TRICK – Lesen lernen II

Seit ich gelernt habe, richtig zu lesen, hat sich etwas verändert. Es ist eine Veränderung, die mein Leben verbessert.

Den Trick habe ich vor einem Jahr beschrieben. Der kurze Text endet mit folgendem:

Ich habe auch gelernt zu denken. Meinem Denken zu vertrauen, mein Hirn zu benutzen. Die Bücher sind dadurch viel besser geworden.

Ein Jahr später kann ich sagen, dass nicht nur Bücher besser wurden, auch Gespräche. Und dass andere Meinungen spannender geworden sind. Früher empfand ich es oft als ärgerlich, wenn jemand etwas anders gesehen hat, als ich – jetzt sehe ich es fast durchweg als Bereicherung. Schon jetzt merke ich, wie mein Leben dadurch friedvoller und gleichzeitig vielschichtiger wird. Und obendrein lerne ich, mein eigenes Denken besser verstehen. Wenn man keine Angst hat, den Kopf kurz unter Wasser zu tauchen, kann man viel entspannter schwimmen.

Wie wurde dieses Wunder möglich? Ich habe mit dem neuen Lesen immer wieder geübt, mir eine kurze Pause im Fluss des Lesens zu nehmen. In diesen Pausen bin ich dann meinen eigenen Gedanken gefolgt, ohne Sorge, Zeit zu verschwenden und vom Thema abzukommen. Und so lernte ich, das, was ich gerade gelesen hatte, in Ruhe zu betrachten und zu bedenken. In der Folge stellte ich immer öfter fest, dass ich anderer Meinung bin, als der Autor. Immer wieder passierte es, dass ich sah, an welchen Stellen dem Autor ein Denkfehler, eine Unachtsamkeit unterlaufen war. Bevor ich das richtige Lesen lernte, habe ich mir nicht die Zeit genommen, anzuhalten, zu betrachten, nachzudenken. Ich habe dem Autor geglaubt, oder ich habe ihm nicht geglaubt. Auch bei einer Kleinigkeit, wenn ich dem Autor nicht glaubte, habe ich das Buch angelesen zur Seite gelegt und nie mehr hinein geschaut. Heute bin ich dem Autor für kleine Ungenauigkeiten dankbar – sie schärfen meinen Blick.

Wenn ich früher in einem Gespräch anderer Meinung war, habe ich versucht, mein Gegenüber zu überzeugen. Das hat mich gestresst und es hat die Person genervt. Gelernt haben wir beide nichts.

Jetzt erfahre ich – die Meinungen anderer Menschen, ihre Beobachtungen, können meinen Blick auf Dinge lenken, die ich sonst womöglich übersehen hätte.

Zum Beispiel:

“Diese Kneipe ist Scheiße!” hat ein Bekannter zu mir gesagt, als wir auf einem Geburtstagsumtrunk in einer 15 Jahre alten Berlin-Mitte-Bar standen. Irgendwie mochte ich den Laden auch nicht. Wenn ich das Gespräch entsprechend meinem alten Lesemuster verstanden hätte (Der Autor ist meiner Meinung versus der Autor ist nicht meiner Meinung) hätte ich dem Bekannten wohl recht gegeben, und der weitere Verlauf des Unterhaltung wäre vermutlich keiner weiteren Beschreibung wert gewesen. Doch entsprechend meines neuen Musters nahm ich mir einen Atemzug Zeit, sah mir den Raum an und fragte: “Warum?”

“Diese Bar ist völlig lieblos eingerichtet,” er deutete auf die kahle Betonwand, “das hat alles überhaupt keine Aussage.”

