Rhetorik – Krankheit unserer Zeit

Als ich ein Kind war, hat mein Vater einen Satz gesagt der sich mir ins Hirn einbrannte: “Wenn man etwas verstehen will, muss man es sich nur im Extrem vorstellen, dann wird es deutlich.” Über diesen Satz habe ich viele Jahre nachgedacht. Es ist Unsinn. Denn die Dinge werden im Extrem nicht klarer, sondern verwandeln sich in etwas ganz anderes.

Zum Beispiel Wasser. Wenn man Wasser verstehen will, hilft es wenig, Wasser in seinen Extremen zu betrachten. Wasser über 100 Grad Celsius ist Dampf, unter 0 Grad – Eis. Wasser nimmt in den Extremen einen anderen Zustand an. Und so kann man, so lange man will, Eis und Dampf anschauen, man wird doch niemals Wasser verstehen.

Die verfluchte Rhetorik liebt es, Dinge im Extrem darzustellen. Es ist die Krankheit unserer Zeit. Die meisten Menschen machen es reflexartig und auch die meisten Medien funktionieren so. Und so kommt es, dass all die extremen Geschichten, mit denen wir tagtäglich bombardiert werden, statt zu Klarheit zu immer größerer Verwirrung führen.

Geschenkt

Ich gehe in den Supermarkt und nehme was ich will. Ich packe alles in einen Einkaufswagen bis ich genug habe. Am Ausgang des Supermarkts zeige ich eine Plastikkarte und dann wird irgendein Hokuspokus veranstaltet, der mit Zahlen zu tun hat. Zahlen, die in Computer eingegeben werden . Klar, ich weiß natürlich, dass da Geld von meinem Konto abgebucht wird, ich kenne die Geschichte. Aber wenn ich spasseshalber mal einen Augenblick die Geschichte vergessen…

Da wird also irgendein Hokuspokus mit einer Plastikkarte veranstaltet. Ich denke an die Zeit zurück, als ich ein Kind war. Als kleiner Junge musste ich jeden Sonntag in die Kirche. Mein Vater hat mich mitgenommen und irgendwie standen wir jedes mal ganz hinten. Das erkläre ich mir heute so, dass wir eigentlich immer zu spät dran waren, vermutlich hatte mein Vater auch keinen Bock in die Kirche zu gehen, dachte aber, das das gut für seinen seinem Sohn sei. Und auch wenn wir rechtzeitig gekommen wären, sehe ich meinen Vater nicht als den Typen, der bis ganz nach vorne gegangen wäre um sich dann in die Bank hinzupflanzen, wo alle ihn sehen würden. Warum auch immer, wir standen hinten.

Manchmal hat mein Vater mir erlaubt, mich auf die Stufen zu setzen, die nach oben führten, dahin, wo an Weihnachten der Chor stand. Dafür war ich ihm dann jedes mal dankbar. Die Kirche war stinklangweilig und eine Qual. Erst am Ende passierte irgendwas spannendes. Das war ganz offensichtlich der Höhepunkt der Veranstaltung, das worauf alles hinauslief, war wenn der Mann, der vorne auf der Bühne stand den Trick mit dem Ei vorführte, das er in irgendwas verwandelte. Der Mann war ein Zauberer, der ein wundersames Gewand anhatte. Alle schauten zu ihm, wenn er das Ei über seinen Kopf hielt und danach unter einem Tuch versteckte, unter dem es sich dann sicherlich in einen Hasen oder so etwas verwandeln würde, ähnliches hatte ich schon im Fernsehen gesehen. Ich stellte mich jedes mal auf die Zehenspitzen, doch blöderweise konnte ich es nie genau erkennen, weil wir ja so weit hinten standen. Als ich älter und klüger wurde habe ich natürlich gelernt, dass das ganze kein Zaubertrick mit einem Ei war, sondern ganz einfach eine Oblate, die sich in den Leib Christi verwandelte. Es dauerte nochmals einige Jahrzehnte, bis mir bewusst wurde, dass das mit dem Trick der dazu da war, alle Anwesenden zu beeindrucken, die Sache doch ganz gut traf.

