In den USA ist die Extreme Erzählung mit Trump gestorben. Europa hat sie noch vor sich.

Trump wird nicht US-Präsident werden. Das dies so kommen würde, darüber war ich mir zwar auch schon vor einem Jahr sicher. Und doch – wir haben Glück gehabt.

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Die Reissleinen haben gehalten.
Wenn wir Pech gehabt hätten – nicht auszumalen!
Es geht um keine Kleinigkeit: es geht darum, die vermutlich mächtigste Person auf diesem Planeten zu küren. Der Präsident der USA hat Einfluss auf die Geschicke der Dinge überall auf der Welt.

Niemand auf der Welt bestimmt die Dinge. Allein.

Die Welt in ein hyperkomplexes System. Hyperkomplexe Systeme können gar nicht von einer Stelle aus gesteuert werden. Im Prinzip kann man von jeder Stelle im System Einfluss ausüben. Doch es gibt Stellen, die im Gesamtgefüge wichtiger sind als andere. Die Position des US-Präsidenten ist zweifelsohne eine sehr bedeutende, vielleicht die wichtigste innerhalb des Gefüges.

Das erklärt, warum ein so unglaublicher Zirkus betrieben wird, um einen US-Präsidenten zu wählen. Es ist ein langwieriges Prozedere voll von Ritualen und Beschwörungen. Die Zeremonienmeister sitzen in Fernsehstudios, in Nachrichtenredaktionen hinter Schreibtischen, Politiker gehören dazu, Komödianten (die modernen Hofnarren), religiöse Führer, Prominente aller Couleur und das Wahlvolk. Die Wahl des US-Präsidenten erinnert an eine kultische Handlung, man müsste sich nicht allzu sehr wundern, wenn irgendwo auch noch ein Tier rituell geschlachtet würde.

Demokratie ist Bestandteil des Kult. Jedes einzelne Element auf seine Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, führt nicht weiter, wenn man das Ganze verstehen will. Es geht darum, einen neuen Führer zu inthronisieren. Das ist eine heikle Angelegenheit und häufig, wenn Macht von einer Person auf eine andere übertragen wird, bricht Streit aus. Das ist im Großen nicht anders als im Kleinen. Nur ist es im Großen viel, viel, viel gefährlicher.

Das System – der Zirkus – soll vor allem drei Dinge sicherstellen:

1. Es soll eine möglichst geeignete Persönlichkeit gefunden werden.

2. Es sollen ungeeignete Persönlichkeiten verhindert werden.

3. Der Prozess soll friedlich von statten gehen.

Die Wichtigkeit dieser Punkte ordnet sich in der umbekehrten Reihenfolge.

Also:

1. Friedliche Machtübergabe

2. Verrückte verhindern

3. Geeignete Person finden

1.
Wird die Machtübergabe nach der Wahl friedlich erfolgen?
Ja. Davon ist auszugehen, auch wenn Trump gerade auch an dieser Grundfeste kratzt. Es kann sein, dass Trump ein paar Rituale nicht befolgt und nicht am Telefon “My President” zu Hillary Clinton sagen wird, nachdem er die Wahl verloren hat. Möglich. Doch es wird kein Bürgerkrieg in den USA ausbrechen, oder so etwas, auch wenn es, weil der Gedanke so spektakulär ist, derzeit immer wieder gerne and die Wand gemalt wird. Die USA ist ein gefestigte Demokratie. Das kriegen die hin. Kein Zweifel!

2.
Wird ein Verrückter verhindert?
Ja. Trump ist ein Verrückter. Es bestand eine reale Gefahr, als diese völlig ungeeignete Person in Reichweite der Präsidentschaft kam. Es hat sich eine faszinierende Koalition gebildet aus den unterschiedlichsten Gruppen die alles getan haben, um Trump auf den letzten Metern zu verhindern. Ich finde es absolut unfassbar, was in den USA gerade passiert. Die Partei der Republikaner, die seit 1900 fast ⅔ der US-Präsidenten stellte, zerlegt sich gerade selbst um ihren eigenen Kandidaten zu verhindern. Jede Fiktion, die vor noch einem Jahr dieses Bild gezeichnet hätte, wäre einem lächerlich vorgekommen. Was gerade passiert ist ungeheuerlich!
Doch das beängstigende ist die Tatsache, dass ein Kandidat wie Trump überhaupt so weit kommen konnte. Dass er überhaupt in Reichweite des Amtes des US-Präsidenten kam. Das System hat fast versagt. Die Situation hätte nie so gefährlich werden dürfen, dass man die allerletzten Reissleinen ziehen muss.

