Die verdammte Pflicht des Autors

Ziel des verantwortungsvollen Autors muss sein, dem Publikum zu ermöglichen, Verständnis für Zusammenhänge zu bekommen. Dass die Menschen also ein Gefühl für die Komplexität der Zusammenhänge erlangen.

Es darf nicht darum gehen, dem Publikum zu erklären, wie die Dinge funktionieren. Denn das Erklären komplexer Sachverhalte in einfachen Kausalketten macht den Menschen zum Idioten. Denn nur ein Idiot bildet sich ein, zu wissen, wie die Dinge funktionieren.

In der heutigen Welt gibt es niemanden mehr, der selbst allgegenwärtige Dinge in in seiner Komplexität verststeht.

So, wie es niemanden mehr gibt, der etwas so banales wie zum Beispiel ein Auto verstehen kann. In groben Züge vielleicht, das mag dem Idioten genügen, doch bis ins Detail? Bis hin zum chipgesteuertem Bosch Einspritzungdüsensystem?

Oder die Frage, was passiert im Körper, wenn man ein Ei ißt?

Wir wissen zu viel über die Welt, als sich in einer einfachen Wahrheit ausdrücken lässt. Wir wissen zu viel über die Welt, als sich in einer Wahrheit ausdrücken lässt.

Wenn einem jemand gegenübersteht und verkündet, dass er versteht, wie Dinge funktionieren, dann weiß man nur, dass dieser jemand entweder ein Lügner ist, oder  ein Dummkopf.

Der intelligente und verantwortungsvolle Autor ist sich um die Komplexität der Dinge bewusst und behandelt das Publikum nicht wie Idioten.

Das Land der Langeweile ist voll von Erkenntnis

Die Wege des Denkens verlaufen manchmal auf seltsamen Pfaden. Vor Jahr und Tag habe ich einen Text in einem Buch geschrieben. Ein Satz aus diesem Text wurde in einem anderen Buch zitiert, und dieser Satz erneut in einer ‘Kundenrezension’ auf Amazon, auf die ich zufälliger Weise gestoßen bin.

Daraufhin folgender Kommentar meinerseits, auf den Kommentar zum Buch mit Zitat des Zitats (oder so ähnlich):

Ich möchte mich entschuldigen, dass sich mein Kommentar nicht auf das Buch selbst bezieht, sondern auf den im vorangegangenen Kommentar zitierten Satz von Florian Thalhofer. Zufälliger Weise bin ich jener Florian Thalhofer und vielleicht interessiert sich ja jemand für die Geschichte hinter dem zitierten Satz. Denn ursprünglich habe ich geschrieben: “Die Leute sagen, sie finden Korsakow-Filme LANGWEILIG, weil sie nicht verstehen, was ihnen gesagt werden soll.“ Um das Wort “langweilig” gab es dann einige Diskussion mit den Lektoren, offenbar ist das Wort in Verbindung mit “Story” toxisch, wir einigten uns dann auf “anstrengend”.

Ich sehe Geschichten-erzählen nicht nur als Werkzeug um ein Publikum zu fesseln oder zu unterhalten, sondern auch als Werkzeug um ein besseres Verständnis von der Realität zu erlangen. Die Geschichte als Instrument ‘zu verstehen’, nicht ‘zu erklären’.

Da Geschichten nach allgemeinem Verständnis nicht ‘langweilig’ sein dürfen, nimmt man sich ganz viel von den Möglichkeiten der Erkenntnis, die in den Bereichen der langweiligen Geschichte liegen.

‘Ulysses’ von James Joyce ist sicherlich ein langweiliges Buch, nach allen Regeln der Kunst. Nichts desto Trotz wurde es in den Kanon der wichtigen Literatur aufgenommen. Ein Hinweis darauf, dass es Relevanz besitzt. Es ist also möglich, relevante Geschichten jenseits der spannenden Geschichte herzustellen. Ich sage ja nicht, dass man es tun muss. Jeder Autor, jede Autorin kann für sich entscheiden, ob er/sie spannende, fesselnde Geschichten fabrizieren will, oder den Mut aufbringt, sich in Gebiete vorzuwagen, die als ‘langweilig’ gekennzeichnet sind.

