Die Deutschen sind ein sympathisches Volk

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Die Deutschen sind verlässlich. Sie sind selbstkritisch, wenn es um die Vergangenheit geht und wollen die ganze Welt retten. Vorausgesetzt, die Welt hält sich an die Regeln. Die Deutschen lieben Regeln! Denn Regeln, so wissen die Deutschen, sind die Voraussetzung, dass alles funktioniert.

Das haben nur noch nicht alle verstanden. Andere mögen sagen, dass es schlechte Regeln gäbe, an die man sich besser nicht hielte. Doch jeder Deutsche weiß: Regeln funktionieren nur dann, wenn sich alle daran halten. Alle! Bedingungslos! Die deutsche Logik funktioniert so: wenn alle die Regeln befolgen, sind die Regeln gut.

Die Deutschen wollen die Welt retten und sie wollen sie nach deutschen Regeln retten. Denn nur so kann es funktionieren. Und wenn die Welt sich nicht retten lassen will, dann hat sie es eben nicht verdient. Die Deutschen sind dann auch nicht beleidigt, selbst wenn es so aussehen mag. Sie sind nur konsequent. Das ist eine weitere deutsche Tugend, an der es der Welt mangelt.

Europa scheitert

Gestern habe ich einen Politikberater getroffen. Wir haben über Europa gesprochen und über Griechenland. Themen, bei denen ich oft sehr emotional werde. Der Politikberater hielt einen Austritt von Griechenland aus dem Euro für wahrscheinlich. Ein Austritt Griechenlands und anschließend ein engeres Zusammenrücken der restlichen Eurozone. Das engere Zusammenrücken der Eurostaaten ist mehr als wünschenswert, weil es langfristig den Frieden in Europa sicherstellt und weil in Zukunft nicht ein einzelnes Land, sondern nur ein gemeinsames Europa die “europäischen” Werte in der Welt vertreten kann. Ich bin Fan der europäischen Werte und ich wäre zutiefst unglücklich, wenn asiatische, indische, kapitalistische oder nationalistische Werte zunehmend Einfluss auf mein, auf unser Leben hätten.

In 20 Jahren wird Deutschland auf Grund des Bevölkerungsschwundes, aufgrund der zunehmenden wirtschaftlichen Macht anderer Nationen nur noch auf Platz 8 der einflussreichsten Länder stehen. Deutschland wäre mithin nicht mehr Teil der G7, wäre nicht mehr Teil des Clubs der einflussreichsten Länder, noch wäre ein anderes Land aus Europa dabei. Die Zukunft kann also nur in einem gemeinsamen Europa liegen, wenn europäisches Denken nicht bedeutungslos werden soll.

Der Politikberater sah eine Chance, dass Kerneuropa enger zusammenrückt, nachdem Griechenland aus dem Euro getreten wurde, denn, so die Logik: es müsse dann ein eindeutiges Signal an die Märkte gesandt werden, dass so etwas nie, nie, nie wieder passiert. Sonst würden die Märkte von einem gemeinsamen Europa nicht viel übrig lassen.

Warum könne sich dann Europa nicht enger zusammentun bevor Griechenland den Euroraum verlassen muss, habe ich gefragt. 3% Griechenland mit seinen 11 Mio Einwohnern kann doch die Euro-Zone mit seinen 330 Mio Einwohnern nicht ernsthaft gefährden. “Sicherlich nicht,” antwortete der Politikberater, “doch ohne einen Austritt Griechenlands, wäre in Europa der politische Wille kaum da, ein enges, gemeinsames Europa zu schaffen. Denn nach dem Austritt MUSS alles getan werden, um Europa zu erhalten. Der Druck wäre so groß, dass die Politiker motiviert wären alles zu tun.” Wohlgemerkt, mit Griechenland in der Eurozone, wäre das Unterfangen leichter zu bewerkstelligen und es würde nicht 11 Mio Griechen ins Elend stürzen. Doch, so die Logik, es wäre politisch nicht umsetzbar, da es den Menschen nicht zu vermitteln wäre. Der eindeutig sinnvollere Weg ist den Menschen nicht zu vermitteln! Warum? Weil seit 5 Jahren Stimmung gegen die “faulen” Griechen gemacht wurde und nun den Menschen nicht mehr erklärt werden könne, dass man die Griechen nicht bestraft.

