Angst

Die Leute haben Angst. Sie ziehen die Rollläden herunter, wenn es dunkel wird und schalten den Fernseher ein. Sie schauen Nachrichten, sie schauen Filme, sie schauen Talkshows, sie schauen Werbung. Überall wird ihnen Angst gemacht. Die Leute haben Angst. Angst vor Verbrechen, Angst um ihre Gesundheit, Angst vor den Auswirkungen der Technik, Angst, etwas zu verpassen, Angst vor dem, was sie nicht verstehen.

Überall wird den Leuten irgend etwas erklärt und wenn die Leute denken, dass sie etwas verstanden haben dann erklärt ihnen jemand, das es doch ganz anders ist.

Wir leben in komplizierten Zeiten. Widersprüchliche Informationen kommen von allen Seiten und jede Information macht sich wichtig, jede Information verlangt Aufmerksamkeit und droht mit Konsequenzen wenn nicht beachtet.

Wer soll sich da noch auskennen?

Wer soll da noch Vertrauen haben? Angst ist kein guter Nährboden für Vertrauen.

Die Leute haben schreckliche Angst und sie wissen nicht wovor. Sie leiden. Sie beklagen sich und schimpfen über ihr Unglück. Leute gehen auf die Strasse und fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie sind wütend und fühlen sich machtlos und ohnmächtig.

Man könnte den Leuten sagen, dass ihre Angst unbegründet ist. Es gibt immer weniger Verbrechen, die Menschen werden immer gesünder und wenn doch etwas passiert werden sie medizinisch so gut versorg, wie noch nie. Die Politiker unserer Zeit sind wahrscheinlich die verantwortungsvollsten, die es je gab und Technik bringt viel mehr Vor- als Nachteile.

Aber das wollen die Leute nicht hören. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf das, was bedrohlich sein könnte, wenn sie Fernsehen schauen oder im Internet Informationen auswählen. So als könnten sie nicht anders. So als hätten sie Angst, eine Gefahr zu verpassen.

“Cliche is whatever is in use & whatever is in use is environmental, hence largely invisible.“

from Edmund Carpenter „They Became What They Beheld“

Edmund Carpenter’s sentence sounds like a magic trick. How can you make something invisible in plain sight?

The cliché is the derivative of an original and the original was at some point reality, the world out there, in all its complexity. The original contains the infinity of possible choices that the cliché lacks. Just as a photographic image one looks at is always a retrospective, a glimpse of the image taken at the moment of the moment, a snapshot from the past.

When I look at a picture of me from the past – the possibilities I had then! I could have gone in any direction. And then I went in one direction. And now I’m 49 years old, living as an artist in Berlin, with a job in Switzerland. I could have gone in all kinds of directions, and that includes staying in a small town in Bavaria, like my siblings. Then I would probably still be thinking small-town thoughts today, much like I used to think them.

I would like to ask you to imagine, to visualize this person I am now. An artist who grew up in a small town, went to the big city as a young man and achieved some but not too much success. Imagine this person – that’s me.

That was me around 1995 – you can already see that I will become an artist one day – can’t you?
(But didn’t we all look like that back then?)

That’s a cliché. The image you have in your head now, of an artist, 49 years old, who has gone from small town to big city and from there to places all over the world.

That’s all you need to know about me.

Just maybe this much: You have no idea who I am. You wouldn’t even recognize me on the street and even if you did, you still wouldn’t have a clue who I am.

You have no idea who I am – I don’t know myself. Who am I, who will I be tomorrow, where am I, where will I be tomorrow, in two years?

If you don’t ask yourself these questions, or can answer them easily, then you probably still are in a small town or have returned there, if only in spirit.

I am: just as complex as you are.

You are as complex as you are at this moment, as complex as I am, as complex as any human being. No matter where you live, whether as an artist in Berlin or as a florist in a small town in Bavaria or as a hunter-gatherer in Papua New Guinea.

Take another look at the cliché you have of me in your head.

Can any cliché ever capture all the complexity?

You think you know who I am because you have a cliché in your head, an image and behind that image I can hide. I can become like invisible. What you, what others see, is the cliché, not me.

This also explains an age-old question I carry with me from the small town: why is it so important what the neighbours think?