3.
Wird eine geeignete Person ausgewählt?
Ja. Hillary Clinton wird als erste Frau die 45. US-Präsidentin werden. Es ist eine äußerst erfahrene, bedachte und ruhige Politikerin. Mit allen Wassern gewaschen, gebildet, die Welt bereist. Sie wird die USA, wie es schon Obama getan hat in ruhigere Fahrwasser leiten. In dieser Hinsicht hat die Welt Glück gehabt.
Von den zwei letzten Kandidaten musste einer mit allen Mitteln verhindert werden. Das heisst, der andere Kandidat wird es. Es ist Glück, dass an dieser Stelle jemand wie Hillary Clinton steht.

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Alles gut?
Nein. Die Republikanische Partei ist schwer verwundet. Es ist noch nicht abzusehen, ob sie überleben wird. Das ist, auch wenn man wenig Sympathie für die Republikanern hat, keine gute Nachricht. Wenn in einem quasi Zweiparteiensystem eine Partei weg bricht, sind die Folgen nicht absehbar. Aber zumindest droht keine unmittelbare Gefahr.

Wir in Europa haben keinen Einfluss auf die Wahl des US-Präsidenten. Warum sollen wir uns überhaupt damit beschäftigen?

Eigentlich könnte man das denken. Wir können viel über Clinton und Trump quatschen, aber beeinflussen können wir es allemal nicht. Doch: Das was in den USA gerade stattfindet, wird auch in Europa passieren. Nicht genau so, aber ähnlich. Denn alles, was in den USA gemacht wird, kommt mit ein paar Jahren Verzögerung in Europa an.

Man kann es schon sehen. Im Erfolg von Figuren wie Orban, Le Pen, Putin, Erdogan oder Bewegungen wie der Brexit-Bewegung in Großbritannien oder AFD/PEDIGA in Deutschland. Das sind keine geistigen Kinder von Donald Trump, sondern von Ronald Reagan, George W. Bush und der Tea-party Bewegung in den USA. Es gibt eine alle verbindende Gemeinsamkeit: Die Komplexität der Welt soweit zu vereinfachen bist es sich schliesslich als eine Kampf gut gegen böse, richtig oder falsch, ja oder nein darstellen lässt – “die extreme Erzählung”.

Die extreme Erzählung war in den letzten Jahrzehnten das erfolgreichste Konzept, um Stimmen einzusammeln, um als Politiker gewählt zu werden.

Auch Bill Clinton musste so sein oder sich zumindest so darstellen. Erst mit Obama hat eine Änderung begonnen. Die Demokraten in den USA haben in den vergangenen Jahren langsam angefangen, komplexere Realitäten zu beschreiben. In den USA entsteht, ganz behutsam, schon seit einigen Jahren eine neue Kultur des Erzählens und Denkens. Gleichzeitig haben die Republikaner ihr System der absoluten Geschichte immer weiter getrieben. So weit, dass sie geradezu regierungsunfähig wurden und gar nicht mehr in der Lage waren, gestaltend in die politische Entscheidungsfindung einzugreifen. Sie konnten nur noch blockieren, was sogar zu mehreren Government Shutdowns in den USA geführt hat.

Donald Trump hat dieses System der Extremen Geschichte (und des Extremen Denkens) weiter vorangetrieben und buchstäblich gegen die Wand gefahren. Das Prinzip der Extremen Geschichte, hat sich in den USA selbst erledigt. Es ist, weithin sichtbar gescheitert und daher wir sich lange Zeit kein ernsthafter US-Politiker mehr trauen, diese Mittel einzusetzen. Die extreme Geschichte ist – zumindest in den USA – tot.

Was folgt, ist die vielschichtige Erzählung. Was wir in den USA derzeit sehen ist erst der Beginn, die vielschichtige Erzählung, das vielschichtige Denken steht erst am Anfang.

