Wodka

moscow_rain2

Moskau, Donnerstag, 26. Juni 2005

Ich mache mir ernsthafte Sorgen. Womoeglich werde ich Alkoholiker. Soviele Faesser Bier, die ich schon getrunken habe – Schnaps mochte ich nie. Der brannte nur. Sergei Korsakow, der Ururenkel des Arztes, der das Korsakow-Syndrom benannt hat, holt uns vom Flughafen ab. Sein Freund und Autobesitzer Anton traegt einen Anzug. Er arbeitet fuer Nestle und verkauft Wasser. Wenn sein Funktelefon klingelt muessen wir still sein. Sein Chef denkt, er sitzt im Buero. Korsakow hat Schnaps geklaut. Im Kremel. Irgendwie ist er dahin gekommen. Da gab es eine Praesentation. Wie es dazu kam, hat er erzaehlt, ich habe es vergessen. Der beste Wodka, den es gibt. Der Wodka brennt nicht. Er schmeckt ganz fein.

Leuchtschrift

Wuensdorf-Waldstadt, 7. Juni 2005

“AUS DEN WAELDERN RUND UM DIE WALDSTADT *** PROBIEREN SIE UNSERE SELBSTGENACHTE ROTE GRUETZE *** 3,20 EURO” eine rote LED-Anzeige haengt ueber der Bar. Joerg hat mich hierhergeschickt. Eine ehemalige russische Kaserne, 40km vor Berlin, riesengross und voellig verfallen und jetzt weiss keiner, was man damit anfangen soll. Betreten verboten steht auf gelben Schildern. Und es steht auch dabei, warum. Weil die Gebaeude einstuerzen und der Wald voll ist von ungesicherten Bunkeranlagen, und Munitionsresten. Ich stapfe ziellos einen Waldweg entlang. Meine Nichte Luisa hatte gestern ihren 16. Geburtstag. Verdammt, und ich habe wieder vergessen anzurufen… Ich fummle mir mein Telefon aus der Tasche. Nachdem es aufgehoert hat zu regnen ist es heiss in meinen Motorrad-Klamotten. Kein Empfang. Der Plan ist, Ostdeutschland kennenzulernen. Mit ganz normalen Menschen sprechen. Menschen, die nicht aus meiner Welt kommen. Keine Kuenstler, Musiker, Filmemacher, Studenten. Ich moechte mit Bauarbeitern reden, Verkaeufern, Apothekern, Neonazis. Ich habe unter meinen Bekannten herumgefragt, ob jemand einen normalen Menschen in Ostdeutschland kennt. Es ist schwierig. Normale Menschen sind selten.

Auto-Meditation

Manhattan, 22. Februar 2005

Barbara wohnt in Manhatten. Wer Barbara zum Freund hat, und mit ihr mal einen Kaffee trinken moechte, muss einen Termin ausmachen. Mindestens eine Woche vorher. Das ist in der City ganz normal. “I am so busy!” heisst es am Telefon.

Barbara hat ein Auto. Es parkt auf der Strasse. Zwei mal in der Woche, 8 mal im Monat, 104 mal im Jahr wird die Strasse gekehrt. An einem bestimmten Tag in der Woche, zwischen 7 und 9 Uhr, faehrt mit riesigem Getoese das Sweeping-Car vorbei. Und Barbara sitzt in der zweiten Reihe im Auto, um ihren Parkplatz nicht zu verlieren. Und nicht nur Barbara bewacht ihrern Parklplatz. “Ach, eigentlich ist es ganz nett, man kauft sich im Corner-Shop einen Kaffee, quatscht ein bissschen mit seinen Nachbarn. Oder man kann endlich mal in der Ruhe seine Zeitung lesen”.

Terror

NYC, Samstag 18. Juni 2005

Das schlimmste, was man den Menschen antun kann, ist ihnen Angst zu machen. Angst macht unfrei. Tyra wohnt in Manhatten. Sie teilt sich ihre Wohnung mit einer Freundin. 2500 Dollar Miete zahlen sie im Monat. Nach 23h geht sie nicht mehr alleine auf die Strasse.

Der L-Train faehrt im Moment nachts nur bis Lorimer Street. Dann muss man in einen Shuttle-Bus umsteigen. Es dauert zwanzig Minuten, bis der Bus endlich losfaehrt. Gestern Nacht um 2h ist mir ein junges Maedchen aufgefallen. Sie war alleine unterwegs. In der Nacht faellt jedes junge Maedchen auf. Das Maedchen ist eingestiegen und hat mit allen anderen gewartet, bis der Bus losfuhr. Sie ist Graham Street ausgestiegen. Das ist ein Stopp. Man kann die Station von Lorimer Steet aus sehen.