Da hatte mein Bekannter recht. Die Bar wirkte spartanisch, Betonwände, weiße Wände, jedes Ding in diesem Laden betont unaufdringlich. Doch ich verstand, als ich es mir überlegte, was der Gedanke dahinter war: Vor 15 Jahren haben eine Reihe von jungen Architekten, die gerade mit ihrem Studium fertig waren, in Berlin eine Reihe von Clubs und Bars aufgemacht. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war für junge Architekten damals nicht gerade rosig, sie hatten Zeit an der Hand und Visionen im Kopf. Die Idee dieser Läden war an dem Konzept von White-Cube-Galleries orientiert, die neutrale Orte sein sollten (mit weißen Wänden), um dem Inhalt Raum zu geben, sich ihm unterzuordnen. So wie die Kraft eines Gemäldes in einem Raum mit weißen Wänden völlig anders wirkt, als in einer Barockkirche. Die Kraft des Bildes, so die Theorie der weißen Wände, komme dann aus sich selbst heraus. Vermutlich deshalb standen in der Folge so viele Poser in coolen Mitte-Bars herum, oder vielleicht war es auch so, dass jeder, der in einem derartigen Laden herumhing, wie ein Poser wirkte. Jedenfalls gerieten diese Läden mit der Zeit aus der Mode. Nur wenige gibt es immer noch. Dies ging mir durch den Kopf und erschien mir so viel spannender, als meine Meinung oder die Meinung meines Gegenübers.

Und dann schenke mir mein Gesprächspartner noch einen weitere Beobachtung: “Die Lampe da, ist Scheiße, sie blendet.” Und es war wahr, wenn man direkt in die Lampe blickte, blendete sie unangenehm. Ich nahm mir Zeit und ließ meinen Blich schweifen und war fasziniert von drei Biergläsern, die geradezu wunderhübsch anzusehen waren. Dann merkte ich, dass die Gesichter des Publikums fantastisch ausgeleuchtet waren. Dies war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt geworden und ich war von der Entdeckung geradezu beglückt. Mein Bekannter hatte recht, die Lampe blendete. Aber ein anderer Teil der Realität war eben auch, dass sie die Szene toll ins Licht setzte.

Ich habe Design studiert. An diesem Abend habe ich so viel über Design gelernt, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Weil ich mich weder von meiner Meinung blenden ließ, noch von der Meinung meines Gegenübers, weil ich mir Zeit nahm zu beobachten und zu bedenken.

Es war der Beginn eines Abends voller Wunder.

Journalismus

Wir leben in einer Welt der multiplen Realitäten. Das wurde 2016 deutlich wie nie.

Die Nachrichtenredaktionen sind Fabriken, in denen kleine Kuchen Wahrheit gebacken werden. Von dort werden sie in die ganze Welt geliefert.

Doch wir leben in einer Welt, in der es die Wahrheit nicht – oder nicht mehr – gibt.

POST-FAKTISCH ist das deutsche Wort des Jahres. POST-TRUTH the word of the year.

Es ist ein weltweites Phänomen und es beunruhigt viele. Denn für Menschen, die an die Wahrheit gewöhnt sind, ist POST-TRUTH unvorstellbar und bedeutet Unsicherheit.

In der Sprache, die Korsakow beschreibt, gibt es ein anderes Wort, für dieses Phänomen, doch im Gegensatz zu POST-FAKTISCH und POST-TRUTH ist es positiv konnotiert.

Es lautet: MULTIPLE REALITÄT, und bedeutet, dass es viele adequate Blicke gibt, die die Realität beschreiben. Und das beste Bild der Realität, ist die Auswahl der besten Blicke.

Davor muss man keine Angst haben, denn die Welt wird dadurch nicht unsicherer. Im Gegenteil, sie wird sicherer.

Für einen Bergsteiger, der in der Wand an einem Haken hängt, ist dieser Haken die Wahrheit. Wenn sich der Haken löst, ist der Bergsteiger verloren.

Multiple Realitäten bedeuten multiple Haken, an denen der Bergsteiger hängt. Das bringt zwei Vorteile. Es erhöht die Sicherheit – Auch wenn sich ein Haken löst, stürzt der Bergsteiger nicht in die Tiefe. Und es erhöht die Beweglichkeit. Der Bergsteiger kann einfacher die Richtung ändern, es gibt nicht nur einen richtigen Weg, den er gehen kann.

Für den Journalismus ist diese Zeit eine einmalige Gelegenheit die Zukunft der Nachrichten zu entwickeln.

Die Aufgabe der Journalisten – und es sind ganz klar die Journalisten, die diese Aufgabe übernehmen müssen – ist es, die besten Bliche auf die Realität herauszuarbeiten und sie dem Publikum anzubieten.

