Wer die spannende Geschichte liebt, muss sich freuen: Es bleibt aufregend.

Gewonnen hat Donald Trump, der Meister des Extremen Erzählers. Verloren hat Hillary Clinton, die es nicht geschafft hat, überzeugend vielschichtigere Realitäten zu vermitteln.

Trump hat es ganz im Sinne der extremen Geschichte verstanden, die wenigen schwachen Stellen Hillary Clintons maximal zu vergrössern. Die Geschichte um den privaten Email-Server, für den sich Clinton vermutlich aus technischer Bequemlichkeit entschieden hatte, konnte Trump durch unablässige Wiederholung aufblasen und Fantasien von einem durch und durch Korrupten System wuchern zu lassen.

Trump konzentrierte sich auf wenige Punkte, er drosch immer wieder darauf ein.

Clinton hatte es da schwerer. Trump hat so viele Schwachstellen, jede einzelne viel gewichtiger als ein privater Email-Server. Doch zahllose Abgründe nebeneinander, sehen aus der Perspektive eines Satelliten weniger spektakulärer aus, als eine Pfütze, wenn man sie sich aus einer handbreit Entfernung anschaut.

Trump sieht die Welt aus einer handbreit Entfernung, Clinton aus Satellitenperspektive. Daher wäre Clinton so geeignet gewesen Entscheidungen für die Welt zu treffen – die Welt im Blick. Doch sie hat es – im Gegensatz zu Donald Trump – nicht geschafft, ihren Blick überzeugend zu kommunizieren.

Das Publikum ist seit Jahrzehnten trainiert, die spektakuläre, aufregende, emotionale Geschichte zu geniessen.

Das haben die Strategen im Clinton Team sicherlich auch erkannt, aufgeschreckt von Trumps Erfolgen. Ungefähr nach der ersten Fernsehdebatte scheint Clinton das Vertrauen in die vielschichtige Narration verloren zu haben und hat mehr und mehr auf die Methode Trump gesetzt: Den Gegner als Teufel darzustellen – no matter what.

Doch um die Extreme Geschichte zu erzählen, musste Clinton sich verstellen. Trump ist immer er selbst geblieben – er ist der wahre Meisten der Extremen Erzählung.


Ich bitte meine Worte mit Vorsicht zu verstehen. Ich bin in meiner Einschätzung, was die Chancen Trumps betrifft, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, völlig daneben gelegen.

– Wie so viele, die die Welt durch Denken verstehen wollen.

Vielleicht liege ich falsch. Vielleicht wird die Extreme Geschichte nicht mit Trump gestorben sein.

Wenn Trump nicht fulminant verliert – und danach sieht es noch immer aus – könnte das Trump-Prinzip Politikern der Zukunft als Blaupause dienen. Der Gedanke funktioniert ungefähr so: Trump hätte Clinton besiegt, wenn er nicht zahlreiche Anfängerfehler gemacht hätte. Ein zukünftiger Kandidat wie Trump, der sich jedoch nicht zwanghaft in jedes Rampenlicht stellen muss – gerade dann, wenn es seine Unzulänglichkeiten beleuchtet – würde mit Extremem Geschichtenerzählen Millionen mehr Menschen für sich einnehmen können.

In vorangegangenen Artikeln habe ich immer wieder beschrieben, wie sich beobachten lässt, dass sich in den USA seit einigen Jahren ein alternatives System zum Prinzip der Extremen Geschichte entwickelt und meine These ist, dass dieses System nun soweit ist das Narrative Mainstream System der Extremen Story abzulösen.

Doch vielleicht ist meine These falsch.

Hillary Clinton bekämpft Donald Trump, mit zunehmender Nähe zum Wahltag immer mehr, mit seinen eigenen Waffen. Donald Trump wird von ihr und ihrer Kampagne als das Böse schlechthin dargestellt, als Bully, Zyniker, Menschenverächter. Vielleicht hat sie recht, oder vielleicht muss sie das tun, vielleicht wäre es zu gefährlich das Prinzip der differenzierten Geschichte hier anzuwenden.