Europa ist noch mitten in der Kultur des extremen Erzählers. Peak Story ist noch nicht einmal erreicht. Eine Figur wie Trump wird noch kommen.

Vielschichtiges Denken gab es auch während der dunklen Bush Jahre in den USA. Es hatten nur keine Bedeutung in der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Vielschichtiges Denken gibt es auch in Europa, viele Politiker pflegen es. Angela Merkel ist sicherlich eine vielschichtige Denkerin. Doch es gibt innerhalb der politischen Kultur, keine Kultur der vielschichtigen Erzählung. Politiker müssen vielschichtige Gedanken in einfach Geschichten “übersetzen” um zum Volk sprechen zu können. Extremes Denken muß nicht erst übersetzt werden, daher tun sich extreme Erzähler derzeit so leicht. Merkel fallen ihre Übersetzungen (“Wir schaffen das!”) ein ums andere mal auf die Füße. Daher beschränkt sie ihre Kommunikation mit dem Volk nur mehr auf ein Minimum. Die Kultur des Extremen Erzählens in Europa macht es vielschichtigen Denkern derzeit schwer, sich auszudrücken. Anders bei Obama. Obama hat gelernt, sich zu trauen vielschichtige Gedanken in Worte zu fassen. Solche Aussagen schaffen es natürlich nicht ins Fernsehen. Folgender 11 ½ Minuten Clip ist auf Youtube zu finden.

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihn gesehen habe. Ich möchte darauf hinweisen: dieser Clip wurde fast eine Million mal angesehen. Sicherlich von vielen Köpfen, die sich aktiv an der Entwicklung der Gesellschaft beteiligen.

In der Vergangenheit war es auch in Deutschland möglich, dass sich Politiker vielschichtig ausdrücken konnten. Es gab eine Kultur des vielschichtigen Erzählens – damals sogar im Fernsehen:

Eine Kultur des vielschichtigen Erzählers kommt nicht über Nacht. Sie muss über viele Jahre entwickelt werden.

Wir müssen jetzt beginnen die Kultur der vielschichtigen Erzählung zu entwickeln. Damit wir in 5 oder 10 Jahren, wenn der Europäische Trump auf der Bühne erscheint, eine Alternative haben. Damit wir nicht Gefahr laufen, ‘Pech’ zu haben und ein Trump in Europa gewählt wird.

 

UPDATE 6. Januar 2018

Michael Wolff erzählt in seinem Buch Fire And Fury von den Turbulenzen im White House. Zu Beginn des Jahres 2018 wird dieses Buch auf allen Kanälen diskutiert. Am Ende eines Interviews mit der BBC sagt er folgenden Satz:

“What we have is an event that should not have happened, and is almost inexplicable that it did happen, and the fact that it has happened, exposes the weakness of the system […]”

Ich bin elekterisiert, als ich diesen Satz höre. Er erinnert mich an meinen Post vom Oktober 2016: das System hat eine sehr gefährliche Schwäche, die wir reparieren müssen. Damals, im Oktober 2016 bin ich noch davon ausgegangen, dass Trump niemals gewählt werden und die Notbremsen greifen würden. Damit lag ich falsch. Doch die Beobachtung ist nach wie vor gültig: Das System hat gefährliche Schwächen und wir müssen uns daran machen, diese Schwächen zu beseitigen. Mein Vorschlag: Die Kultur jenseits des extremen Geschichtenerzählens stärken, damit wir immun werden gegen die Verführung durch das Spektakuläre.

Trump will be forgotten

Fasziniert vom Getöse des Augenblicks schenkt das Publikum derzeit einer Figur ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit: Donald Trump. Er ist aufregend, spektakulär und extrem Kontrovers. Und mit diesen Talenten scheitert er gerade grandios. Doch hinter dem Staub, den Trump aufwirbelt, vollzieht sich fast unbemerkt eine gewaltige Entwicklung. Doch wie oft bei tiefgreifenden Veränderungen, geht sie langsam vonstatten, so dass sie kaum wahrnehmbar ist. Wie wenn der Mond über den Himmel zieht und man mit dem Auge keine Bewegung wahrnimmt.

