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Ein Wald voller Gespenster
Ein Wald voller Gespenster

Ich fühle mich gezwungen, bei Facebook mitzumachen und mache dann doch nicht richtig mit. Darauf fühle ich mich noch schlechter. Es ist, wie es war, als ich am Samstag Vormittag oft nicht zu den langweiligen Ministrantentreffen ging. Durch das schlechte Gewissen haben mir, nach und nach, selbst die Dinge keinen Spass mehr gemacht, die als Ministrant wirklich Spass bringen: mit den anderen Jungs durchs Dorf zu zieht, an den Häusern klingeln und seinen Spruch aufsagen:
“Die Ettmannsdorfer Ministranten bitten um eine Ostergabe”.
Man wird mit Süssigkeiten und Bargeld überhäuft. Die Süßigkeiten kann man behalten und das Geld kommt am Ende des Tages einem guten Zweck zu:
1/3 für die dritte Welt, 1/3 für den Pfarren und 1/3 als Beute für die Ministranten.

Mit 67 Mark bin ich damals nach Hause gegangen. Das war ein Haufen Geld. Mehr, als ich einem halben Jahr an Taschengeld verdient habe. Aber im nächsten Jahr bin ich dann trotzdem nicht mehr mitgegangen, weil ich dachte, dass die anderen denken, dass ich nur komme, wenn es Geld gibt und dass ich gar nicht richtig an den lieben Gott glaube.

Auch auf Facebook wird Gott nicht diskutiert. Weil man Themen, die zu viel Unruhe ins dörfliche Denken bringen könnten, auf jeden Fall vermeiden muss, wenn man im Dorf gemocht werden will. Und so muss man, wie der Besitzer eines Dorfladens, immer auf seinen guten Ruf bedacht sein. Alles, was man ins Dorf gibt, wir genau abgewägt. Intimes oder nahes, etwas, was verletzlich machen könnte, könnte gefährlich sein und wird nicht in Worte gepackt, die dann durchs ganze Dorf gehen.

Und so spricht man nicht mehr über das, was bewegt. Doch worüber man nicht spricht und es mit Worten benennt, hört mit der Zeit auf zu existieren. Weil das, was keinen Namen hat, nur schemenhaft erkennbar ist. Und so hat der Dorfladenbesitzer irgendwann nur mehr ein vages Gefühl, aber keine Worte, es auszudrücken.

Auf FACEBOOK kann man auch nur liken, so wie man im Dorf immer nur lächeln kann, auch wenn man jemand etwas sagt, das man nicht leiden kann.

Neid

2014bergIch sitze mit meinem Neffen auf dem Balkon. “Wie soll ich es sagen?” fragt er, “Ich habe dich immer beneidet, dass du so genau weisst, wohin du im Leben willst. Dass du ein Ziel hast, dass du erfolgreich bist.”

Ich weiss nicht, was ich antworten soll. Denn zum einen weiß ich, wie steinig der Weg ist, den ich gehe. Doch viel mehr: Ich wollte niemals beneidet werden.

Vielmehr hätte ich gewünscht, dass man sich für mich freut. Von meiner Familie hätte ich es erwartet. Wenn mein Neffe mich zumindest bewundern und damit meine Leistung würdigen würde.

Neid ist schrecklich. Neid steht für die Frage “Warum du, warum nicht ich?”. *Neid* erkennt nicht an, dass man sich etwas *erarbeitet* hat. Und – das ist vielleicht das schlimmste – derjenige, der Neid äussert, verschließt die Augen vor den Ursachen des Erfolgs. Wenn man einen Bergsteiger darum beneidet, dass er einen hohen Berg gestiegen hat, wird man kaum in der Lage sein, von ihm zu lernen, um selbst irgendwann in der Lage zu sein, den Berg zu erklimmen.

Neid ist hässlich. Für den Neider wie den Beneideten.

Das hässliche Haus I

2014shs

Der Vater hat dem Sohn eine Wohnung gekauft. In Berlin, da hat der Sohn an der Kunsthochschule studiert. Und der Sohn hat sich gefreut. Er hat sich für den Vater gefreut, weil der sein Leben lang gearbeitet hat und nun eine Wohnung besitzen konnte, in der neuen Hauptstadt. Er hat sich über die Geste gefreut, dass der Vater für den Sohn sorgt, denn für wen, wenn nicht für den Sohn hätte die Wohnung später sein sollen? Der Sohn hat sich nicht über die Wohnung gefreut, denn das Haus, in dem die Wohnung war, war hässlich. Obendrein, wie es damals wohl nur in Berlin sein konnte, lag die Wohnung zwar mitten in der Stadt, doch gleichzeitig im Nirgendwo “Wo ziehst Du hin?” haben die Freunde des Sohnes gefragt – und als, nach vielen Jahre ein Café eröffnete hieß es: “Am Ende der Welt”.

