Meine keine Corona-Impfung

Eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln auf einmal

Blick aufs Detail (die Story)

Am Ostersonntag gegen Mittag stand ich auf der Zufahrt zum Flughafen Tegel. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich der coolste Hund bin, weil ich zu meiner Corona-Impfung mit dem Motorrad vorfahre. Tatsächlich aber gab es ganz viele noch viel coolere Hunde, weil viel älter und mit noch größeren Maschinen. An der Kontrolle an der Einfahrt zum Flughafen kam es zum Stau. Autofahrer, Motorradfahrer und einige, die auf Elektrofahrrädern angerollt kamen. Fussgänger wurden an einem anderen Eingang kontrolliert.

Ich wurde abgewiesen. Damit hatte ich gerechnet. Ich war glücklich gewesen, einen Impftermin bekommen zu haben – glücklicher, als ich es erwartet hatte. Wenige Tage vor meinem Termin wurde dann allerdings deutschlandweit beschlossen, dass unter 60-jährige nicht mehr AstraZeneca, dem Impfstoff, der für meinen Termin vorgesehen war, versorgt werden sollten, weil es in einigen Fällen zu Komplikationen gekommen war.

Blick aufs Ganze (die Daten)

Frauen waren stärker betroffen als Männer – in Deutschland waren es an Männern exakt 2. Zwei Komplikationen bei einer Million Männern, die geimpft worden waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei mir (einem Mann) Komplikationen auftreten würden, stand mithin also bei 1 zu 500.000. Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Blick aufs Detail (die Story)

Ich hatte irgendwo gelesen, dass sich in Stuttgart Leute, die schon einen Termin hatten, impfen lassen konnten, wenn sie es auf „eigene Gefahr“ tun würden. Ich täte es auf jeden Fall auf eigene Gefahr tun, 1:500.000 scheint mir eine kleine Gefahr, gegenüber der Gefahr, schwer an Corona zu erkranken. Doch in Berlin gelten andere Regeln und so konnte ich Männern in Rauschebärten zusehen, wie sie gen Flughafen düsten, der zum Impfzentrum umgewidmet worden war. Ich fuhr wieder nach Hause.

Am nächsten morgen beim Zähneputzen ging mir dann ungefähr folgender Gedanke durch den Kopf: Irgend ein anderer Affe hat gestern meinen Impfstoff gespritzt bekommen. Wenn ich jetzt Corona kriege, dann sind die da oben schuld, die Politiker, die dämliche Entscheidungen jenseits von Mathematik treffen, weil sie sich von Volkes Stimme (oder zumindest 10% des Volkes Stimme) derart haben verunsichern lassen, dass sie nicht mehr auf die Zahlen schauen, sondern auf die Auswirkungen, die es haben könnte, wenn sich die Geschichten von den Impfkomplikationen verbreiten würden (die, egal wie unwahrscheinlich sie wären, ja mit Sicherheit kommen würden). Benzin auf die Feuer der Besserwisser, die kurioser Weise neuerdings Querdenker genannt werden.

Die Impfdosis landete also am Tag zuvor nicht in meinem Arm, sondern in einem anderen. Und ein anderer Affe (der, der zu dem anderen Arm gehört) ist mithin geschützt.

Blick aufs Ganze (die Daten)

Da der Impfstoff ja nicht weggekippt wird, sondern einfach anders verteilt, passiert von oben gesehen genau gar nichts. Statt der einen Gruppe wird nun halt eine andere Gruppe zuerst geimpft und die erste Gruppe kommt dann halt später dran. Im Moment geht es darum, bei begrenzen Kapazitäten, so viele Leute wie möglich zu impfen. Egal, wer das ist. Man muss halt eine Reihenfolge festlegen und weil man es nicht nach der Größe der Geldbeutel oder der Menge der Beziehungen machen will (wie z.B. kürzlich bei den Zugänge zur hippen App Clubhouse oder seinerzeit zu Gmail), macht man es eben in der Reihenfolge wie gefährdet jemand ist, an Corona zu erkranken. So ungefähr zumindest.

Blick aufs Detail (die Story)

Ich persönlich fühle mich jetzt nicht so gefährdet, muss ich sagen, aber ich bin halt auf dieser Liste gelandet.

Blick aufs Ganze (die Daten)

Die Politiker, die diese Entscheidung zu verantworten hatten (also unter 60-jährige nun doch nicht mit diesem Impfstoff impfen zu lassen) mussten also entscheiden. – Ok, es gibt eine gewisse Gefahr (bei Männern eine sehr geringe), dass bei diesem Impfstoff Komplikationen auftreten könnten. Was richtet also mehr Schaden an, wenn die Entscheidungsträger ihre ‚Meinung‘ ändern und dadurch das Volk verunsichern – oder die Politik an der gegebenen Richtung festhält und durch die unweigerlich über das Land kommenden Geschichten (2 Geschichten je 500.000 Geimpfte) das Volk verunsichert wird. So oder so, das Volk wird verunsichert (vielleicht jeweils andere Gruppen, aber egal). In der Sache macht es also keinen Unterschied, denn egal wie die Entscheidung ausfällt, die Zahl der Geimpften steigt.