Jedenfalls muss ich da jedesmal dran denken, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe. Die Handlung mit der Karte ist auch so ein magischer Moment, eine Geschichte, an die wir uns gewöhnt haben und die uns deshalb völlig normal vorkommt, aber wenn ich versuche, sie zu verstehen kann ich nur staunen über den wundersamen Mechanismus, den sich die Menschen sich da ausgedacht haben.

Wenn man am Ausgang nicht bezahlen müsste, würde ich, wie wahrscheinlich alle anderen, alles mögliche aus den Regalen nehmen, Zeug, dass ich gar nicht brauche. Ich würde mir womöglich zu viel Zeug nach Hause schleppen und am Ende wegwerfen.

Der Hokuspokus mit der Plastikkarte scheint das, wenn schon nicht ganz zu verhindern, so doch zumindest erheblich einzuschränken. Wir nehmen uns, was wir brauchen.

Super System. Das haben sich die Affen sauber ausgedacht. So dass ich Affe nicht mehr in den Wald rennen muss, um mühselig das Zeug zusammenzusammeln, das ich zum Frühstück brauche, sondern nur einen Einkaufswagen in den den Supermarkt schieben muss um mir die Sachen, streichfertig und portioniert, aus den Regalen zu nehmen.

Aber es kommt noch viel toller. Die Affen, die keine Supermärkte erfunden haben, also die Affen, die noch im Wald auf Bäumen sitzen, die essen immer das gleiche. Also nicht immer genau das gleiche, aber immer das, was in unmittelbarer Umgebung an den Bäumen oder sonst wo wächst. Moderne Affen wie wir, mit unseren Supermärkten können fressen, was irgendwo auf dem Planeten wächst und wir fressen natürlich nur das Beste.

Das ist mir aufgefallen, nachdem ich bei Freunden in der Schweiz zu Besuch war. Die hatten so ein tolles Salz, mit Kräutern drin. Die Kräuter kamen aus Italien und das Salz aus dem Himalaya. „Boah, so ein tolles Salz habe ich ja noch nie gegessen“, habe ich gesagt, und als wir wieder zu Hause waren hat meine Frau das Salz bei uns im Supermarkt gefunden. Das tollste Salz der Welt steht jetzt auch bei uns in der Küche. Und wenn es mal wirklich etwas gibt, was es nicht gibt, dann kann man es im Internet bestellen. Wieder mit so einem Hokuspokus mit einer Plastikkarte und Zahlen, nur braucht man da noch nicht mal eine Plastikkarte und kriegt den Kram sogar noch nach Hause geliefert und in den dritten Stock hinaufgetragen. Das ist alles sehr bequem. Wenn ich selbst bis nach Italien müsste, wegen der Kräuter und das Salz aus dem Himalaya-Gebirge kratzen müsste, die Mühe würde ich mir natürlich nicht machen.

Wir modernen Affen, wir hängen da alle in so einem System. Das System das haben wir Affen uns selbst ausgedacht und über tausende von Jahren entwickelt. Das System, es ist derart komplex und wundervoll, dass man vor Ehrfurcht erschauern könnte. Kurioser Weise beschweren sich die meisten immerzu darüber oder sagen dass es furchtbar ungerecht ist, weil es viel zu viele gibt, die nicht in den Supermarkt gehen können und nicht das beste Salz der Welt essen können. Und da ist natürlich was dran. Das System funktioniert noch nicht für alle gleich gut. Aber ich würde sagen, das System funktioniert immer besser und wenn man in der Zeit zurückschaut, kann man sehen, dass es mit der Zeit immer besser funktionierte und immer mehr Menschen auf der ganzen Welt davon profitieren.

Den Affen auf den Bäumen müsste das alles vorkommen wie ein Wunder. Wenn sie ein Wort für Wunder hätten.

Fragen

“Kommt aus der Steckdose genauso viel Strom, wie aus dem Ladegerät von einem Computer?”, will meine Therapeutin wissen. Ich fange an zu erklären, von Spannung und Stromstärke, von Volt, Ohm und Ampere. Eigentlich habe ich keine Ahnung von Strom, das habe ich schon in der Schule nicht kapiert.

Wenn ich es nicht verstanden hätte, warum habe ich dann nicht meine Lehrer gefragt, will die Therapeutin wissen.