Nicht nur Hillary Clinton wendet das Prinzip der Differenzierten Erzählung nicht mehr an. Ich beobachte, dass NPR – National Public Radio – und Vorreiter der Entwicklung der Tools der Multiplen Narration auch in eine extreme Erzählweise zurückfällt. NPR ist im Panikmodus, man erzählt dort wieder so, wie man es vor 5 Jahren getan hat. Das gilt fürs Radio, weniger spürbar bei den Podcasts – This American Life – wohl der Vorreiter der vielschichtigen Erzählung vertraut weiter auf seine Werkzeuge.

Trump muss verhindert werden und um dieses Ziel zu erreichen bedient man sich nun wieder der Tools der Extremen Erzählung.

Doch der Feind ist nicht Donald Trump. Der Feind ist die Extreme Erzählung. Wenn man sich in einer Gefahrensituation des Feindes bedient, wird man ihn nie los.

Diese Wahl hat mich gefangen genommen, wie es Freunde manchmal von spannenden Serien beschreiben. Clinton vs Trump benutzt den narrativen Werkzeugkasten der Hollywood-Geschichte, drückt alle Knöpfe: Es ist ein Kampf gut gegen Böse, es wird eine Entscheidungsschlacht geben, es droht Armageddon.

Ständig gibt es unerwartete Wendungen, die Spannung wird stetig erhöht. Entertainment pur. Es ist nicht auszuhalten. Ich bin so froh, wenn diese Wahl vorbei ist.

In den USA ist die Extreme Erzählung mit Trump gestorben. Europa hat sie noch vor sich.

Trump wird nicht US-Präsident werden. Das dies so kommen würde, darüber war ich mir zwar auch schon vor einem Jahr sicher. Und doch – wir haben Glück gehabt.

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Die Reissleinen haben gehalten.
Wenn wir Pech gehabt hätten – nicht auszumalen!
Es geht um keine Kleinigkeit: es geht darum, die vermutlich mächtigste Person auf diesem Planeten zu küren. Der Präsident der USA hat Einfluss auf die Geschicke der Dinge überall auf der Welt.

Niemand auf der Welt bestimmt die Dinge. Allein.

Die Welt in ein hyperkomplexes System. Hyperkomplexe Systeme können gar nicht von einer Stelle aus gesteuert werden. Im Prinzip kann man von jeder Stelle im System Einfluss ausüben. Doch es gibt Stellen, die im Gesamtgefüge wichtiger sind als andere. Die Position des US-Präsidenten ist zweifelsohne eine sehr bedeutende, vielleicht die wichtigste innerhalb des Gefüges.

Das erklärt, warum ein so unglaublicher Zirkus betrieben wird, um einen US-Präsidenten zu wählen. Es ist ein langwieriges Prozedere voll von Ritualen und Beschwörungen. Die Zeremonienmeister sitzen in Fernsehstudios, in Nachrichtenredaktionen hinter Schreibtischen, Politiker gehören dazu, Komödianten (die modernen Hofnarren), religiöse Führer, Prominente aller Couleur und das Wahlvolk. Die Wahl des US-Präsidenten erinnert an eine kultische Handlung, man müsste sich nicht allzu sehr wundern, wenn irgendwo auch noch ein Tier rituell geschlachtet würde.

Demokratie ist Bestandteil des Kult. Jedes einzelne Element auf seine Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, führt nicht weiter, wenn man das Ganze verstehen will. Es geht darum, einen neuen Führer zu inthronisieren. Das ist eine heikle Angelegenheit und häufig, wenn Macht von einer Person auf eine andere übertragen wird, bricht Streit aus. Das ist im Großen nicht anders als im Kleinen. Nur ist es im Großen viel, viel, viel gefährlicher.

Das System – der Zirkus – soll vor allem drei Dinge sicherstellen:

1. Es soll eine möglichst geeignete Persönlichkeit gefunden werden.

2. Es sollen ungeeignete Persönlichkeiten verhindert werden.

3. Der Prozess soll friedlich von statten gehen.

Die Wichtigkeit dieser Punkte ordnet sich in der umbekehrten Reihenfolge.

Also:

1. Friedliche Machtübergabe

2. Verrückte verhindern

3. Geeignete Person finden

1.
Wird die Machtübergabe nach der Wahl friedlich erfolgen?
Ja. Davon ist auszugehen, auch wenn Trump gerade auch an dieser Grundfeste kratzt. Es kann sein, dass Trump ein paar Rituale nicht befolgt und nicht am Telefon “My President” zu Hillary Clinton sagen wird, nachdem er die Wahl verloren hat. Möglich. Doch es wird kein Bürgerkrieg in den USA ausbrechen, oder so etwas, auch wenn es, weil der Gedanke so spektakulär ist, derzeit immer wieder gerne and die Wand gemalt wird. Die USA ist ein gefestigte Demokratie. Das kriegen die hin. Kein Zweifel!

