“Cliche is whatever is in use & whatever is in use is environmental, hence largely invisible.“

Aus Edmund Carpenter „They Became What They Beheld“

Der Satz von Edmund Carpenter klingt wie ein Zaubertrick. Wie kann man es anstellen, dass etwas in aller Öffentlichkeit unsichtbar ist?

Das Cliché ist der Abzug eines Originals und das Original war irgendwann die Wirklichkeit, die Welt da draussen, in ihrer ganzen Vielschichtig­keit und Komplexität. Das Original beinhaltet die Unendlichkeit der möglichen Ent­scheidungen die dem Cliché fehlen. So wie eine fotografischen Aufnahme die man betrachtet immer ein Rückblick ist, ein Blick auf das Bild, das im Augenblick des Moments aufgenommen wurde, wie ein Schnappschuss aus der Vergangenheit.

Wenn ich ein Bild von mir aus der Vergangenheit betrachte – die Möglichkeiten, die ich damals hatte! Ich hätte in jede Richtung gehen können. Und dann bin ich in eine Richtung gegangen. Und jetzt bin ich 49 Jahre alt, lebe als Künstler in Berlin, in Kreuzberg in einer Altbauwohnung, mit einem Job in der Schweiz. Ich hätte in alle möglichen Richtungen gehen können und dazu zählt auch in der Kleinstadt in Bayern zu bleiben, wie meine Geschwister. Dann würde ich heute wohl noch Kleinstadt-Gedanken denken, so ähnlich wie ich sie früher gedacht habe.

Ich möchte Sie bitten, sich diese Person, die ich jetzt bin, vorzustellen, vor Augen zu führen. Ein Künstler, in einer Kleinstadt aufgewachsen, als junger Mann in die große Stadt gegangen und zu einigem aber nicht allzu viel Erfolg gekommen. Stellen sie sich dieses Person vor – das bin ich.

Das war ich ca. 1995 – man kann schon er­kennen, dass aus mir mal ein Künstler werden wird – nicht wahr?
(Wobei – sahen wir nicht alle so aus, damals?)

Das ist ein Cliché. Meine Erinnerung ist ein Cliché. Das Bild, das Sie jetzt im Kopf haben, von einem Künstler, 49 Jahre alt, der von der Kleinstadt in Grossstadt und in die ganze Welt gekommen ist.

Mehr müssen die über mich nicht wissen.

Nur vielleicht noch so viel: Sie haben keine Ahnung wer ich bin. Sie würden mich nicht einmal auf der Straße erkennen und selbst wenn sie es täten, sie hätten immer noch keine Ahnung wer ich bin.

Sie haben keine Ahnung wer ich bin – ich weiß es ja selbst nicht. Wer bin ich, wer werde ich morgen sein, wo bin ich, wo werde ich morgen sein, in zwei Jahren?

Wenn Sie sich diese Fragen nicht stellen, oder sich diese Fragen einfach beantworten können, dann leben sie wahrscheinlich immer noch in einer Kleinstadt oder sind dahin zurück­gekehrt und sei es nur im Geiste.

Ich bin: genauso komplex wie Sie.

Sie sind so komplex, wie Sie in diesem Augenblick sind, so komplex wie ich, so komplex wie jeder Mensch. Egal wo sie leben, ob als Künstler in Berlin oder als Blumenhändler in einer Kleinstadt in Bayern oder als Jäger und Sammler in Papua-Neuguinea.

Betrachten sie noch ein mal das Klischee, das sie von mir im Kopf haben.

Kann ein Cliché jemals die ganze Komplexität einfangen?

Sie denken zu wissen wer ich bin, weil Sie ein Cliché im Kopf haben, ein Bild und hinter diesem Bild kann ich mich verstecken. Kann ich wie unsichtbar werden. Das was Sie, was andere sehen, ist das Klischee, nicht mich.

Damit erklärt sich mir auch ein eine uralte Frage, die ich aus der Kleinstadt mit mir herumtrage: Warum ist es so wichtig, was die Nachbarn denken?

In der Kleinstadt habe ich beobachtet wie die Leute beständig am Cliché (dem Bild, das die Nachbarn von einem haben) arbeiteten. Und zwar buchstäblich gearbeitet, indem man zum Beispiel am Samstag vor dem Haus “die Straße zu­sammengekehrt hat, wegen der Nachbarn”. („Kleine Welt“, 1997, beginnt genau damit, “Planet Galata”, 2010, mit einem ähnlichen Gedanken).