Der Sohn hat dem Vater Miete bezahlt und es war die Miete, die man damals zahlen musste, wenn man in Berlin Mitte in einen Neubau zog. Nur wenige Leute taten das und die wenigen kamen aus Bonn und waren nur unter der Woche in der Stadt. Das mit der Miete ging für den Sohn schon in Ordnung, denn die Wohnung war mit besonderen steuerlichen Vergünstigungen gekauft, wie es sie nur damals, wenige Jahre nach der Wiedervereinigung gab. Aufbau Ost hiess das Motto und das Finanzamt konnte es nicht zulassen, dass ein Vater den eigenen Sohn zu besonderen Konditionen in der Wohnung wohnen lässt. Und das Finanzamt war damals auch besonders streng. So sagte der Vater, und der musste es wissen, denn der Vater war Steuerberater. Der Sohn sah, wie seine Freunde die herrlichsten 120 qm Altbauwohnungen bezogen und nur die Hälfte seiner Miete zahlten. “Aber wir haben eine Tiefgarage!” versuchte der Sohn seine Freundin zu überzeugen, die zwar in die Wohnung mit einzog, aber nicht für sehr lange. Nur einmal hatte der Vater seinen Sohn vorher gefragt, welche Wohnung er denn kaufen würde. Als der, ohne viel zu überlegen “eine renovierte Altbauwohnung im Prenzlauer Berg” zurückgab wurde die Idee schnell abgetan, mit Verweis auf feuchte Keller, alte Bausubstanz und Neubauförderung.

Der Vater verhielt sich damals ganz anders als anonyme Immobilienspekulanten, die da Wohnungen kauften, wohin Kunststudenten zeigten. Der Vater hielt nicht viel vom Immobilienverstand von Kunststudenten.

Der Sohn fügte sich und war gerührt, ob der Vorsorge, denn er verstand, dass der Vater das Beste tat, was er konnte.

Hinter dem Ende der Welt ist nichts

Berlin, Feb. 2014

Auf einem Fest in Berlin bin ich auf einen Oberpfälzer gestoßen. Ich bin auch Oberpfälzer, seit 20 Jahren lebe ich in Berlin. Ich mag die Sprache der Oberpfälzer. Sie löst etwas in mir aus. Aber es ist nicht leicht, einen Oberpfälzer zum sprechen zu bekommen. Es ist noch schwieriger, wenn der Oberpfälzer betrunken ist.

“Wo kommst Du her?” frage ich den Oberpfälzer.

“Wo soll ich schon her sein?”

“Ich meine, wo, aus der Oberpfalz?” frage ich.

“Na, da halt.” sagt er.

“Aus welchem Ort?” frage ich.

“Na, wo soll ich schon her sein – aus Weiden” sagt er.

“Mein Gott”, sage ich, “es gibt auf der Welt schon noch mehr Städte, als Weiden, sogar in der Oberpfalz!”

“Du – “ sagt er, “mach mir keine Angst!”

Lächerlich

Mein Musiklehrer auf dem Gymnasium dachte, dass an uns Bauernbengeln ohnehin Hopfen und Malz verloren sei. Und so unternahm er gar nicht erst den Versuch, uns Musik nahezubringen. Musik, das war für ihn klassische Musik und er machte seinen Unterricht in unserer Klasse nur für eine Person. Claudius Christl spielte Klavier und galt als musikalisches Wunderkind. Zumindest in meiner kleinen Welt. Das machte Claudius für mich völlig inakzeptabel, und ich bedauere meine damalige Dummheit noch immer, denn mit den anderen Bauernbengeln verstand ich mich auch nicht.

Woran Bob Marley gestorben sei, hatte ein Mitschüler meinen Musiklehrer gefragt. “Bob Marley? An Drogen”. Bob Marley war an Krebs gestorben und so war von da an alles, was mein Musiklehrer über Musik sagte, falsch. So ging die klassische Musik an mir vorbei. Und auch das bedauere ich.

Mein Musiklehrer war ein lustiger alter Mann. Und es war ihm völlig egal, was wir (und vielleicht auch unsere Eltern) über ihm dachten. Er war um seinen Ruf nicht besorgt. Das hat mir imponiert. Um uns zu unterhalten, hat er bei jeder Gelegenheit Kniebeugen gemacht. Wenn jemand eine Frage richtig beantwortete: 10 Kniebeugen. Bei der zweiten richtigen Antwort 20 Kniebeugen. Dann 30. Und die Kinder lachten. “Ihr lacht”, sagte mein Musiklehrer “und ich mache Kniebeugen. Und das ist gesund.”

“Wenn das Publikum lacht, dann war der Künstler erfolgreich” hat er einmal gesagt. Dieser eine Satz hat meinen Musiklehrer zu einem großartigen Lehrer gemacht.