Im Bereich des ‘langweiligen’ gibt es viel zu entdecken. Im Bereich des ‘spannenden’ nicht mehr so sehr, denn dieser Bereich ist abgegrast, darin tummeln sich ja bereits die allermeisten Geschichtenerzähler.

“Die Leute verstehen nicht, was ihnen in einem Korsakow-Film gesagt werden soll.” Das ist logisch, denn ein Korsakow-Film will dem Betrachter in der Regel nichts sagen, hat keine Message. Ein Korsakow-Film will es dem Betrachter ermöglichen ‘zu sehen’ und sich selbst eine Meinung zu bilden. In dem Bewusstsein, dass diese Meinung nur eine Meinung von vielen möglichen Meinungen ist.

Ist das langweilig? Ich finde es äußerst spannend!

 

 

{ Hinweis: Einige Amazon Affiliate Links im Text }

Relevanz vs. Reichweite

Vor 20 Jahren, als ich an der der Kunsthochschule studierte, wurde mir beigebracht, nach Qualität zu streben. Doch was ist Qualität? Qualität wurde von Experten beurteilt, die ihr Wissen aus langer Erfahrung oder aus Büchern hatten. Von dem was populär war, was bei vielen ankam, sollte man sich fern halten.

Heute ist es offenbar ganz umgekehrt. Qualität ist definiert als das, was populär ist, was bei möglichst vielen, möglichst gut ankommt. Von dem, was Experten sagen, basierend auf alter Erfahrung oder Wissen aus Büchern, hält man sich heutzutage besser fern.

Wie misst man Qualität, zum Beispiel von künstlerischer oder journalistischer Arbeit? Wozu das Streben nach Qualität? Und wie ist Qualität überhaupbt definiert?

Ziel ist Relevanz und Einfluss. Je höher die Qualität, desto größer die Relevanz. Und hohe Relevanz ist Voraussetzung fürEinfluss.

Qualität wird heutzutage gerne in Popularität gemessen, in dem Glauben, größere Popularität führe zu mehr Einfluss. Doch das lässt sich mit einem einfachen Gedankenexperiment widerlegen, ein Gedankenexperiment, dass ich schon vor vielen Jahren formuliert habe, als das Fernsehen noch wichtiger war, als heute: Wenn ein Dokumentarfilmemacher einen Film macht, über einen Missstand in unserer Gesellschaft und dieser Film wird nur einem einzigen Zuschauer vorgeführt, z.B. einem Minister, der dann ein Gesetz anstößt, das diesen Missstand behebt, ist dieser Film dann erfolgreich?

“Nein!” ist die klare Antwort, wenn man den Erfolg eines Films in Zuschauerzahlen misst. Dieser angenommene Film hatte nur einen einzigen Zuschauer – den Minister. In wieweit der Film die Gesellschaft beeinflusst, in diese Richtung wird noch nicht einmal geschaut. Auf Grundlage von Zuschauerzahlen (ich habe bereits früher beschrieben, wie es kommt, dass sich die Menschen im Fernsehen so gerne von Zuschauerzahlen blenden lassen) wird die Qualität z.B. von Fernsehprogrammen evaluiert, in der Folge werden Programme dann so ausgerichtet, dass sie im Schema der Qualitätsvorgabe (= möglichst viele Zuschauer) möglichst erfolgreich sind. Mit diesem Rezept hat sich Fernsehen, wenn es darum geht, die Gesellschaft voranzubringen, über die Jahre komplett irrelevant gemacht.