Und so hat sich die Politik halt so entschieden, wie sie sich entschieden hat.

Blick aufs Detail (die Story)
Für mich ist das jetzt natürlich blöd.

Blick aufs Ganze (die Daten)
Eigentlich ist es Wurst.

Things Waiting

A few days ago a man in Lübeck walked through the pedestrian zone and suddenly laughed out loud.

How absurd!

All those shops. Everywhere things waiting to be needed. Everywhere houses with shop windows in which things are displayed, waiting for someone to come who wants them. And all the people who are busy draping things and placing them in pretty light – and who, along with the things, are waiting for someone to come who needs them.

Behind the shops there are storage rooms where more things are waiting, and behind the storage rooms there are warehouses, warehouses of wholesalers, warehouses of transport companies, warehouses of factories; everywhere people who are busy managing things that are waiting to be needed.

Instead of doing it the other way round. Starting with someone needing something. That a person becomes aware of needing something, a jacket or a computer for example, and then making the jacket or the computer and carrying it around. You wouldn’t need all those stupid houses where stuff is just sitting and waiting around.

And the people who spend their time putting the goods in a nice light, they could focus their attention on life instead of focussing on dead things.

People who pay attention to life would be able to know by themselves what they need. But since the vast majority of people do not know what they need, some item has to be constantly held in front of their faces:
“Want?”

It costs energy to permanently seduce people to buy things. You have to constantly present things in a beautiful light and praise them. Otherwise things will clog up warehouses, storage rooms and business displays. “Everything must go!” is written in big letters on posters, because space must be made for more things waiting for someone to come who needs them.

The man laughed for a moment and continued.

 

Die Dinge warten

Vor einigen Tagen ging ein Mann in Lübeck durch die Fußgängerzone und lachte unvermittelt auf.

Wie absurd!

All die Läden. Überall Dinge, die darauf warten, dass man sie braucht. Überall Häuser mit Schaufenstern in denen Dinge ausgestellt sind, die warten, dass jemand kommt, der sie will. Und all die Menschen, die damit beschäftigt sind, die Dinge zu drapieren und in hübsches Licht zu setzen – und die gemeinsam mit den Dingen darauf warten, dass jemand kommt, der sie braucht.

Hinter den Geschäften Lagerräume in denen noch mehr Dinge warten und hinter den Lagerräumen Lagerhallen, Lagerhallen der Großhändler, Lagerhallen der Spediteure, Lagerhallen der Fabriken; überall Menschen, die damit beschäftigt sind, Dinge zu verwalten, die darauf warten, gebraucht zu werden.

Anstatt es andersherum zu machen. Es damit anfangen zu lassen, dass jemand etwas braucht. Dass ein Mensch sich bewusst wird, etwas zu brauchen, zum Beispiel eine Jacke oder einen Computer und dann erst die Jacke oder der Computer herzustellen und durch die Gegend zu tragen. Man bräuchte all die blödsinnigen Häuser nicht, in denen Zeug unsinnig herumsteht und wartet.

Und die Menschen, die ihre Zeit damit verbringen die Waren in schönes Licht zu rücken, sie könnten ihre Aufmerksamkeit aufs Leben zu richten, statt auf tote Dinge.

Menschen, die ihre Aufmerksamkeit aufs Leben richten, wären aus sich heraus in der Lage zu wissen, was sie brauchen. Doch da die allermeisten Menschen nicht wissen, was sie brauchen, muss ihnen ständig irgend ein Ding vor die Nase gehalten werden:
“Haben wollen?”

Es kostet Energie permanent Leute zu verführen, Dinge zu kaufen. Man muss die Dinge ständig in schönem Licht darstellen und anpreisen. Sonst verstopfen die Dinge Lagerhallen, Lagerräume und Geschäftsauslagen. “Alles muss raus!” steht in großen Buchstaben auf Plakaten, weil Platz geschaffen werden muss für noch mehr Dinge, die darauf warten, dass jemand kommt, der sie braucht.

Der Mann lachte kurz und ging weiter.

Gallery Weekend in Berlin – Würmer im Keller

Wenn man nicht die Werke als solche, sondern die Galerie als ganzes, als Kunstwerk begreift, erlebt man ein vielschichtiges Bild der Gesellschaft unserer Zeit.

Es ist Gallery Weekend in Berlin. Eine hippe Galerie in Mitte. Eine Ecke von Berlin, die immer schon häßlich war, vor 20 Jahren verlassen und ruhig, jetzt Teil des pulsierenden Lebens der Stadt, mit Baustellen, Verkehr und zahllosen Touristen.