In the small town, I watched people constantly working on the cliché (the image the neighbours have of you). They literally worked on it, for example by “sweeping the street in front of the house because of the neighbours”. (“Small World”, 1997, begins precisely with this, “Planet Galata”, 2010, with a similar thought).

From “Small World”, 1997

They don’t do that in Berlin. Here there is a road service that everyone pays for together, through their taxes. Now, even in Berlin, we sometimes sweep the street in front of our house. But that’s only because my wife happens to have a shop. In any case, we don’t do it because of the neighbours.

In a small town, the cliché is obviously more important, maybe because you have to hide more. In the big city it’s easier to show yourself as you are because you’re anonymous. You appear briefly and disappear again into the masses. You can’t do that in a small town.

In a small town, you can only be who you are if you hide behind high hedges. Behind the high hedges of the cliché. The high hedges are the image that others have of you. Working on your own image is working on the hedge behind which you can make yourself invisible. This is true not only, of course, but especially in small towns. Just about everyone uses this magic trick in one way or another – consciously or unconsciously.

But with the magic trick comes a curse. Two curses, to be precise.

The first curse:
You are only invisible as long as you stay behind your hedge. Today I’m quite happy with my cliché of the artist in Berlin. I can hide behind it perfectly well. In the past, however, I tried a different cliché: young start-up. That was rather uncomfortable, because I was constantly afraid that people would find out about me, that they would look behind the scenery, that the hedge would practically fall down.

But the real curse is another:
It is a cruel exercise to have the feeling of having to hide all the time. This feeling makes one unfree to a great extent. Unfree, if at some point you no longer dare to come out from behind the hedge. You are then tied to your hedge. And probably for life. The only life you have.

Is that what you want? To be tied down by the image others have of you?

“Cliche is whatever is in use & whatever is in use is environmental, hence largely invisible.“

Aus Edmund Carpenter „They Became What They Beheld“

Der Satz von Edmund Carpenter klingt wie ein Zaubertrick. Wie kann man es anstellen, dass etwas in aller Öffentlichkeit unsichtbar ist?

Das Cliché ist der Abzug eines Originals und das Original war irgendwann die Wirklichkeit, die Welt da draussen, in ihrer ganzen Vielschichtig­keit und Komplexität. Das Original beinhaltet die Unendlichkeit der möglichen Ent­scheidungen die dem Cliché fehlen. So wie eine fotografischen Aufnahme die man betrachtet immer ein Rückblick ist, ein Blick auf das Bild, das im Augenblick des Moments aufgenommen wurde, wie ein Schnappschuss aus der Vergangenheit.

Wenn ich ein Bild von mir aus der Vergangenheit betrachte – die Möglichkeiten, die ich damals hatte! Ich hätte in jede Richtung gehen können. Und dann bin ich in eine Richtung gegangen. Und jetzt bin ich 49 Jahre alt, lebe als Künstler in Berlin, in Kreuzberg in einer Altbauwohnung, mit einem Job in der Schweiz. Ich hätte in alle möglichen Richtungen gehen können und dazu zählt auch in der Kleinstadt in Bayern zu bleiben, wie meine Geschwister. Dann würde ich heute wohl noch Kleinstadt-Gedanken denken, so ähnlich wie ich sie früher gedacht habe.

Ich möchte Sie bitten, sich diese Person, die ich jetzt bin, vorzustellen, vor Augen zu führen. Ein Künstler, in einer Kleinstadt aufgewachsen, als junger Mann in die große Stadt gegangen und zu einigem aber nicht allzu viel Erfolg gekommen. Stellen sie sich dieses Person vor – das bin ich.

Das war ich ca. 1995 – man kann schon er­kennen, dass aus mir mal ein Künstler werden wird – nicht wahr?
(Wobei – sahen wir nicht alle so aus, damals?)

Das ist ein Cliché. Meine Erinnerung ist ein Cliché. Das Bild, das Sie jetzt im Kopf haben, von einem Künstler, 49 Jahre alt, der von der Kleinstadt in Grossstadt und in die ganze Welt gekommen ist.

Mehr müssen die über mich nicht wissen.