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Die in sich zusammenstürzende Trump-Kampagne ist aller Voraussicht nach das spektakuläre Ende eines lange bestehenden Prinzips. Mindestens seit Ronald Reagan galt das Rezept der einfachen Story, als das erfolgsversprechendste, um viele Menschen einzusammel. Es ist das Hollywoodprinzip – die Welt in Gut und Böse einzuteilen, in richtig und falsch.

Dieses Prinzip wurde über die Jahre immer weiter entwickelt, immer stärker und immer radikaler. Politiker sind erfolgreich – so heisst es – wenn sie es schaffen, gute Geschichten zu erzählen. Gute Geschichten sind spannende Geschichten, klare Geschichten, die es einfach machen, Gut und Böse zu unterscheiden und in denen am Ende das Gute gewinnet.

Die Welt in gut und böse / richtig oder falsch aufzuteilen, hat einen bedeutenden Vorteil: Es macht auch komplexe Zusammenhänge einfach verständlich. Es hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Welt funktioniert nicht nach dem Prinzip richtig oder falsch. Der Nachteil macht den Vorteil zunichte. Die gute Geschichte hat mit der Realität der komplexen Welt, nichts zu tun. Deren Einfachheit ist eine Fabrikation und führt zu falschen oder bestenfalls zufälligen Entscheidungen.

Drei Beispiele des Prinzips der einfachen Geschichte und den daraus resultierenden Entscheidungen:

USA Irak Krieg
Saddam Hussain ist das Böse, vor dem die Welt bewahrt werden muss. Diese Geschichte verfing nicht nur bei Amerikanern. George W. Bush konnte weite Teile der Welt überzeugen, ihm in einem Krieg zu folgen, der immenses Leid auslöste. Saddam Hussain wurde getötet, doch Frieden gab es nicht. Die Welt ist komplex, das Problem hat sich in ein noch größeres verwandelt.

UKBrexit
Die Europäische Union ist ein äusserst komplexes Gebilde, das über Jahrzehnte von intelligenten und visionären Köpfen erdacht wurde. In Grossbritannien haben es Politiker geschafft, die EU als eine einfache Geschichte darzustellen. So einfach, dass man darüber mit JA oder NEIN abstimmen konnte. Wohl kaum ein Bürger in Großbritannien hat sich von dieser Wahl überfordert gefühlt. Das Ergebnis der Wahl wahr annähernd 50/50 mit einem kleinen Vorteil für NEIN. Man hätte auch eine Münze werfe können.

KOLUMBIENReferendum über den Friedensvertrag
Der in jahrelangen Bemühungen ausgehandelte Friedensvertrag, der den seit über 50 Jahren währenden Guerillakrieg beenden sollte, den die Regierung und die Rebellen gegeneinander führen, wurde dem Volk zur Wahl vorgelegt.

JA oder NEIN.

Die Medien in Kolumbien haben daraufhin das getan, was Medien in den vergangenen Dekaden gelernt haben: aus einer komplizierten Geschichte eine einfache zu machen. Sie haben die Story in den Extremen erzählt.

Krieg ist eine komplexe Sache, Frieden ist es um so mehr.

Das Ergebnis der Wahl wahr annähernd 50/50 mit einem kleinen Vorteil für NEIN. Man hätte auch eine Münze werfe können.

Nach acht dunklen Jahren George W. Bush hat Obama Amerika zurück ans Licht geführt. In den USA werden wieder Visionen entwickelt, es wird ein vielschichtiges Denken gepflegt, vermutlich mehr als in irgendeinem anderen Land auf dieser Erde.

Hillary Clinton wird aller Voraussicht nach Obama nachfolgen und kann auf seinem Erbe aufbauen. Auf den ersten nicht-weißen US-Präsidenten folgt die erste Frau. Es gibt viele Gründe hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. In den USA findet seit langem eine faszinierende Entwicklung statt – das Pendel ist umgeschwungen. Mir ist dies erstmals Mitte 2015 aufgefallen: Die USA wird gerade wieder zum Land der Visionen.