Die Vermessung der Qualität in Popularitätder selbe gefährliche Unsinn – wird nun in noch viel größerem Maß im Bereich Social Media betrieben. Das ist gefährlich, denn das, was wir als Macher von Medien den Menschen zum Konsum geben, formt die Zukunft. Die Menschen, die sich mit diesem Quatsch beschäftigen, die Ihre Hirne mit diesem Quatsch formen, können nur mehr in diesen Formen denken. Das Ergebnis ist die Wahrnehmung in Extremen gepaart mit dem Glaube an die einfache Lösung. Dieses Denken führe ursächlich u.a. zur Wahl von Trump in den USA, dem Brexit, der AFD im Bundestag.

Doch noch viel mehr, als die Konsumenten, sind die Produzenten gefährdet. Die Social Media Producer. Sie üben sich tagtäglich, ihre Gedanken in die rigiden Formen von Facebook, Twitter & Co zu pressen; permanent überwacht vom unmittelbaren Belohnungs- und Bestrafungs-System der exakt vermessenen Klickzahlen und Interaktionen . So werden die talentiertesten jungen Journalisten der neuen Generation gnadenlos in das System gedrückt, ein System, das das Denken der Macher wie der User einzwängt, vermutlich ohne dass sie es merken. Denn sie kennen es nicht anders.

Die Menschen in einer Demokratie im Denken in Extremen zu schulen ist offensichtlich gefährlich. Die Gefahr ist nicht mehr abstrakt. Der oberste extreme Denker hat derzeit seinen Daumen über dem Knopf für die nukleare Auslöschung der Menschheit. Eine Vorstellung die uns alle beunruhigen sollte.

Dinge, die neu sind, die das Potential haben, der Zukunft eine andere Richtung zu geben, können im Entstehen gar nicht populär sein. Denn sie sind neu und im Moment des Entstehens gerade erst ein wenig mehr als unbekannt.

Wir brauchen diese neuen Dinge/Gedanken/Ideen. Es geht vermutlich um nicht weniger als um unser aller Überleben. Doch wir werden das Neue nicht finden, wenn wir die Qualität jeder Idee unter dem Gesichtspunkt der Popularität beurteilen. Es ist wie der Witz vom Mann, der nachts seinen verlorenen Haustürschlüssel sucht. Er kriecht auf allen Vieren unter einer Strassenlaterne. Er weiss, dass er den Schlüssel dort unmöglich verloren haben kann – doch unter der Lampe ist das Licht besser.

Das Licht – das sind die messbaren Reaktionen der Zuschauer. Die gibt es, keine Frage, sie lassen sich auch sehr gut abbilden. Doch sind die Zahlen, nur weil sie sich exakt messen lassen, deshalb auch relevant? Mit Sicherheit nicht.

The Ezra Klein / Sam Harris – Dispute – believer vs non believer

People, who talk to me regularly, might be aware  that I am an eager listener of podcasts by Sam Harris[1]. He recently found himself in the midst of a intellectual fight of words with Ezra Klein[2], who is editor-at-large of Vox. I respect them both. 

The fight started a year ago with a podcast of Sam Harris. Ezra Klein published an article[3] at VOX (written by Eric Turkheimer and Kathryn Harden and Richard Nisbett) that attacked Harris and blamed him of featuring  irresponsible racism.

I heard the original podcast, read a lot of the conversation and got regular updates on the story when Sam Harris mentioned it on his podcast.

This is a long story with a long email conversation[4], and for people interested in the work of Sam Harris it is not a good starting point. Over and over Sam Harris explains his standpoint, Ezra Klein explains his point, they even get into personal attacks. And in the end (the end at the moment) they both do a podcast, where the whole pattern repeats one more time.

Two great thinkers and analytics trapped in a vicious circle of arguments – what is going on?

Well, I listen to all podcasts of Sam Harris, so I also listened to the Sam Harris/Ezra Klein one (while cleaning the kitchen). But this time I was more than once tempted to give up and turn it off.