Nur vielleicht noch so viel: Sie haben keine Ahnung wer ich bin. Sie würden mich nicht einmal auf der Straße erkennen und selbst wenn sie es täten, sie hätten immer noch keine Ahnung wer ich bin.

Sie haben keine Ahnung wer ich bin – ich weiß es ja selbst nicht. Wer bin ich, wer werde ich morgen sein, wo bin ich, wo werde ich morgen sein, in zwei Jahren?

Wenn Sie sich diese Fragen nicht stellen, oder sich diese Fragen einfach beantworten können, dann leben sie wahrscheinlich immer noch in einer Kleinstadt oder sind dahin zurück­gekehrt und sei es nur im Geiste.

Ich bin: genauso komplex wie Sie.

Sie sind so komplex, wie Sie in diesem Augenblick sind, so komplex wie ich, so komplex wie jeder Mensch. Egal wo sie leben, ob als Künstler in Berlin oder als Blumenhändler in einer Kleinstadt in Bayern oder als Jäger und Sammler in Papua-Neuguinea.

Betrachten sie noch ein mal das Klischee, das sie von mir im Kopf haben.

Kann ein Cliché jemals die ganze Komplexität einfangen?

Sie denken zu wissen wer ich bin, weil Sie ein Cliché im Kopf haben, ein Bild und hinter diesem Bild kann ich mich verstecken. Kann ich wie unsichtbar werden. Das was Sie, was andere sehen, ist das Klischee, nicht mich.

Damit erklärt sich mir auch ein eine uralte Frage, die ich aus der Kleinstadt mit mir herumtrage: Warum ist es so wichtig, was die Nachbarn denken?

In der Kleinstadt habe ich beobachtet wie die Leute beständig am Cliché (dem Bild, das die Nachbarn von einem haben) arbeiteten. Und zwar buchstäblich gearbeitet, indem man zum Beispiel am Samstag vor dem Haus “die Straße zu­sammengekehrt hat, wegen der Nachbarn”. („Kleine Welt“, 1997, beginnt genau damit, “Planet Galata”, 2010, mit einem ähnlichen Gedanken).

In Berlin macht man das nicht. Hier gibt es einen Straßendienst, den alle gemeinsam bezahlen, durch ihre Steuern. Nun kehren wir auch in Berlin manchmal die Straße vor unserem Haus. Aber das ist nur, weil meine Frau zufälliger Weise einen Laden hat. Wegen der Nachbarn machen wir das jedenfalls nicht.

In der Kleinstadt ist das Cliché offenbar wichtiger, vielleicht weil man sich mehr verstecken muss. In der Grossstadt ist es leichter sich so zu zeigen, wie man ist, weil man anonym ist. Man taucht kurz auf und verschwindet wieder in der Masse. Das geht in der Kleinstadt nicht.

In der Kleinstadt kann man nur so sein wie man ist, wenn man sich hinter hohen Hecken versteckt. Hinter den hohen Hecken des Clichés. Die hohen Hecken sind das Bild, das die anderen von einem haben. Die Arbeit am eigenen Bild ist die Arbeit an der Hecke, hinter der man sich un­sichtbar machen kann. Das gilt natürlich nicht nur aber eben besonders in der Kleinstadt. So gut wie jeder wendet auf die eine oder andere Art den Zaubertrick an – bewusst oder unbewusst.

Doch mit dem Zaubertrick geht ein Fluch einher. Genauer gesagt zwei Flüche.

Der erste Fluch:
Man ist nur so lange unsichtbar, solange man hinter seiner Hecke bleibt. Ich bin heute ganz zufrieden mit meinem Cliché vom Künstler in Berlin. Dahinter kann ich mich prima verstecken. Ich hatte mich in der Vergangenheit aber mal an einem anderen Cliché versucht: junges Startup. Das war eher ungemütlich, denn ich hatte ständig Angst, dass man mir auf die Schliche kommt, dass man hinter die Kulisse schaut, dass die Hecke quasi umfällt.

Doch der eigentliche Fluch ist ein anderer:
Es ist eine grausame Übung, wenn man die ganze Zeit das Gefühl hat sich verstecken zu müssen. Dieses Gefühl macht in hohem Maße unfrei. Unfrei, wenn man sich irgendwann nicht mehr hinter der Hecke hervortraut. Damit ist man an seine Hecke gefesselt. Und das wahrscheinlich ein Leben lang. Das einzige Leben lang, das man hat.