2.
Wird ein Verrückter verhindert?
Ja. Trump ist ein Verrückter. Es bestand eine reale Gefahr, als diese völlig ungeeignete Person in Reichweite der Präsidentschaft kam. Es hat sich eine faszinierende Koalition gebildet aus den unterschiedlichsten Gruppen die alles getan haben, um Trump auf den letzten Metern zu verhindern. Ich finde es absolut unfassbar, was in den USA gerade passiert. Die Partei der Republikaner, die seit 1900 fast ⅔ der US-Präsidenten stellte, zerlegt sich gerade selbst um ihren eigenen Kandidaten zu verhindern. Jede Fiktion, die vor noch einem Jahr dieses Bild gezeichnet hätte, wäre einem lächerlich vorgekommen. Was gerade passiert ist ungeheuerlich!
Doch das beängstigende ist die Tatsache, dass ein Kandidat wie Trump überhaupt so weit kommen konnte. Dass er überhaupt in Reichweite des Amtes des US-Präsidenten kam. Das System hat fast versagt. Die Situation hätte nie so gefährlich werden dürfen, dass man die allerletzten Reissleinen ziehen muss.

3.
Wird eine geeignete Person ausgewählt?
Ja. Hillary Clinton wird als erste Frau die 45. US-Präsidentin werden. Es ist eine äußerst erfahrene, bedachte und ruhige Politikerin. Mit allen Wassern gewaschen, gebildet, die Welt bereist. Sie wird die USA, wie es schon Obama getan hat in ruhigere Fahrwasser leiten. In dieser Hinsicht hat die Welt Glück gehabt.
Von den zwei letzten Kandidaten musste einer mit allen Mitteln verhindert werden. Das heisst, der andere Kandidat wird es. Es ist Glück, dass an dieser Stelle jemand wie Hillary Clinton steht.

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Alles gut?
Nein. Die Republikanische Partei ist schwer verwundet. Es ist noch nicht abzusehen, ob sie überleben wird. Das ist, auch wenn man wenig Sympathie für die Republikanern hat, keine gute Nachricht. Wenn in einem quasi Zweiparteiensystem eine Partei weg bricht, sind die Folgen nicht absehbar. Aber zumindest droht keine unmittelbare Gefahr.

Wir in Europa haben keinen Einfluss auf die Wahl des US-Präsidenten. Warum sollen wir uns überhaupt damit beschäftigen?

Eigentlich könnte man das denken. Wir können viel über Clinton und Trump quatschen, aber beeinflussen können wir es allemal nicht. Doch: Das was in den USA gerade stattfindet, wird auch in Europa passieren. Nicht genau so, aber ähnlich. Denn alles, was in den USA gemacht wird, kommt mit ein paar Jahren Verzögerung in Europa an.

Man kann es schon sehen. Im Erfolg von Figuren wie Orban, Le Pen, Putin, Erdogan oder Bewegungen wie der Brexit-Bewegung in Großbritannien oder AFD/PEDIGA in Deutschland. Das sind keine geistigen Kinder von Donald Trump, sondern von Ronald Reagan, George W. Bush und der Tea-party Bewegung in den USA. Es gibt eine alle verbindende Gemeinsamkeit: Die Komplexität der Welt soweit zu vereinfachen bist es sich schliesslich als eine Kampf gut gegen böse, richtig oder falsch, ja oder nein darstellen lässt – “die extreme Erzählung”.

Die extreme Erzählung war in den letzten Jahrzehnten das erfolgreichste Konzept, um Stimmen einzusammeln, um als Politiker gewählt zu werden.

Auch Bill Clinton musste so sein oder sich zumindest so darstellen. Erst mit Obama hat eine Änderung begonnen. Die Demokraten in den USA haben in den vergangenen Jahren langsam angefangen, komplexere Realitäten zu beschreiben. In den USA entsteht, ganz behutsam, schon seit einigen Jahren eine neue Kultur des Erzählens und Denkens. Gleichzeitig haben die Republikaner ihr System der absoluten Geschichte immer weiter getrieben. So weit, dass sie geradezu regierungsunfähig wurden und gar nicht mehr in der Lage waren, gestaltend in die politische Entscheidungsfindung einzugreifen. Sie konnten nur noch blockieren, was sogar zu mehreren Government Shutdowns in den USA geführt hat.