In Berlin macht man das nicht. Hier gibt es einen Straßendienst, den alle gemeinsam bezahlen, durch ihre Steuern. Nun kehren wir auch in Berlin manchmal die Straße vor unserem Haus. Aber das ist nur, weil meine Frau zufälliger Weise einen Laden hat. Wegen der Nachbarn machen wir das jedenfalls nicht.

In der Kleinstadt ist das Cliché offenbar wichtiger, vielleicht weil man sich mehr verstecken muss. In der Grossstadt ist es leichter sich so zu zeigen, wie man ist, weil man anonym ist. Man taucht kurz auf und verschwindet wieder in der Masse. Das geht in der Kleinstadt nicht.

In der Kleinstadt kann man nur so sein wie man ist, wenn man sich hinter hohen Hecken versteckt. Hinter den hohen Hecken des Clichés. Die hohen Hecken sind das Bild, das die anderen von einem haben. Die Arbeit am eigenen Bild ist die Arbeit an der Hecke, hinter der man sich un­sichtbar machen kann. Das gilt natürlich nicht nur aber eben besonders in der Kleinstadt. So gut wie jeder wendet auf die eine oder andere Art den Zaubertrick an – bewusst oder unbewusst.

Doch mit dem Zaubertrick geht ein Fluch einher. Genauer gesagt zwei Flüche.

Der erste Fluch:
Man ist nur so lange unsichtbar, solange man hinter seiner Hecke bleibt. Ich bin heute ganz zufrieden mit meinem Cliché vom Künstler in Berlin. Dahinter kann ich mich prima verstecken. Ich hatte mich in der Vergangenheit aber mal an einem anderen Cliché versucht: junges Startup. Das war eher ungemütlich, denn ich hatte ständig Angst, dass man mir auf die Schliche kommt, dass man hinter die Kulisse schaut, dass die Hecke quasi umfällt.

Doch der eigentliche Fluch ist ein anderer:
Es ist eine grausame Übung, wenn man die ganze Zeit das Gefühl hat sich verstecken zu müssen. Dieses Gefühl macht in hohem Maße unfrei. Unfrei, wenn man sich irgendwann nicht mehr hinter der Hecke hervortraut. Damit ist man an seine Hecke gefesselt. Und das wahrscheinlich ein Leben lang. Das einzige Leben lang, das man hat.

Will man das? Gefesselt sein von dem Bild, das andere von einem haben?

Audience of Collaborative Thinkers

People often ask me what I want to say with what I say. They ask me things like „What is the message of your film?“ and then they ask me „And who is the audience for your films, for your texts, for what you put out into the world?“. I used to say: „I don’t think of an audience.“ I said that for many years, at many instances, on many stages and then I learned that this is not quite true.

I do have an audience and I know my audience very well. The audience is one person, and that person is me. „So if it is only for you, why do you need to put it out into the world?“ might be the next good question and I have two answers.

The first reason is that when I put it out into the world, I put it out of my head and in front of me. Then I can look at it and I can see it in context with all the other things that are out there already. Things that other people have put out there and things that I have put out there earlier.

The second reason is that when I put something out, sometimes other people come and look at it. Naturally other people look at the thing from a different viewpoint than me. Sometimes people look at the thing in a way that I would not have been able to see myself. When they are so kind and patient to point that out to me, I then can see something that I never saw and most likely would have never seen on my own. This can be enlightening or simply helpful to better understand what I thought and what I think of the thing that I can now see with their eyes.

Many people do it like me. They do it on Facebook or Instagram on YouTube. People put things out into the world and have other people look at it and learn from what these people see.

But just few people put things out into the world to learn from the thoughts of other minds.

Most people are still in the habit of making statements. It seems they want to convince other people to think the same as they do, to look at the thing from the same angle.

Most of the time it is not obvious what the motivation of someone that put something out was when that someone put it out. And from my own experience I can tell that for the longest time I did not know myself what my motivation was.

Mostly people still put out things into the world with the intention to deliver a message without even being aware that it is usually not them who came up with the message in the first place. Usually, it is a message someone else put into their head. So, without knowing these people broadcast the messages of somebody else.

This happens a lot. But as new generations grow up with these web-based tools that make it easy for anyone to put out things, more and more minds start putting out things into the world before they have gotten a message stuck into their head by someone else. These people more and more use the tools to look at things and think collaboratively. They use these new tools not as tools to broadcast opinions but as research tools, tool that help them learn about the world, tool that help them to collaboratively build and maintain vast collections of meaningful things. They use these new tools to collaboratively look and evaluate the things they collected. And while they are doing that, they learn to better use the tools and further develop the tools simultaneously.