Das scheint im Moment allerdings niemand so zu sehen. Alle Aufmerksamkeit gilt dem Kandidaten der Republikanischen Partei, Donald Trump. Doch was sich in Trump derzeit manifestiert, ist der vermutlich totale Zusammenbruch eines beschränkten Denkens. Reagan, Bush I, Bush II waren Präsidenten, die glaubten, die Wahrheit zu kennen. Sie haben die Welt in gut und böse aufgeteilt, sie haben mit diesem Denken Kriege begonnen, die zu noch mehr Kriegen geführt haben und sie waren sehr erfolgreich damit, ihr Publikum – die Wähler in den USA und die Lenker anderer Nationen – von ihrer Sicht zu überzeugen. Es war der Blick auf die Welt in Extremen. Hillary Clinton und sicherlich noch viel mehr Obama stehen für ein differenzierteres und facettenreiches Weltbild.

Ein vielschichtigerer Gedanke ist – so wie die Geschichten derzeit erzählt werden – viel schwieriger zu vermitteln, als eine Geschichte, die die Dinge in gut und böse, in richtig und falsch darstellen. Politiker in den USA (und auch anderswo) sind über Dekaden dann gut gefahren, wenn sich die Dinge in schwarz und weiß zu zeichnen vermochten. In den USA hatte die Tea Party Bewegung damit besonders großen Erfolg. Die Tea Party hat knackigere Geschichten formuliert, als die anderen Teilnehmer des politischen Spiels.

Es war das Erfolgsrezept der vergangenen Dekaden, die einfache Geschichte zu erzählen.

Die Welt funktioniert nicht in Extremen, die Welt funktioniert in Zwischentönen. Die Beschreibung der Welt in Extremen führt zu einem Zerrbild und macht es so gut wie unmöglich Kompromisse zu finden. Der “Kompromiss” selbst wurden von den vormals sehr erfolgreichen Erzählern der einfachen Geschichte als “Teufelswerk” gebrandmarkt – ganz im Sinne des Extremen Erzählers.

Donald Trump ist ein extremer Erzähler der Superklasse. Er vermag es Reden zu halten, in denen er ausschließlich Superlative benutzt. “Tremendous success” oder “complete failure”, dazwischen gibt es nichts. Damit findet Trump nach wie vor sein Publikum auf dem von der Tea Party bereiteten Feld.

Doch das Rezept der Erzählung in Extremen, scheitert gerade spektakulär. Trump hat den Bogen überspannt. Die Sehne des Bogens ist hoffentlich für immer zerrissen.

Trump ist ein Dinosaurier, er steht für Machismus und Unterdrückung durch den Stärkeren, unreflektiertes Denken und den Glauben an eine (seine) Wahrheit. Der Dinosaurier bäumt sich auf und brüllt. Es ist erschreckend. Doch der Drache ist tödlich verwundet. Und im Todeskampf reisst er nun die ihm nahe stehenden mit sich.

Donald Trump ist das Ende des Mainstreams der einfachen Geschichte. Wenn sich der Staub gelegt hat, wird sichtbar werden, was sich in den USA seit Jahren am Rande der Aufmerksamkeitsschwelle entwickelt: Das vielschichtige Erzählen, Denken und die Akzeptanz der multiplen Realitäten.

Trump wird nicht US-Präsident

Vorab: Trump wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Davon kann man getrost ausgehen. Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Er ist nicht geeignet.

Es ist ein langer Prozess, den jeder US-Präsidentschaftskandidat durchlaufen muss, bevor er an der Spitze des Staates steht. Das ist nicht nur in den USA so und es ist nichts neues. Führer, die Gruppen voranstehen, gibt es länger, als es Menschen gibt und jeder Anführer muss erst unter Beweis stellen, dass er oder sie geeignet ist. Dieser Prozess wird mit der Entwicklung der Menschheit komplexer und vielschichtiger. Doch er dient genau wie vor 200.000 Jahren dem Ziel, das möglichst am besten geeignete Individuum zu finden (oder zumindest unfähige zu verhindern). Das ist bei Affen so, das ist bei Amerikanern so. Früher war physische Kraft das dominante Auswahlkriterium. Amerikanische Präsidentschaftsanwärter prügeln sich offensichtlich nicht mehr mit Keulen, sie benutzen Worte. Und noch etwas hat sich geändert: Sieger ist nicht mehr, wer dem Gegner die größeren Wunden zufügt. Die Gruppe erklärt den Sieger. Der Gewinner siegt gewissermaßen nach Punkten, nicht mehr durch K.O.