“Eine ausgezeichnete Frage!”, antworte ich, um etwas Zeit zum Überlegen zu bekommen. “Nun ja, die Lehrer haben es ja erklärt, obendrein stand es in den Schulbüchern, ich habe es aber trotzdem nicht verstanden. Nochmal nachzufragen kam mir gar nicht in den Sinn, ich dachte, die Lehrer würden sonst nur denken, ich sei dumm. Sei ich ja auch irgendwie gewesen, denn ich wusste ja nicht, wie das mit dem Strom funktioniert… Und faul war ich ausserdem, die Texte in den Schulbüchern überflog ich allenfalls, immer in der Überzeugung, ich würde sie ohnehin nicht verstehen. Man bekam Punkte, wenn man richtige Antworten gab. Fragen hingegen wurden nicht belohnt. Ich hatte immer den Eindruck, dass Fragen Lehrer ärgerten, weil es ja Fragen waren, zu Dingen, die sie schon erklärt hatten. Heute denke ich, dass die Fragen die Lehrer vielleicht deshalb ärgerten, weil sie die Fragen als Vorwurf nahmen, es nicht richtig erklärt zu haben. Und so lernte ich, den Lehrern zu gefallen, indem ich keine dummen Fragen stellte und lernte, wie ich Punkte bekam, indem ich so tat, als hätte ich verstanden.”

“Es dreht sich in Ihren Gedanken alles immer nur um Sie”, sagte meine Therapeutin und es dauerte eine Weile bis ich verstand.

Schon in der Schule war ich sehr damit beschäftigt, mir ständig zu überlegen, wie andere mich sehen. Statt zu lernen beschäftigte ich meinen Kopf damit, Prognosen zu erstellen, was meine Lehrer von mir denken würde. Ich hatte Angst, mich zu blamieren. Und so war ich die ganze Zeit so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich darüber vergaß, Fragen zu stellen.

Sand in den Händen

Ich sitze in der Küche in der Morgensonne und trinke Kaffee. Irgendein Arsch fährt mit dem Moped die Straße entlang. Wie mich der Lärm von diesen Mopeds nervt, denke ich. Und dann betrachte ich den Gedanken. Was ist es an diesem Geräusch, was mich nervt? Könnte ich dieses Geräusch auch lieben? Ich krame ein wenig in meiner Erinnerung.

War es Italien oder Griechenland, egal, eine Wohnung oder vielleicht ein Zimmer in einer Pension? In einem Küstenort, nicht weit vom Strand. Dachterrasse oder Balkon, oder nur ein geöffnetes Fenster? Draussen das Geräusch eines Mopeds. Der Geruch von Kaffee, Frühstück, hartgekochte Eier. Ja, ich kann mich erinnern, wie ich das gleiche Motorengeräusch gehört habe und wie ich es gerne gehört habe. Wie ich den Geräuschen gelauscht habe und wie schön der Augenblick war.

Als ich ein Kind war, war alles was war, das was es ist. Erst mit der Sprache fing es an, dass ich die Welt beurteilte, dass ich anfing in gut und schlecht zu unterteilen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals geweint zu haben. Sicherlich habe ich geweint, wie jedes Kind, ich habe nur keine Erinnerung daran behalten. Wohl kann ich mich an Augenblicke des Glücks erinnern und diese Augenblicke waren eigentlich gar nichts besonderes.

Wenn ich an Momente des Glücks in meiner Kindheit denke, dann fällt mir der Sand in meinen Händen ein, die winzig kleinen roten Käfer auf dem Asphalt aber nicht die Carrerabahn, die ich zu Weihnachten bekommen habe und die ich dann gegen meine Brüder verteidigen musste, bis sie irgendwann in einer Schachtel vergessen war.

Was unterscheidet also den Sand in den Händen von der Carrerabahn? Der Sand in den Händen ist ein Moment, ein Augenblick, besonders nur weil ich mich daran erinnere.

Die Carrerabahn ist auch eine Erinnerung, aber es ist nicht die Erinnerung an einen Moment, es ist die Erinnerung an eine Geschichte, die ihren Anfang hatte (Weihnachten), Drama (der Kampf mit den Brüdern) und eine Ende (die Schachtel im Keller). Eine Geschichte mit Timeline, eine Verbindung von Momenten zu einer Einheit. Ich erinnere nicht mehr die Momente, ich erinnere die Geschichte, die, wie jede Geschichte, auch immer mit Leid verbunden ist. Eine Geschichte, in der kein Leid vorkommt gibt es nicht, sie funktioniert als Geschichte nicht.