Donald Trump hat dieses System der Extremen Geschichte (und des Extremen Denkens) weiter vorangetrieben und buchstäblich gegen die Wand gefahren. Das Prinzip der Extremen Geschichte, hat sich in den USA selbst erledigt. Es ist, weithin sichtbar gescheitert und daher wir sich lange Zeit kein ernsthafter US-Politiker mehr trauen, diese Mittel einzusetzen. Die extreme Geschichte ist – zumindest in den USA – tot.

Was folgt, ist die vielschichtige Erzählung. Was wir in den USA derzeit sehen ist erst der Beginn, die vielschichtige Erzählung, das vielschichtige Denken steht erst am Anfang.

Europa ist noch mitten in der Kultur des extremen Erzählers. Peak Story ist noch nicht einmal erreicht. Eine Figur wie Trump wird noch kommen.

Vielschichtiges Denken gab es auch während der dunklen Bush Jahre in den USA. Es hatten nur keine Bedeutung in der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Vielschichtiges Denken gibt es auch in Europa, viele Politiker pflegen es. Angela Merkel ist sicherlich eine vielschichtige Denkerin. Doch es gibt innerhalb der politischen Kultur, keine Kultur der vielschichtigen Erzählung. Politiker müssen vielschichtige Gedanken in einfach Geschichten “übersetzen” um zum Volk sprechen zu können. Extremes Denken muß nicht erst übersetzt werden, daher tun sich extreme Erzähler derzeit so leicht. Merkel fallen ihre Übersetzungen (“Wir schaffen das!”) ein ums andere mal auf die Füße. Daher beschränkt sie ihre Kommunikation mit dem Volk nur mehr auf ein Minimum. Die Kultur des Extremen Erzählens in Europa macht es vielschichtigen Denkern derzeit schwer, sich auszudrücken. Anders bei Obama. Obama hat gelernt, sich zu trauen vielschichtige Gedanken in Worte zu fassen. Solche Aussagen schaffen es natürlich nicht ins Fernsehen. Folgender 11 ½ Minuten Clip ist auf Youtube zu finden.

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihn gesehen habe. Ich möchte darauf hinweisen: dieser Clip wurde fast eine Million mal angesehen. Sicherlich von vielen Köpfen, die sich aktiv an der Entwicklung der Gesellschaft beteiligen.

In der Vergangenheit war es auch in Deutschland möglich, dass sich Politiker vielschichtig ausdrücken konnten. Es gab eine Kultur des vielschichtigen Erzählens – damals sogar im Fernsehen:

Eine Kultur des vielschichtigen Erzählers kommt nicht über Nacht. Sie muss über viele Jahre entwickelt werden.

Wir müssen jetzt beginnen die Kultur der vielschichtigen Erzählung zu entwickeln. Damit wir in 5 oder 10 Jahren, wenn der Europäische Trump auf der Bühne erscheint, eine Alternative haben. Damit wir nicht Gefahr laufen, ‘Pech’ zu haben und ein Trump in Europa gewählt wird.

Trump will be forgotten

Fasziniert vom Getöse des Augenblicks schenkt das Publikum derzeit einer Figur ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit: Donald Trump. Er ist aufregend, spektakulär und extrem Kontrovers. Und mit diesen Talenten scheitert er gerade grandios. Doch hinter dem Staub, den Trump aufwirbelt, vollzieht sich fast unbemerkt eine gewaltige Entwicklung. Doch wie oft bei tiefgreifenden Veränderungen, geht sie langsam vonstatten, so dass sie kaum wahrnehmbar ist. Wie wenn der Mond über den Himmel zieht und man mit dem Auge keine Bewegung wahrnimmt.

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Die in sich zusammenstürzende Trump-Kampagne ist aller Voraussicht nach das spektakuläre Ende eines lange bestehenden Prinzips. Mindestens seit Ronald Reagan galt das Rezept der einfachen Story, als das erfolgsversprechendste, um viele Menschen einzusammel. Es ist das Hollywoodprinzip – die Welt in Gut und Böse einzuteilen, in richtig und falsch.