Der Prozess, den alle Kandidaten durchlaufen, beginnt schon früh. Vielversprechende Menschen werden von der Gesellschaft gefördert. Sie bekommen bessere Bildung, Kontakte, Möglichkeiten und Gelegenheiten sich zu beweisen (oder zu scheitern). Sie werden an die Macht herangeführt, damit sie den Umgang mit ihr lernen können. Solche Menschen sollen eines Tages in der Lage sein, schnell und effektiv Entscheidungen zu treffen, auch Entscheidungen über Leben und Tod, Entscheidungen, die das Wohlergehen der ganzen Gruppe betreffen.

Das heutige System ist kein ideales System, das allen Individuen gleiche Ausgangsvorraussetzungen gibt – doch zumindest ist der Prozess heute offener als vor, sagen wir, 500 Jahren, wo nur Mitglieder einer sehr kleinen Kaste die Möglichkeit hatten, überhaupt am Wettbewerb teilzunehmen.

Zurück zu Trump. Wie sich derzeit deutlich zeigt, ist dieser Kandidat völlig ungeeignet. Er ist nicht gut darin Menschen um sich zu scharen – und gemeint sind hier nicht Fans sondern Mitstreiter. Diese scheint Trump als Angestellte zu sehen, die er in kurzen Abständen feuert. So hat er es sogar geschafft, weite Teile der eigenen Partei zu vertreiben. Zahlreiche hochrangige Republikaner empfehlen den Wählern gar, seine direkte Konkurrentin zu wählen. Ein unerhörter Vorgang und umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen führt, wie verhasst Hillary Clinton bei den Republikanern eigentlich ist. Donald Trumps Aussagen lassen erschaudern, sie stellen die Frage, wie diese Person als Präsident, mit großer Macht (und den Nuklear-Codes!) umgehen würde. Auch das erschreckt politische Gegner wie Parteigenossen.

Diese zwei Punkte – der Umgang mit Menschen und der Umgang mit Macht disqualifiziert Donald Trump. Wir beobachten gerade, wie alle Reißleinen gezogen werden, um diesen Präsidenten zu verhindern. Alle gestaltenden Teile der Gesellschaft (Politik, Medien, Wissenschaft, Kunst und Religion) scheinen sich zu vereinen, Trump zu verhindern. Die Republikanische Partei – die Partei Donald Trumps – unternimmt dies sogar auf die Gefahr, diesen Vorgang nicht zu überleben. Immenser Schaden an der Partei wird in Kauf genommen und man kann der GOP dafür durchaus Respekt zollen.

Donald Trump wir nicht Präsident, doch es hätte niemals soweit kommen dürfen. Dieser Kandidat hätte viel, viel früher aussortiert werden müssen. Dass er überhaupt so weit kommen konnte, zeigt deutliche Schwächen des Systems.

Die Prozesse, wie Führer ausgewählt werden, waren zu allen Zeiten fragil und in ihrer Konsequenz gefährlich. In der westlichen Welt mag man gedacht haben, derartige Gefahren wären überwunden. Doch die Schwäche des Systems, die derzeit deutlich werden, lässt bangen: Was passiert beim nächsten Mal, wenn eine solche Fehlbesetzung so weit kommt? Was ist, wenn die Reissleinen versagen? Das System muss unbedingt repariert werden. Das System bedarf einer Überarbeitung und diese wird Jahre und Jahrzehnte brauchen.

Es ist mir ein Anliegen, noch auf einen weiteren Aspekt hinzuweisen, den ich so noch nicht diskutiert gesehen habe: Was gerade passiert, ist unmenschlich dem Kandidaten gegenüber. Wenn man Trump beobachtet, seine Bilder studiert, sieht man ein Tier, dass in die Ecke gedrängt, wild um sich schlägt – unfähig zu verstehen, was ihm geschieht. Trump wird gerade von allen Seiten und mit allen Mitteln fertig gemacht. Das muss vermutlich so sein, denn Trump zu verhindern, ist gerade die wichtigste Aufgabe.