This enables them to see patterns that humans have never seen before that no one has realized before and they do that by using not only one brain but many brains, the brains of all the people participating in looking at the same things and start to communicate what they see without starting with a message.

These people don’t need to dumb down reality into messages, they don’t need to tell simple stories, they are able to embrace and enjoy the beauty of complexity.

Die Diskussion um Facebook

Es passiert gerade sehr spannendes. Es ist die Debatte um Facebook. Es geht dabei allerdings um etwas ganz anderes als um die Frage, ob Facebook gut oder schlecht ist oder gar um die Frage ob die neuen Kommunikationsmedien an sich gut oder schlecht sind.

Wir können gerade einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der neuen Kommunikationsmedien beobachten. Das ist nur nicht so offensichtlich, da dieser Prozess von Leuten ausgehandelt wird, die so sprechen als ginge es um Gut oder Böse. Das klingt dann bisweilen so, als wären die neuen Kommunikationsmedien an einen Punkt gekommen, an dem es womöglich nicht weitergeht. So als stünde der Untergang von Facebook oder so an. So wie darüber berichtet wird, könnte man den Eindruck gewinnen, das System stehe an einem Kollaps. Dem ist nicht so. Es wird zwar z.B. in den Hearings, die im Senat in den USA stattfinden immer wieder auf das Beispiel tabacco-industry verwiesen, wo also ein Wirtschaftszweig wissentlich das Leid von Millionen von Menschen billigend in Kauf genommen hat um Profit zu erwirtschaften. Auch wenn der Vergleich nahe liegt ist er doch nicht besonders hilfreich, denn anders als beim Zigarettenkonsum stehen den negativen Auswirkungen des Konsums neuer Kommunikationsmedien wesentlich mehr und wesentlich stärkere positive Effekte gegenüber. Was für die neuen Kommunikationsmedium insgesamt gilt, gilt wahrscheinlich sogar für Facebook selbst.

FB ist nicht so schlecht, wie die meisten sicherlich nachvollziehen können, wenn sie bereit sind folgender Überlegung zu folgen:

Den negativen Auswirkungen von FB stehen viele positive gegenüber. Ich denke das kann jeder sehen, der FB benutzt. Der FB nutzt trotz allem, was die meisten an FB zu kritisieren haben. Dem was zu kritisieren ist steht also etwas also etwas anderes gegenüber. Und bei den meisten (bei allen, die FB weiterhin nutzen) ist dieses Ding grösser als alles was zugegebener Massen negativ an FB ist. Und dieses Ding, das da dem Negativen gegenüber steht, das ist das positive, das FB hat.

Es könnte natürlich blöd für FB laufen und FB wird im Zuge der Diskussion zerschlagen. Das wäre dann sicherlich aber auch schon das dramatischste, das passieren kann. Am langfristigen Trend, dass die neuen Kommunikationsmedien immer größere Bedeutung bekommen wird sich gar nichts ändern.

Was wir da beobachten können ist schlicht und ergreifend, wie gerade unter grossem Anteil der Öffentlichkeit Fehler am System der neuen Kommunikationsmedien ausgeleuchtet und damit die Voraussetzung geschaffen wird diese Fehler zu korrigieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Meinung macht blind

Wenn ich sage: „Ich habe zu nichts eine Meinung“, dann lachen die Leute meist und sagen: „Aber du hast doch zu allem eine Meinung.“ Die meisten regelmäßigen Leser meines Blogs scheinen diese Ansicht zu teilen, zumindest schliesse ich das aus den Äusserungen jener, die sich äußern.

Richtiger wäre zu sagen: „Es gelingt mir immer öfter keine Meinung zu haben“. Denn ich kann nur keine Meinung zu etwas haben, wenn ich mich konzentriere. Es ist unmöglich, sich auf alles zu konzentrieren. Es sind also nur ausgewählte Dinge, zu denen ich keine Meinung habe, zum Beispiel die Dinge, über die ich auf diesem Blog schreibe. Ich schreibe nicht (zumindest nicht mehr) über Dinge, die ich meine. Ich bemühe mich statt dessen die Dinge zu beschreiben, die ich sehe. Auch wenn ich selbst anderer Meinung bin, auch wenn sie mir selbst nicht ins Denken passen. Denn ich gebe nichts mehr auf meine Meinung.