But then I saw the pattern. 

Let me do a huge jump from the discussion of two well known American intellectuals to a private conversation, I had at work, with a colleague about doing exercise.

I had just read an article and shared my new knowledge with her: “Sports is not equally good for all people. Scientists found, that there are even people, that do not react to exercise at all. And you can do a gene test, that predicts how your body reacts.”

“Oh”, my colleague replied, “You just say that, because you are too lazy to do sports.”

I found her comment fascinating and I did dive deeper into the conversation in the course of which she said these sentences: “I like sports and I do exercise every day. I don’t even want to believe what you are saying.[5] 

My college thought, that I said, what I said, to achieve something. She thought I said ‘scientists found, that some people do not react to exercise’ because I do not want to do exercise, myself. Which I find a reverse logic. It might well be, that I do this sometimes, so I wanted to learn more. 

Interestingly she seemed to be aware that she is practicing this technique when she said: ‘I don’t want to believe this’ because ‘I like sports’. 

In my world view you can not change or pick the facts you like, to support whatever idea you prefer, as my college seemed to do, and obviously thought, that I would do that, too[6].

This is the same pattern, as in the Harris/Klein discussion. Just on a very small scale.

The patient reader, might know small observations, seemingly unimportant, that one can’t let go. This conversation with my colleague stuck with me, and I remember it every now and then.

Two years ago I wrote in an article[7] that there are two kinds of people, the group that believes in the concept of truth and the group that is aware of the multitudes of realities. In this thought the urge to believe is a talent just like the urge to doubt. The talent might be rooted in the genes, the culture boosts one or the other.

I am certainly a person that enjoys the multitude of angles on reality and I doubt the truth, just like Sam Harris and a lot of other people. But I understand, the majority of people are talented in believing the truth. Like my colleague at work or Ezra Klein. 

The believe in truth leads to a fascinating logic: If you have found a truth, like sports is good (in the case of my colleague) or racism is a problem (in the case of Ezra Klein) all facts related to the truth need to support the truth and if they don’t, the facts have to be false. This logic in itself makes perfect sense.

Because if something is true, then all facts become arguments and the validity of which can be tested. If an arguments supports the truth it must itself be true and if an argument does not support the truth it therefor must be wrong.

This is not my logic, it is the logic of a believer.[8]

When you are aware of the multitude of arguments you get to certainties, which are in daily life almost indistinguishable from believes, the building blocks of reality for people who believe in truth. 

Just like my colleague, I agree in thinking that exercise is good. And just like Ezra Klein, Sam Harris undoubtedly also thinks that racism is a problem. 

But the difference is, that for people, that see the multitude of realities, not every piece of information has to support the certainty. In this logic it is not even rare, that facts contradict the certainty without changing it. Like when you observe a swirl in a river. It is obviously normal, that water can flow against the current, without endangering the general flow of the water. 

And I agree with Sam Harris, who warns of the dangers of ignoring facts, just because they do not support the reality/truth/certainty.

But again, Ezra Klein does not see a fact here, because the logic he uses proves the fact wrong.


[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Sam_Harris

[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Ezra_Klein

[3] https://www.vox.com/the-big-idea/2017/5/18/15655638/charles-murray-race-iq-sam-harris-science-free-speech

[4] https://samharris.org/ezra-klein-editor-chief/

[5] In German “Das will ich gar nicht glauben” – which is a common phrase used in all kind of context.

[6] Understandably, because what is normal for her is likely be normal for me.

[7] Article in German:
http://pha.de/texte/es-gibt-zwei-arten-von-menschen/

[8] I am sometimes temped to fall prey of this logic myself. I guess it is our culture that supports this way of believe.

Hyper-linear storytelling was an accident

Interview with Florian Thalhofer by Dr. Özlem Arda at Istanbul University in May 2017. Talking about linear and nonlinear film. About how humans develop reality using storytelling. Planet Galata, Korsakow and journalism.