Dieses Prinzip wurde über die Jahre immer weiter entwickelt, immer stärker und immer radikaler. Politiker sind erfolgreich – so heisst es – wenn sie es schaffen, gute Geschichten zu erzählen. Gute Geschichten sind spannende Geschichten, klare Geschichten, die es einfach machen, Gut und Böse zu unterscheiden und in denen am Ende das Gute gewinnet.

Die Welt in gut und böse / richtig oder falsch aufzuteilen, hat einen bedeutenden Vorteil: Es macht auch komplexe Zusammenhänge einfach verständlich. Es hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Welt funktioniert nicht nach dem Prinzip richtig oder falsch. Der Nachteil macht den Vorteil zunichte. Die gute Geschichte hat mit der Realität der komplexen Welt, nichts zu tun. Deren Einfachheit ist eine Fabrikation und führt zu falschen oder bestenfalls zufälligen Entscheidungen.

Drei Beispiele des Prinzips der einfachen Geschichte und den daraus resultierenden Entscheidungen:

USA Irak Krieg
Saddam Hussain ist das Böse, vor dem die Welt bewahrt werden muss. Diese Geschichte verfing nicht nur bei Amerikanern. George W. Bush konnte weite Teile der Welt überzeugen, ihm in einem Krieg zu folgen, der immenses Leid auslöste. Saddam Hussain wurde getötet, doch Frieden gab es nicht. Die Welt ist komplex, das Problem hat sich in ein noch größeres verwandelt.

UKBrexit
Die Europäische Union ist ein äusserst komplexes Gebilde, das über Jahrzehnte von intelligenten und visionären Köpfen erdacht wurde. In Grossbritannien haben es Politiker geschafft, die EU als eine einfache Geschichte darzustellen. So einfach, dass man darüber mit JA oder NEIN abstimmen konnte. Wohl kaum ein Bürger in Großbritannien hat sich von dieser Wahl überfordert gefühlt. Das Ergebnis der Wahl wahr annähernd 50/50 mit einem kleinen Vorteil für NEIN. Man hätte auch eine Münze werfe können.

KOLUMBIENReferendum über den Friedensvertrag
Der in jahrelangen Bemühungen ausgehandelte Friedensvertrag, der den seit über 50 Jahren währenden Guerillakrieg beenden sollte, den die Regierung und die Rebellen gegeneinander führen, wurde dem Volk zur Wahl vorgelegt.

JA oder NEIN.

Die Medien in Kolumbien haben daraufhin das getan, was Medien in den vergangenen Dekaden gelernt haben: aus einer komplizierten Geschichte eine einfache zu machen. Sie haben die Story in den Extremen erzählt.

Krieg ist eine komplexe Sache, Frieden ist es um so mehr.

Das Ergebnis der Wahl wahr annähernd 50/50 mit einem kleinen Vorteil für NEIN. Man hätte auch eine Münze werfe können.

Nach acht dunklen Jahren George W. Bush hat Obama Amerika zurück ans Licht geführt. In den USA werden wieder Visionen entwickelt, es wird ein vielschichtiges Denken gepflegt, vermutlich mehr als in irgendeinem anderen Land auf dieser Erde.

Hillary Clinton wird aller Voraussicht nach Obama nachfolgen und kann auf seinem Erbe aufbauen. Auf den ersten nicht-weißen US-Präsidenten folgt die erste Frau. Es gibt viele Gründe hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken. In den USA findet seit langem eine faszinierende Entwicklung statt – das Pendel ist umgeschwungen. Mir ist dies erstmals Mitte 2015 aufgefallen: Die USA wird gerade wieder zum Land der Visionen.

Das scheint im Moment allerdings niemand so zu sehen. Alle Aufmerksamkeit gilt dem Kandidaten der Republikanischen Partei, Donald Trump. Doch was sich in Trump derzeit manifestiert, ist der vermutlich totale Zusammenbruch eines beschränkten Denkens. Reagan, Bush I, Bush II waren Präsidenten, die glaubten, die Wahrheit zu kennen. Sie haben die Welt in gut und böse aufgeteilt, sie haben mit diesem Denken Kriege begonnen, die zu noch mehr Kriegen geführt haben und sie waren sehr erfolgreich damit, ihr Publikum – die Wähler in den USA und die Lenker anderer Nationen – von ihrer Sicht zu überzeugen. Es war der Blick auf die Welt in Extremen. Hillary Clinton und sicherlich noch viel mehr Obama stehen für ein differenzierteres und facettenreiches Weltbild.