Gibt es auch Momente des Leids? Ich muss nicht lange in meiner Erinnerung suchen um ein Beispiel zu finden. Anfang 30 hatte ich einen Bandscheibenvorfall. Ich hatte noch nie in meinem Leben und auch seither nie mehr solche Schmerzen. Ich lag viele Stunden alleine in meiner Wohnung auf dem Boden und konnte mich nicht bewegen, weil die kleinste Veränderung meiner Position noch mehr Schmerz verursachte. Doch das seltsame ist, wenn ich an diesen Moment zurückdenke ist da keine Wunde. Im Gegenteil, es ist eine Erfahrung, die ich zwar nicht wiederholen aber dennoch nicht missen möchte.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie das sein kann und formuliere es so: Ich war noch nie so in einen Augenblick genagelt, wie ich es damals stundenlang war. Da war kein Gedanke an die Zukunft oder die Vergangenheit, da war nur die Konzentration auf die Position meines Körpers und darauf, durch eine winzige Bewegung eine Position zu finden, die vielleicht etwas weniger unerträglich war. Ich war so mit dem Moment beschäftigt, dass ich keine Ressourcen hatte, mir um die Zukunft Gedanken zu machen, oder der Vergangenheit nachzutrauern. Was war, war der Moment, stundenlang.

Es ist also nicht das Geräusch, das nervt. Leid scheint auch nicht am Schmerz allein zu liegen.

Woran liegt es dann?

Ich habe den Verdacht, das Leid ist begründet in der Geschichte. In der Geschichte mit ihrem Anfang und ihrem Ende, die einhergeht mit einer Bewertung von dem, was die Geschichte ist, sei es positiv oder negativ. Geschichte hat immer auch etwas mit Urteil zu tun, mit der Beurteilung was man aus ihr lernt, für später.

Aus einem Augenblick lernt man nichts. Der Sand in den Händen, die unerträglichen Schmerzen.

Wie ich das erste mal bemerkte, dass jeder die Welt anders sieht

2015-12-Brille

Es war wohl in der 9. oder 10. Klasse. Ich saß im Physikunterricht in der vierten oder 5. Reihe. Der Lehrer schrieb etwas an die Tafel. Ich meldete mich und sagte, dass ich es nicht verstehe. Was bedeutete die Formel Rfmgt = 3 grt? Die ganze Klasse lachte. Der Lehrer war wütend. “Mann, Du brauchst eine Brille!” sagte ein Mitschüler, der wohl einen klaren Moment hatte. Er hielt mir eine Brille hin, die er von seiner Banknachbarin genommen hatte. Das war als Witz gemeint und steigerte die allgemeine Aufgeregtheit. Einem Witz niemals abgeneigt, ergriff ich die Brille und setzte sie mir auf die Nase.

Dann flippte ich aus.

Wie sich viel später herausstellte, war die Stärke der Brille fast haargenau die Stärke, die ich brauchte. Das war natürlich Zufall. Was aber passierte war, dass ich, mitten im Physikunterricht und völlig unvorbereitet, die Welt gänzlich neu sah. Wenn ich etwas außergewöhliches erlebe, macht mein Hirn ein Foto, das es dann auf immer speichert. Auf dem Bild zu sehen: Das mit roten Dachpfannen gedeckte Dach des Nachbarhauses der Schule. Die feinen Linien, die die einzelnen Dachpfannen gegeneinander abgrenzten, die vielen Rots, nicht mehr nur einfach ein rotes Dach. Ich war fasziniert und drückte das auch begeistert aus. “Wow, das Dach, schau dir mal das Dach an, wie schön das ist!” Wenn mir in diesem Moment schon klar gewesen wäre, dass das, was ich zum ersten mal (oder seit langer, langer Zeit zum ersten mal) sah, alle anderen immer sahen, hätte ich wohl geschwiegen. Aber für den Augenblick war ich einfach zu aufgeregt.

Für Herrn Schickram, meinen Physiklehrer, war mein Benehmen nur ein weiterer Beweis, dass ich ein Unruhestifter war. Und irgendwie, aber ganz anders, hatte er damit auch recht.