Dabei: Wenn wir den Griechen helfen würde, würden wir Europa helfen. Und wenn wir Europa helfen, helfen wir uns selbst. Ein gemeinsames Europa kann nur aus uns bestehen. Nicht aus denen und uns.

Doch der politische Wind steht ungünstig für Griechenland. Und er nötigt die Politiker, die am Steuer stehen, zu riskanten Manövern. Doch die Politiker, die jetzt am Steuer stehen, haben mitgeholfen den Wind zu machen.

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Im Fernsehen werden spannende Geschichten erzählt

In einer deutschen Fernsehsendung wird der griechische Finanzminister gefragt: Wie können sie den Stinkefinger gegen Deutschland zeigen, wo Deutschland Griechenland so viel Geld gegeben hat? Als Beweis wird ein Video eingespielt, auf dem eben jene Geste gezeigt wird. Der Griechische Finanzminister reagiert direkt: An diesem Video sei herumgedoktert worden.

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Sprecher: Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben …(kurze Einblendung: Mai 2013)
Varoufakis: Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …
Sprecher: … und steht für klare Botschaften. Besonders an Deutschland.
Varoufakis: … und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.
Dann leitete der Moderator der Sendung mit einer Frage an den griechischen Finanzminister über:
Der Moderator: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten, und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie passt das zusammen?

So werden Fernsehsendungen gemacht. Es wird zugespitzt, polarisiert, emotionalisiert. Ziel der Übung allem voran: Den Zuschauer bei der Stange zu halten, ihm eine spannende, aufregende Sendung zu bieten. Ziel erreicht, Patient tot, könnte man sagen.

Es ist wieder einmal passiert.

“Wenn man etwas verstehen will,” hat mein Vater immer gesagt, “muss man es im Extrem darstellen, dann wird es klar”. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass genau das nicht stimmt. Denn Extreme verhalten sich ganz anders als die Normalität.

Wenn man Wasser verstehen will und die Extreme betrachte: Die Extreme wären zum Beispiel extrem kalt oder extrem heiss. Extrem kaltes Wasser verändert seinen Zustand, es wird etwas anderes: Eis. Extrem heisses Wasser verändert seinen Zustand und wird Dampf. Beides ist spannend, doch beides hilft nicht, das Phänomen Wasser zu verstehen. Es lenkt sogar vom Wesentlichen ab, das Wesentliche, das Normale, verhält sich nämlich nach ganz anderen Regeln.

Geschichten funktionieren so. Sie stellen die Dinge im Extrem dar. Warum? Weil es sensationell ist, weil es spannend ist. Wer will sich denn mit dem Normalen beschäftigen? Das Normale ist vermeintlich langweilig. Wir wollen spannende, emotionale, mitreissende Geschichten hören und Extreme machen gute Geschichten.

Warum will ich Geschichten hören?

Weil ich etwas über die Welt lernen möchte. Weil ich verstehen will, wie die Welt funktioniert, wie sich die Menschen in ihr verhalten, wie ich mich sinnvollerweise in ihr verhalten soll, um ein gutes, sinnvolles, glückliches Leben zu führen. Aus diesem Grund und nur aus diesem Grund interessiere ich mich für Geschichten. Geschichten, aus denen ich nichts relevantes für mein Leben lernen kann, sind für mich Zeitverschwendung. Ich lebe – wie alle Menschen, die ich je getroffen habe – ein ganz normales Leben. Und wenn ich extreme Geschichten höre, haben sie maximal wenig mit meinem Leben zu tun.