Ein vielschichtigerer Gedanke ist – so wie die Geschichten derzeit erzählt werden – viel schwieriger zu vermitteln, als eine Geschichte, die die Dinge in gut und böse, in richtig und falsch darstellen. Politiker in den USA (und auch anderswo) sind über Dekaden dann gut gefahren, wenn sich die Dinge in schwarz und weiß zu zeichnen vermochten. In den USA hatte die Tea Party Bewegung damit besonders großen Erfolg. Die Tea Party hat knackigere Geschichten formuliert, als die anderen Teilnehmer des politischen Spiels.

Es war das Erfolgsrezept der vergangenen Dekaden, die einfache Geschichte zu erzählen.

Die Welt funktioniert nicht in Extremen, die Welt funktioniert in Zwischentönen. Die Beschreibung der Welt in Extremen führt zu einem Zerrbild und macht es so gut wie unmöglich Kompromisse zu finden. Der “Kompromiss” selbst wurden von den vormals sehr erfolgreichen Erzählern der einfachen Geschichte als “Teufelswerk” gebrandmarkt – ganz im Sinne des Extremen Erzählers.

Donald Trump ist ein extremer Erzähler der Superklasse. Er vermag es Reden zu halten, in denen er ausschließlich Superlative benutzt. “Tremendous success” oder “complete failure”, dazwischen gibt es nichts. Damit findet Trump nach wie vor sein Publikum auf dem von der Tea Party bereiteten Feld.

Doch das Rezept der Erzählung in Extremen, scheitert gerade spektakulär. Trump hat den Bogen überspannt. Die Sehne des Bogens ist hoffentlich für immer zerrissen.

Trump ist ein Dinosaurier, er steht für Machismus und Unterdrückung durch den Stärkeren, unreflektiertes Denken und den Glauben an eine (seine) Wahrheit. Der Dinosaurier bäumt sich auf und brüllt. Es ist erschreckend. Doch der Drache ist tödlich verwundet. Und im Todeskampf reisst er nun die ihm nahe stehenden mit sich.

Donald Trump ist das Ende des Mainstreams der einfachen Geschichte. Wenn sich der Staub gelegt hat, wird sichtbar werden, was sich in den USA seit Jahren am Rande der Aufmerksamkeitsschwelle entwickelt: Das vielschichtige Erzählen, Denken und die Akzeptanz der multiplen Realitäten.

Trump wird nicht US-Präsident

Vorab: Trump wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Davon kann man getrost ausgehen. Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Er ist nicht geeignet.

Es ist ein langer Prozess, den jeder US-Präsidentschaftskandidat durchlaufen muss, bevor er an der Spitze des Staates steht. Das ist nicht nur in den USA so und es ist nichts neues. Führer, die Gruppen voranstehen, gibt es länger, als es Menschen gibt und jeder Anführer muss erst unter Beweis stellen, dass er oder sie geeignet ist. Dieser Prozess wird mit der Entwicklung der Menschheit komplexer und vielschichtiger. Doch er dient genau wie vor 200.000 Jahren dem Ziel, das möglichst am besten geeignete Individuum zu finden (oder zumindest unfähige zu verhindern). Das ist bei Affen so, das ist bei Amerikanern so. Früher war physische Kraft das dominante Auswahlkriterium. Amerikanische Präsidentschaftsanwärter prügeln sich offensichtlich nicht mehr mit Keulen, sie benutzen Worte. Und noch etwas hat sich geändert: Sieger ist nicht mehr, wer dem Gegner die größeren Wunden zufügt. Die Gruppe erklärt den Sieger. Der Gewinner siegt gewissermaßen nach Punkten, nicht mehr durch K.O.

Der Prozess, den alle Kandidaten durchlaufen, beginnt schon früh. Vielversprechende Menschen werden von der Gesellschaft gefördert. Sie bekommen bessere Bildung, Kontakte, Möglichkeiten und Gelegenheiten sich zu beweisen (oder zu scheitern). Sie werden an die Macht herangeführt, damit sie den Umgang mit ihr lernen können. Solche Menschen sollen eines Tages in der Lage sein, schnell und effektiv Entscheidungen zu treffen, auch Entscheidungen über Leben und Tod, Entscheidungen, die das Wohlergehen der ganzen Gruppe betreffen.