Trump wird vorgeführt, durchs globale Dorf gehetzt und alle klatschen Beifall. So sind zum Beispiel in zahlreichen Städten der USA lebensgrosse Statuen von Donald Trump aufgestellt werden, Donald Trump nackt und hässlich, die Figur mit kleinem Penis, ohne Hoden. Der Titel der Aktion: “Der Kaiser hat keine Eier”. Die Bilder von Menschen, die strahlend Selfies von sich vor der nackten Figur machen, werden von den TV-Stationen um die Welt gesendet. Das ist unmenschlich und widerlich.

Es hätte nie soweit kommen dürfen. Auch wenn Trump es selbst verursacht hat.

AMERIKA IM WANDEL

Schon vor einigen Monaten habe ich mit großem Erstaunen bemerkt, dass sich etwas ändert, in den USA. Nun finde ich ständig Hinweise, die diese Beobachtung bestätigen. Amerika ist im Wandel. Es verwandelt sich in ein Land der Zwischentöne. Diese Beobachtung steht im starken Kontrast steht zu dem, was man allgemeinen über die Vereinigte Staaten denkt, denn die letzten Jahrzehnte waren anders geprägt: Amerika galt alls das Land der Extreme.

Der Präsidentschaftswahlkampf, der gerade in den USA um die Nachfolge von Barack Obama stattfindet, wird hierzulande vor allem mit einem Namen in verbunden: Donald Trump. Für Europäer die Bestätigung ihres Klischees vom weißen Amerikaner: ungehobelt, dumm, arrogant, ein Mann der die ganz einfachen Lösungen fordert, ohne sich Gedanken zu machen, über die Schäden, die sie unweigerlich anrichten würden. Trump ist spektakulär. Und weil die Medien nach spektakulärem schnappen, wie der Hund nach dem Stück Wurst vor der Nase, richtet sich so gut wie alle Aufmerksamkeit auf ihn. Wer in Deutschland Nachrichten schaut, könnte meinen, alles dreht sich bei der Präsidentschaftswahl um Donald Trump: Das ist nicht wahr, Donald Trump ist ein Clown und die Tatsache, dass solch ein Clown als der attraktivste Kandidat der Republikanischen Partei wahrgenommen wird, sagt wenig über die Lage in den USA, aber viel über die Lage der Republikaner. Und es sagt viel über die Unfähigkeit der heutigen Medien, Zwischentöne zu transportieren.

Wenn in den USA ernsthaft über Politik gesprochen wird, wird Trump zwar erwähnt, aber lediglich als Kuriosum, bevor man sich schnell wieder den wichtigen Themen zuwendet: Das Problem mit der unerträglichen Ungerechtigkeit der Verteilung des Wohlstands, dem Scheitern der Drogenpolitik und damit verbunden, das Problem der Masseneinkerkerung amerikanischer Bürger (“mass incarceration”), Migration, Energiepolitik, Waffengewalt, die Situation der Schwarzen in den USA.

Obama hat Großes geleistet. Er hat das Feld vorbereitet, für die Diskussionen, die heute in den USA geführt werden. Für die Art, *wie* man heute miteinander redet. Man muss sich vor Augen halten, wie die Situation vor 8 Jahren war, nach Bush. Man muss sich vor Augen halten, welchen unglaublichen Widerständen sich Obama gegenüber sah. Dem Nachfolger Barack Obamas, sei es Hillary Clinton oder sogar Bernie Sanders werden Entscheidungen möglich sein, die vor 8 Jahren noch nicht einmal im Bereich des denkbaren waren.

Wie sich zum Beispiel die Kandidaten beider Parteien zum Thema Drogen äußern ist bemerkenswert: Selbst der republikanische Kandidat Ted Cruz berichtet von seiner Crack-abhängigen Schwester, wie man sie und andere als Opfer einer Epidemie betrachten muss und nicht als Kriminelle, die bestraft werden müssen. Ja, kluge Leute haben das schon vor 15 Jahren gesagt. Aber in den USA nicht öffentlich. Und ein konservativer Kandidat hätte vermutlich nicht einmal in einer privaten Konversation gewagt, einen derartigen Gedanken zu äußern. Er hätte vermutlich nicht einmal gewagt, einen solchen Gedanken zu denken.