Will man das? Gefesselt sein von dem Bild, das andere von einem haben?

Audience of Collaborative Thinkers

People often ask me what I want to say with what I say. They ask me things like „What is the message of your film?“ and then they ask me „And who is the audience for your films, for your texts, for what you put out into the world?“. I used to say: „I don’t think of an audience.“ I said that for many years, at many instances, on many stages and then I learned that this is not quite true.

I do have an audience and I know my audience very well. The audience is one person, and that person is me. „So if it is only for you, why do you need to put it out into the world?“ might be the next good question and I have two answers.

The first reason is that when I put it out into the world, I put it out of my head and in front of me. Then I can look at it and I can see it in context with all the other things that are out there already. Things that other people have put out there and things that I have put out there earlier.

The second reason is that when I put something out, sometimes other people come and look at it. Naturally other people look at the thing from a different viewpoint than me. Sometimes people look at the thing in a way that I would not have been able to see myself. When they are so kind and patient to point that out to me, I then can see something that I never saw and most likely would have never seen on my own. This can be enlightening or simply helpful to better understand what I thought and what I think of the thing that I can now see with their eyes.

Many people do it like me. They do it on Facebook or Instagram on YouTube. People put things out into the world and have other people look at it and learn from what these people see.

But just few people put things out into the world to learn from the thoughts of other minds.

Most people are still in the habit of making statements. It seems they want to convince other people to think the same as they do, to look at the thing from the same angle.

Most of the time it is not obvious what the motivation of someone that put something out was when that someone put it out. And from my own experience I can tell that for the longest time I did not know myself what my motivation was.

Mostly people still put out things into the world with the intention to deliver a message without even being aware that it is usually not them who came up with the message in the first place. Usually, it is a message someone else put into their head. So, without knowing these people broadcast the messages of somebody else.

This happens a lot. But as new generations grow up with these web-based tools that make it easy for anyone to put out things, more and more minds start putting out things into the world before they have gotten a message stuck into their head by someone else. These people more and more use the tools to look at things and think collaboratively. They use these new tools not as tools to broadcast opinions but as research tools, tool that help them learn about the world, tool that help them to collaboratively build and maintain vast collections of meaningful things. They use these new tools to collaboratively look and evaluate the things they collected. And while they are doing that, they learn to better use the tools and further develop the tools simultaneously.

This enables them to see patterns that humans have never seen before that no one has realized before and they do that by using not only one brain but many brains, the brains of all the people participating in looking at the same things and start to communicate what they see without starting with a message.

These people don’t need to dumb down reality into messages, they don’t need to tell simple stories, they are able to embrace and enjoy the beauty of complexity.

The phone beeps

It’s because of the mobile phone that he’s so stressed, says the friend in a small group. Because it terrorizes him, he says. It beeps all the time and wants his attention because some company is making a lot of money with it – with his attention. And then he tells us what a clever system he has devised to set his mobile phone so that certain messages are only allowed to arrive at certain times and not at others. And his watch, which he has tied to his wrist and which is also connected to the mobile phone, he has also set so that only very specific messages are displayed and the vast majority are not.

I wonder how much energy he has invested in figuring out how to do all this, with turning off certain messages and not others. And how much energy it takes to maintain this sophisticated system.

How would I handle that problem, he asks me.

I don’t do anything. When the phone beeps because a message has arrived, I leave it when I don’t feel like it and when I do feel like it, I look to see what the message was. Most of the time I don’t feel like it.

“I can’t do that,” he says, “I always have to look at it.” He doesn’t say that, he doesn’t say anything but his look reveals that he thinks I’m a fool.

But the silly ape I am I say what I think anyway, because I think it might be a clever tip that could improve my friend’s life. But instead of accomplishing that, I only earn more stupid looks that chill my zest for life by a quarter of a degree even days later when I think about it.

That’s why I’ve written it down made a story out of it. From now on, I can enjoy the memories of the stupid looks because they have born a story, and I like stories.

And if anyone ever wants to know how I do my little trick of letting phones beep, just ask.