Das heutige System ist kein ideales System, das allen Individuen gleiche Ausgangsvorraussetzungen gibt – doch zumindest ist der Prozess heute offener als vor, sagen wir, 500 Jahren, wo nur Mitglieder einer sehr kleinen Kaste die Möglichkeit hatten, überhaupt am Wettbewerb teilzunehmen.

Zurück zu Trump. Wie sich derzeit deutlich zeigt, ist dieser Kandidat völlig ungeeignet. Er ist nicht gut darin Menschen um sich zu scharen – und gemeint sind hier nicht Fans sondern Mitstreiter. Diese scheint Trump als Angestellte zu sehen, die er in kurzen Abständen feuert. So hat er es sogar geschafft, weite Teile der eigenen Partei zu vertreiben. Zahlreiche hochrangige Republikaner empfehlen den Wählern gar, seine direkte Konkurrentin zu wählen. Ein unerhörter Vorgang und umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen führt, wie verhasst Hillary Clinton bei den Republikanern eigentlich ist. Donald Trumps Aussagen lassen erschaudern, sie stellen die Frage, wie diese Person als Präsident, mit großer Macht (und den Nuklear-Codes!) umgehen würde. Auch das erschreckt politische Gegner wie Parteigenossen.

Diese zwei Punkte – der Umgang mit Menschen und der Umgang mit Macht disqualifiziert Donald Trump. Wir beobachten gerade, wie alle Reißleinen gezogen werden, um diesen Präsidenten zu verhindern. Alle gestaltenden Teile der Gesellschaft (Politik, Medien, Wissenschaft, Kunst und Religion) scheinen sich zu vereinen, Trump zu verhindern. Die Republikanische Partei – die Partei Donald Trumps – unternimmt dies sogar auf die Gefahr, diesen Vorgang nicht zu überleben. Immenser Schaden an der Partei wird in Kauf genommen und man kann der GOP dafür durchaus Respekt zollen.

Donald Trump wir nicht Präsident, doch es hätte niemals soweit kommen dürfen. Dieser Kandidat hätte viel, viel früher aussortiert werden müssen. Dass er überhaupt so weit kommen konnte, zeigt deutliche Schwächen des Systems.

Die Prozesse, wie Führer ausgewählt werden, waren zu allen Zeiten fragil und in ihrer Konsequenz gefährlich. In der westlichen Welt mag man gedacht haben, derartige Gefahren wären überwunden. Doch die Schwäche des Systems, die derzeit deutlich werden, lässt bangen: Was passiert beim nächsten Mal, wenn eine solche Fehlbesetzung so weit kommt? Was ist, wenn die Reissleinen versagen? Das System muss unbedingt repariert werden. Das System bedarf einer Überarbeitung und diese wird Jahre und Jahrzehnte brauchen.

Es ist mir ein Anliegen, noch auf einen weiteren Aspekt hinzuweisen, den ich so noch nicht diskutiert gesehen habe: Was gerade passiert, ist unmenschlich dem Kandidaten gegenüber. Wenn man Trump beobachtet, seine Bilder studiert, sieht man ein Tier, dass in die Ecke gedrängt, wild um sich schlägt – unfähig zu verstehen, was ihm geschieht. Trump wird gerade von allen Seiten und mit allen Mitteln fertig gemacht. Das muss vermutlich so sein, denn Trump zu verhindern, ist gerade die wichtigste Aufgabe.

Trump wird vorgeführt, durchs globale Dorf gehetzt und alle klatschen Beifall. So sind zum Beispiel in zahlreichen Städten der USA lebensgrosse Statuen von Donald Trump aufgestellt werden, Donald Trump nackt und hässlich, die Figur mit kleinem Penis, ohne Hoden. Der Titel der Aktion: “Der Kaiser hat keine Eier”. Die Bilder von Menschen, die strahlend Selfies von sich vor der nackten Figur machen, werden von den TV-Stationen um die Welt gesendet. Das ist unmenschlich und widerlich.

Es hätte nie soweit kommen dürfen. Auch wenn Trump es selbst verursacht hat.