Nicht mehr den besten Blick – sondern die besten Blicke.

Nicht mehr die Wahrheit – sondern die Realität. Die Realität als die Summe der besten Blicke.

Decisions

There are no wrong decisions and there are no right decisions.

Decisions are taken in small fractions – too small to be relevant.

When you zoom in to a moment in time, where a particular decision is taken, there are always decisions before that moment. Earlier decisions, that led to the moment when this decision was possible, and before that were lots of other moments, when small decisions were taken. Lots of micro-decision so to say. And every micro-decision had alternatives. When was the exact moment, when George W Bush decided to go to war against Iraq? For sure not when he went down the aisle in the White House towards the podium, where the cameras were waiting. So when did he take that decision? You could go back in time further and further, maybe “the real” decision was taken by someone before Bush. Whatever moment you would want to identify, there were decisions taken before that, that were necessary to create a world in which the next decision was in the space of possibilities.

But we agree, there was a decision to go to war. But what we mean with “decision” is basically a cluster of micro-decisions, stretched over a longer or shorter period of time.

Why is this important?
We speak of a decision and we are used to conceptually nail it down to a point on a timeline. The logic of the timeline (in this talk I called it “Hollywood logic”) suggests that a decision, once taken, can not be changed (because it is in the past). But if you think of paths instead of decision-points – you can always adjust a path, even without leaving it, as the path is created while you are moving. Even after Bush declared the war, he could have changed the path at any point in time, after he has observed that the direction taken, leads into misery.

But the audience (trained in Hollywood thinking) does not appreciate politicians changing their mind once they made “a decision”. Because of that politicians feel like they have to stick to their decisions. Politicians seem to spend a lot of energy on ignoring observations, because they don’t want to look like they took a wrong decision.

In a world, where the concept of a decision does not exist, you can not take a wrong decision. You can easily adjust your path when you feel you are getting into hot waters. That goes for politicians and of course for everyone else. As observation shows, the weird concept of decision-points on a timeline – with each decision with potentially scary consequences – makes it had to adjust paths, leads to bad results and makes people miserable.

The simple way out: Look at it like that: Every moment holds many possibilities – whatever decisions you took in the past.

TRICK – Wie man sofort glücklich sein kann

Es ist eine Übung, die so einfach ist, so banal, dass der geneigte Leser vielleicht enttäuscht sein wird. Bei mir funktioniert der Trick immer, ich mache die Übung seit einigen Monaten regelmäßig. Man braucht kein spezielles Equipment, man braucht keinen speziellen Ort. Man kann die Übung überall durchführen, in fast jeder Situation und ich könnte nicht einmal sagen, welche Umstände besonders günstig sind.

Es dauert nur wenige Augenblicke, bis sich das Glücksgefühl einstellt. Ich selbst halte die Übung nur kurz durch, obwohl sie nicht anstrengend ist. Ein paar Minuten war das längest, was ich bisher am Stück in der Übung verbracht habe.

Der Trick ist so simpel und doch so effektiv, er kostet nichts und ist so offensichtlich, dass ich mich wundere, dass ihn mir nie jemand verraten hat.

Ich bin zufällig darauf gestoßen, als ich in einem Flugzeug sass. Ich war genervt, weil sich der Start verzögerte und um mich herum lauter Chinesen saßen, die sich laut unterhielten. Da ist es passiert:

Ich habe mich auf das konzentriert, was ich gehört habe. Und ich habe es nicht interpretiert. Es ging nicht darum, zu verstehen (ich verstehe kein chinsesisch), oder zu beurteilen. Und dann bin ich hineingerutscht, ins Hören. Ich habe hineingehört, in die Geräusche um mich herum und ich fand eine unfassbare Vielfalt. Egal, wo Sie sich gerade befinden, während Sie diese Zeilen lesen: Hören sie 30 Sekunden lang bewusst hin, was um sie herum zu hören ist. Es ist wunderbar, ein Bild, das mir all die Jahre entgangen war. Man kann darin eintauchen und wenn man wieder auftaucht ist man erfrischt und beruhigt. Mir geht es so, und allen, die ich gebeten habe, es zu versuchen.

Versuchen Sie es, es kostet nichts.