE nach dem Amoklauf in München, am 22.7.2016:
Binnen weniger Stunden haben sich nicht nur die beiden US-Präsidentschaftsanwärter, auch der US-Präsident selbst zu dem Vorfall in München zu Wort gemeldet.

Wenn es eine Krankheit gibt, dessen Symptom das Bedürfnis nach der größtmöglichen Aufmerksamkeit ist, dann müssen Menschen, die davon befallen sind, einem fast unwiderstehbaren Reiz ausgesetzt sein, den Knopf zu drücken, der diese gigantische Aufmerksamkeitsmaschine in Gang setzt.]