Doch angeblich wollen wir spannende Geschichten hören. Und offensichtlich stimmt es auch. Wir sind darauf konditioniert, extreme Geschichten hören zu wollen. Hollywood hat uns trainiert. Extreme sind teuer und schwierig herzustellen. Hollywood kann sie herstellen. Das Hollywood-Rezept wird nun auch von Journalisten benutzt, um spannende Geschichten zu produzieren. Aber diese Geschichten haben so gut wie nichts mit der Realität zu tun. Sie sind Lärm und in Wahrheit – stinklangweilig.


SEHR GUTER BEITRAG ZUM THEMA STINKEFINGER BEI JAUCH:
http://pantelouris.de/2015/03/15/die-sache-mit-dem-finger-varoufakis-bei-jauch/


UPDATE:
Mein Freund M.H. hat mir als Kommentar zu meinem kleinen Text eine Email mit einem sehr spannenden Verweis geschickt:

Hier nochmal die Regel fuer Journalisten die Edmund Carpenter 1970 umgedreht hat:

“I recently came across the following rules of communication posted in a School of Journalism:

1. Know your audience and address yourself directly to it

2. Know what you want to say and say it clearly and fully

3. Reach the maximum audience by utilizing existing channels

Whatever sense this may have made in the world of print, it makes no sense today. In fact, the reverse of each rule applies.”


UPDATE 19.3.2015 (zwei Tage später…)

Wie ein Hofnarr, der dem König unverblümt sagen kann, was am Hofe über ihn gemauschelt wird, ohne zu riskeren, seinen Kopf dafür zu verlieren, sind es in unserer Zeit immer häufiger Comedients, die das unaussprechliche sagen:

“Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem „Tatort“ nochmal schön aufregen können.”

Jan Böhmermann, NEO MAGAZIN ROYALE.

JE SUIS YANIS

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Support for Greek’s finance minister Yanis Varoufakis after his excellent statements in French satirical newspaper Charlie Hebdo and embarrassing German reactions.

JE SUIS YANIS!

SUV = FAA (Fettarschauto)

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Früher bin ich Moped gefahren, heute fahre ich Motorrad. So bewege ich mich seit 20 Jahren durch Berlin. Das ist prima, weil es Spaß macht, man keinen Parkplatz suchen muss und weil man an Staus vorbeifahren kann äh konnte.

Immer öfter kommt man nämlich nicht mehr an den Autos vorbei. Zu wenig Platz gab es auch früher manchmal. Aber es ist eine Sache, wenn zwei LKWs nebeneinander stehen und man nicht durchkommt. Die LKWs beliefern vielleicht Supermärkte, transportieren Möbel oder Baumaterialien oder sonstwas. Sehe ich alles ein.

Ich möchte mich hier auch gar nicht darüber auslassen, dass es offenbar immer mehr Menschen wichtig ist, ihr Kind im vermeintlich kriegstauglichen Geländewagen in den Kindergarten zu bringen. Aber immer häufiger stehen ein neuer BMW “Mini”, neben einem neuen VW Golf oder Opel Corsa oder Citroën Supërëfficiënt. Und da es seit ein paar Jahren unter neuen Autos modern geworden ist, in die Breite zu wachsen, kommt es mit der Zeit immer häufiger vor, dass da zwei dieser modernen Fahrzeuge nebeneinander im Stau stehen und dann wird es für mich eng.

“Tja, – Pech”, habe ich gedacht. Ist ja ohnehin illegal, sich am Stau vorbeizumogeln, ausserdem wird mir mit zunehmendem Alter das Motorradfahren sowieso immer beschwerlicher. Zudem habe ich mehr Geld als früher. Ich habe reagiert. Und so transportiere ich meinen fetten Arsch nun auch in einem von diesen energieeffizienten Dingern!