Die Stimmung ändert sich und das gibt Menschen die Freiheit, sich öffentlich zu Themen zu äußern, die ihnen schon lange auf der Seele brennen. Es ist wie ein Damm in dem sich viele bisher unsagbare Erkenntnisse aufgestaut haben. Dieser Damm bekommt Risse und bald wird er brechen.

Auch wenn man es in Europa nicht sehen mag, die USA sind bei vielen Themen bereits viel weiter als Europa: Zum Beispiel: Same Sex Marriage (für das es im deutschen noch nicht einmal einen nicht abwertenden Begriff gibt). Eine Firma wie Tesla, die an visionären Lösungen für Probleme unserer Zeit arbeitet, ist in den USA entstanden. Solches Denken gibt es nirgendwo in Europa. Nirgendwo anders in der Welt.

Das Pendel in den USA ist schon lange umgeschwungen. Es bewegt sich bereits mit großer Kraft in Richtung des visionärer Denkens. Selbst wenn wider Erwarten ein republikanischer Kandidat der nächste Präsident der USA wird, er wird diese Bewegung nicht aufhalten können. Er könnte sie lediglich verlangsamen. Das Pendel wir noch viele Jahre weiter schwingen, es ist noch lange nicht am Scheitelpunkt.

PIEP – wie wir alles kopieren, was man sich in den USA so ausdenkt

Das schlimmste an New York ist das Piepen der Lastwagen, wenn sie rückwärts fahren. Es ist ein Warnsignal, das Menschen (und Hunde, nehme ich an) verscheuchen soll, wenn tonnenschwere Maschinen, wie (LKWs, Bagger oder andere Baufahrzeuge) zurückfahren. Es soll wohl verhindern, dass Menschen oder Hunde versehentlich zerquetscht werden, weil es, wie ich annehme, für den Fahrer schwierig ist zu sehen, was hinter dem Fahrzeug vorbeigeht und ab und an müssen sie ja rückwärts fahren. Mir ist dieses Piepen vor 15 Jahren in Amerika aufgefallen und ich fand es schrecklich. Denn es erschreckt nicht nur Hunde und Menschen hinter Lastwagen, sondern Hunde und Menschen. Und weil es hinter Lastwagen und Baufahrzeugen aufgrund des natürlichen Lärms, den Lastwagen und Baufahrzeuge absondern, ohnehin furchtbar laut ist, hat man sich entschlossen, das Warnsignal in Form eines hohen und durchdringenden Tons zu gestalten, der sich gut vom tiefen Motorengeräusch abhebt. Ähnlich, wie der Ton eines digitalen Weckers, dessen piepen auch noch drei Wohnungen weiter zu hören ist, weil er scheinbar mühelos Wände durchdringt. Die Analogie mit dem Wecker bietet sich auch deshalb an, da Baufahrzeuge und Lastwagen ebenfalls oft am frühen Morgen aktiv werden. Doch während ein Lastwagen, der in 500 Metern Entfernung fröhlich vorbeibrummt, dem Schlaf eher förderlich ist, ist ein Bagger, der in 1000 Metern rückwärts piept, das Ende aller Träume.

Die Amerikaner sind verrückt, habe ich gedacht und New York den Rücken gekehrt. Doch wie alles, was in Amerika erfunden wird, kam auch das Piepen 10 Jahre später nach Europa. Vor etwa 5 Jahren ist es mir das erste mal aufgefallen.

Ich schreibe diese Zeilen in Berlin, es ist 6:30 Uhr, ich muss heute nicht etwa früh arbeiten. In ungefähr zwei Kilometern Entfernung ist eine Baustelle und Bagger, fahren offenbar genauso oft vorwärts wie rückwärts. Ich frage mich, wie viele Menschenleben gerettet wurden, weil das Piepen schreckliche Unfälle verhindert hat. Ich frage mich, wie viele Menschen schon vom Piepen in den Wahnsinn getrieben wurden. Ich frage mich, ob ich Europa verlassen soll.