Die Galerie ist ein Betonklotz. Besucher schieben sich in eine Eingangshalle an den Betonwänden drei Bilder, die aussehen, als hätte jemand Legoklötze gemalt.

Am Ende der Eingangshalle eine schmale, steile Treppe, selbst halb Kunstwerk und dadurch nur unsicher hinaufzusteigen. Im ersten Stock coole, offene Räume. Laut lachende und gut angezogene Galeristen sitzen hinter riesigen Apple Monitoren und scheinen – Masters of the Universe – glänzende Geschäfte zu machen.

Von der Eingangshalle führt auch eine steile Treppe in den Keller. Drei Videoprojektionen, ansonsten ist es stockfinster und es dauert eine Weile, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Nach und nach wird man gewahr, dass man den Raum mit zahlreichen anderen Menschen teilt. Besuchern einer Kirche gleich, die ehrfürchtig Heiligtümer bestaunen, die Erklärung der Wirren der Welt versprechen. Doch die Exponate sind kryptisch. Ein Film zeigt einen langsamen Gang durch eine Luxusvilla, ein Film zeigt einen Mann der zu einer Gruppe spricht, wie ein Arbeiterführer zu Arbeitern, ein Film zeigt Menschen beim Sex. Die Menschen, die stumm die Filme betrachten haben sich adrett angezogen, so wie man sich herausputzt, am Sonntag, wenn man in die Kirche geht.

Im Hinterhof der Galerie parkt ein riesiger schwarzer BMW, daneben in dunklem Anzug der Fahrer. BWM ist Sponsor des Gallery Weekend, so steht es auf der Limousine, die offenbar Menschen, die wichtiger sind als man selbst, von einer Galerie zur anderen trägt. Wichtige Menschen, mit denen die wichtigen Menschen in Anzügen im ersten Stock Geschäfte machen.

Sie lassen sich dabei beobachten. Der Betrachter der Kunstwerke wird Betrachter der Vorgänge. Die Vorgänge brauchen die Kunstwerke, um existieren zu können, so wie der Baum die Erde braucht. Sich mit den Kunstwerken im Keller zu beschäftigen, ist wie der Regenwurm, der die Erde umgräbt. Den Baum gäbe es wohl auch ohne den Wurm. Doch mit Wurm geht es ihm besser.

SCHNELLE SCHNITTE

dw-screens

Ich stehe in der Nachrichtenredaktion und blicke in den Raum. An den Wänden zahlreiche Monitore, über die Bilder von Nachrichtensendern zappeln. DW-TV, CNN, BBC news, Reuters, AP, France 24, NTV.

Immer wieder ziehen diese Monitore meine Aufmerksamkeit an. Ich denke an nichts und spüre, wie langsam eine sanfte Unzufriedenheit in mir aufkommt. Ein kleines bißchen Unglück legt sich mir auf meine Seele – ganz sanft, ich würde es sicher nicht bemerken, wenn mein Geist gerade mit einem anderen Gedanken beschäftigt wäre. Ich wundere mich, woher diese Unzufriedenheit kommt und höre weiter in mich hinein, beobachte und stelle fest:

Immer wieder sehe ich halb aus dem Augenwinkel ein Bild auf einem Monitor, das, sobald ich mich dem Bild zuwende, wegzappt. Abgelöst vom nächsten Bild, das, noch bevor ich es aufnehmen kann, wieder wegspringt. Die Bilder wie ein Stück Seife, das immer wegflutscht, wenn man danach greifen will. Daher rührt die kleine Frustration, auf die ich mich weiter konzentriere und nun die Enttäuschung und Traurigkeit spüre, die davon ausgeht. Ich gehe dem Gefühl weiter nach und die Traurigkeit wird größer, bis ich es nicht mehr aushalte und mich abwende.

Ich sehe schon lange keine Filme mehr und so wenig wie möglich Fern. Aus einer Reihe von Gründen, heute habe ich einen neuen entdeckt.

Es ist die Konvention der schnellen Schnitte, die irgendwann in den 80er Jahren populär wurde und langsam in allen Bereichen filmischen Erzählens Einzug hielt. Wenn man selbst Film schneidet, sich eine Einstellung immer und immer wieder ansieht, kennt man das Glück, wenn man sich bewegte Bilder erschließen und sich in sie verlieben darf.

Doch die bewegten Bilder unsere Zeit sind nervöse Kollegen, die permanent hin und her huschen und jede Konzentration unmöglich machen. Schöne Bilder von der Welt, die dennoch die Welt nicht öffnen, sondern nur ablenken, zu verstehen.

Früher, als gute Bilder selten waren, durfte man sich die Zeit nehmen, diese aufzunehmen. Die heutige Zeit ist reich an starken Bildern. Und all die staken Bildern schreien nach Aufmerksamkeit.

Es ist ein schrecklicher Lärm.