Zu allem, was mir wichtig ist und worauf ich mich, seit ich gelernt habe keine Meinung mehr zu haben, konzentriert habe, habe ich keine Meinung.

Zu allem anderen habe ich noch ein Meinung und es ist das meiste.

Eine Meinung zu haben scheint der Default-Modus des Menschen zu sein und zwar in dem Masse in dem der Mensch Sprache entwickelt. Sprache ist Meinung. Das würde auch erklären, warum Meinung sich so gut in Sprache ausdrücken lässt, keine Meinung hingegen so schwer in Worten zu fassen ist und die in Worten ausgedrückte keine Meinung so zuverlässig zu Missverständnissen führt.

Seit ich angefangen habe, Dinge zunehmend ohne Meinung zu betrachten, sehe ich immer mehr. Denn ich sehe nicht nur das, was ich meine, sondern ich sehe auch das, was ich nicht meine. Und ich sehe das, was ich nicht meine so real, wie das was ich meine. Ich kann das, was ich nicht sehen will  also gar nicht mehr verleugnen und ich will es auch nicht. Denn die Welt ist viel größer und wahrer wenn ich nicht nur das wahrnehme, was ich meine, sondern auch das, was ich nicht meine, nicht denke, nicht wahrhaben will.

Und mit jedem mal indem es mir gelingt, das, was ich nicht meine genauso gut zu sehen, wie das, was ich meine, wird Meinung immer mehr irrelevant, uninteressant, unerstrebenswert. Denn Meinung lässt die Welt auf den Ausschnitt der eigenen Meinung kollabieren.

Keine Meinung lässt viel mehr sehen.

Große und kleine Tiere

Es mag am katholische liegen, oder daran, dass man ganz allgemein an Gott glaubt, ans Himmelreich, wo man unbedingt hinkommen will und wo ein Kamel durchs Nadelöhr passen muss. Da wo ich herkomme hat man es sich jedenfalls zur Angewohnheit gemacht, sich klein zu machen. Allerdings nur denjenigen gegenüber, die größer sind. Man gibt sich bescheiden und stellt im Zweifelsfall sein Licht unter den Scheffel. So habe ich es von meinem Vater gelernt.

Im Ausgleich zeigt man, was man ist, gegenüber denen, die kleiner sind – oder allerhöchstens gleich groß. Gegenüber den Nachbarn, zum Beispiel, oder gegenüber den Mitarbeitern. Man mäht den Rasen, zeigt sich am Sonntag im Anzug, stellt sich ein frisch gewaschenes Auto vor die Tür. „Was sollen sonst die Nachbarn denken?“, war immer die Frage. „Was will man, dass die Nachbarn über einen denken?“ wäre die richtige Frage gewesen. Und man wollte: bloss keine Schwäche zeigen!

Doch das ist eine törichte Strategie. Erst viel, viel später und erst lange nachdem ich den Glauben an Gott abgelegt hatte und auch nicht mehr insgeheim ins Himmelreich wollte, habe ich erkannt: man sollte es genau anders herum halten. Sich groß gegenüber denen machen, die groß sind. Gegenüber den Doktoren, den Professoren, all jenen, die klüger sind als man selbst. Man sollte sich groß machen denjenigen gegenüber, von denen man lernen will. Nicht, dass man sich aufblasen sollte, denn wer übertreibt wirkt lächerlich und wird nicht ernst genommen. Man sollte sich zeigen, so wie man ist. Seine Stärken hervorheben und stark genug sein, die Schwächen nicht kaschieren zu wollen, sondern sie statt dessen weithin sichtbar machen.

Das Zeigen der Stärken öffnet die erste Tür: Zu denen, die sich entscheiden müssen, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken wollen. Denn denen gegenüber muss man sich erst sichtbar machen. Man muss sie erst einmal überzeugen, dass es sich lohnt, überhaupt die Aufmerksamkeit auf einen zu richten.

Die Schwächen zu zeigen hingegen öffnet die zweite Tür: Man ermöglicht es denen von denen man lernen will zu erkennen, wo sie am effektivsten helfen können.

Den Kleinen gegenüber sollte man sich hingegen bescheiden geben. So, dass sie nicht eingeschüchtert und ohne Bedenken ehrlich sprechen können.

Wenn das gelingt kann man von allen lernen, von den großen und von den kleinen Tieren.